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Theater wider die Katastrophe: Das tapfere Schneiderlein von Sendai

Franziska KekuléCopyright: Franziska Kekulé
Gruppenbild mit Deutschen: Die Theatermacher inmitten ihrer kleinen japanischen Fans (Foto: Franziska Kekulé)

24. November 2011

Vor acht Monaten bebte in Japan die Erde – und seither ist nichts mehr, wie es war. In der Krisenregion rund um die Hafenstadt Sendai sind zumindest die meisten Straßen wieder befahrbar. Kinderseelen sind schwerer zu heilen. Um sie kümmerte sich jetzt ein deutsches Theaterduo. Von Franziska Kekulé

Das Erdbeben vom 11. März hat die Millionenstadt Sendai, rund 370 Kilometer nördlich von Tokyo, besonders hart getroffen: Die Häuser um den Hafen wurden fast vollständig zerstört, das Dach des Hauptbahnhofs stürzte ein, und die Menschen suchten in den höher gelegenen Schulen und Gemeindezentren Zuflucht vor dem Tsunami.

Die Aufräumarbeiten begannen zügig, doch sie kosteten Zeit. Noch bis in die Sommermonate harrten viele Einwohner der Stadt in den Behelfsunterkünften aus. „Man schätzt, dass der Wiederaufbau insgesamt zwei Jahre dauert. Bis dahin müssen die Menschen aus den zerstörten Gebieten in den provisorischen Unterkünften bleiben – dicht an dicht, mit Wänden wie Papier“, erklärt Kikue Wilhelm, die Direktorin des Kulturzentrums der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Sendai.

Mit ihrer Unterstützung organisierte das Goethe-Institut Anfang November eine einwöchige Tour des Kindertheaters Theaterta durch sechs Grundschulen und Jugendzentren in der Krisenregion. Das Ensemble um Roman Moebus hatte zum Jubiläum von „150 Jahre Freundschaft Deutschland-Japan“ das Programm Atama-ii – Gewitzte Kerle konzipiert, um den Kindern in Deutschland und Japan auf spielerische Weise einen Einblick in die andere Kultur zu geben.

In Deutschland zeigen sie das japanische Märchen Naita Akaoni (wortwörtlich: Der weinende rote Dämon) und in Japan Das tapfere Schneiderlein – bilingual, aber je nach Publikum mal mehr auf Japanisch, mal mehr auf Deutsch. Die Idee dazu hatte die Schauspielerin Anika Herbst, die während ihrer Schulzeit ein Austauschjahr in Tokyo verbrachte. „Mein Japanisch war damals zwar noch nicht ausgereift, aber das Märchen hat mich so berührt, dass ich es unbedingt übersetzen wollte“, erzählt sie. „Später haben wir dann festgestellt, dass die Motive in Naita Aka Oni und in Das tapfere Schneiderlein sich trotz der unterschiedlichen Kulturkreise sehr ähnlich sind: Beide Figuren befreien sich durch Gewitztheit aus ihrer Außenseiterrolle.“

„Da ist noch mehr“

Um diese Parallelen zwischen Deutschland und Japan auch japanischen Kindern vor Augen zu führen, lud das Goethe-Institut die beiden Darsteller im März zu einem Gastspiel nach Tokyo ein. Das Erdbeben am 11. März erfuhren sie dort am eigenen Leib. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland mit dem grundlegenden Bedeutungswechsel ihres Programms konfrontiert: Mit einem Mal ging es in Deutschland nicht mehr alleine darum, einen Einblick in die andere Kultur zu geben, sondern darum, Vorbehalten entgegenzuwirken.

„Als wir Naita Aka Oni Anfang April auf dem Japantag spielten, wussten wir, dass wir das Richtige machen“, erklärt Moebus. „Nach Fukushima war für die Kinder Japan gleichbedeutend mit AKW. Wie zeigten ihnen, dass da noch mehr ist.“ Die Eltern seien alle überrascht gewesen, dass sich Kinder am Ende der Vorstellung plötzlich für die Teezeremonie interessiert hätten. „Ich denke es kommt nur auf die Art und Weise der Vermittlung an. Schauspiele können sehr viel zur Verständigung zwischen Kulturen beitragen.“

Mit den Aufführungen von Das tapfere Schneiderlein sieben Monate später in Japan hoffen die beiden den Kindern in der Krisenregion Mut zu machen, gerade angesichts ihrer neuen Außenseiterrolle „tapfer“ nach vorne zu blicken. Wie sich zeigt, ist das bei manchen Stationen auch noch bitter nötig. So etwa an der Takasago-Grundschule. In der Sporthalle erinnern noch Schilder mit Ortsnamen an den Wänden an die Monate erinnern, die diese Halle als Flüchtlingsstätte gedient hat.

Kleine und große Tricks

Im Gepäck haben Theaterta eine Art Zauberwand. Hinter dieser wird der arme Fliegenfänger zum echten Helden und nimmt es mit einer List mit dem Riesenbrüderpaar auf. Als es dann zum Wettkampf im Steinewerfen kommt und die beiden scheinbar in die Unendlichkeit treffen, sind die Kinder trotz Ermahnungen ihrer Lehrer kaum noch zu halten. Anika Herbst machen Vorführungen an Schulen deshalb besonders Spaß: „Kinder sind in Gruppen noch ungezwungener. Mit ihren Eltern an der Seite benehmen sie sich. Die Energie im Publikum ist eine ganz andere.“

Und Roman Moebus ist überzeugt: „Wenn ein Kind mich einmal im Tütü als Prinzessin gesehen hat, bleibt das hängen.“ Am Ende der Vorstellung möchten es die Kinder dann ganz genau wissen: War das wirklich ein Stein, der da geworfen wurde? Woher kam das Vogelgezwitscher im Märchenwald und wie hat das Schneiderlein so schnell ein Stück Stoff in einen Rock verwandelt? Die Darsteller zeigen ihre Requisiten und erklären den Kindern alle großen und kleinen Tricks. Beim anschließenden Mittagessen im Pausenhof setzen sich die Kinder ganz selbstverständlich dazu.

Am nächsten Tag, vor der letzten Vorstellung der einwöchigen Tour steht eine Fahrt durch Sendais Berge auf dem Programm. Hier haben die Straßen im Gegensatz zu denen in der Stadt Gebrauchsspuren und Unebenheiten. „Die Erde am Meer ist weicher und schwingt mehr als hier in den Bergen,“ erklärt eine Einheimische, „deshalb ist die Gegend weitgehend unverschont geblieben.“ In Tokyo waren die Berge bis letzten Herbst ein beliebtes Ziel für Wochenendausflüge. Doch bis die Ausflügler wieder in diese Gegend, die 80 Kilometer von der Reaktorruine entfernt liegt, finden, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Anika Herbst und Roman Moebius sind sich dagegen sicher: Sie selbst werden wiederkommen. Dann wollen sie in der Region um Iwate und Kesenuma spielen, wo derzeit die Aufräumarbeiten noch in vollem Gange sind.
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