Goethe aktuell

Schwäbisch Hall: Wo die Sprache in lässiger Pracht residiert

Goethe-InstitutCopyright: Goethe-Institut
Goethe-Standort Schwäbisch Hall: „Das Potenzial sind die Menschen“ (Foto: Goethe-Institut)

22. August 2011

37.000 Einwohner hat Schwäbisch Hall, es ist der kleinste Standort eines Goethe-Instituts in Deutschland. Doch wer sich hier umschaut, erkennt: Die Stadt bietet mehr, als ihre Größe vermuten lässt. Ein Glück für die 1.900 Sprachkursteilnehmer, die hier jährlich Deutschland kennenlernen. Von Martin Rasper

Ist das grün hier! Das ist ja meistens der erste Eindruck von Menschen, die aus mediterranen oder anderweitig sonnenverbrannten Ländern nach Deutschland kommen (der tiefere Sinn des Satzes wird ihnen später beim Mülltrennen bewusst). Und so führt die Reise nach Schwäbisch Hall durch ein sattgrünes Gehügel aus Tälern, Wiesen und Wäldern. Andererseits, so versucht uns die aktuelle Bausparwerbung nahezubringen, ist Deutschland nicht nur grün, sondern: „Schwäbisch-Hall-Land“. Insofern kann es also eigentlich keinen passenderen Ort geben, um sich deutsche Sprache und Kultur anzueignen, als dieses jung gebliebene mittelalterliche Städtchen, das da jemand mit viel Sinn für Dramatik in das enge Tal des Kocher gerammt hat.

Denn auf der anderen Flussseite, das sieht der am Bahnhof angekommene Besucher mit dem zweiten Blick, erhebt sich ein beeindruckendes Altstadtgebirge. Ein kühn aufeinandergetürmtes Gewirr aus Fachwerk- und Sandsteinfassaden, unnahbar und einladend zugleich (Schwaben können das offenbar). Alles so schön hier!, denkt der Sprachkurs-Aspirant. Muss ein selbstbewusstes und pragmatisches Völkchen sein, das hier residiert. Zudem mit einem speziellen Zugriff auf Tradition und Moderne – auf ein „Carpaccio von der Maultasche“ (Hotel Kronprinz) muss man auch erstmal kommen.


Mehr zum Thema „60 Jahre Goethe“ finden Sie auf unserer Jubiläumswebsite

Solcherart gelangt der Besucher vor das Goethe-Institut, wo er sich endgültig angekommen fühlt. Ein zweiflügeliger barocker Bau ist das, fast eine Art Stadtschlösschen. Wo die Sprache in so lässiger Pracht residiert, da muss gut Lernen sein! Das architektonische Kleinod entpuppt sich als ehemaliges Stiftshospital, das dem 1965 gegründeten Institut einen ganz eigenen Charme verleiht. Die dicken Mauern atmen nicht nur Geschichte, sondern eignen sich hervorragend für das Hängen von Fotoausstellungen. Die Räume bieten genügend Platz für Sprachkurse, Seminare und Verwaltung; unterm Dach erstreckt sich eine großzügige Mediothek, die den ganzen Tag offen ist, es gibt eine eigene Mensa – und als Clou den barocken Kirchenraum im Souterrain, der den perfekten Rahmen für Konzerte und Feste bildet.

Soziale Wärme und Weltoffenheit

Die Institutschefin greift zunächst mal das Kleinstadt-Thema auf: Barbara Malchow-Tayebi, 62, herzhafter Händedruck, graue Kurzhaarfrisur, blitzende blaue Augen, präsentiert eine Umfrage unter Kursteilnehmern. Auf die Frage, warum sie sich dieses Institut ausgesucht haben und wie es ihnen hier gefallen habe, antworteten die Kursteilnehmer in fast ermüdender Einhelligkeit, Schwäbisch Hall sei eine schöne kleine Stadt, in der es sich angenehm lebe und lerne, und schöne kleine Städte, in denen es sich angenehm lebe und lerne, hätten sie nun mal gern. Nur einer schrieb: „Schwäbisch Hall ist zu klein, und das Wetter schlecht“; und fast ist man dankbar für das Minderheitsvotum, macht es das Ganze doch authentischer.



Erfolgreich war der Deutschkurs ja offenbar trotzdem. Doch „Hall“, wie die Stadt lange Zeit hieß und von den Einheimischen immer noch genannt wird, ist bei weitem mehr als die gemütliche Kleinstadt, als die die Fachwerkfassaden und die Zahl von knapp 37.000 Einwohnern sie erscheinen lassen.

Barbara Malchow-Tayebi, die die Institutsleitung Anfang 2010 übernommen hat, begreift den Standort als Chance. „Das Potenzial dieser Gegend sind die Menschen“, sagt sie, „ihre Vielseitigkeit, ihre Tüchtigkeit, ihre Weltoffenheit.“ Die lange Geschichte der Stadt, die durch das Salz reich geworden und von 1280 bis 1802 Freie Reichsstadt war, hat ein selbstbewusstes, engagiertes Bürgertum hervorgebracht.

Der internationalste Ort der Stadt

Für die Institutschefin schließt sich mit ihrer jetzigen Position ein Kreis, ist sie doch schon zum vierten Mal in ihrer Goethe-Karriere in Schwäbisch Hall eingesetzt. Zweimal war sie hier bereits als Lektorin und einmal als stellvertretende Leiterin; dazwischen lagen Einsätze in Peking und Bombay, Paris und Lissabon. Weltläufigkeit ist bei dieser Biografie garantiert, auch ein tiefes Wissen um den Wert kulturellen Austausches. Was sich auch an der Vielfalt der internationalen Kooperationen zeigt: Jedes Jahr im Herbst kommen Studenten aus dem chinesischen Qingdao, um sich auf das Studium an der Fachhochschule Ansbach vorzubereiten; Stipendiaten der saudi-arabischen und der thailändischen Regierung sowie türkische Landräte und Imame deutscher Moscheen lernen hier Deutsch; Uni-Absolventen aus dem Irak belegen Kurse in Deutsch und Landeskunde.

Da das kleine Hall aber trotz aller Weltläufigkeit letztlich doch von überschaubarer Größe ist, wird das Goethe-Institut auch als Akteur in der Kulturszene wahrgenommen. Das Institut ist nicht nur Mitveranstalter des internationalen JazzArtFestivals, das hier seit 2007 stattfindet, sondern lädt auch zu Fotoausstellungen, Konzerten und einmal im Jahr zum großen Sommerfest ein. Und jüngst hat es mit der einheimischen Autorin Tatjana Kruse ein Krimi-Quiz auf die Beine gestellt: „Die Maultaschen-Mafia“.

Der Text war im Internet zu lesen, und wer in dem dazugehörigen Quiz Fragen zu Kultur und Geschichte von Schwäbisch Hall beantwortete, konnte Preise gewinnen. Die Liste der Gewinner zeigt eindrucksvoll, wo sich überall Menschen den Kopf darüber zerbrochen haben, wie das Gasthaus im Hohenloher Freilichtmuseum heißt oder wie viele Arbeitsplätze die Verpackungsmaschinenindustrie bietet. Und wer Wörter wie Verpackungsmaschinenindustrie versteht, hat ja wohl schon ziemlich viel begriffen von diesem Land. Was will man mehr?

Der Text ist die leicht gekürzte Fassung eines Artikels aus dem Magazin des Goethe-Instituts zum Thema „60 Jahre Goethe-Institut“ (zum PDF).
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten