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Afrika: Kultur braucht Management

Binyam Mengesha Copyright: Binyam Mengesha
Backstage in Addis Abeba: Zum Fortbildungsprogramm für Kulturmanager gehörte auch eine Modenschau (Foto: Binyam Mengesha)

13. November 2010

Extremer Geldmangel und instabile politische Verhältnisse prägen die Arbeit kultureller Einrichtungen in Afrika. Und Kulturmanagement? Fehlanzeige. Das Goethe-Institut will nun mit einem Fortbildungsprogramm in die Bresche springen – auch wenn mancher Teilnehmer hinterher als Exot gilt. Von Claudia Bröll

Rumbi Katedza hat sich viel vorgenommen. „Wir können unseren Kunst- und Kultursektor nicht untergehen lassen“, sagt die junge Filmemacherin aus Harare kämpferisch. „Kunst und Kultur sind so wichtig. Sie zeigen, wie es um ein Land wirklich bestellt ist.“ Um Katedzas Heimatland Simbabwe ist es seit mehr als zehn Jahren alles andere als gut bestellt. Unter dem Regime des Machthabers Robert Mugabe hat die Wirtschaft einen beispiellosen Niedergang erlebt. Selbst nach der Bildung einer Einheitsregierung gehen Schlägertrupps gegen Oppositionsanhänger vor, darunter viele Künstler.

Die Tragödie schlägt sich auch in der Kulturlandschaft nieder: „Von unserer einst florierenden Filmindustrie ist nur noch wenig übrig. Wir müssen ganz von vorne anfangen, aber wir werden es schaffen, da gibt es gar keinen Zweifel.“ Katedza war mit zwölf weiteren Kulturschaffenden aus 13 afrikanischen Ländern nach Johannesburg gereist, um an einem Fortbildungsprogramm des Goethe-Instituts über Kulturmanagement im südlichen Afrika teilzunehmen. Die Teilnehmer stammten aus unterschiedlichen Kunst- und Kulturbereichen: von Theater, bildender Kunst bis hin zu Musik.

In dem Fortbildungsprogramm lernten sie das Handwerkszeug, um den Kultursektor erfolgreich aufzubauen und weiterzuentwickeln. „Wir haben ein überaus großes Interesse an der Frage festgestellt, wie die Prozesse im Kulturbetrieb optimiert werden können. Dieses Thema treibt Kulturschaffende in Afrika genauso um wie in Deutschland – natürlich unter jeweils vollkommen unterschiedlichen Bedingungen“, erklärt Peter Anders, Leiter der Kulturprogramme im Goethe-Institut Johannesburg.

Einblicke in deutsche Kulturinstitutionen

Das Qualifizierungsprogramm des Goethe-Instituts erstreckte sich insgesamt über eineinhalb Jahre. In dieser Zeit reisten die Teilnehmer auch nach Deutschland, um dort mehrere Wochen lang als Hospitanten Einblicke in den Alltag deutscher Kulturinstitutionen wie der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof oder der Muffathalle in München zu gewinnen. Die meisten sahen darin nicht nur die Chance, aus den Erfahrungen im Kulturmanagement im Ausland zu lernen, sondern auch Kontakte für eine weitere Zusammenarbeit zu knüpfen. Peter Anders: „Das schafft eine noch größere Intensität im kulturellen Austauschund eine größere Nachhaltigkeit.“

Was können wir von Kulturschaffenden in Deutschland lernen? Welche Erfahrungen bringen Teilnehmer aus anderen Ländern mit? Welche Institutionen und Investoren im Ausland haben Interesse an einer Zusammenarbeit? „Wir sind auf internationale Netzwerke und Expertise angewiesen, in Zeiten der Krise noch mehr als zuvor“, erklärt Katedza. Die von ihr gegründete Produktionsfirma Mai Jai Films suche permanent Partner und Koproduzenten, um ihren Traum einer neuen Generation des simbabwischen Films zu verwirklichen.

