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„Open Academy“: Begegnungen im Kulturlabor Hanoi

Aya Bach / Deutsche WelleCopyright: Aya Bach/Deutsche Welle
Professioneller Blick: Studenten der Kunsthochschule Hanoi beim Video-Workshop (Foto: Aya Bach/Deutsche Welle)

31. Dezember 2010

E-Gitarre trifft auf vietnamesisches Saiteninstrument. Das Deutschlandjahr in Vietnam bot Raum für Experimente. Bei der Open Academy arbeiteten Deutsche und Vietnamesen zusammen. Kann schwierig sein – aber auch schön. Von Aya Bach

„Ich fühle mich ganz schön allein in Vietnam“, seufzt die junge Komponistin Kim Ngoc. Kein Wunder – sie ist die einzige Avantgarde-Komponistin ihres Landes. „Wenn ich eine Aufführung habe, gibt es niemanden, der kritisch draufschaut“, erzählt sie in der Probenpause im Künstlerhaus Nha San Duc. Heute ist Gelegenheit zum Austausch da; der Berliner Experimental-Schlagzeuger Michael Vorfeld und zwei vietnamesische Kollegen sind mit Elektronik und E-Gitarre zum Workshop der Open Academy gekommen.

Das Nha San Duc ist der richtige Ort dafür. Seit zehn Jahren ist es der Treffpunkt der freien Kunstszene Hanois, erstaunlicherweise geduldet von den offiziellen Kulturbehörden, die sonst mit Argusaugen über das Treiben der Kulturmenschen wachen. Abseits der großen Straßen, versteckt zwischen geduckten Häusern und umgeben von Hundegebell, findet das vietnamesisch-deutsche Quartett schnell einen gemeinsamen Sound. Es wummert und dröhnt und rockt, manchmal bis zur Schmerzgrenze. Auch Kim Ngoc, ein Wesen von elfenhafter Statur, rückt ihrem traditionellen vietnamesischen Saiteninstrument unerbittlich zu Leibe.

Das Ergebnis der Probe wird später beim Konzert im Goethe-Institut Hanoi zu hören sein. Denn das Kulturinstitut ist Veranstalter der Workshop-Reihe mit dem programmatischen Titel Open Academy. Sie bringt Künstler verschiedener Disziplinen aus Deutschland und Vietnam zusammen. Von Hanoi im Norden über Hue in der Mitte bis Ho Chi Minh City im Süden und gleich über mehrere Wochen erstreckt sich die Academy. Damit zählt sie zu den großen Veranstaltungen des Deutschlandjahres in Vietnam, das aus Anlass der Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor 35 Jahren ein umfangreiches Programm aufbietet – von Fachkonferenzen zum Umweltschutz bis zu Tanz-, Musik- und Filmprogrammen.

Von der Staatskunst zur freien Szene

Solche Unterstützung ist bei den Künstlern der freien Szene hochwillkommen. Denn der Bereich, in dem etwa Kim Ngoc arbeitet, ist in Vietnam die Sache einer winzigen Minderheit: „Im Gegensatz zu Deutschland gibt es fast niemanden hier, der experimentelle Musik macht“, sagt sie. Eine Ursache sieht sie in der konservativen Ausbildung an den Hochschulen. „Aber es ist auch eine Chance, etwas Neues zu initiieren und Grenzen aufzubrechen. Mir gibt das eine besondere Energie zu arbeiten und zu leben.“

Die wird sie auch brauchen, denn die kulturpolitische Landschaft lässt sich nicht so schnell umpflügen. Kunst war in Vietnam jahrzehntelang ausschließlich Staatskunst. Die freie Szene, etwa in der bildenden Kunst, entwickelt sich erst seit den Neunzigerjahren. Und nach der langen Abschottung des Landes sind Impulse von außen mittlerweile erwünscht – aber bitte mit Vorsicht.

Zu den erstaunlichen Zeichen der Öffnung zählt, dass die Open Academy mit einigen Workshops an der altehrwürdigen Kunsthochschule Hanoi zu Gast ist. Zu verdanken ist das nicht zuletzt der Kuratorin Veronika Radulovic. Die Berliner Künstlerin hat zwölf Jahre lang in Hanoi gelebt und als Gastdozentin des DAAD an der Kunsthochschule gelehrt.

Kontrastprogramm zu Lack und Öl

Performance, Video, Installationen – das alles liegt abseits der üblichen Ausbildung, die in konfuzianischer Tradition noch immer das Kopieren der verehrten Meister ins Zentrum stellt. Wie seit eh und je sind Lack- und Ölmalerei die Königsdisziplinen. Und jetzt rückt auf einmal Workshop-Leiter Andreas Schmid mit Leuchtstoffröhren und buntem Klebeband an. Die jungen Künstler sind skeptisch, machen sich dann aber mit Begeisterung ans Werk.

So etwas ist neu in Vietnam, wo jede Ausstellung durch die Zensur muss – und eine öffentliche Kultur-Debatte nicht stattfindet. Auch die Ausbildung an der Kunsthochschule läuft in traditionellen Bahnen. In der Lackmalerei-Klasse etwa entstehen Arbeiten, von denen manche aussehen, als wäre die Zeit bald nach der Hochschulgründung 1925, während der französischen Kolonialzeit, stehengeblieben. Doch die Studenten haben große Zukunftsvisionen: „Ich würde am liebsten eine berühmte Malerin in Vietnam werden, meine Bilder würden im Ausland gezeigt“, sagt eine von ihnen, „und jeder auf der ganzen Welt würde Kunst aus Vietnam kennen. Wir alle haben den gleichen Traum.“

Viele Bilder, die hier entstehen, dürften auf dem internationalen Kunstmarkt chancenlos sein. Nur - wie sollen die Künstler das einschätzen? Ihr Land hat Außenkontakte lange verhindert; da ist es kaum möglich, den eigenen Standort zu definieren. Das zu erleichtern, ist auch ein Anliegen der Open Academy.

Klischees korrigiert

An Neugier auf den Rest der Welt mangelt es nicht. Selbst ein Workshop, der mit Musik von Richard Wagner ein eigenwilliges Crossover aus Oper, Skulptur, Performance und Video anbietet, findet Resonanz. Tagelang haben junge Vietnamesen bei Isoldes Liebestod mitgelitten, kulturelle Gräben übersprungen, sich mit aktuellen Entwicklungen in Sachen Performance vertraut gemacht.

Mindestens so groß ist der Hunger nach internationaler Anerkennung. Den kann die Academy immerhin häppchenweise stillen. So wie im Workshop von Maria Vedder. Das Medium Video ist fast neu für die Studenten. Aber mit künstlerisch geschultem Blick setzen sie Straßenszenen ins Bild: Eine Frau versucht ihr Fahrrad zu besteigen und scheitert immer wieder, weil irgendwas hakt und klemmt – ein grandioser Slapstick.

Die Ergebnisse sind frappierend, und Vedder korrigiert gleich ein Klischee, mit dem sie angereist war, weil die vietnamesische Ausbildung so viel Wert auf das Kopieren legt: „Ich dachte, wenn jemand gut kopiert, kann er selbst keine guten Bilder machen. Dieses Vorurteil musste ich zur Seite schieben.“ Schließlich finden sogar die Musiker, die unter Hundeprotest geprobt haben, ein überraschend großes Publikum. Die Sitzplätze im Innenhof des Goethe-Instituts reichen nicht aus. Eines Tages, so scheint es, könnte die Einsamkeit der Avantgarde-Musiker in Hanoi ein Ende haben.

Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Welle
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