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Koran-Auslegung: Warum ich als Muslima kein Kopftuch trage

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Viele Musliminnen entscheiden selbst, ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht – aber müssten sie laut Koran? (Foto: Rana Ossama)

8. März 2010

Schreibt der Koran tatsächlich die Koptuchpflicht für Frauen vor? Oder maßen sich vor allem ältere Männer Bestimmungshoheit über das Aussehen einer Frau an – ohne jegliche theologische Grundlage? Für die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor ist das Kopftuch vor allem eines: obsolet.

Wenn ich als Muslima heute in Deutschland lebe und mich frage, ob ich das Kopftuch tragen soll oder nicht, stellt sich die Frage, ob die in Koran 33:59 geforderte zusätzliche Verschleierung des Kopfes noch ihren ursprünglichen Zweck erfüllt, nämlich die Frauen vor den Begehrlichkeiten der Männer zu schützen? Meine Antwort darauf lautet: Nein. Im Deutschland der Gegenwart erfüllt die Verschleierung den ursprünglichen Zweck des Schutzes nicht mehr. Sie sorgt sogar eher für das Gegenteil dessen, was Gott beabsichtigt hat, indem sie ihre Trägerin Nachteilen, etwa durch Diskriminierungen, aussetzt. Statt des Schleiers im Zusammenhang mit den damaligen Gesellschaftsregeln, wird der intendierte Schutz vor „Belästigungen“ heute durch ein funktionierendes Rechtssystem gewährt. Der freiheitliche Rechtsstaat schützt eine Frau, indem er beispielsweise Angriffe auf ihre Person unter Strafe stellt.

Der Schutz gilt zwar in erster Linie der körperlichen Unversehrtheit, aber auch im Hinblick auf die moralische Unversehrtheit ist der Mensch angesichts der in einem modernen Rechtsstaat gewährten Freiheiten mehr denn je für sich selbst verantwortlich. Die Verschleierung kann mir diese Verantwortung nicht abnehmen. Ich kann mich nicht hinter einem Stückchen Stoff verstecken. Der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat gewährt Rechte und erlegt zugleich Pflichten auf. In einer solchen Umgebung kann ich mich mit und ohne Schleier ehrenwert verhalten – oder auch nicht.

„Fikrun wa Fann/Art and Thought“
Die Kulturzeitschrift des Goethe-Instituts für den Dialog mit der islamischen Welt

Fikrun wa Fann ist eine kulturpolitische Zeitschrift mit hohem inhaltlichem Anspruch. Neben ästhetischen Fragen und Informationen über Kunst und Kultur in Deutschland und der islamischen Welt, liegt ein klarer Schwerpunkt auf aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten. Die Printausgabe erscheint zweimal jährlich in den Sprachen Arabisch, Persisch und Englisch verfügbar. Die Online-Ausgabe ist zusätzlich auf Deutsch verfügbar.

Dieser Argumentation folgend, kann man sich also der vom Koran für die altarabische Stammesgesellschaft geforderten zusätzlichen Verhüllung entledigen. Was damit zunächst bleiben würde, ist der khimâr beziehungsweise jene Kopfbedeckung, die zum Bekleidungsstil aller Frauen der damaligen Zeit gehörte. Der Koran spricht sich weder dagegen aus noch betont er diese Form der Bedeckung. Gott verwendet das Wort nur einmal im Koran (24:31). Das geschieht beiläufig im Zusammenhang mit einer Aufforderung zu sittlichem Verhalten. Es gibt also keine koranische Hervorhebung dieser Kopfbedeckung.

Wenn Gott aber eine spezielle Kopfbedeckung gewollt hätte, hätte er dies nicht explizit geäußert? Somit stellt der khimâr lediglich ein „Mode-Accessoire“ dar, das dem damaligen Zeitgeist entsprach. Die im Lauf der Geschichte mit Kopfbedeckungen bewusst oder unbewusst in Verbindung gebrachten Funktionen wie Schutz vor Sand oder bösen Einflüssen sind aus rationaler Sicht heute allesamt überholt und haben ihre Geltung verloren. Die Vorstellungswelt der Menschen hat sich gewandelt.

Im Deutschland des 21. Jahrhunderts – spätestens – wirken beispielsweise weibliche Frisuren allein nicht mehr erotisierend. Der bloße Anblick von Kopfbehaarung löst bei niemanden mehr sexuelle Fantasien und damit unsittliches Verhalten aus – mit Ausnahme von Fetischisten vielleicht. Wenn man durch die Fußgängerzone einer Stadt läuft, schaut einem niemand wegen der Haare hinterher. Erst wenn man sich aufreizend oder besonders originell kleidet und sich entsprechend gebärdet, zieht man den einen oder anderen Blick auf sich. Zudem hat man es hier nicht mehr mit einer Männerwelt zu tun, die noch wie vor tausend und mehr Jahren denkt. Dank der Errungenschaften des freiheitlich demokratischen Rechtsstaats und dank des heute in Deutschland vorherrschenden Geschlechterverständnisses braucht man nicht mehr unbedingt eine Kopfbedeckung, um sittsam zu leben. Das Kopftuch ist obsolet geworden.

