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Parzival à la Dorst: „Die Menschen sind grausam“

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Probenszene: „Das Stück ist ein bisschen wie eine Flaschenpost“ (Foto: Goethe-Institut)

19. Januar 2011

Eine ungewöhnliche Uraufführung: Ausgerechnet in Hanoi war das Stück Der durch das Tal geht von Tankred Dorst und Ursula Ehler zum ersten Mal zu sehen. Im Interview spricht das Autorenpaar über menschliche Moral, Vietnam und Wagner.

Vor 35 Jahren haben Deutschland und Vietnam diplomatische Beziehungen miteinander aufgenommen. Jetzt fand in Vietnam das Deutschlandjahr mit über hundert vom Goethe-Institut organisierten Veranstaltungen sein Ende. Natürlich nicht sang- und klanglos, sondern mit einem kulturellen Paukenschlag: der Uraufführung des Stücks Der durch das Tal geht im Opernhaus Hanoi. In dem Libretto setzt sich der bedeutende Dramatiker Tankred Dorst mit dem Parzival-Stoff auseinander – zu Musik von Pierre Oser und in einer Inszenierung von Beverly Blankenship, die schon in Dortmund mit ihrem Don Giovanni für Furore sorgte. Ein Austausch deutscher und vietnamesischer Kultur auf vielen Ebenen: Ein internationales Produktionsteam trifft auf über 100 vietnamesische Künstler; das Stück wird auf Deutsch gesungen sowie Vietnamesisch gesprochen und verbindet Tanz, Gesang und Schauspiel. Nadine Albach traf Tankred Dorst und seine Co-Autorin und Ehefrau Ursula Ehler zum Interview in Hanoi.

Der Parzival-Stoff beschäftigt Sie schon seit langem. Was fasziniert Sie daran?

Dorst: Das ist eine längere Geschichte. Ich habe ja Merlin oder Das wüste Land geschrieben, da kam Parzival schon vor. Damals entstand der Wunsch, die Figur noch einmal neu und eigenständig zu sehen. In einer Gemeinschaftsarbeit ist das Parzival-Projekt mit Robert Wilson am Thalia-Theater in Hamburg herausgekommen.

Ehler: Das war von vornherein ein sehr offen gehaltenes Projekt.

... und die Grundlage für das Stück „Der durch das Tal geht“, das nun seine Uraufführung feiert?

Dorst: Ja. Aber da Sie nach der Faszination fragten: Beim Schreiben war mein Blickpunkt, dass es um die Menschwerdung von jemandem geht, der aus dem Wald kommt. Alles, was geschieht, geschieht für ihn zum ersten Mal. Er muss erst lernen, auf einem Stuhl zu sitzen und nicht auf einem Tisch, nicht zu schreien sondern leise zu sprechen – und auch, welche sozialen Regeln gelten. Das fand ich theatralisch sehr wichtig: Parzival weiß nichts über Leben und Tod, er ist ein grausamer Einzelgänger.



Ehler: Von unschuldiger Grausamkeit, wie ein Kind, das seinen Teddy ausweidet.

Steckt für Sie die Menschwerdung auch im Erwachsenwerden?

Dorst: Nun, auch unter den Erwachsenen gibt es eine Gruppe von Menschen, die kindlich bleiben, eine kindische Ecke haben. Für Künstler ist das das Beet, aus dem sie Blumen pflücken.

Vom Parzival-Mythos ist vor allem die Gralsgeschichte bekannt, sie aber erzählen von seiner Jugend ...

Dorst: Man will als Autor ja auch nicht das machen, was alle schon gemacht haben. Außerdem ist der Gral ein großes Thema, das bei dieser Art von Stück zu groß geworden wäre.

Ehler: Und es ist so stark von Wagner besetzt.

Dorst: Mir ging es weniger um religiöse Themen als um den Gang in die Welt zur Erkenntnis.

Welche Rolle hat für Sie gespielt, dass das Stück in Vietnam uraufgeführt wird?

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Autorenpaar Ehler und Dorst: „Kein Mensch ist nur eine einheitliche Person“ (Foto: Privat)
Dorst: Beim Schreiben keine. Ich habe über 40 Stücke geschrieben und bin immer davon ausgegangen, dass ich das Publikum nicht kenne. Ich möchte meine Sache für mein Empfinden gut machen. Für ein spezielles Publikum zu schreiben – das habe ich noch nie gemacht. Wenn ein Autor gut sein will, muss er seine eigene Welt herstellen. Natürlich bin ich dabei auch ein Kind meines Zeitalters, ist die Gegenwart Teil meiner Geschichte. Parzival ist für mich eine heutige Geschichte über einen Menschen im Jetzt, der sich die alte Menschheitsfrage stellt: Wer bin ich?

Ehler: Das Stück ist ein bisschen wie eine Flaschenpost – man weiß nicht, wer sie öffnet.

Parzival ist zugleich Jäger und Gejagter: Ist das für Sie auch ein Sinnbild des modernen Menschen?

