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App zum Deutschlernen: Um Nebras Willen!

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Zeng Qi aus China: „Das Spiel trainiert das Hörverstehen“ (Foto: Gitte Zschoch)

2. Februar 2012

Skandal im Archäologiemuseum von Halle: Die Himmelsscheibe von Nebra soll eine plumpe Fälschung sein. Zur Klärung des Sachverhalts hat sich jetzt auch das Goethe-Institut eingeschaltet – und zahllose Detektive in der ganzen Welt losgeschickt. Das Ergebnis: bessere Sprachkenntnisse. Von Gitte Zschoch

Die kniffligste Aufgabe kommt ganz am Schluss: Mond, Sonne und Sterne müssen auf der Himmelsscheibe so verschoben werden, dass sich eine geheime Schatulle öffnet. Nur so lässt sich herausfinden, ob die Scheibe das Original oder eine Fälschung ist. Eine Nutzerin kommt hier nicht mehr weiter. Auf Facebook fragt sie verzweifelt um Rat: „Hilfe, ich bin im Museum, aber egal, wie ich Mond, Sonne und Sterne positioniere, ich komme nicht weiter. Was muss ich tun?“

Der Spielerin wird direkt geholfen. Joachim Quandt rät, mit der Sonne anzufangen. „Denk daran, im Rätsel wird von einer Linie gesprochen.“ Quandt ist Leiter des Projektteams im Goethe-Institut, das das Spiel Lernabenteuer Deutsch – Das Geheimnis der Himmelsscheibe entwickelt hat. Sein Hinweis erweist sich als hilfreich. „Danke, es hat geklappt“, bedankt sich die Nutzerin.

Auf scheinbar unlösbare Aufgaben stößt man im Spiel häufiger. „Das gehört dazu“, sagt Quandt, „und das letzte Rätsel muss natürlich das komplizierteste sein.“ Doch zunächst wollen Gegenstände eingesammelt, Menschen befragt und Aufgaben gelöst werden. „Ein Abenteuerspiel eignet sich hervorragend als Lernspiel“, bestätigt auch Manuela Beck. „Man kann nicht verlieren und hat keine Gegner. Der Weg zum Ziel dauert höchstens etwas länger.“ Beck leitet den Bereich Multimedia und Fernlehre in der Zentrale des Goethe-Instituts. Dort werden Ideen entwickelt, wie mithilfe des Internets Deutschkenntnisse erworben und vertieft werden können. Lernabenteuer Deutsch – Das Geheimnis der Himmelsscheibe ist das erste Spiel dieser Art für mobile Geräte. Bald wird es auch am Computer spielbar sein.



In Lernabenteuer Deutsch schlüpft der Spieler in die Rolle von Vincent Mirano, einem Kunstexperten. Dieser erhält eine mysteriöse E-Mail: Die Himmelsscheibe von Nebra, ein archäologisches Fundstück zur Zeitmessung, sei eine Fälschung. Daraufhin begibt sich Vincent auf eine Reise nach Deutschland, wo er sich in die Detektivsarbeit stürzt. Er trifft die Journalistin Jasmin, die ihm bei den Recherchen hilft. Nebenbei lernt Vincent, wie man Rote Grütze kocht und eine Drohne baut. Er muss mit einer Kioskbetreiberin, einem Versicherungsvertreter und vielen anderen Menschen kommunizieren und verstehen, was sie sagen. Nur so kommt er zum Ziel.

„Dass im Spiel gesprochen wird, ist das beste an diesem Programm“, berichtet Zeng Qi aus China, die als Austauschstudentin in München Germanistik studiert. „So kann man sein Hörverstehen trainieren, denn nur in den gesprochenen Dialogen erfährt man, was als nächstes zu tun ist.“ Die 25-Jährige spielt das Spiel zum ersten Mal und stößt schon bald auf Schwierigkeiten: „Im Moment suche ich das Hotel, aber ich verstehe die Wegbeschreibung nicht so genau.“ Doch nach wiederholtem Hinhören kommt auch Zeng auf die richtige Fährte.

Erica Cabrini hat keine Verständnisprobleme. „Sprachlich schwierig ist das Spiel nicht, man muss nur genau zuhören.“ Die 26-Jährige hat in São Paulo bereits Deutsch unterrichtet und absolviert nun ein Master-Programm in Deutsch als Fremdsprache. „Ich kann mir gut vorstellen, das Spiel später im Unterricht einzusetzen. Es bietet echte Situationen aus dem Leben an: wie man mit einer Speisekarte umgeht oder nach Informationen fragt.“ Doch manchmal sind die Aufgaben auch für sie schwer: „Ich habe den Supermarkt gefunden, aber er hat zu. Ich muss hier aber einkaufen gehen. Nur wie komme ich rein?“

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Erica Cabrini aus Brasilien und ihre Kommilitonin Andrea Real aus Kolumbien stoßen kaum auf sprachliche Schwierigkeiten (Foto: Gitte Zschoch)

Genau das war auch das Anliegen der Entwickler: echte Kommunikationsszenarien spielerisch umzusetzen. Man müsse keine grammatikalischen Probleme lösen, um im Spielverlauf voranzukommen. Vielmehr gehe es darum, mit Hilfe der Sprache die verschiedenen Aufgaben des Abenteuers zu bewältigen. So müssen die Spieler etwa herausfinden, welche Zutaten man für Rote Grütze benötigt, und sich dann auf die Suche nach einem Supermarkt machen. Aber natürlich ist das Spiel auch eine sprachliche Herausforderung für den Deutschlerner. „Er muss verstehen, was gesagt wird, und daraus seine Schlüsse ziehen“, erklärt Beck. „Es geht um eine kommunikative Anwendung des Deutschen, nicht darum, Adjektivdeklinationen perfekt zu beherrschen.“ Bereits mit mittleren Deutschkenntnissen kommt man gut durch das Spiel – der stetige Fortschritt ist wichtig, damit die Motivation für das Lernen nicht verloren geht. „Gerade als Selbstlerner braucht man zum Lernen eine sehr hohe Motivation“, so Quandt. „Diese bietet das Spiel durch seine Geschichte, man wird fast ein bisschen süchtig.“

Dass dabei auch landeskundliche Informationen vermittelt werden, ist ein gewünschter Nebeneffekt: Wer weiß schon über die Himmelsscheibe von Nebra Bescheid, und wer kennt Halle an der Saale? Der entsprechende Wortschatz bereitet Cabrini keine Probleme. „Es gibt trotzdem einige unbekannte Wörter. Diese werden aber entweder im Spiel selbst erklärt, oder man kann sie sich aus dem Kontext herleiten.“ So wie die Rote Grütze? „Genau. Ich kannte Rote Grütze nicht, aber jetzt weiß ich sogar, wie man sie macht. Und der Supermarkt hat jetzt endlich geöffnet.“
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