Die Verknüpfung von Scham und Kopftuch ist nicht evident

Die heutige orthodoxe Auffassung von der Kopftuchpflicht basiert in erster Linie auf den Interpretationen von Gelehrten, die mehrere Generationen nach dem Propheten Muhammad gelebt haben. Ihren Urteilen kann man folgen, aber sie sind nicht sakrosankt. Als Menschen sind alle Gelehrten fehlbar. In konservativen und fundamentalistischen Kreisen wird stets betont, es gehe darum, unser Verhalten dem Koran und dem Propheten anzupassen. Die Wortführer geben vor, sie hätten dabei unmittelbar die Lebzeiten Muhammads und die Zeit des Ur-Islam vor Augen.

In Wahrheit gründet ihr Bild aber in erster Linie auf der Weltsicht von Gelehrten, die rund 600 (!) Jahre später lebten. Gemeint sind Personen wie Ibn Qudâma (gestorben 1223), wie Ibn Taymîya (gestorben 1328) oder dessen Schüler Ibn Qayyim al-Jawzîya (gestorben 1350). Angesichts der patriarchalen Gesellschaftsstrukturen von damals ist es nicht verwunderlich, dass die Quellenauslegungen zum Geschlechterverhältnis in der Regel zu Ungunsten von Frauen ausfallen – obwohl das dem eigentlichen Bestreben, das sich durch den gesamten Koran zieht, nämlich die Lage der Frauen in Relation zu ihrer damaligen Stellung zu verbessern, widerspricht. Diese Tendenz ist noch weniger verwunderlich, wenn man sich die Misogynie vieler islamischer Gelehrter in der Geschichte vergegenwärtigt. Die Verknüpfung von Scham und Kopftuch ist bei weitem nicht so evident, wie es scheint. Vers 24:30-31 fordert beide, Männer und Frauen, zum keuschen Verhalten auf. Betont wird in der koranischen Exegese aber bis heute lediglich das keusche Verhalten der Frauen.

Der koranische Gedanke nun aber, sich allgemein gesittet zu kleiden, bleibt indes eine religiöse Vorschrift, die man durch das Tragen „angemessener“ Kleidung erfüllen soll. Aus Sicht einer gläubigen Frau bedeutet das, jene Bereiche des weiblichen Körpers, die hinsichtlich möglicher Sexualkontakte heutzutage elektrisierend wirken, nach wie vor „ordentlich“ unter der heute üblichen Kleidung zu bedecken. Was wiederum „ordentlich“, „angemessen“ oder „anständig“ ist, ist der Vernunft jeder einzelnen mündigen Bürgerin unterworfen, da es für die Gegenwart keine konkreten Vorgaben seitens der islamischen Quellen gibt.

Die vorherrschende Praxis, wonach zumeist ältere Männer – gelehrt oder ungelehrt – die Bestimmungshoheit über das Aussehen einer Frau für sich beanspruchen, hat jedenfalls weder ein theologisch noch soziologisch begründbares Fundament. Ähnlich verhält es sich mit der Bewertung des Kopftuches als Zeichen eines islamischen Bekenntnisses. Eine solche Funktion lässt sich in der Geschichte des Islam nicht nachweisen. Das Kopftuch zu einem verbindenden Element der muslimischen Gemeinschaft zu stilisieren, hat in der Geschichte des Islam keine Verankerung. Auch die heute so häufig zum Gegenstand der öffentlichen Diskussionen erhobene politische Symbolfunktion stellt eine historisch gegenstandslose Überhöhung des Kleidungsstückes dar. Sie entstand erst in den vergangenen Jahrzehnten im Zuge des Aufkommens islamistischer Strömungen als Element der Opposition gegen westliche Einflüsse in der islamischen Welt.



Lamya Kaddor wurde 1978 im westfälischen Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer geboren. Sie studierte Islamwissenschaften, bildete an der Universität Münster islamische Religionslehrer aus. Ihre jüngste Buchpublikation ist: Muslimisch-weiblich-deutsch! Mein Leben für einen zeitgemäßen Islam. C. H. Beck Verlag, München 2010. Ihr Essay ist in der aktuellen Ausgabe der Kulturzeitschrift Fikrun wa Fann erschienen und ist die Kurzfassung einer Studie, die in dem von Thorsten Gerald Schneiders herausgegebenen Band Islamverherrlichung publiziert wurde (S. 131–158).
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