Goethe aktuell

Treffpunkt Jerusalem: Die Poesie der alten Damen

Copyright: Michal Fattal
„Heine erlesen“: Alle zwei Wochen lädt das Goethe-Institut zum Literaturabend ein (Foto: Michal Fattal)

12. Juli 2011

Hannah Amir und Ilana Shmueli gehören zu einer Generation, mit der das alteuropäische Erbe in Israel aussterben wird. Sie sind Protagonisten deutscher Poesie. Gemeinsam mit Ihnen lädt das Goethe-Institut zu Literaturabenden – und versucht einen Brückenschlag der Generationen. Von Evelyn Runge


„Wir sind das Überbleibsel der europäischen Einwanderung. Und wir sterben aus“, sagt Hannah Amir. Sie sitzt in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in der L. A. Mayer Residence im Herzen Jerusalems, auf dem gläsernen Couchtisch vor ihr stehen Kaffee, Kekse und Schokolade. Die Wände sind mit Bildern geschmückt, die sie selbst gemalt hat. Leuchtend gelbe Felder, schwarze Berge, eine Landschaft mit blühenden Mandelbäumen. Das Land ihrer Geburt trägt sie noch immer in sich. Die deutsche Sprache und Literatur sind das Bindeglied, das nie abgerissen ist.

Das Goethe-Institut nutzt es, um den Erfahrungsschatz der Einwanderer an ihre Nachkommen zu vermitteln. Europa und die europäische Kultur habe sie nie ganz abgeworfen, sagt Amir: „Wir haben es mitgebracht, man kann es nicht wegnehmen – das unterscheidet uns von anderen in unserem Alter.“ Doch das heutige Europa sei anders: „Die Welt war viel kleiner und langsamer. Heute spricht man schnell, man fliegt, man nutzt den Computer.“ Hannah Amir wurde 1919 in Berlin geboren. Mit ihren Eltern und Geschwistern lebte sie bis 1933 nahe des Ku’damms. Ihre Kindheit sei nicht leicht gewesen, die Erziehung streng. Der Vater war ein renommierter Bauingenieur, der unter anderem für Peter Behrens arbeitete. „Wir wurden nicht religiös erzogen, aber mein Vater war Zionist und sparte viel“, erzählt Hannah Amir.

Hannah Amir (Foto: Simone Lenz)
Die Einwanderung deutschsprachiger Juden, so der Historiker Gideon Ofrat, sei eine Einwanderung der ganz besonderen Art gewesen: „Mehr noch als bei früheren Einwanderern nach Palästina, die hauptsächlich aus Russland und Polen kamen, handelt es sich hier um Migranten mit einer ausgeprägten Beziehung zur europäischen Kultur.“ Aus Deutschland, Österreich, Rumänien oder der Bukowina – aus Städten, die heute zum Teil in der Ukraine liegen – wanderten die Juden ein und brachten „eine Welle deutscher Kultur, deutscher Kulturerziehung, deutschen Kulturbewusstseins“ in das Palästina der Dreißigerjahre mit.

Als Israeli Deutsch denken und leben

Am 2. November 1933 legte das Schiff ab, das Hannah Amir und ihre Familie nach Palästina brachte, von London über Marseille nach Haifa. Im Sommer 1938 lernte sie in Palästina ihren Mann Yeheskel kennen. Nach dem Krieg übernahm er mit Partnern ein Geschäft für Autoersatzteile. 49 Jahre waren sie verheiratet; nach dem Tod ihres Mannes lernte Amir Reflexologie, Shiatsu, Malen: „Ich habe die Universität des Lebens besucht und keine andere.“ Zur deutschen Sprache sei sie spät zurückgekommen: „Ich denke auf Hebräisch, mit meinem Mann sprach ich hebräisch, mit meinen älteren Schwestern spreche ich deutsch, mit meinem jüngeren Bruder nur hebräisch.“ Die deutsche Sprache mache ihr Spaß. Ausdrücke wie „Da bin ich überfragt« habe es früher nicht gegeben: „Und das Wort Telefonat hat mich komisch berührt – was soll das sein? Es ist nicht französisch, nicht deutsch.“

