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Manila rappt: Der Hip-Hop zu Babel

Goethe-Institut/Romain RivierreCopyright: Goethe-Institut/Romain Rivierre
Acht Rapper, fünf Sprachen: „Weg in den Kopf des Anderen“ (Foto: Goethe-Institut/Romain Rivierre)

4. Juni 2011

Übersetzen Sie mal deutsche Reime in den Slang von Nairobi! Oder verwandeln Sie Hip-Hop aus Bogotá in philippinischen Sprechgesang! Was unmöglich klingt, ist es auch – fast. Rapper aus fünf Ländern haben sich lustvoll in die babylonische Sprachverwirrung gestürzt. Von Thomas Winkler

Manila im Mai. Das sind tosender Verkehr rund um die Uhr, gefühlte 40 Grad im Schatten und acht Rapper und Rapperinnen, die versuchen sich zu verstehen. Das scheint einerseits sehr einfach, denn HipHop ist längst in den letzten Winkeln des Planeten angekommen. Andererseits aber doch schwierig: Denn die acht Vokalakrobaten stammen aus fünf verschiedenen Ländern und reimen in entsprechend vielen Sprachen. Nun sitzen sie alle um drei schlichte Tische im Hinterzimmer eines Cafés in Makati City, dem Geschäftsviertel Manilas: Flaco Flow aus Bogotá, Malikah aus Beirut, Nazizi aus Nairobi, Chefket und Amewu aus Berlin, und Shielbert, Filemon und Restly vom Tondo Tribe aus Manila. Zettel fliegen hin und her, Grüppchen tuscheln, aus Kopfhörern dringen leise Beats, Köpfe nicken, Stifte fliegen über Papier, Finger über Tastaturen.

Zusammengebracht hat die Hip-Hop-Künstler Translating Hip Hop, eine Workshop-Reihe des Goethe-Instituts und des Berliner Hauses der Kulturen der Welt (HKW), die im Februar begann. Insgesamt 15 Rapper aus den fünf Ländern waren in wechselnder Besetzung zum Austausch in Bogota, Beirut, Nairobi und zuletzt nun Manila eingeladen. Auf der Grundlage der von professionellen Übersetzern gefertigten wortwörtlichen Übertragungen sollen nun mit Hilfe des persönlichen Austausches neue Versionen bereits vorhandener Texte entstehen.

„Ein bisschen verrückt im Kopf“

In der Praxis führt das dazu, diese Erfahrung hat Amewu gemacht, dass manche seiner Texte „einfach zur Seite gelegt wurden“. Die Reime des Berliners, der Kultur und Technik mit Kernfach Philosophie studiert, haben den Großteil der Kollegen aus den anderen Ländern abgeschreckt. Nur eine nicht: „Nazizi hat zu mir zwar gesagt, ich wäre ein bisschen verrückt im Kopf, aber dann hat sie den Ehrgeiz entwickelt, sich mit meinen Texten auseinanderzusetzen.“

Und irgendwann wird dann aus Amewus Deutsch doch noch Nazizis Sheng, jener Hybrid aus Swahili, weiteren afrikanischen Sprachen und Englisch, der in Nairobi gesprochen wird. An anderen Ecken des Tisches verwandelt sich Spanisch in Arabisch oder Tagalog, den Dialekt, in dem der Tondo Tribe aus Manila rappt. Die babylonische Sprachverwirrung führt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Arbeit des Gegenüber, die weit über die weltweit gültigen Hip-Hop-Rituale hinausgeht. „Durch das Übersetzen findet man einen Weg in den Kopf des anderen Rappers“, erklärt Nazizi, „und gleichzeitig entdeckt der andere sich selbst neu durch meine Übersetzung.“

Diese länderübergreifende Verständigung ist aber nur eine Absicht von Translating Hip Hop. Der Prozess, den die Workshops in Gang setzen, soll einerseits helfen, die Grenzen zwischen den Rappern aufzuheben. Andererseits aber soll er auch klar machen, dass trotzdem weiterhin Grenzen bestehen, wenn vielleicht auch andere, als sie gedacht haben. Eine wahrhaftige Übersetzung, davon geht Translating Hip Hop aus, ist gar nicht möglich; während der Übertragung kann und soll aber etwas Neues, wahrscheinlich sogar Interessanteres entstehen. „Das ist keine Sozialarbeit, wir wollen ein künstlerisches Projekt erarbeiten“, erklärt Detlef Diederichsen, der Bereichsleiter Musik am HKW, der ebenfalls angereist ist. „Deshalb ist die Form extrem offen gewählt, um eine neue Form der Performance entwickeln zu können.“

Weiblicher Rap: Einsame Spitze

Das übergreifende Konzept haben Diederichsen, Susanne Stemmler und Johannes Ismaiel-Wendt am HKW entwickelt. Die Rapper aus Bogota, Beirut, Nairobi und Manila wurden von den Goethe-Instituten vor Ort ausgewählt, die auch die lokale Organisation der Workshops übernommen haben. Im November werden in Berlin die Ergebnisse in einem Festival präsentiert und in einem parallelen Kongress die gewonnenen Erkenntnisse ausgewertet. Dabei sollen die Grenzen von Übersetzbarkeit hinterfragt, gleichzeitig aber auch Hip-Hop als Weltsprache präsentiert werden.

Wie problemlos diese Weltsprache dann doch verstanden wird, das haben vor allem die Rapperinnen erfahren. „Wir haben uns sofort miteinander verbunden gefühlt“, erzählt Nazizi aus Nairobi. „Aber wirklich sofort“, ergänzt Malikah aus Beirut. Die beiden sind hier in Manila die beiden einzigen Frauen, aber auf vorherigen Stationen der Workshop-Reihe haben sie Pyranja aus Deutschland und die Kolumbianerin Diana Avella kennengelernt. Sofort vereint hat die vier Frauen eine gemeinsame Erfahrung: in ihren jeweiligen Ländern jeweils allein unter Männern zu rappen.

Immer noch sind sogenannte „Female MCs“ selten in der Szene, egal in welchem Teil der Erde. In ganz Kenia, berichtet Nazizi, „gibt es außer mir vielleicht noch ein, zwei andere.“ Deshalb haben Nazizi, Malikah, Pyranja und Diana Avella nicht nur beschlossen, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Sie wollen sogar eine All-Girl-Rap-Group gründen und die Planungen für ein Album konkretisieren sich. Auch ein Name ist bereits im Gespräch: Lyrical Rose.

„Das Hip-Hop-Ding wird fast schon nebensächlich“

Dieser Austausch mit Gleichgesinnten steht auch für Chefket im Mittelpunkt. „Das Hip-Hop-Ding wird fast schon nebensächlich. Hip-Hop ist nur der Grund, dass wir hier zusammenkommen. Es geht eher um die Begegnung, es geht darum Menschen kennenzulernen“, erzählt der Rapper aus Berlin am letzten Tag des Workshops. „Das, was hier angefangen wurde, das hört morgen nicht auf. Das wird weitergehen.“

Weiter ging es in Manila schon in der Woche nach Translating Hip Hop mit Rap in Tondo. Das Projekt in dem Armenviertel, aus dem der Tondo Tribe stammt, fand zum ersten Mal im vergangenen Jahr statt. Auch diese zweite Auflage organisierte wieder das Goethe-Instituts Manila, das in diesem Sommer sein 50-jähriges Bestehen feiert, zusammen mit den französischen Kollegen vom Alliance Française. Manila im Mai, das ist vor allem eins: Sehr viel Hip-Hop.
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