Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Erinnerung an den 9. November 1989 in Nairobi/Kenia
Von Ute Gräfin Baudissin

Von dem dramatischen Geschehen in der Heimat, in der ehemaligen Hauptstadt Berlin, tausende Kilometer entfernt, liefen noch in der Nacht - glücklicherweise mit nur marginaler Zeitverschiebung - die Telefone heiß mit den völlig unerwarteten spektakulären Meldungen aus dem Familien- und Freundeskreis, die mit ungläubigem Staunen zur Kenntnis genommen wurden. Ungläubig auch deshalb, da man vor kurzem noch dienstlich in Berlin war und nach allgemeiner Einschätzung an dem Bestand der Mauer - nach Lesart der DDR-Oberen als antifaschistischer Schutzwall deklariert - die nächsten Jahrzehnte nicht zu rütteln war!

Am nächsten Morgen dann unzählige weitere Telefonate mit Deutschland, der Zentrale in München, dem Institut in Berlin, mit den deutschen Institutionen vor Ort, in erster Linie natürlich mit der Deutschen Botschaft, der Deutschen Schule und den Repräsentanten der politischen Stiftungen. Alle, aber auch wirklich alle waren gleichermaßen überrascht und konnten die unglaublichen nächtlichen Vorkommnisse vor, hinter und vor allem auch auf der Mauer nicht fassen. Es wurde Kriegsrat gehalten, wie man die inzwischen von der Deutschen Welle gesendeten Bilder - in der Nacht und am folgenden Morgen noch vom Kulturreferenten mitgeschnitten - am schnellsten und informativsten den interessierten Deutschen und afrikanischen Freunden vermitteln könnte.

Es wurde sehr schnell gehandelt; der Leiter der Deutschen Schule stellte seine große Turnhalle zur Verfügung, das Goethe-Institut sein Equipment, wie den großen Beamer, und die Botschaft lieferte die Software. So konnte bereits einen Tag später die Veranstaltung laufen mit hunderten von Teilnehmern, Schülern, Eltern, Botschaftsangehörigen, Goethe-Mitarbeitern und wichtigen Partnern, die allesamt wie gebannt dem unglaublichen Geschehen auf der Leinwand folgten, anfangs ganz still, aber im Laufe des Abends die ungezügelte Freude der Menschen diesseits und jenseits der Mauer aufgreifend und selbst Begeisterung verspürend, dann doch lauter werdend. Man fiel sich auch auf einmal in die Arme und teilte seine Freude mit den Umstehenden; denn man stand dicht gedrängt. Als dann schließlich noch die deutsche Nationalhymne angestimmt wurde und man die Worte “Einigkeit und Recht und Freiheit“ mit Inbrunst gemeinsam verlautbarte, war kein Halten mehr; es flossen die Tränen in Strömen, auch und gerade von den sonst so gestählten Geschäftsleuten, die sich in diesen Augenblicken nicht ihrer Rührung schämten.

Für die Berichterstatterin, die sich bewusst zu dem Kreis der „Spät-68er“ zählt, war es das erste Mal, dass sie von patriotischen Gefühlen übermannt wurde und in diesem Moment erstmals stolz war auf ihr Vaterland. Auch die Jüngeren unter den Anwesenden wurden von dieser allgemeinen Ergriffenheit erfasst und fragten in Schule und Deutschkursen weiter nach, um dieses einmalige Erlebnis besser verarbeiten zu können. Die Schüler der Deutschen Schule, zu denen auch die eigenen Kinder zählten, bauten eine „Mauer“ auf, die sie dann symbolisch zum Einsturz brachten, um auf diese besondere Weise Anteil zu nehmen und ihr Mitfühlen zu dokumentieren.

Die Presse bat um Interviews, die von allen bereitwillig gegeben wurden, trotz vorerst unzureichender Informationslage. Dennoch erzeugte die Tatsache an sich, dass die für viele unüberwindlich geglaubte Mauer - es sei nur an die zahlreichen Maueropfer erinnert - überwunden werden konnte, eine Hochstimmung, die so gewaltig war, dass man allein hieraus die immensen sich abzeichnenden politischen Veränderungen voraussehen konnte.

Es war eine Selbstverständlichkeit, dass alle Institute der Region Ostafrika, ob in Äthiopien, Sudan oder Tansania, sich aus eigener Überzeugung in der Spracharbeit, aber auch in Projekten mit Partnern diesem Phänomen stellten und die Frage von Menschenrechten und Demokratieaufbau besonders thematisierten.

Das Regionalinstitut Nairobi veranstaltete z.B. ein Symposium mit dem Titel „The Twisted Path to Democracy on the Collapse of State Socialism and the Difficult Transition to Democracy“ unter Beteiligung afrikanischer Philosophen und Politikwissenschaftler, aber auch der Alexander-von-Humboldt-Stipendiaten und anderer Rückkehrerorganisationen. Denn diese sollten als Multiplikatoren die gewonnenen Erkenntnisse in ihre Länder tragen, um den Aufbau der dort dringend benötigten Zivilgesellschaften fördern zu helfen. Wir waren fest davon überzeugt, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhangs die Stellvertreter-Kriege in Afrika aufhören würden und ein friedliches Nebeneinander oder besser Miteinander möglich sein würde.
Von Ute Gräfin Baudissin, Dresden, 1. September 2009