Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Als die Welt noch zu Gast in Höhenmoos war

Japanisch-bayerische Reiselust: Karl Kreidl zeigt seinen Gästen die Berge, das Wandern und was an Bayern noch so außergewöhnlich ist. Copyright: Günter R. Müller
Japanisch-bayerische Reiselust: Karl Kreidl zeigt seinen Gästen die Berge, das Wandern und was an Bayern noch so außergewöhnlich ist.


Sie sind alle in Höhenmoos gelandet, Japaner, Iraker, Afrikaner. Um Deutsch zu lernen. Vor 50 Jahren war das, als Goethe-Institute in der bayerischen Provinz der Renner waren. Noch heute gibt es die Wirtin, die den Studenten die allererste Halbe ihres Lebens verkauft hat. Ihre Geschichten von damals sind sagenhaft.

Einen Maibaum haben sie in Höhenmoos, Kühe, 367 Einwohner, eine Bushaltestelle, eine Kirche, mehr nicht. Außer diesem phantastischen Wirtshaus am Dorfeingang. Früher, vor 50 Jahren, war das anders, komplett anders. Da hat sich in dem winzigen Nest im Kreis Rosenheim die Welt getroffen. Aus Afrika sind sie gekommen, aus Japan, Holland, Arabien, den USA, dem Libanon, Irak, der Türkei und von noch weiter her.

Heute kommt keiner mehr. Aber dafür gibt es die Wirtin dieses phantastischen Wirtshauses am Dorfeingang noch immer. Sie sitzt in der Küche und blättert in einem Buch. Die Wirtin blättert in ihrem Leben. „Es ist mir etwas schwer, mich von Ihnen zu verabschieden“, steht da geschrieben, in ihrem Gästebuch. Oder ein paar Seiten weiter: „Ich bin besser, weil ich Sie kennengelernt habe.“ Und noch ein paar Seiten später: „Studieren haben wir hier sehr oft vergessen, aber wir haben hier doch Deutsch gelernt. Und das verdanken wir auch Sie, liebe Maria. Schade das ich kein Bier liebe aber das Apfelsaft war wirklich wunderbar.“ Maria Kreidl, 77, legt das Buch beiseite. „Das war die schöne alte Zeit“, sagt sie.

Studenten aus der ganzen Welt haben bei ihr gegessen, getrunken, geweint, gesungen, getanzt und „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“ gespielt. Einen Ort weiter, in Achenmühle, war in den 1960er-Jahren ein Goethe-Institut untergebracht – mitten im oberbayerischen Nirgendwo haben die jungen Leute Deutsch gelernt. Übernachtet haben viele in den drei Doppelzimmern von Maria Kreidl. „Für alle zusammen gab es damals eine Dusche“, sagt sie. „Das hat glangt.“
Manchmal hat es den Studenten aber doch nicht glangt, dann sind sie in die einzige Badewanne im Haus gehüpft – in die der Wirtin. Wenn Maria Kreidl sie dabei erwischt hat, gab’s ein vielsprachiges Palaver. Manchmal. Aber meistens haben sie doch nur gemeinsam darüber gelacht. Es waren magische Zeiten. Die Welt auf Besuch im „Wirtshaus Kreidl“. Die Wirtin war wahrscheinlich, ohne es zu wissen, die erste Ausländerbeauftragte Bayerns. Sie hat der Welt gezeigt, was für ein verdammt sensationelles Völkchen diese Bayern sein können.

Neben der Wirtin sitzt ihr Ehemann Karl, 85. Er sagt: „Es hat kein Dorf gegeben, das so international war wie Höhenmoos.“ Man kannte sich damals jedoch nicht immer so aus wie heute mit den fremden Kulturen, den Religionen, den Essgewohnheiten. Rücksicht genommen hat man trotzdem – so gut man konnte. Man wusste zum Beispiel, dass die Muslime kein Schwein mögen. Aber manchmal war eben nichts anderes im Haus als Schwein, und gastfreundlich wollte man auch sein. Was also tun? „Die haben immer ein ganz ein mageres Schwein bekommen“, sagt Karl Kreidl. Gab nie Beschwerden.

Noch heute erzählen sie sich im Dorf die Geschichten von den Gaststudenten, keiner war länger da als vier Monate, aber die Erinnerungen halten ein Leben lang. Da ist zum Beispiel Leo aus Afrika. „Der erste Schwarze von Höhenmoos“, erzählt der Wirt. „Eine Rarität damals.“ Die kleinen Buben aus dem Dorf sind immer zu ihm gelaufen gekommen. „Warum bist Du soooo schwarz?“, haben sie ihn gefragt. Leos Antwort, es war immer die gleiche: „Weil mich dann mein Vater nicht sieht, wenn ich ihm die Kokosnüsse vom Baum klaue.“ Der Satz ist eine Legende in Höhenmoos. Oder da waren die Studentinnen aus Schweden, auch sie legendär, dorfbekannt für ihre Liebe zu bayerischem Bier. „Die waren so was von trinkfest“, sagt Karl Kreidl.

Oder da war Richard aus Singapur. Er hat ums Eck öfter Fische gefangen – mit der Hand. Die hat er dann mit ins Wirtshaus geschleppt. Maria Kreidl hat ihn jedes Mal geschimpft. „Und danach hab’ ich ihm den Fisch gebraten“, sagt sie lachend. Am nächsten Tag gab es als Dank einen Strauß Blumen.

Wer sich gut mit der Maria stellte, dem fehlte es an nichts. Wenn das Essen im Institut nicht schmeckte, hat sie ihnen noch schnell ein Schinken-Omelette gemacht. Kaltes Bier gab es für 1,50 Mark die Halbe, und einmal hat sich sogar ein Vater aus Dänemark bei ihr erkundigt: „Und, lernt mein Sohn brav Deutsch?“, hat er gefragt. „Ganz fleißig“, hat die Wirtin geantwortet. Es war glatt geflunkert, aber ihre Gäste, kaum einer über 24, waren ihr heilig.

Zu einigen hat sie heute noch Kontakt, sie sind selbst alte Männer und Frauen geworden, manche Professoren, andere Musiker, Lehrer, Postbeamte. Manchmal klopft es bei den Kreidls plötzlich an der Türe, kürzlich erst war ein älterer Herr aus Amerika mit seiner Familie da – es war ein ehemaliger Goethe-Student. Er wollte seinen Leuten Höhenmoos zeigen, und natürlich die Kreidls. Dafür fährt man gerne einmal um die Welt. Ende der 1960er-Jahre haben sie das Goethe-Institut in Achenmühle dann geschlossen. Wenn schon Deutschland, dann in eine größere Stadt, haben die Studenten gesagt. Mit Land-idylle und Schuhplattln mit den Nachbarsburschen war niemand mehr nach Höhenmoos zu locken. Vorbei die verrückten, herrlichen Augenblicke in dem winzigen Ort.

Das Wirtshaus Kreidl aber, das hat heute noch offen, nicht mehr jeden Tag, aber sonntags um 9 Uhr gibt es für alle durstigen Kirchgänger ein Bier, die Veteranen haben ihren Stammtisch dort, die Feuerwehr, die Landjugend, die Trachtler. Es ist wieder wie früher, wie ganz früher. Man ist unter sich. Kein Student weit und breit. „Es ist nichts übrig geblieben“, sagt Karl Kreidl, lacht, lacht immer weiter, dann sagt er: Ihm sei kein Nachwuchs bekannt. Die Zeit der Goethe-Studenten hat die Höhenmooser Geburtenraten in keiner Weise beeinflusst. „Damals waren alle brav.“

Lange her. Aber die Kreidls bewahren das Andenken – in ihrem Herzen und im Gästebuch. Es gibt nur ein Problem, Maria und Karl haben selbst keine Kinder: Der Neffe soll das Haus mal bekommen, ob es dann weiter ein Wirtshaus bleibt ist ungewiss. „Du wirst leben bis Du 100 bist“, sagen die Einheimischen vorsorglich und nicht frei von Eigeninteresse zu Karl Kreidl. „Denn die Bauern brauchen einen Wirt.“

Höhenmoos ohne sein Wirtshaus – „das mag ich mir gar nicht vorstellen“, sagt der Wirt. Dann wäre die schöne, alte Zeit endgültig vorbei. Vorsichtshalber hat er seinen Ruhestand noch ein wenig verschoben. Auf nie.
Von Stefan Sessler
Erschienen im Münchner Merkur
Freitag, 20. Mai 2011