Ehler: Ja, die Frage, ob Parzival Opfer oder Täter ist, berührt den Kern des Stücks.

Dorst: Das Opfer ist auch Täter – und umgekehrt.

Ehler: Parzival ist ein wahnsinnig aktiver Mensch, er will den Weg für sich freimachen und schlägt regelrecht um sich.

Und wie empfinden Sie die Übertragung nach Vietnam?

Dorst: Natürlich ist die Aufführung, wie sie jetzt ist, auch stark vom vietnamesischen Kunstverständnis beeinflusst – aber das empfinde ich nicht als Problem: Die Geschichte ist ja nicht im engeren Sinne in einem realistischen Milieu angesiedelt.

Ehler: Wir sind gespannt und wären beglückt, wenn es auch in einem anderen Kulturkreis funktioniert.

Dorst: Natürlich muss für die Figur hier Interesse geweckt werden. Aber die Herstellungsart mit Schauspieler, Tänzern und Sängern finde ich sehr gut. Es gibt viele schöne Einfälle.

Ist es nicht schwierig, ein Stück aus der Hand zu geben?

Dorst: Es ist schon immer anders, als man es sich vorgestellt hat – schließlich können Autor und Regisseur gar nicht die gleiche Vision von der Umsetzung haben. Aber solange das Stück nicht zerstört wird, finde ich das legitim. Ich habe allerdings auch ein paar Mal selbst Regie geführt, wenn ich eine sehr feste Vorstellung hatte – damit mein Stück wenigstens einmal nach meiner Vorstellung zu sehen war.

Beverly Blankenship hat die Figuren gesplittet: Parzival beispielsweise ist sowohl als Tänzer als auch als Schauspieler zu sehen.

Dorst: Ich finde, man kann das machen. Kein Mensch ist nur eine einheitliche Person, sondern hat Anteile von Mutter, Vater, der Familie in sich. Jeder Mensch ist irgendwie zusammengesetzt aus verschiedenen Eigenschaften und Charaktertypen.

Ehler: Außerdem passt es ja gut zu der asiatischen Theatertradition, wo sehr viel mehr mit Bewegung ausgedrückt wird. Mit Tanz und Musik kann man viel mehr darstellen.

Auch wenn Sie die Gralsgeschichte außen vorgelassen haben – hat Wagner eine Rolle gespielt?

Dorst: Na ja, eigentlich ist meine Lieblingsfigur immer Siegfried gewesen, weil er nicht so ein einfacher Held ist, sondern ein komplizierter Charakter. Das finde ich auch in Parzival wieder: Er ist ein blinder Täter, der loszieht und allmählich von Leben und Tod lernt.

Ist Ihre Überzeugung also, dass der Mensch von Grund aus schlecht ist?

Dorst: Ich denke, die Menschen sind grausam.

Ehlert: Sie sind nicht von Natur aus gut.

Dorst: Ohne sittliche Gesetze brächten sich alle um – und das muss man nach Möglichkeit bekämpfen. Aber man darf es nicht leugnen. Das ist für mich die Kunst des Theaters, nichts zu verschweigen. Man muss wissen, wie das Leben ist, sonst schreibt man besser gar nicht. Als ich angefangen habe, Stücke zu schreiben, war die generelle Forderung, dass Theater ideologisch sein soll, am besten links.

Und dagegen verwehren Sie sich?

Dorst: Ja, Ideologie hat so viele Tote gekostet. Das ist natürlich gerade in Vietnam spannend, das ja immer noch kommunistisch regiert wird.

Ehler: Wir sind auch sehr gespannt, wie die Menschen hier zum Beispiel darauf reagieren, welche Aggression in Parzival steckt – und dass die Vaterfigur negativ ist.

Allein die Tatsache, dass Parzival seine Familie verlässt, hat in einem Land, in der die Familie alles ist, Sprengkraft ...

Ehler: Ja, wir würden schon gern wissen, was die Menschen hier darüber denken – es ist aber fraglich, ob wir das herausbekommen.

Dorst: Zumal man ja auf den allerersten Blick auch nicht das Gefühl hat, in einem kommunistischen Land zu sein. Es wirkt eher wie aufstrebender Kapitalismus: Jeder verkauft hier irgendwas auf den Straßen. Ein regelrechter Budenzauber.

Die Journalistin Nadine Albach von der Westfälischen Rundschau in Dortmund berichtet im Rahmen des Projekts Nahaufnahme aus Vietnam. Dabei tauschen zehn Journalisten aus Deutschland und dem Ausland zwischen September 2010 und April 2011 ihre Arbeitsplätze. Sie lernen den professionellen Alltag in der Lokalredaktion ihrer Gastzeitung kennen und berichten aus Berlin, Jakarta, Frankfurt, Wellington, Leipzig, Bangkok, Stuttgart, Mumbai, Dortmund und Hanoi über Kultur, Alltag und Politik.
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