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Kabul: Deutschland wird auch am Hindukusch vermittelt

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Begeisterte Zuschauer des Parwaz-Puppentheaters – Die Truppe entstand aus einem Workshop des Goethe-Instituts (Foto: Parwaz)

7. Februar 2011

Jahrzehnte des Krieges haben Afghanistan verwüstet, fundamentalistische Taliban haben der Kultur den Garaus gemacht. Wie macht man in einem solchen Land Kulturarbeit? Eine Frage, der sich Anne Eberhard Tag für Tag von neuem stellt. Von Sophie Rohrmeier

Wenn Anne Eberhard sich in den Straßen von Kabul bewegt, nimmt sie fast immer das Auto. Zu groß ist die Gefahr einer Entführung für Ausländer in Afghanistan, selbst in der Hauptstadt. Aber auch viele Afghanen meiden die Öffentlichkeit. Wer es sich leisten kann, hat schon den Rückzug ins Private angetreten: „Die Stadt mauert sich immer mehr ein“, erzählt Eberhard. „Auch Privathäuser, die an der Straße liegen, bekommen hohe Mauern.“ Cafés? Restaurants? Gibt es – aber auch hinter hohen Mauern.

„Es ist ein sehr eingeschränktes Leben“, sagt die Institutsleiterin. „Aber damit muss man sich eben arrangieren.“ Auch die Gegend, in der das Goethe-Institut liegt, ist geprägt von Mauern und Bombenschutzwällen. Doch das Institut selbst ist eine Oase für jene von 30 Jahren Krieg gebeutelten Afghanen, die sich für Kultur und deutsche Sprache interessieren.

Hier kann man Szenen wie diese beobachten: Im Garten des Instituts sitzt eine Gruppe Jugendlicher zusammen. Jungen und Mädchen unterhalten sich und lernen sich kennen. Die Stimmung ist gelöst, die jungen Menschen fühlen sich sicher. Alltäglich ist das in Afghanistan keineswegs. Fern von den Gefahren der Straße sprechen die Jugendlichen hier über Kunst, Sprache und andere Kulturen – mit Erlaubnis der Eltern. Das Goethe-Institut ist ein sicherer Hafen für die jungen Afghanen, die unter den wachsamen Augen der traditionell muslimischen Gesellschaft leben.

Eberhards Eindruck von Afghanistan ist noch frisch. Seit Mai 2010 ist sie in dem Land. Ihre positive Grundeinstellung hat sie sich trotz der schwierigen Umstände behalten. „Mit unserer Arbeit erreichen wir natürlich immer nur diejenigen, die an Kultur interessiert sind“, sagt die studierte Orientalistin. „Aber in Afghanistan ist die Bildungsschicht relativ groß, da Bildung nicht unbedingt an Geld gebunden ist.“ Nach dem Krieg wurde die Schulpflicht wieder eingeführt. In Kabul gehen die meisten Kinder wieder zur Schule. „Außerdem hängt das Bildungsniveau vor allem vom Engagement der jeweiligen Familie ab“, so die Institutsleiterin. Wie in anderen Ländern sei es eine Prestigesache, seine Kinder studieren zu lassen. Daher sind die Universitäten voll von Studenten aller Fachrichtungen.

Und wer nicht studiert, kann immerhin Einrichtungen wie das Goethe-Institut nutzen. Das Ausland investiert nicht nur in den technischen Aufbau des Landes, sondern auch in den kulturellen. Das Goethe-Institut hat hier einen großen Vorteil: „Wir haben einen sehr guten Ruf in Afghanistan. Wir sind seit 1965 im Land und für unsere gute Arbeit bekannt.“

„Es hat sich eine gewisse Nehmerhaltung entwickelt“

Anne Eberhard weiß, dass die vielen Sprachschüler Deutsch lernen wollen, weil sie sich durch die Sprachkenntnisse gute Berufschancen in staatlichen und internationalen Institutionen erhoffen; aber auch weil Deutschland und Afghanistan eine positive Geschichte verbindet. Die beiden Länder hatten in den Siebzigerjahren sehr gute Wirtschaftsbeziehungen. Deutsche Firmen waren in Afghanistan ansässig, viele Afghanen studierten während dieser Zeit in Deutschland. In der Politik hatten dadurch viele Persönlichkeiten einen deutschen Background. Das gilt noch für heutige Regierungsmitglieder und Kulturschaffende der älteren Generation: „Der stellvertretende Kulturminister hat mir bei einem Treffen erzählt, dass er als Jugendlicher einmal Deutsch am Goethe-Institut gelernt hat.“ Solche Verbindungen kommen der Zusammenarbeit entgegen. „Darauf konnten wir nach dem Krieg aufbauen.“

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Institutsleiterin Eberhard: „Wir haben einen sehr guten Ruf“ (Foto: Privat)
Einfach ist die Arbeit hier natürlich dennoch nicht. „Die Taliban haben der Kultur den völligen Garaus gemacht.“ Eine neue Kulturlandschaft ist noch im Entstehen. Und für viele Afghanen ist die Aufbauhilfe aus dem Ausland längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden. „Es hat sich eine gewisse Nehmerhaltung entwickelt. Eine alte Erkenntnis aus der Entwicklungshilfe lautet: Die Partner sollten immer auch einen Teil der Aufgaben selbst übernehmen.“

Zudem ist Kulturarbeit in Afghanistan immer auch eine Gratwanderung: Auf der einen Seite gilt es, die gesellschaftlichen Gegebenheiten eines Landes zu beachten, das aus der völligen Kulturunterdrückung kommt und in Bezug auf Stammeskultur, Religion und bestimmte Ansichten noch sehr traditionell ist. Auf der anderen Seite darf eine Einrichtung wie das Goethe-Institut auch den eigenen Hintergrund nicht verleugnen.

„Tanzen beispielsweise wird in weiten Gesellschaftsschichten noch als etwas Unislamisches angesehen; vor allem, wenn Frauen tanzen, zumal vor anderen und besonders vor Männern.“ Hier sieht Eberhard eine Grenze, die sie bei den Veranstaltungen des Goethe-Instituts nicht überschreiten will. „Damit möchte ich einen gewissen Respekt vor den Traditionen und der Gesellschaft des Landes zeigen.“

Bildung durch Zeichentrickfilme

Nur zur Selbstzensur darf es dabei nicht kommen. Etwa eine Kussszene aus einem deutschen Film zu schneiden, der im Institut gezeigt wird – so weit würde Eberhard nicht gehen. Das Goethe-Institut repräsentiert schließlich die deutsche Kultur. „Für afghanische Verhältnisse ist es ja noch nicht einmal normal, als Frau in meiner Position aufzutreten. Ich bin also bereits jemand, der etwas nicht typisch Afghanisches macht.“ Eberhard sieht das jedoch als Vorteil: „Dadurch sieht man mir auch manches nach. Es gibt mir eine gewisse Freiheit.“

Das Wichtigste für die Institutsleiterin ist, dass ihre Arbeit eine Wirkung entfaltet, die nicht schon nach kurzer Zeit wieder verpufft. Sie will vor allem die Visionen und Chancen der afghanischen Jugend fördern. „Sie ist die Zukunft des Landes.“ Deshalb setzt sie auf Aus- und Fortbildung der Dozenten. „Denn sind die Dozenten gut ausgebildet, werden wir durch sie mehrere Generationen von Studenten erreichen.“

Mit Projekten wie dem Bau eines Animationsstudios unterstützt das Goethe-Institut zudem zukunftsträchtige Kulturpraktiken. „Der Zeichentrickfilm ist eine Kunstform, für die sich viele interessieren. Bisher haben aber nur wenige den Zugang dazu. Diese Art von Film eignet sich auch für den journalistischen Bereich, für die Ausbildung im Bereich Kinder- und Jugendfernsehen.“

Für Kulturarbeit in Afghanistan braucht man einen langen Atem. Und Geduld. Die hat Anne Eberhard zum Glück. Einige Wochen nach ihrem Dienstbeginn in Kabul ist Anne Eberhard noch einmal nach Deutschland gereist. Als sie dort in einem verspäteten Zug saß, schimpften zwei Deutsche lautstark über die Verspätung. Eberhard kann da nur den Kopf schütteln. „Ich habe mir gedacht: Meine Güte, was habt ihr für Probleme?“
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