Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Der Mauerfall und ich - „Hier und Dort“
Von Gisela Kadar

Über 20 Jahre ist es her. Ich hatte eine Riesenmenge von Zeitungsausschnitten, Texten, Fotos, Städteansichten, Fahrkarten und Ähnlichem angehäuft, alles „authentisches Material“ zu den beiden deutschen Staaten „BRD“ und „DDR“. Und wie es dazu kam, dass Deutschland geteilt wurde, also Zeitgeschichte seit Kriegsende.

Die Materialsammlung war für den Deutschunterricht bestimmt, zum Gebrauch der Deutschlehrer in aller Welt.

Wer denkt heute noch daran, dass wir damals – es war 1987/88 – von der „Landeskunde der vier deutschsprachigen Staaten“ sprachen? Sich als Angestellte einer „westdeutschen“ Institution, des Goethe-Instituts, mit der DDR zu befassen, war ein Politikum.

Ich nannte die Materialsammlung „Hier und Dort“. Materialien zu beiden deutschen Staaten, zusammengestellt von einer (West)-Berlinerin. Denn ich lebte zu dieser Zeit mit meiner Familie in Berlin, war Dozentin am dortigen Goethe-Institut.

Mein Mann begleitete meine häusliche Wühlarbeit in den immer umfangreicher werdenden Bergen von Materialien, die zu sichten waren, mit nachsichtigem Wohlwollen. Meine Beschäftigung mit der DDR gefiel ihm. Als Auschwitz-Überlebendem und ehemaligem Marxisten – das war in seiner Studentenzeit in Budapest gewesen – hatte die DDR für ihn trotz aller Desillusionierung immer noch einen Rest der Aura des „besseren Deutschlands“ bewahrt.

Die Bände 1, 2 und 3 erschienen 1989, herausgegeben von der Arbeitsstelle für wissenschaftliche Didaktik des Goethe-Instituts München.

Band 1 war betitelt: „Wie sieht es Hier / Dort aus?“ Er war am mühsamsten zusammenzustellen gewesen, denn es ging um eine gleichgewichtige Gegenüberstellung von authentischen Materialien wie Übersichtskarten, Stadtplänen (soweit zu bekommen), Eintrittskarten, Prospekten, Briefmarken, Fahrplänen, Fotos und dergleichen. Während einer aufwendig vorbereiteten Ausflugsreise ins nördlich von Berlin gelegene DDR-Umland bis Neubrandenburg hatte ich baumbestandene Landstraßen, historische Sehenswürdigkeiten und sowjetische Sperrgebiete fleißig fotografiert. Als ich die Filme zum Entwickeln brachte, stellte sich heraus, dass sie unbelichtet geblieben waren; meine Linse hatte nicht funktioniert! Ein Rückschlag, der mir zu schaffen machte. Dennoch haben sowohl ich als auch meine Kinder später gerade in diesem Band gern geblättert.

Band 2 lag mir auch am Herzen. Es ging um die Befindlichkeit der Deutschen hier und dort. Der Titel: „Was wissen die Deutschen voneinander?“ Ich selbst war in den 50er-Jahren in der DDR, in Weimar, zur Schule gegangen. In West-Berlin hatte ich mein Abitur nachgemacht und dann, noch zur Adenauerzeit, mein Universitätsstudium in Bonn begonnen. Den Kulturschock hatte ich nur langsam verarbeitet. So glaubte ich mich in der Lage, die Befindlichkeiten hier und dort auch zu einem späteren Zeitpunkt noch nachempfinden zu können. Langjährige private Kontakte halfen dabei, dies zu aktualisieren. Dass nicht nur die Westdeutschen, sondern auch die meisten Westberliner „mit dem Rücken zur Mauer“ lebten und sich mit der Teilung mehr oder weniger abgefunden hatten, konnte ich mit einer eigenen Umfrage unter Schülern nachweisen. Der Band enthält diverse persönliche Stellungnahmen und Berichte, Sachtexte, literarische Texte und Gedichte von Autoren wie Monika Maron, Günter Kunert, Jürgen Fuchs, Wolf Biermann, Sarah Kirsch, Reiner Kunze.

In Band 3, gegliedert in zwei Einzelbände, werden die Entstehung der beiden deutschen Staaten bis zum Mauerbau, die deutsch-deutschen Beziehungen, die politischen Systeme, die „deutsche Frage“ in diversen Textauszügen und Abbildungen dargestellt. Ziel der Auswahl ist die Eigeninformation der ausländischen Deutschlehrer, aber auch die Verwendbarkeit im Unterricht.

Zu all dem hatte es Vorarbeiten gegeben, und zwar von den Kolleginnen Ute Grauerholz und Carola Ammon. Meine eigene Arbeit war maßgeblich unterstützt worden sowohl von Spezialisten aus der politischen Erwachsenenbildung (Thomas Richter, Eckart Stratenschulte) als auch von Goethe-Kollegen und freien Mitarbeitern (Bernd Kast, Dieter Strauss, Ria Kast, Gesa-Katrin Schmidt, Heigard Graef, Johannes Lenz, Christine von Oelsen).

Nach Klärung der Rechte und der Endredaktion lagen die vier Materialbände schließlich – wie oben gesagt, 1989 – gedruckt vor. Da fiel die Mauer! Von einem Tag zum andern war die gerade abgeschlossene Arbeit Makulatur geworden!

In der Euphorie, die das Miterleben eines weltgeschichtlichen Moments beschert – den spontanen Auftritt von Willy Brandt („jetzt wächst zusammen, was zusammengehört!“) verfolgte ich ungläubig im Fernsehen –, und im freudigen Bewusstsein, dass die jahrzehntelange Stagnation nun beendet sei und eine neue Zeitepoche beginnen würde, sagte ich mir: du musst loslassen! Zum Teufel mit dem ganzen Papierkram! Weh tat es doch, aber eigentlich erst ein wenig später.

Erika Hayes stellte den fünften, den Ergänzungsband 3,III zusammen: Massenflucht, Mauerfall, friedliche Revolution und Umbruch. Seitdem hat sich die Welt wiederum rasant verändert. Die beiden deutschen Staaten und der Mauerfall sind – schon ferne – Geschichte. Wer weiß, vielleicht ist „Hier und Dort“, inzwischen in der Rückbesinnung auf diese Zeit, im Rahmen des Deutschunterrichts oder von „social studies“, für den einen oder anderen erneut von Interesse? Ob es allerdings in den Lagern der Zentrale davon noch Restbestände gibt?
Von Gisela Kadar, Paris, im März 2011