„Invasion“: Josef und die Störenfriede

Opfer von Verführung und Bedrohung: Josef inmitten seiner „Gäste“ (Foto: Tom Trambow)
30. März 2013
Der deutsche Film hat in den letzten Monaten so manche Enttäuschungen hervorgebracht. Dito Tsintsadzes Invasion gehört definitiv nicht dazu. Das aggressive Psychodrama verstört, aber überzeugt. Von Christian Lüffe
Obwohl der aus Georgien stammende und in Berlin lebende Regisseur Dito Tsintsadze bereits zahlreiche internationale Preise für sein Werk erhalten hat, darunter die Concha de Oro in San Sebastian für seinen in Deutschland entstandenen Film Schussangst, ist er hier nur eingefleischten Cineasten bekannt.
Auch Tsintsadzes neuer Film Invasion zeigt wieder eine vitale, eigenständige Handschrift, die ihn aus der leider nicht immer überzeugenden deutschen Filmproduktion des Jahres 2012/13 heraushebt.
Josef (Burghart Klaußner) ist ein 59-jähriger Witwer, der seinen einzigen Sohn durch einen Unfall verloren hat. Auf dem Friedhof begegnet er Nina (Heike Trinker), die behauptet, eine Cousine seiner verstorbenen Frau zu sein. Gemeinsam mit ihrem Sohn Simon (David Imper) gewinnt sie Josefs Vertrauen und verbringt eine Nacht in seinem großen, abgelegenen Gehöft. Kurz darauf bitten Simon und seine Frau Milena um Aufnahme in Josefs Haus, der ihnen dies auch gewährt, weil es für ihn ein Weg aus der Einsamkeit zu sein scheint. Doch wenig später ziehen auch Nina und ihr Freund Konstantin (Merab Ninidze) bei Josef ein.
In einer Mischung von scheinbarem Mitleid, Verführung und mehr oder weniger latenten Drohungen übernehmen die neuen Bewohner Stück für Stück die Herrschaft auf Josefs einsamem Gehöft. Insbesondere Konstantin, der beginnt, mit obskuren Partnern seine Geschäfte in Josefs Büro zu treiben, entpuppt sich zusehends als Herrscher in diesem geschlossenen Reich. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Eindringlinge nicht nur Josef immer stärker ihrem Einfluss unterwerfen, sondern auch untereinander durch ein Geflecht starker persönlicher Abhängigkeiten miteinander verbunden sind.
Mein Tipp des Monats
Einmal im Monat präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle eine Kulturempfehlung. Reihum bitten wir die Experten aus den verschiedenen Fachbereichen des Goethe-Instituts um ihren ganz persönlichen Tipp. Ob Klassiker oder Neuheit, Geheimtipp oder Hochkultur – gefragt ist, was gefällt.
Nina versucht Josef zu verführen. Konstantin ermutigt ihn sogar, sich diesem Ansinnen zu öffnen. Josef beginnt aber stattdessen eine Amour fou mit Milena. Deren Mann Simon versucht derweilen, seine Männlichkeit durch asiatische Kampfsportarten zu beweisen und Milenas zehnjährigen Sohn mit teilweise brutalen Erziehungsmethoden „auf die Härte des Lebens“ vorzubereiten. Die emotionalen Verstrickungen werden immer aggressiver und enden unausweichlich in einem Gemetzel.
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In seiner Dramaturgie erinnert Tsintsadzes Film an die frühen Dramen Harold Pinters, in denen ebenfalls oft eine Gruppe aggressiver Eindringlinge ein scheinbar festes Ordnungsgefüge zerstört, bis sich die Platzhalter wehren. Den Film als „satirische Parabel“ kleinbürgerlicher deutscher Xenophobie gegenüber östlicher Zuwanderung zu begreifen, wie dies einzelne Kritiker tun, geht allerdings an der Sache vorbei.
Der Grundton des Films ist dafür viel zu bedrohlich. Zu real sind die brutalen Kämpfe der Figuren um ihre jeweiligen Positionen und Herrschaftsansprüche. Dieser Grundton wird nicht nur durch die exzellente Musik unterstrichen, sondern auch durch die oft mit Handkamera gedrehten Außenaufnahmen der grauen Herbstlandschaft. Beeindruckend auch die Arbeit der Schauspieler, insbesondere der beiden Antagonisten Burghart Klaußner und Merab Ninidze, hinter dessen vermeintlicher Freundlichkeit stets kalte Aggressivität zu spüren ist.
Christian Lüffe war zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter am Englischen Seminar der Ruhr-Universität Bochum, später wechselte er zum Goethe-Institut und war unter anderem für die Programmarbeit in Córdoba und in Amsterdam, als Institutsleiter bis 2005, verantwortlich. Seitdem arbeitet er für den Filmbereich und ist seit 2009 dessen Leiter. Er liebt die Literatur und das Kino, vor allem das skandinavische und das lateinamerikanische. Seine musikalischen Vorlieben mäandern ohne klare Linie zwischen Barockoper, Jazz und Drum'n'Bass. Er hasst lange, unproduktive Sitzungen.










