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Tagung in Tempelhof: Ab in die Nähe!

Verena HütterCopyright: Verena Hütter
Europäische Runde in Tempelhof: „Bedürfnis nach Mauern ausreichend befriedigt“ (Foto: Verena Hütter)

29. Oktober 2010

Treffen sich zwei Deutsche, eine Französin, ein Pole und ein Niederländer. Das Ergebnis: gute Nachbarschaft. Oder etwa nicht? Bei der Auftaktveranstaltung des Forums Illusion der Nähe schien es fast so. Es ging aber auch um skeptische Bürger, den Euro und einen Trabi in Amsterdam.

„Zentralflughafen“ steht in großen blau leuchtenden Lettern über dem Eingang. Ein Ort, von dem aus man in die Ferne aufbricht, möchte man denken. Doch diese Zeiten gehören in Berlin-Tempelhof der Vergangenheit an. Hier geht es nicht in die Ferne, hier geht es um Nähe. Zumindest dieser Tage, wenn in dem ehemaligen Flughafengebäude die Konferenz Illusion der Nähe stattfindet.

Dem Thema Nachbarschaft nähert man sich hier bei dem vom Goethe-Institut veranstalteten Forum von allen Seiten. Um die Nachbarschaft in Europa geht es dabei im Besonderen. Und so ist es auch ein Gespräch unter Nachbarn, als sich zum Auftakt der dreitägigen Konferenz die Botschafter aus Polen und den Niederlanden, Marek Prawda und Marnix Krop, und die Gesandte der französischen Botschaft, Caroline Ferrari, mit Staatsministerin Cornelia Pieper und Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann in der Schalterhalle zu einem zwanglosen „Talk“ zusammenfinden.

Wie nah sind sich die europäischen Nachbarn heute? Ist Nähe eine Illusion? Was bedeutet Nähe im Verhältnis zwischen Nationen? Die Fragen können freilich nur angerissen werden. Im Mittelpunkt der Diskussion steht der Wandel seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Wiedervereinigung Deutschlands. So erinnert sich etwa Krop an den ersten Trabi, den er zwei Tage nach dem Fall der Mauer gesehen habe, als er gerade in Amsterdam auf dem Weg zum Bäcker war. „Die Niederländer haben begeistert auf den Fall der Mauer reagiert.“ Doch natürlich gab es auch andere Reaktionen. Die Runde erinnert etwa an Margaret Thatchers Skepsis oder den damaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, der gesagt haben soll, er möge Deutschland so gern, dass er am liebsten zwei davon haben möchte.

Aber wie ist die Situation heute? Sind die kulturellen und mentalen Gräben in Europa zwanzig Jahre nach der Öffnung der Grenzen endlich auch überwunden? „Sicherlich brauchen wir noch einen Mauerfall in den Köpfen“, gibt Prawda zu. Doch teilt er den Optimismus seiner Diskussionspartner: Es gebe genug Beispiele, dass sich etwas ändere. „Unser Bedürfnis nach Mauern und Grenzen ist im Kommunismus ausreichend befriedigt worden.“

Und sein niederländischer Kollege assistiert: „Die Osterweiterung der Europäischen Union war alternativlos.“ Doch müsse die Politik sich vorsehen, dass sie die Zivilgesellschaft auf dem Weg nach Europa nicht hinter sich lasse. „Es ist ein Wunder, was Europa geschafft hat – aber das kommt noch zu wenig an.“ So sei die große Begeisterung, die Anfang der Neunzigerjahre geherrscht habe, um die Jahrhundertwende herum einer zunehmenden Skepsis gewichen. Die Leute hätten sich gefragt: „Und wo bleiben wir?“ Das habe sich dann etwa bei den negativen Ergebnissen der Volksentscheide zur europäischen Verfassung in Frankreich und den Niederlanden entladen. Auch Lehmann betont die Bedeutung der Zivilgesellschaft: „Wir müssen uns als Bürger selbst an die Nase fassen.“

FDP-Politikerin Pieper betont ebenfalls die Erfolgsgeschichte der europäischen Nachbarschaft: „Noch nie hat es so lange Frieden gegeben auf europäischem Boden.“ Und nur dank des Euros habe man die Finanzkrise einigermaßen überstehen können. „Mit der D-Mark wäre das ein Desaster geworden.“ Für eine fruchtbare Nachbarschaft sei es allerdings nötig, dass man auch mit den kleineren Nachbarn auf Augenhöhe rede.

Und doch, darin sind sich die Diskutanten einig: Gute Nachbarschaft muss man sich erarbeiten. „Die größte Gefahr“, warnt Krop, „ist, dass wir es als selbstverständlich erachten, dass es so gut geht.“

Ob es wirklich immer so gut geht, wo es noch hakt und wo uns noch immer riesige Mauern voneinander trennen, darum geht es im Laufe der Tagung – mit Veranstaltungen, die sich mit der Nachbarschaftskultur der Erinnerung ebenso befassen wie mit der Macht der Sprachen und der schwierigen Nachbarschaft zwischen Muslimen und der christlich-abendländisch geprägten Mehrheitsgesellschaft.

Den gesamten Verlauf des Forums können Sie unter blog.goethe.de/nachbar nachlesen. Fünf Blogger haben alle Veranstaltungen der Tagung für Sie beobachtet.

-db-
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