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Interview: „Ich will nicht gefesselt werden“

Copyright:  Kloos & Co. Medien GmbH, Florian Thalhofer
Szene aus dem Korsakow-Film „Planet Galata“: Bayram, ein Papiersammler in den Vierteln rund um die Galata-Brücke in Istanbul, macht Pause (Foto: Kloos & Co. Medien GmbH, Florian Thalhofer)

21. Mai 2011

Normale Filme machen ihn wahnsinnig, sein Publikum lässt er mit Laserpointern spielen. Florian Thalhofer ist der Erfinder des Korsakow-Systems. Im Interview spricht er über interaktive Vorträge, Alkohol und den Glücksfall Internet.

Herr Thalhofer, welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?

Der letzte lineare Film? Das war Fargo, von den Coen-Brüdern.

Was unterscheidet einen solchen Film von Ihren Korsakow-Filmen?

Das Konzept des linearen Films entspringt den technischen Beschränkungen der Vor-Computer-Zeit, die einzelnen Szenen sind für alle Ewigkeiten aneinander geklebt. Beim Korsakow-Film ist das nicht so. Da sind die Szenen variabel miteinander verknüpft.

Kann denn ein ganz „normaler“, linear erzählter Film Sie überhaupt noch fesseln, oder macht es Sie wahnsinnig, wenn Sie nicht ins Geschehen eingreifen können?

Im Gegenteil, ein linearer Film fesselt mich sogar sehr – wie jeden anderen auch. Es macht mich aber total wahnsinnig, gefesselt zu sein. Bei linearen Filmen habe ich das Gefühl, dass mir da jemand etwas in meinen Kopf hinein drücken will und ich kaum die Möglichkeit habe, etwas dagegenzusetzen.

Sie sind der Erfinder des Korsakow-Systems. In zwei oder drei Sätzen: Was ist das überhaupt?

Es ist eine Software, mit der sich regelbasierte, nichtlineare und interaktive Filme machen lassen. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: Die einzelnen Szenen eines Korsakow-Films werden vom Autor beschrieben. Auf Grundlage dieser Beschreibungen ordnen sich die Szenen dann bei jedem Ansehen sinnvoll neu. In der Regel kann sich der Betrachter die jeweils nächste Szene aus einer Reihe von Vorschlägen aussuchen. Es gibt aber auch automatisch ablaufende Korsakow-Filme, bei denen der Computer die nächste Szene wählt. Ein solcher Film ist dann gar nicht mehr offensichtlich von einem „normalen“ Film zu unterscheiden.



This is a SNU. from intermediated on Vimeo

Was ist eine „SNU“? Florian Thalhofer erklärt in einem kurzen Animationsvideo, wie Korsakow funktioniert


Wie ist Ihnen diese Idee gekommen?

Während ich 1997 in Berlin an der Universität der Künste studiert habe, habe ich angefangen, mich für das Geschichtenerzählen zu interessieren. In der Zeit habe ich auch mein Interesse an Computern entdeckt – und beides einfach zusammengebracht. Letztendlich hatte ich keine Ahnung, wie man das richtig macht. Ich bin ein Oberpfälzer Sturschädel und habe mir da selber etwas zusammengebaut. Es war ein bisschen so, wie das Pferd von hinten aufzuzäumen – reiten kann man es so natürlich trotzdem.

Das Korsakow-Syndrom ist eine Form der Amnesie, bei der das Kurzzeitgedächtnis geschädigt ist. Es wurde von Sergei Korsakow zuerst bei chronischen Alkoholikern beschrieben. Das Thema Alkohol war auch das Thema Ihres ersten Korsakow-Films. Müssen wir uns Sorgen machen?

