Goethe aktuell

Juli Zeh im Interview: „Ein riesiges Fragezeichen über dem Kopf“

David FinckCopyright: David Finck
Chaos in den Straßen von Hanoi: „Ein total veröffentlichtes Leben“ (Foto: David Finck)

8. November 2010

Man nehme eine Schriftstellerin und schicke sie in ein fremdes Land. Heraus kommen stets Beobachtungen der besonderen Art. Erst recht, wenn es sich dabei um eine so scharfzüngige Autorin wie Juli Zeh handelt: Vier Wochen war sie in Vietnam. Ein Gespräch über Emanzipation, Irrtümer und die Jagd nach der Pointe.

Sie waren gerade vier Wochen auf Einladung des Goethe-Instituts in Vietnam. Wenn Sie nur drei Adjektive hätten, um das Land zu beschreiben, welche wären es?

Oje, jetzt wird das so ein Psychotest. Da hätten Sie mir aber vorher Bescheid sagen müssen, dann hätte ich mir was zurechtgelegt. Aber gut. Ich entscheide mich für chaotisch, friedlich und widersprüchlich.

„Friedlich“ klingt ja schon mal sehr sympathisch.

Für mich sind auch Chaos und Widersprüchlichkeit durchaus positiv besetzte Begriffe.

Wie haben Sie sich denn dem Land genähert? Kannten Sie Vietnam bereits?

Nein, gar nicht. Ich habe mich auch bewusst in keine Bücher eingearbeitet. Ich möchte möglichst dumm in ein Land kommen und alle Missverständnisse und Irrtümer zulassen.

Was war denn der größte Irrtum?

Das kann ich gar nicht sagen, es gab verschiedene. Aber einer war zum Beispiel, dass ich gedacht habe, Vietnam sei in Sachen Frauenemanzipation sehr rückschrittlich. Dabei sind die Vietnamesen den Deutschen da weit voraus. Es gibt viel mehr Frauen in Führungspositionen oder auch in politischen Ämtern. Auf der anderen Seite geht diese Gleichberechtigung so weit, dass man ständig Frauen bei sehr schweren körperlichen Arbeiten sieht. So ist die ganze Müllabfuhr weiblich, und auch auf Baustellen gibt es viele Arbeiterinnen. Da steht man dann erstmal davor und denkt sich: Wow, das ist krass.

In Ihrem Blog werfen Sie einen mitunter recht skeptisch-spöttischen Blick auf das Land. Auch wenn da immer so eine Portion Selbstironie mitschwingt, hat man doch den Eindruck, Sie waren nicht restlos begeistert.

Das stimmt. Ich bin aber nie von etwas restlos begeistert. Und dann gibt es natürlich auch das eine oder andere Kritische festzustellen: Das Land ist sowas von korrupt, das ist beispiellos. Hier funktioniert gar nichts ohne Schmiergeld. Das politische System ist komplett verrottet. Oder nehmen Sie den Umgang mit der Natur: Die Natur an sich oder auch Tiere besitzen keinen Wert. Selbst der Mensch als einzelner scheint einen geringeren Stellenwert zu besitzen als bei uns.

Copyright: David Finck
Autorin Zeh: „Man sucht das Spezielle“ (Foto: David Finck)
Einmal immerhin beschreiben Sie ein paar wunderschöne Dörfer, durch die Sie auf dem Weg von Hanoi nach Saigon kommen. Da schreiben Sie: „Hier könnte ich leben.“ Wirklich?

Nein, ganz ernst gemeint war das nicht. Aber ich mach’ das oft auf Reisen: Ich stelle mich mir in einer Umgebung dauerhaft vor und gleiche ab. Würde das funktionieren, rein theoretisch? Und in Vietnam käme ich wohl viel eher mit dem Leben auf dem Land als mit dem in der Stadt zurecht. Schon allein deshalb, weil es in den Städten nicht den Hauch von Privatsphäre gibt. Das ist ein total veröffentlichtes Leben.

Ihre Reise hat fast auf den Tag genau 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung begonnen und Sie in ein Land geführt, das auch eine Teilungsgeschichte hinter sich hat. Merkt man davon noch heute etwas?

Es gibt hier etwas, das mich an Deutschland erinnert – aber nicht so, wie man vielleicht denken würde. Das Nord-Süd-Gefälle spielt in Vietnam eine wichtige Rolle. Und hier verlief die Trennung ja tatsächlich zwischen Norden und Süden. Deshalb hat man das Gefühl, man würde die damalige Trennung darin noch abgebildet finden. Mein Verdacht ist jedoch, dass diese Unterschiede viel älter sind. Das Land ist einfach in der Mitte geteilt durch eine Gebirgskette, und das sind schon andere Volksstämme, die sich oberhalb und unterhalb angesiedelt haben.

Die Situation ist also nicht vergleichbar mit der deutschen?