Das Telefon klingelt, Ilana Shmueli ruft an, sie lebt in einer Wohnung auf derselben Etage. Ilana Shmueli und Hannah Amir sind vor fast zehn Jahren zusammen von Tel Aviv nach Jerusalem gezogen. „Lange Zeit war die Idee, ein Israeli zu sein, aber deutsch zu denken und deutsch zu leben“, sagt sie. Sie beschreibt „eine Zerrissenheit und Spaltung, ein Sprachexil – ich habe es nie überwunden“. Es habe lange gedauert, bis sie sich als Israeli gefühlt habe. Die Einwanderer heute hätten es einfacher als sie 1944: „Wir kamen im letzten Moment – nicht, weil wir wollten, sondern weil wir mussten. Das sah man nicht gerne, auch Deutsch hörte man nicht gerne.“ Ilana Shmueli sagt: „Ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, zu lernen, mich im Hebräischen zu Hause zu fühlen.“ Ihr Deutsch bezeichnet sie als „archaisch – aber es ist die Sprache, in der ich träume, denke, fühle.“ Auch mit ihrem Mann Herzl und ihrer Mutter sprach sie Deutsch. Diesen „europäischen Nachlass“ und ihr Leben beschreibt sie eindrucksvoll in ihrem Buch Zeitläufe – ein Brief (2009). 1924 in Czernowitz geboren, sprach ihre Familie deutsch, ihre Mutter kam aus Wien, ihr Vater besaß eine Möbelfabrik: „Er war Zionist, also politisch nicht koscher, und als Fabrikbesitzer Kapitalist.“ Als sie sechs Jahre alt war, lernte sie den vier Jahre älteren Paul Celan (Antschel) kennen – beim Tischtennis. Ihre Mutter wollte nicht, dass sie Kontakt hatten: „Er kam aus der falschen Straße …“

Dichterkreise

Von 1941 bis 1944 lebte die Familie im Ghetto und in einem den Juden zugewiesenen Wohnviertel in Czernowitz. „Diese Jahre wurden seltsamerweise zu den unglaublichsten, vielleicht auch wichtigsten Lehrjahren meines Lebens“, schreibt Shmueli in Zeitläufe. „Denken, Fühlen, Hören und Schauen wurden in mir geweckt.“ Denn in einer Gruppe von Freunden und Künstlern, unter ihnen auch Paul Celan und Rose Ausländer, lasen sie eigene Gedichte und diskutierten über Philosophie.

Ilana Shmueli (Foto: Friedemann Derschmidt)
1944 flüchtete Ilana Shmuelis Familie. Von Konstanza reisten sie nach Istanbul, „mit einem bulgarischen Transportschiff für Hühner; es war eine sehr gefährliche Fahrt.“ Dann auf dem Landweg nach Palästina. Ilana Shmueli kam in ein britisches Aufnahmelager bei Haifa. Später studierte sie Musikerziehung, Sozialwissenschaft und Kriminologie in Tel Aviv; 25 Jahre arbeitete sie mit kriminellen Jugendlichen und bildete Sozialarbeiter fort. 1965 traf sie Paul Celan in Paris wieder und versprach, ihm Jerusalem zu zeigen. Im Oktober 1969 kam Celan nach Israel, das erste und einzige Mal in seinem Leben – und Ilana Shmueli führte ihn durch ihr Jerusalem. Den folgenden Briefen legte Celan Gedichte bei, seinen Jerusalemzyklus. Nachdem Ilana Shmueli mit 60 Jahren in Pension ging, belegte sie Übersetzungskurse und begann, Gedichte zu übertragen – unter anderem von Celan – und selbst zu dichten. 2004 veröffentlichte Shmueli ihren Briefwechsel mit Celan bei Suhrkamp, 2009 erhielt sie den Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil.

Seit vielen Jahren ist Shmueli Mitglied bei Lyris; die Abkürzung steht für „Lyrik aus Israel“. Der Dichterkreis wurde 1982 von Annemarie Königsberger gegründet, die Teilnehmer lesen ihre eigenen Gedichte, verfasst auf Deutsch. Ilana Shmueli gehört zu Lyris, ebenso Eva Avi-Yonah, Manfred Winkler und Haim Schneider – alle wurden in Europa geboren und wanderten nach Israel aus. Gemeinsam gehen Ilana Shmueli und Hannah Amir alle zwei Wochen ins Goethe-Institut Jerusalem zum Literaturabend Heine erlesen mit Jakob Hessing. Mehr als 20 Teilnehmer sind im Kurs, die meisten davon Frauen. Der Kurs findet im Leseraum und Lehrerzimmer statt, in den deckenhohen Bücherregalen ist Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ebenso wie Das Parfüm von Patrick Süskind zu finden. Der Literaturkurs liest und diskutiert Heinrich Heines Gedichte und den Text Der Rabbi von Bacharach. „Wie kann es sein, dass der Rabbi seine Ge - meinde alleine lässt? “, ist die Frage, um die es an diesem Abend vor allem geht.

Der Literaturkreis war lange privat und traf sich bei Ada Brodsky, Trägerin der Goethe-Medaille 1994, die Rainer Maria Rilkes Gedichte ins Hebräische übersetzt hat. Seit Sommer 2010 trifft sich der Literaturkreis im Goethe-Institut; die Zahl der Teilnehmer verdoppelte sich.

Keine leichten Pakete

Dennoch bleibt die Verbindung von Alt und Jung eine besonders große Aufgabe für das Goethe-Institut. Als lingua non grata wird Deutsch nach wie vor nicht an den Schulen gelehrt – obwohl über 70.000 Menschen in Israel die deutsche Staatsbürgerschaft haben. So bleiben die Generationen oft unter sich. „Die älteren Menschen verfügen über ein für jüngere nur schwer erreichbares Sprachniveau“, sagt Simone Lenz, Leiterin des Goethe-Instituts Jerusalem, das Wissen und die Geschichten der älteren Generation drohen in Vergessenheit zu geraten.
„Keine leichten Pakete“: Das Goethe-Institut in Jerusalem schickt Bücher aus dem Nachlass deutsch-jüdischer Einwanderer an deutsche Schulen (Foto: Simone Lenz)
In Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Yad Vashem und deutschen Schulen initiierte sie im vergangenen Jahr daher das Projekt „Keine leichten Pakete“. Das Goethe-Institut wurde eine Zeit lang mit Bücherschenkungen geradezu überhäuft, zumeist liebevoll aufbewahrte Bücher, die in letzter Minute aus Europa mitgebracht oder unter großen Entbehrungen nach Israel eingeführt werden konnten. Die aussagekräftigsten Exemplare werden nun für den Geschichtsunterricht an deutsche Schulen gesendet – in kleinen, aber kostbaren Bücherpaketen, die mit biografischen Texten über die ehemaligen Besitzer und ihre besonderen Lesegewohnheiten versehen sind.


Zwar werde Deutsch oft noch „als Tätersprache identifiziert“, sagt Simone Lenz, allerdings sei ein Wandel zu verzeichnen: „Mehr als 300 Studenten lernen jedes Jahr Deutsch am Goethe-Institut Jerusalem. Berlin interessiert und fasziniert. Selbst wer nur für ein paar Tage und nicht für ein Studiensemester dorthin fährt, will die Sprache lernen.“

Mit dem Stadtplan von Berlin im Kopf

Für Hannah Amir war es schwer, in die Stadt ihrer Kindheit zurückzukehren. 1995 war sie das erste Mal wieder in Berlin, 62 Jahre nach ihrer Auswanderung, zusammen mit ihrer Tochter: „Ich war sehr unglücklich, fühlte mich, als ginge ich unter einer Glasglocke: Nichts kam an mich heran.“ Sie erinnert sich an ein jüdisches Krankenhaus, an die Demonstration deutscher Frauen, die ihre jüdischen Männer vom Nazi-Regime zurückforderten. „Mir ging es damals sehr schlecht in Berlin“, sagt Hannah Amir, „schrecklich, dass es Menschen gab, die ausgerechnet haben, wie viele Juden man verbrennen kann.“

Den Stadtplan Berlins hat Amir noch im Kopf. Als sie 2004 noch einmal in Berlin war, war sie enttäuscht vom Ku’damm: „Der Westen ist aristokratisch verarmt, der Osten warm und sprudelig.“ Die Sehnsucht nach dem alten Europa spürt sie zwar noch immer, hier in Jerusalem. „Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es ein anderes Europa – das trage ich im Herzen“, sagt Hannah Amir. „Vollkommen zu Hause bin ich aber hier – Israel, das ist mein Heim. Ich liebe das Land und ich atme das Land. Auch wenn ich unglücklich bin mit der Politik und den Orthodoxen.“

Der Text stammt aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „Wie geht es eigentlich den Frauen?“ (zum PDF).
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