Kulturmanager sind Exoten in Afrika

Dass das Interesse an Fortbildungen wie derjenigen des Goethe- Instituts so groß ist, hängt auch damit zusammen, dass der Beruf des Kulturmanagers in Afrika noch kaum etabliert ist. „Kulturmanager in Afrika haben meist überhaupt keine formale Ausbildung“, sagt Mike van Graan, Generalsekretär des Künstlernetzwerks Arterial Network und Direktor des African Arts Institute in Kapstadt, „gleichzeitig aber müssen sie unter verschärften Bedingungen arbeiten. In Ländern, in denen große Teile der Bevölkerung von weniger als einem Dollar am Tag leben, wird Kunst und Kultur nur geringe Bedeutung gezollt.“

Vielerorts sei auch der politische Druck auf Künstler enorm. Freilich seien viele der Schwierigkeiten ähnlich wie die, mit denen Kulturmanager in Europa zu kämpfen hätten: „Nur sind sie in Afrika eine Million mal größer.“ Dies gelte auch für die Zusammenarbeit kultureller Institutionen über Ländergrenzen hinweg. Weite geografische Entfernungen, hohe Reisekosten und eine mangelhafte Infrastruktur erschwerten die Etablierung intra-afrikanischer Netzwerke von Kulturschaffenden.

Ein Job für Pioniere

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„Renaissance Fashion“: Äthiopische Designer und der deutsche Modedesigner Markus Lupfer entwickelten Kollektionen (Foto: Binyam Mengesha)
Während ihres Treffens in Johannesburg schwärmten die Teilnehmer vor allem von den Erfahrungen während ihrer Praktika in Deutschland. Alemayehu Seife Selassie aus Addis Abeba arbeitete in der Münchner Muffathalle. „Es war so interessant zu sehen, nach welchen Kriterien über Kulturveranstaltungen entschieden wird und wie die Finanzierung sichergestellt wird“, erzählt der Chefredakteur der Zeitung Sub Saharan Informer aus Äthiopien. „Ich habe unter anderem gelernt, wie man einen Projekt-Vorschlag erstellt und potenzielle Geldgeber anspricht.“

Die 32 Jahre alte Mishi Wambiji aus Kenia begeisterte, wie viel Raum der Kunst in Deutschland gegeben wird. Sie machte ein Praktikum in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin: „So viel Fläche für so viel Kunst – und das für Dauerausstellungen. Das ist in meinen Augen etwas ganz Besonderes.“ Bisher fördern Unternehmen in Kenia vor allem soziale Projekte zur Armutsbekämpfung oder Bildungsprogramme, aber selten die Kunst.

Wichtig ist eine langfristige Zusammenarbeit

Wichtig ist dem Goethe-Institut, dass aus der Förderung der afrikanischen Kulturmanager und ihrer Besuche in deutschen Kultureinrichtungen langfristige Kooperationen entstehen. Die ersten Schritte dazu sind getan. Selassie hat in Zusammenarbeit mit der Muffathalle in einem alten Kaffeelagerhaus in Addis Abeba die Modenschau „Renaissance Fashion“ auf die Beine gestellt; eine „Kunst-Boutique“, um den Münchnern die neueste Mode aus Addis Abeba nahezubringen, ist in Planung.

Wambiji will mit anderen Teilnehmern einen „Ostafrikanischen Kulturgipfel“ organisieren. Und Katedza träumt davon, dass der simbabwische Film auf internationalen Filmfestivals endlich wieder eine Rolle spielen wird. „Wenn man einen nachhaltigen kulturellen Austausch erreichen möchte, reicht es nicht, einzelne Projekte anzustoßen“, stellt Britta Schmitz fest, Oberkustodin des Museums Hamburger Bahnhof. „Man muss die Menschen zusammenbringen, nur so kann es funktionieren. Sonst bleiben alle gut gemeinten Projekte Eintagsfliegen.“

Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „Afrika“ (zum PDF).

Weltweite Fortbildungen für Kulturmanager
Das Fortbildungsprogramm Kulturmanagement in Afrika ist eines von mehreren Fortbildungsprogrammen zur Professionalisierung von Kulturmanagern, die das Goethe-Institut im Rahmen der Initiative Kultur und Entwicklung seit 2008 anbietet, unter anderem in Osteuropa und Zentralasien sowie in China mit dem Institut für Kultur- und Medienmanagement (Freie Universität Berlin) und der Stiftung Mercator. Weitere Angebote sind in Vorbereitung. Das Goethe-Institut fördert im Rahmen der Kulturmanagement-Fortbildungen kulturelle Netzwerke sowie Kooperationen innerhalb der Regionen und mit Deutschland. Sie beinhalten Arbeitsaufenthalte ausländischer Kulturmanager bei deutschen Partnerinstitutionen. Im Anschluss realisieren die Teilnehmer in Zusammenarbeit mit den lokalen Goethe-Instituten beziehungsweise den deutschen Partnereinrichtungen eigene Projekte.
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