Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Lagos 1961 – Auftakt
Von Barbara Thoma

Im Oktober 1961 hatte mein Mann, Dr. Richard Thoma, seinen Dienst in Lagos / Nigeria angetreten. Die Reise auf dem italienischen Frachtschiff „Piave“, das keinen Hafen an der afrikanischen Westküste ausließ, dauerte sechs Wochen. Außer uns samt unseren eher bescheidenen Habseligkeiten einschließlich Auto waren keine anderen Passagiere an Bord.

Nach vierjährigem Aufenthalt in Calcutta waren wir Tropen erfahren. Mit Neugier und Spannung sahen wir dem neuen Dienstort entgegen.

Die Nigerianer, kurz zuvor 1960 in die Selbstständigkeit entlassen nach langer britischer Kolonialherrschaft, sahen stolz, glücklich und selbstbewusst in ihre Zukunft in Freiheit und Unabhängigkeit, obwohl die ethnischen und religiösen Unterschiede: animistische Yoruba im Süden und Westen, christliche, missionierte Ibo im Osten und muslimische Haussa im Norden, konfliktträchtig waren.

Kurz nach unserer Ankunft – wir wohnten noch im Hotel und waren auf der Suche nach einer Bleibe, auch das Goethe-Institut sollte ja erst noch entstehen, wurde uns das Münchner Nonett angekündigt, das mit einem Programm klassischer Musik für das Goethe-Institut durch einige afrikanische Länder tourte. Das war ein absolutes Novum in dieser Region der Welt, eine echte Premiere.

In Lagos gab es ein schönes, sehr modernes Museum, afrikanischer Kunst gewidmet, das Ikoy-Museum. Das neue Selbstbewusstsein der Nigerianer, es fand hier Ausdruck in einer bis dahin kaum gekannten Wertschätzung der eigenen kulturellen Traditionen. Mein Mann hatte die Idee, das Konzert im grünen Innenhof des Museums stattfinden zu lassen. Einen geeigneten Konzertsaal gab es sowieso nicht.

Für die Durchführung und Logistik einer so großen und wichtigen Veranstaltung fehlte in Lagos zu der Zeit jede Voraussetzung und Erfahrung. Die erste große Zitterpartie: würden sich genügend Zuhörer eine Karte kaufen, aber noch viel wichtiger: würde sich das interessierte Publikum auf die Weißen in Lagos beschränken? Oder würde es gelingen, möglichst viele Nigerianer zu erreichen? Schließlich konnte man den Kartenverkauf für ein öffentliches Konzert nicht unter das Motto: „Blacks only“ oder „Schwarzenquote“ stellen.

Der Konzertabend kam, und wir hofften inständig auf ein zahlreiches „schwarzes“ Publikum. Der nigerianische Staatspräsident, Nnamdi Azikiwe, hatte sein Erscheinen zugesagt. Dieser in jeder Hinsicht „erste Mann im Staat“ war ein bei den Nigerianern außerordentlich angesehener, integrer und intelligenter Mann.

Der deutsche Botschafter, Graf Posadowsky-Wehner begrüßte mit uns den Staatspräsidenten und seine Entourage am Eingang des Museums. Wir sahen mit großer Erleichterung, dass sich der Gartenhof mit zahlreichen nigerianischen Zuhörern gefüllt hatte.

Unsere Münchner Musiker begannen mit dem Konzert. Für ein paar Sekunden herrschte überraschtes Schweigen, dann merkten die Zuhörer, dass das Münchner Nonett die nigerianische Nationalhymne intonierte; die Noten waren von uns rechtzeitig nach Deutschland geschickt worden. Alle erhoben sich von ihren Plätzen, natürlich auch Nnamdi Azikiwe. Es muss für die nigerianischen Zuhörer ein überwältigendes Erlebnis gewesen sein, ihre Nationalhymne, ihnen vertraut nur mit schmetterndem Blech und Trommelwirbeln, nun gespielt von Saiteninstrumenten einer „German Band“ zu hören:

„Nigeria, we hail thee
Though tribe and tongue may differ,
In brotherhood we stand,
Nigerians all, and proud so serve
Our sovereign Motherland”.


Das Konzert nahm seinen Lauf, an das Programm kann ich mich nicht erinnern. Die Nationalhymne, der afrikanische Sternenhimmel, einige nächtliche landestypische Geräusche waren würdige Zutaten zum schönen Konzert. Nnamdi Azikiwe klatschte nach jedem Satz begeistert, wir alle klatschten enthusiastisch und ausdauernd mit, und unsere deutschen Musiker haben das sicherlich nicht mal übel genommen.
Von Barbara Thoma