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Linda Olsson im Interview: „Neuseeland ist befreiend“

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Autorin Olsson: „Ich habe mich ganz auf Neuseeland eingelassen“ (Foto: Goethe-Institut)

3. Oktober 2012

Die Frankfurter Buchmesse steht in diesem Jahr im Zeichen des Gastlandes Neuseeland. Als eine Vertreterin der neuseeländischen Literatur wird jedoch ausgerechnet eine Schwedin nach Frankfurt reisen. Im Interview erzählt Autorin Linda Olsson, wie es sie ans andere Ende der Welt verschlagen hat.

Frau Olsson, Ihr Nachname verrät bereits, dass Sie keine typisch neuseeländische Schriftstellerin sind. Wie sind Sie nach Neuseeland gekommen?

Olsson: Als ich mit dem dritten Kind schwanger war, bekam mein Mann ein Jobangebot von der Weltbank in Kenia, und ich freute mich auf die Aussicht, viel Zeit mit meinem Kind zu verbringen. Was eigentlich als dreijährige Unterbrechung unseres schwedischen Alltags gedacht war, wurde zum Anfang einer Reise, die uns um die ganze Welt führte und schließlich 1990 in Wellington endete. Ich war noch nie zuvor in Neuseeland gewesen. Als ich damals aus dem Flugzeug stieg, suchte ich zuerst einmal den Boden nach Kiwis ab ...

Zwei Ihrer Bücher, „Die Dorfhexe“ und „Die Fremde am Meer“, beginnen mit der Ankunft der Protagonistinnen in Neuseeland. In letzterem wird die Berührung mit der neuseeländischen Landschaft zu einer Art Katalysator für die persönliche Befreiung der Frau. Ging es Ihnen ähnlich?

Wie meine Protagonistin empfinde auch ich die neuseeländische Landschaft als überwältigend. Sie ist unglaublich vielfältig. Obwohl das Land so klein ist, wirkt alles sehr groß. Das Meer ist enorm, die Berge sind riesig, und man fühlt sich daneben winzig klein. Das hat etwas Befreiendes. Mit Europa verbinde ich die Behaglichkeit menschlicher Nähe. Alles ist erfüllt von Menschen und Geräuschen. In Neuseeland kommen die Töne aus der Natur.

Lesung aus dem Buch „Die Fremde am Meer" (auf Englisch)

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Aber ist die schwedische Landschaft der neuseeländischen nicht auch verwandt?

Das stimmt, da gibt es große Ähnlichkeiten. Und uns verbindet eine große Liebe zur Natur. Ich denke, es ist kein Zufall, dass Schweden und Neuseeland in internationalen Belangen oft dieselben Entscheidungen treffen. Wir sind zwei kleine Länder am Rand der Welt.

Was mit der Erfahrung von Natur begann, ging über in eine erfolgreiche Karriere als neuseeländische Schriftstellerin. Wie ist das passiert?

2003, ein paar Jahre vor der Veröffentlichung meines ersten Buches, gewann ich den Sunday Star-Times Short Story Award. Ein wichtiger Preis in Neuseeland, für den sich viele gute einheimische Schriftsteller beworben hatten. In einer weiteren Kategorie gewann ebenfalls eine Autorin, die keine Muttersprachlerin ist. Das beweist auch die Gastfreundschaft dieses Landes. Obwohl ich ein sehr schwedisches Buch geschrieben hatte, in einer Sprache, die nicht meine eigene ist, bin ich mit offenen Armen empfangen und als neuseeländische Autorin akzeptiert worden.

Es klingt ja fast schon wie ein Märchen: Als ausgebildete Anwältin in einem so intimen Bereich wie der Literatur, noch dazu in einem fremden Land, Erfolg zu haben ...

Rückblickend ist es tatsächlich außergewöhnlich, aber damals hat sich alles so beiläufig entwickelt. Ich hatte mich für einen Kurs an der Universität in Auckland eingeschrieben, in dem alle anderen Teilnehmer halb so alt waren wie ich – bei Witi Ihimaera.

Dem Verfasser des bereits verfilmten Buches „The Whale Rider“.

Ja, ein unglaublich produktiver und kreativer Mensch. Unter seiner Aufsicht schrieb ich meinen ersten Roman und reichte ihn ganz unbedarft bei einem der großen neuseeländischen Verlage ein. Wenig später erhielt ich den Anruf, man wolle mein Buch veröffentlichen. So kam der Stein ins Rollen. Jetzt gibt es das Buch in 31 Ländern.

„Die Dorfhexe“ – was ist das für ein Buch?

Ich beschreibe es gern als kleines literarisches Kammerspiel. Es gibt nur zwei Charaktere, die sich einander zögernd annähern und schließlich eine innige Freundschaft eingehen. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber das Buch scheint etwas an sich zu haben, das die Leute unmittelbar anspricht. Immer wieder höre ich von kranken Menschen, die aus der Geschichte Kraft geschöpft haben. Eine Frau hat sogar gesagt, es habe ihr geholfen, den Krebs zu überstehen.

Lesung aus dem Buch „Die Dorfhexe" (auf Englisch)

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Fußball und Literatur haben etwas gemeinsam: Die zweite Saison zu spielen, sprich das zweite Buch zu schreiben, ist sehr schwer. Wie war es für Sie?

Es zu schreiben war nicht schwer, aber es war schon hart zu sehen, dass es nicht einmal ansatzweise an den Erfolg des ersten Buches anknüpfen konnte. Vielleicht lag es daran, dass ich einen männlichen Erzähler gewählt habe.

Was ist das Problem daran?

Man hält mich vielleicht eher für eine Vertreterin der klassischen Frauenliteratur. Dabei mag ich die Vorstellung überhaupt nicht, dass Bücher nur für bestimmte Gruppen geschrieben werden. Einer meiner Verleger hat mir sogar einmal eine Infografik vorgelegt, der ich eine statistische Erhebung meiner Leserschaft entnehmen konnte. Was soll das? Bücher können von jedem gelesen werden. Ich lese viele typisch männliche Autoren und verstehe nicht, warum sich Männer nicht für Frauenthemen interessieren sollten und umgekehrt.

Ein wiederkehrendes Thema Ihrer Bücher ist Freundschaft.

Das stimmt. In Die Fremde am Meer trifft die Protagonistin auf einen kleinen Jungen, der zu Hause misshandelt wird. Sie wird dadurch mit ihrer eigenen furchtbaren Kindheit konfrontiert und schreitet ein, um den Jungen zu retten. Gleichzeitig wird sie dadurch selbst geheilt. Im Grunde geht es um zwei dysfunktionale Menschen, die sich anfreunden und dadurch gegenseitig retten.

„Die Dorfhexe“ scheint noch sehr schwedisch zu sein, „Die Fremde am Meer“ ist Ihr neuestes Buch. Ist es sehr neuseeländisch?

Ja, ich bin in einem Zustand, in dem ich mich ganz auf Neuseeland eingelassen habe. Ich habe hier nicht mehr mit Heimweh zu kämpfen. Dadurch war ich beim Schreiben auch viel freier als früher. Es steckt viel Liebe zu Neuseeland in meinem aktuellen Buch.

Wie schätzen Sie die Lage der Literatur in Neuseeland ein?

Die Fremde am Meer spielt in dem kleinen Ort Kawhia, der in einer einsamen Gegend an der Westküste der Nordinsel gelegen ist. Obwohl Kawhia nur circa 600 Einwohner hat, besitzt es eine Bibliothek. Jede Ortschaft hier, egal wie klein, hat eine Bibliothek. Das sagt viel über ein Land und seine Leute aus und für die Größe des Landes gibt es eine außergewöhnlich hohe Zahl an talentierten Schriftstellern. Sie sind gute Leser, aber auch gute Autoren.

Die Fragen stellte Christoph Mücher

Linda Olsson, geboren in Schweden, studierte Jura und arbeitete im Finanzgeschäft. Sie lebte in Kenia, Singapur, Japan und England und hat sich schließlich mit ihrem Mann in Neuseeland niedergelassen. 2003 gewann sie den Kurzgeschichten-Wettbewerb der Sunday Star-Times. Ihrem Debütroman Die Dorfhexe gelang sofort der Sprung auf die internationalen Bestsellerlisten. Diesen Herbst ist ihr dritter Roman, Die Fremde am Meer, erschienen.
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