Doch, ich finde schon. In Deutschland war die Grenze zwar zwischen Ost und West, aber trotzdem habe ich auch in Bezug auf Deutschland das Gefühl, dass das Mentalitätsgefälle und die kulturellen Unterschiede zwischen Norden und Süden größer sind. Wir reden ja immer von dem Ost-West-Konflikt und behaupten gern, es gebe da eine Mauer in den Köpfen, aber mir scheint das oberflächlich im Vergleich zu den Mentalitätsunterschieden zwischen Menschen in Hamburg und München.

Gibt es so etwas wie Vergangenheitsbewältigung in Vietnam?

Sowas findet hier überhaupt nicht statt. Es gibt keine Aufarbeitung der Geschichte. Über vieles wird auch gar nicht geredet. Das ist ein Tabu. Auf der anderen Seite gibt es aber auch diesen tiefen Groll nicht, wie ihn die Europäer immer hegen. Wir Europäer schaffen es ja, über Jahrhunderte hinweg einander spinnefeind zu sein wegen irgendeines historischen Ereignisses. Das ist dann wie eine nationale Vendetta. Hier findet man im ganzen Land niemanden, der ein Problem mit den USA hat. Im Gegenteil, die Vietnamesen finden Amerika großartig. So wirkt es zumindest.

Sie haben Ihre Reiseerfahrungen in langen Blogeinträgen dokumentiert. Erlebt man ein Land anders, bewusster, wenn man das Erlebte gleich niederschreiben soll?

Auf jeden Fall, und das hat Vor- und Nachteile. Wenn man weiß, dass man schreiben soll, guckt man sehr genau hin und sucht immer auch das Spezielle. Das ist einerseits schön, andererseits wird der Blick dadurch auch ein bisschen unnatürlich. Man ist auf der ständigen Jagd nach der Pointe.

Sie sind eine Schriftstellerin, die sich auf kein bestimmtes Genre festlegt, sondern die Genres ergeben sich aus dem jeweiligen Inhalt. Was für ein Buch würden Sie über Vietnam schreiben?

Wenn ich ein Autor wäre, der für ein großes Publikum unterhaltende Literatur schreiben möchte, dann würde ich einen Wirtschaftskrimi schreiben. Es ist einfach zu verrückt, wie Kapitalismus und Kommunismus hier aufeinandertreffen. Und das Bindeglied zwischen den beiden ist einzig und allein die Korruption. Das gäbe viel spannendes Material her. Ich plane aber kein Buch über Vietnam. Was ich mir vorstellen kann, ist, dass Vietnam mal als Schauplatz irgendwo in einem Roman auftaucht. Ich bediene mich in Geschichten gern der Orte, die ich schon kenne.

Sie haben in einem Ihrer Bücher die Welt aus den Augen eines Hundes beschrieben. Wie würde ein vietnamesischer Hund sein Land beschreiben?

So ungefähr wie ein Schwein Deutschland beschreiben würde.

In dem Blog schildern Sie eine grausamen Szene: Ein Hund, der eben noch als Haustier in einer Familie gehätschelt wurde, wird zur Schlachtung abgeholt. War das eine reale Begebenheit?

Ja, natürlich. Das war aber nichts Besonderes; in dem Fall war ich nur zufällig dabei. Mit Tieren wird hier umgegangen wie mit Gegenständen und zum Teil noch schlimmer. Es gibt Hundeschlachtereien, die prügeln die Hunde eine halbe Stunde, bevor sie sie umbringen, weil sie das Adrenalin freisetzen wollen. Ich musste da schon lernen, ruhig zu bleiben, wegzuschauen, weiterzugehen und mir zu sagen: Das ist so, das ist eine andere Kultur, das geht dich nichts an. Aber es ist schwer zu ertragen.

Was wird für Sie persönlich von der Reise bleiben?

Dieses Gefühl, dass es Dinge gibt, die man nie verstehen wird. Wie Menschen manche Dinge für sich selbst in Einklang miteinander bringen können. Ich werde nie kapieren, wie mir jemand erzählen kann, dass der Kommunismus das Allerletzte ist, und im selben Atemzug den Vietcong als eine großartige Kämpferarmee loben kann. Ich werde nie kapieren, wie man sich die ganze Zeit schmieren lassen und in die eigene Tasche wirtschaften kann, aber dann einen Manager, den man gerade noch selbst geschmiert hat, wegen Bestechlichkeit zum Tode verurteilen kann. Ich denke mir dann immer: Einer von uns beiden spinnt doch jetzt. Dieses Gefühl hat sich mir in Vietnam sehr eingeprägt – dieses riesige Fragezeichen, das man ständig über dem Kopf trägt. Man kann nachfragen und nachfragen, aber es löst sich nicht auf. Und irgendwann zuckt man die Achseln und sagt: Okay, es gibt sie eben doch, die Unterschiede zwischen den Kulturen. Ich glaube, darüber werde ich noch viel nachdenken.

-db-

Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren. Sie studierte Rechtswissenschaften in Passau und Leipzig und absolvierte parallel einen Studiengang am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Aufenthalte in den USA, in Polen, Ungarn, Österreich und in Bosnien-Herzegowina folgten. Ihre unterschiedlichen Auslandserfahrungen und ihr völkerrechtlicher Studienschwerpunkt finden sich in vielen ihrer Romane wieder.
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten