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Anmerkungen zur Revolution: Der arabische Frühling ist ein kultureller

Lilly OttensCopyright: Mohammad A. Hamama
Erst Mubarak, dann Gaddafi: Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz (Foto: Mohammad A. Hamama)

19. Mai 2011

Europa war nicht vorbereitet. Als das Volk in verschiedenen Ländern der arabischen Welt vor wenigen Monaten aufzubegehren begann, war die Überraschung bei den Nachbarn im Norden groß. Umso wichtiger ist es nun, die Chancen dieses Prozesses zu erkennen. Von Wolfgang Meissner

Keiner hatte sie auf dem Schirm. Zuerst Zehntausende, dann Millionen 17- bis 27-jährige junge Menschen. Seit Dezember 2010 fordern sie auf den Straßen und Plätzen Tunesiens, Ägyptens, Syriens, Libyens, des Jemen, Jordaniens, Marokkos und Algeriens Freiheit, politisch-kulturelle Vielfalt und soziale Gerechtigkeit.

Schüler, Studenten, arbeitslose Jungakademiker sind es, Schul- und Hochschulabgänger, junge Ärzte und Ingenieure, Informatiker, Rechtsanwälte, Facharbeiter und Angehörige sozialer Berufe. Sie fordern radikale politische gesellschaftliche und kulturelle Reformen. Die Durchführung freier und gemeiner Wahlen, den Sturz autoritärer Regime. In den Ländern der arabischen Welt ist eine kulturelle Revolution im Gange. Getragen von jungen Intellektuellen, Kultur- und Kunstschaffenden, Journalisten, Medienspezialisten und -aktivisten. Sie alle beherrschen die elektronische Klaviatur im Internet, auf Facebook, Twitter et cetera.

Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen? – hatte sie niemand auf dem Schirm, wurden sie nicht ernst genommen als ein neuer gesellschaftlicher Machtfaktor mit Umsturzpotential.

Man schielte auf die Entscheider

Keiner hatte sie auf dem Schirm. Nicht die gestandenen Politiker, nicht die Politologen, die Historiker, die globalen Marketingspezialisten, Medien- und Meinungsmacher, Journalisten, die Betreiber, Produzenten und Redakteure der globalen Bilder- und TV-Agenturen. Auch nicht die Heerscharen von Experten der internationalen Entwicklungspolitik, an den Botschaften, die Arabologen, die Maghrebologen, Nahost-, Mittelost- und Nordafrikagurus unserer Zeit.

Da schielte man über Jahre und Jahrzehnte auf die jeweils herrschenden Entscheider in Ministerien und Staatsunternehmen. Oder auch auf die bright young men‚ denen man mit lukrativen Stipendien in Harvard, Oxford, Berkeley, Toronto oder an Eliteuniversitäten in anderen Ländern die Türen in eine global agierende Finanz- und Dienstleistungswelt öffnete. In der Hoffnung und Erwartung, dass diese Bindungen sich niederschlagen in lukrativen Verträgen und Vereinbarungen in Wirtschaft und Politik.

Es ist dies nun aber eine Revolution vorangetrieben und befeuert von ausgebildeten, weltoffenen jungen Frauen und Männern, die sagen: Genug ist genug! Genug auch der seit Jahren im Westen und Norden propagierten Wahrnehmungsmodelle bei dem Blick auf die Menschen in den sogenannten islamisch geprägten Gesellschaften. Dieser Blick wird allzu oft beherrscht von der Vorstellung von wildgewordenen Islamisten, burkaumhüllten Frauen und exotischen Diktatoren, die über Menschen zweiter Klasse herrschen. Die Blickenden sind häufig befangen in Servilität und Resignation.

Innerhalb weniger Wochen und Monate dämmerte es nun vielen, dass die Menschen in den arabischen Ländern ganz normale Menschen sind. Wie du und ich . Und nicht Menschen dazu erzogen oder gar kulturalisiert, Obrigkeiten blindlings zu gehorchen und sich damit zufrieden zu geben, von ‚aufgeklärten Despoten’ drangsaliert zu werden.

Kein Platz für Phobien

Hier liegt die große Chance, aber auch Herausforderung für Europa. Die Revolutionen in der arabischen Welt sind weder islamistisch noch nationalistisch noch antiwestlich geprägt. Europa muss vor allem erkennen, dass es sich um kulturelle Revolutionen handelt, geprägt von weltweit akzeptierten Werten wie der Wahrung und Aufrechterhaltung der allgemeinen Menschenrechte, der Gleichheit der Geschlechter, Gleichheit der Chancen in Bildung, Wissenschaft und im unternehmerischen Handeln. Hier ist kein Platz mehr für alte irrationale Phobien. Europa muss erkennen: Die arabischen Länder haben den Wunsch nach echtem Dialog, Austausch und der Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Niemand hatte sie auf dem Schirm, diese Revolutionen in den arabischen Ländern. Es ist an der Zeit, dass der Westen sich an die eigenen, vor Generationen und Jahrhunderten unter Leid und Krieg erarbeiteten allgemeinen Menschenrechte erinnert und realisiert, dass – angeführt von jungen Menschen – Millionen von Bürgern in den arabischen Staaten mit Entschlossenheit und Mut dabei sind, über Jahrzehnte gewachsene, vom Westen geduldete und hofierte diktatorische Herrschaftsstrukturen über Bord zu werfen.

Niemand hatte sie auf dem Schirm - bisher. Wer kannte schon Mohammed Nabous, 28 Jahre jung, der im Februar 2011 innerhalb weniger Wochen das erste freie libysche Fernsehen ins Leben rief – Lybia Horaa – verbreitet auf Internet und via Satellit. Nabous, aus einer wohlhabenden Familie stammend, schuf sein eigenes Internet-Café, und von eben diesem Garagensender aus rief der libysche General Younis am 17. Februar zur Revolution gegen Gaddafi auf. Am 19. März stirbt Nabous, während er mit der Kamera den Ansturm der Truppen Gaddafis auf Benghazi filmt, mit einer Kugel im Kopf.

„Wir wollen Brot und Freiheit“

Niemand hatte sie also auf dem Schirm. Wer kannte schon Wael Ghonim aus Kairo, einen bereits mit 18 Jahren erfolgreichen Webentwickler, den von Mubarak inhaftierten Google-Marketingmanager für Nahost/Nordafrika? Oder Internetseiten wie „wikiwili“, Aktivistengruppen wie Z.E.P. , W.A.L.I. und viele andere mehr. In Ägypten kommentieren und begleiten seit Monaten Hunderttausende von jungen Menschen via Facebook, Youtube und Twitter Umsturz und Revolution. Auch in Marokko sind es inzwischen 50.000 Facebook-Nutzer, die quasi täglich die ‚Bewegung 20. Februar’ mit ihren Kommentaren und Aufrufen, mit Vorschlägen für den Text einer neuen Verfassung für das Königreich kommentieren.

Oder wie Ben Achour, der Vorsitzende des Revolutionsrates in Tunesien sagt: „Jahrzehntelang hat man uns eingeredet, dass es besser sei, Brot zu haben als die Freiheit. Wir hatten aber weder das eine noch das andere: Jetzt wollen wir beides.“.

Es ist dies auch und vor allem eine Chance für die europäische Bildungs- und Kulturpolitik, für eine, die ernsthaft den Austausch sucht mit den Menschen in den arabischen Ländern. Um hier ernst genommen zu werden, ist es unabwendbar, liebgewordene Wahrnehmungsmuster aufzubrechen und den kultur- und entwicklungspolitischen Diskurs mit den jungen Menschen in den Ländern südlich des Mittelmeers grundlegend neu zu gestalten.

Und da sind die in der Region oft schon seit Jahrzehnten tätigen Kulturinstitute europäischer Länder dazu aufgerufen – und zwar im Wortsinn –, ihre Türen zu öffnen und dem zivilgesellschaftlichen Dialog mit den Nachbarn im Süden Raum, Gehör und Respekt zu verschaffen.

Der Autor ist Leiter des Goethe-Instituts in Rabat, Marokko.
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