Goethe aktuell

Musik aus Kenia: „Ton ab!“

Copyright: Agnieszka Krzeminska
Musizieren in Kenia: „Wir haben eine große gemeinsame Ebene, auf der man kommunizieren kann“ (Foto: Agnieszka Krzeminska)

23. Februar 2011

Fünf Wochen lang ist Sven Kacirek kreuz und quer durch Kenia gereist, das Aufnahmegerät stets im Gepäck. Der Hamburger Elektro-Virtuose war unterwegs auf den Spuren kenianischer Volksmusik. Herausgekommen ist ein musikalisches Road-Movie. Von Rita Seyfert

„Ton läuft!“ – Sven Kacirek hat das Aufnahmegerät eingeschaltet. In der Ferne hört man Kühe. Kacirek sitzt in der kleinen Hütte von Ogoya Nengo. Die 70-Jährige lebt im Dorf Nyanza am Viktoriasee. Kacirek hält das Mikrofon auf die Frau gerichtet. Vor der Lehmhütte haben sich die Dorfbewohner versammelt, sie lauschen. Sie hören zu, wie Ogoya Nengo singt. Alte und Junge, Männer, Frauen und Kinder. Rhythmisch klatschend wiegen sie sich hin und her.

Nengo ist Dodo-Sängerin. Sie singt über das Leben und den Tod, über die Nachbarn und Barack Obama, den Sohn eines Kenianers. Und über das, was sie ahnt, das uns die Zukunft bringt. Ihre Stimme preist die Früchte der Erde und die Fruchtbarkeit der Mütter. Drohen Dürre, Hunger und Tod, so durchdringt ihr schriller Schreigesang Mark und Bein. Kacirek schaltet das Mikrofon aus: „Die Herausforderung besteht nun darin, Nengos Dodo-Gesang in ein homogenes Klanggerüst zu integrieren.“



Es ist pure Neugier, die Kacirek veranlasst hat, sich mit afrikanischer Volksmusik zu beschäftigen. Das gibt er freimütig zu. Ihn interessiert, wo sich die traditionelle kenianische und seine Musik überschneiden. Und Schnittmengen gibt es viele, stellt Kacirek fest. Der Schlagzeuger spielt auch Marimba und Xylophon: „Das sind ja Instrumente und Klangfarben, die ihren Ursprung in afrikanischen Kulturen haben.“ Die Musikstrukturen überschnitten sich nicht nur tonal, sondern auch rhythmisch, erklärt Kacirek. „Dadurch, dass meine Musik stark rhythmisch angelegt ist, entsteht eine große gemeinsame Ebene, auf der man musikalisch kommunizieren kann.“

Zu Hause im Hamburger Tonstudio wird sich Kacirek diesen Schnittmengen dann experimentell nähern. Noch ist er selbst gespannt, wie das wohl funktionieren wird. The Kenya Sessions wird das Projekt heißen. Die Idee dazu hat er gemeinsam mit Johannes Hossfeld vom Goethe-Institut Nairobi entwickelt. Doch zunächst reist Kacirek weiter von Nyanza zur Ostküste und sammelt musikalische O-Töne. Er sucht die traditionelle kenianische Volksmusik fern der Metropolen Nairobi und Mombasa. An seiner Seite ist die Multimedia-Designerin Agnieszka Krzeminska. Sie filmt und bloggt von unterwegs.

Musiker Kacirek: Pure Neugier treibt ihn (Foto: Joerg Maier)
Für klangvolle Experimente hat sich Kacirek schon immer begeistert. Sein Traumberuf: Schlagzeuger. Bereits in der Grundschule hat er alte Wäschetrommeln mit Butterbrotpapier bespannt und darauf mit Essstäbchen gespielt. Später erforschte Kacirek viele Jahre das Besenspiel. Schlagzeugbesen haben dünne Metalldrähte, die beim Wischen auf der Haupttrommel einen flächigen Sound ergeben. Und siehe da, neue Klangwelten und Frequenzräume öffneten sich, als Kacirek die gleiche Besenfigur auf Glasschüsseln, Holzplatten und Butterbrotpapier spielte. Immerhin: Kacireks Besenspiel deckte alle Frequenzbereiche ab. „Besen auf Glasschüssel ergibt einen hohen transparenten Klang“, erklärt Kacirek.

Nun wagt Kacirek eine musikalische Synthese. Zehn Stunden Audio-Material hat er aus Kenia mitgebracht: Ein Baukasten austauschbarer Ton- und Klangkomponenten bunt gemischter Mitschnitte. Töne und Klänge von kenianischen Schlaginstrumenten, Kinderchöre und Priester, die ihre Predigten rappen. Und natürlich Ogoya Nengos Dodo-Gesang. Kacirek arrangiert und editiert aber auch Nebengeräusche. Auch das Muhen von Kühen ist in dem ganzheitlichen Klangteppich zu erkennen. Das Ergebnis ist postkulturelle Weltmusik. Akustisch, live, ohne Synthesizer.

So legt das Kacirek-Experiment auch Zeugnis ab über die Vielfalt der kenianischen Musik. Denn die kenianische Musiktradition gibt es nicht. Circa 40 ethnische Gruppen leben hier mit ebenso vielen Musikdialekten. Ogoya Nengos Dodo-Gesang ist nur ein Beispiel für eine Musiktradition dieses Landes. Ein ungeklärtes. Ob die Musik etwas mit dem Gesang des Vogels gleichen Namens zu tun hat, ist ungewiss. In einem unterscheiden sich die beiden jedenfalls: Während Ogoya Nengo noch heute mit ihren Liedern begeistert, ist der Vogel schon seit über 300 Jahren ausgestorben.



Die CD „The Kenya Sessions“ ist ab sofort im Handel erhältlich. Im Sommer will Sven Kacirek mit Ogoya Nengo und Olith Ratego auf Deutschlandtournee. Folgeprojekte für weitere Feldaufnahmen in Malindi sind für September in Planung.
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten