Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Goethes Kampf mit dem „e“
Von Dietrich Sturm

Ohne Frankreich, vor allem ohne die schöne Stadt Lyon, hätte es den großen Klassiker Johann Wolfgang von Goethe nie gegeben. Zugegeben, diese Behauptung mag vermessen klingen, aber ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht.

Genauer: Goethes unternehmungslustiger Großvater väterlicherseits verbrachte als junger Mann mehrere Jahre in Frankreich, wo er den Beruf eines Schneiders ausübte. In der Seidenstadt Lyon war Friedrich Georg, so sein Name, in der Modebranche tätig und perfektionierte sich in der Seidenschneiderei. Es war denn auch dieses Metier, das ihm nach seiner Rückkehr nach Deutschland Verbindung zu vermögenden Damen verschaffte. Dazu zählte auch seine zweite Frau, eine reiche Schneiderwitwe, die unter anderem das Gasthaus „Weidenhof“ mit in die Ehe brachte, damals eines der ersten Häuser Frankfurts. Wenn Friedrich Georg in der Folge als Weinhändler und Hotelier zu beträchtlichem Wohlstand gelangte, so kamen ihm dabei zweifellos das Savoir-vivre und das Savoir-faire aus seinen Lyoner Jahren bestens zustatten. Nicht zuletzt ermöglichten ihm seine Sprachkenntnisse, Verbindungen zu den Weinhändlern im Rhone-Tal zu schaffen und zu pflegen.

Von dem Vermögen, das er seiner Familie hinterließ, hat der Enkel noch lange Jahrzehnte seinen Aufwand bestritten. Es bildete die Voraussetzung für die umfassende humanistische Ausbildung und die gesellschaftliche Position des jungen Johann Wolfgang Goethe, die es ihm schließlich erlaubten, am Musenhof von Weimar, als Minister und Autor, die große Gestalt der Weltliteratur zu werden, als die er in die Geschichte eingegangen ist. Den Seidenfrack, den er für seine Auftritte bei Hofe benötigte, orderte Goethe Junior, nebenbei bemerkt, in Lyon.

Es ist also keineswegs übertrieben festzustellen: ohne Lyon, ohne seines Großvaters Lehrjahre in der Metropole der Seide und der kulinarischen Genüsse, wäre Johann Wolfgang von Goethe sicherlich nicht der überragende, umfassend denkende Klassiker, der Staatsmann und Weltbürger geworden, als den ihn die Welt verehrt.

Nun wollen wir aber auf das im Titel erwähnte „e“ zu sprechen kommen. Bekanntermaßen haben die romanischen Sprachen in gewissen Fällen die Tendenz, dieses unbetonte „e“ am Wortende phonetisch zu vernachlässigen. So auch bei „Goethe“. Der klangvolle Name des großen Dichters wird somit auf einen simplen Einsilbler gestutzt. Besucht man einen Sprachkurs oder eine Veranstaltung, dann geht man in Frankreich „au Goeth“, in spanischsprachigen Ländern „al Geth“. Der elegante, wohllautende zweisilbige Name wird somit seines prosodischen Charmes beraubt und in die Banalität gezwungen, die einem kurzen „e“, das sich zwischen zwei Konsonanten gezwängt sieht, nun einmal unausweichlich anhaftet. Mitarbeiter des Goethe-Instituts mögen unter dieser phonetischen Verstümmelung, je nach Sensibilität, mehr oder weniger leiden - Friedrich Georg in Lyon jedenfalls fühlte sich dadurch offensichtlich ganz erheblich beeinträchtigt, und als Mann der Tat war er auch nicht bereit sich damit abzufinden. Er versah das von der französischen Lautung vernachlässigte „e“ kurzerhand mit einem Akzent und erzwang damit dessen phonetische Umsetzung: „Göthé“!

Dem Goethe-Institut, dies bedarf keiner Erläuterung, steht dieses Mittel nicht zur Verfügung, und dennoch ergab es sich ein einziges Mal, dass in einem Institut - oh Wunder! - die einheimische Lautung der Schreibung entsprach. Wie kam es dazu?

Wir schreiben das Jahr 1969. Die Universitätsstadt Córdoba in Argentinien wird von schweren sozialen Unruhen heimgesucht. Über Tage hinweg finden Kundgebungen und Straßenkämpfe statt, es gibt zahlreiche Verletzte. Die Lage droht aus dem Ruder zu laufen. Als die Studenten sich den demonstrierenden Metallarbeitern anschließen, scheint es der altehrwürdigen „Academia de Ciencias“ nicht mehr ratsam, ihren wissenschaftlichen Kongress zur Geschichte Argentiniens wie vorgesehen in den Räumen der Universität abzuhalten. Was tun? Man wendet sich an das Goethe-Institut, zu dem man beste Kontakte hat, und der amtierende Institutsleiter stimmt zu. Während also die Historikerelite Hispanoamerikas in den Klassenräumen, der Bibliothek und im Veranstaltungssaal über Argentiniens Vergangenheit disputiert, bringt sich unversehens die Gegenwart zu Gehör. Ein gewaltiger Demonstrationszug ist angekündigt, er soll sich auf den Boulevard Chacabuco zubewegen, an dem das Institutsgebäude gelegen ist. Tor und Eingangstüre werden verrammelt, die - glücklicherweise metallenen - Jalousien der Fenster verriegelt. Dann harrt man besorgt der Dinge, die da kommen mögen. Während die Institutsleitung zur Beruhigung Kaffee und andere nervenstärkende Getränke anbietet, nähert sich der Lärm des Aufmarsches. Trommelschläge, Megaphon-Ansagen und Sprechchöre sind zu hören, dann Schreie und Detonationen. Tränengas dringt durch die landesüblich undichten Fenster in das Innere des Kulturinstituts. Taschentücher werden gezückt, es wird geschnieft und gehustet. Die allgemeine Befindlichkeit kann vielleicht am treffendsten mit „gefasster Bangigkeit“ beschrieben werden.

Wer könnte sagen, wie viel Zeit verstrichen ist, bis der Lärm der demonstrierenden Menge sich entfernt hat? Der Hausherr fasst sich ein Herz und schließt die Eingangstüre auf, um die Zerstörungen in Augenschein zu nehmen. Sein Blick fällt auf Steine, auf Hülsen von Tränengasgeschossen, Reste von Transparenten, einige Schuhe und Kleidungsstücke, aber er kann zu seiner Erleichterung keine Schäden an den Häusern ringsum entdecken. Auch nicht am Institutsgebäude. Wirklich nicht? Doch! Ein Detail hat sich verändert: ein Stein traf das Leuchtschild mit dem Namen des Institutes. Ein Stein, ein Buchstabe, ein Loch. „Instituto Goeth“ war nun zu lesen, ganz ohne „e“ am Ende. Goethe hatte sich angepasst.
Von Dietrich Sturm