Copyright: Kloos & Co. Medien GmbH, Ahmet Sel
Korsakow-Erfinder Florian Thalhofer (Foto: Kloos & Co. Medien GmbH, Ahmet Sel)
Nein. Das Thema Alkohol ergab sich aus meiner allerersten computerbasierten Arbeit, der Kleinen Welt. Da ging es um das Aufwachsen in der bayerischen Provinz. Wenn ich diese Arbeit gezeigt habe, waren die Reaktionen immer: „Da geht’s ja nur um Alkohol.“ Das ist mir erst gar nicht aufgefallen, entpuppte sich dann aber als ergiebiges Thema. Ich war viel in Amerika und Deutschland unterwegs, habe mit vielen Leuten gesprochen und Interviews gemacht. Alkohol ist ein Thema, über das man ganz leicht mit Menschen ins Gespräch kommt, weil fast jeder schon Erfahrungen damit gemacht hat.

Sie waren gerade für das Goethe-Institut in Montreal und haben auf dem Symposium „DNA, Database/Narrative/Archive“ einen Korsakow-Talk gegeben. Einen interaktiven Vortrag also. Wie kann man sich das vorstellen?

Es gibt zwei Talks, die ich immer wieder gehalten habe. Diese beiden Talks habe ich jetzt in kleine Stücke geschnitten und sie in das Korsakow-System gespeist. Das Publikum hat Laserpointer in der Hand und wählt aus, welchen Teil meines Vortrags ich als nächstes halten soll.

Wie sind die Reaktionen ihres Publikums?

Das Publikum ist nicht immer begeistert. Manche kritisieren, dass die Filme langweilig seien und sie einem nicht erklären, was man denken soll. Aber das ist eben die Stärke von Korsakow: Ich sage dem Publikum nicht, was es denken soll. Das muss es selber machen.


Eine „SNU“ aus dem Korsakow-Film „Planet Galata“. Zum kompletten Korsakow-Film


Aber ist es mehr als eine Spielerei?

Natürlich. Das System gibt es jetzt seit ungefähr elf Jahren – und so langsam erobert es die Welt. Universitäten nutzen es, Filmstudenten arbeiten damit. Spektakulär war die Entwicklung aber nie. Sie ging langsam, weil man das Format auch lernen muss.

Sehen Sie in Korsakow auch eine besonders effektive Methode der Wissensvermittlung? Werden wir uns beim Lateinunterricht an der Schule künftig auch auf Korsakowkonzepte einstellen müssen?

Darüber kann ich nur spekulieren, da ich in dem Bereich wenig Erfahrung habe. Aber es gibt ein paar Leute, die sich das Korsakow-Konzept unter diesem Aspekt angeschaut haben und total begeistert waren. Korsakow ist einfach ein gutes Tool, um Informationen zu strukturieren und für andere erfahrbar zu machen.

Seit Sie im Jahr 2000 angefangen haben, Korsakow-Filme zu machen, hat sich technisch einiges getan. Was war für Sie und Ihr Projekt die bedeutendste Entwicklung?

Das Internet. Als ich mit Korsakow angefangen habe, war das Medium der Zeit die CD-ROM und später die DVD. Ich hatte aber gar keine Lust, Korsakow dafür zu entwickeln, weil DVD-Authoring, der Zwischenschritt zwischen Nachbearbeitung und Vervielfältigung, einfach völlig bekloppt ist. Also habe ich das System so gebaut, wie ich es für richtig gehalten habe. Ohne dass die technischen Grundlagen dafür schon vorhanden gewesen wären. Und dann kam das Internet. Die Bandbreiten sind nun da, man kann Videos streamen. Wo man früher noch ein Bild bis zum Geht-nicht-mehr komprimieren musste, um es ins Internet zu stellen, kann man heute Filme in einer Auflösung anschauen, die wesentlich besser ist als im Fernsehen – das war bis vor kurzem noch unvorstellbar.

Das Interview führte Anne-Kathrin Lange

Florian Thalhofer, geboren 1972, ist Dokumentarfilmemacher und Medienkünstler. Für seine Arbeiten ist er unter anderem mit dem Literatur.Digital Award, dem Red Dot Design Award und dem Werkleitz Award ausgezeichnet worden. Thalhofer hat an der Universität der Künste in Berlin studiert und war dort nach seinem Abschluss mehrere Jahre als Dozent tätig. Er war Gast-Professor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und unterrichtet am Mediamatic-Institut Amsterdam.
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