Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Mit Keiko-san im Land der aufgehenden Sonne
Von Irmgard Krüger

Tokyo, August 1964. Da saß ich nun auf der Terrasse eines Bungalows mit Blick auf einen schönen, gepflegten Garten. Ich schaute über einen Rasen auf Beete im Hintergrund; ein hoher Khakibaum und ein zierlicher mit Mandarinen setzten besondere Akzente; hochgewachsene Hortensienbüsche trugen tellergroße blaue Blüten. Das ganze Grundstück war von einer dichten Hecke umgeben.

Einige Wochen zuvor hatte mein Mann dieses Anwesen gefunden. Schon seit November 1963 war er als Leiter des (damals noch) „Deutschen Kulturinstituts Tokyo“ tätig. Nach Beurlaubung aus dem Schuldienst war ich ihm im Mai endlich gefolgt. Wir zogen in das Haus, und mit dem Ende der Regenzeit, wie immer nach einem Gewitter, waren wir am 10. Juli mit der Einrichtung fertig geworden. Jetzt lag lähmende Augusthitze über der Stadt. Mir war beklommen zumute, und ich schaute verzagt nach vorn, dem Herbst entgegen, der zwar die ersehnte Abkühlung bringen würde, aber auch die Olympischen Spiele. Viele Besucher würden kommen, Politiker, Professoren, Journalisten und Schriftsteller würden nicht nur im Institut erscheinen. Wir würden in unser Haus einladen, die Abende mussten heiter-festlich und erfolgreich werden. Wie sollte das gelingen? Zu meiner Hilfe hatte ich nur eine sehr einfache, ältliche Frau, die sich außerhalb der Küche ängstlich bewegte und sich um 17 Uhr auf den Heimweg machte. Ich konnte mich kaum mit ihr verständigen. Ich selbst, nach einigen Jahren auf der Universität und Anfängen im Beruf, war keine Turbohausfrau. Außer Reibekuchen und Rheinischem Schmorbraten, von jungen Germanisten gewünscht, die als Humboldt-Stipendiaten in der Bundesrepublik gelebt hatten, waren meine Kochkünste noch nicht erprobt. Diese „Herrenessen“ hatten ihren besonderen Charme, aber es waren halt nur fröhliche Runden unter Freunden.

Foto: Privat
Keiko-san
In dieser prekären Situation, gerade an diesem drückenden Tag erschien die Lösung aller Probleme. Von einer Agentur vermittelt, aber in Wahrheit wohl vom Himmel geschickt, trat eine junge Frau über die Schwelle. Herein kam Keiko-san. Da stand sie vor mir, mittelgroß und zierlich, trotz langer Anfahrt in der erschlaffenden Hitze frisch und adrett in weißer Hemdbluse und schwarzem Rock. Sie grüßte und stellte sich vor – mir fiel ein Stein vom Herzen: sie sprach Englisch. Dann saß sie mir gegenüber, ganz gerade, nur die Stuhlkante benutzend, die Lider diskret gesenkt, dann und wann einen raschen Blick auf mich richtend. Ihre formvollendete Haltung schüchterte mich ein, und ich fragte mich, ob man einer solchen Person überhaupt den Dienst im Haushalt zumuten könnte. Ruhig und sicher, aber in unversehrter Bescheidenheit nannte sie ihre Arbeitsbedingungen, außer den üblichen auch überraschende: freie Abende für einen französischen Kochkurs und freie Zeit für Fahrstunden zu Erlangung des Führerscheins. Verblüfft willigte ich in alles ein, führte sie durchs Haus, und sie nahm einen Tatami-Raum im japanischen Teil des Bungalows in Besitz.

Jetzt begann eine sorglose, frohe Zeit. Keiko-san schüttelte ihre strenge Förmlichkeit ab, wurde offen und lebendig. Sie durchschaute schnell, wie sehr ich auf ihre Hilfe angewiesen war. Nach wenigen Tagen nahm sie das Heft in die Hand. Sie kaufte in Geschäften ihrer Wahl ein, vervollständigte den Hausrat, besorgte von irgendwoher einen wuchtigen amerikanischen Kühlschrank, bestellte Lieferanten, säumte Vorhänge und legte eine elektrische Leitung in den Kleiderschrank. Zwei eingeschaltete Glühbirnen hielten die Luft zwischen den Textilien trocken. Sie konnte einfach alles; sanft und zäh erreichte sie auch alles, was sie für nötig hielt.

Es wären noch manche ihrer erstaunlichen Aktivitäten zu nennen; aber das würde sie lediglich als einmalig tüchtige Hilfe darstellen, und das war nicht das ganz Besondere, das ihr Wesen ausmachte. Das gehört zu einem anderen Bereich und hat mit Nützlichkeit wenig zu tun. Ganz einfach und natürlich, als wäre sie immer schon dagewesen, fügte sie sich, ohne zu stören, in unsere Zweiergemeinschaft ein. Sie verehrte meinen Mann und verwöhnte „Doctor“, wie sie ihn nannte, bei jeder Gelegenheit. Wenn er morgens das Haus verließ, stand sie mit einem Glas Eiswasser für ihn im Eingang, und bei seiner Rückkehr stand auf dem Schreibtisch alles für seinen „night cup“ bereit. Sie fand ihn subarashii (= wunderbar), wenn er entspannt und gemütlich war, und immer war er für sie omoshiroi (= interessant).

Foto: Privat
Mit mir war sie strenger; sie begann erzieherisch auf mich einzuwirken. Sie unterrichtete mich in Ikebana und ließ mich meine Versuche so lange wiederholen, bis die Gestecke mit ihren Gefäßen und vor geeignetem Hintergrund eine harmonische Einheit bildeten, nach der Lehre des Zen-Buddhismus einen Kosmos im Kleinen zwischen Mensch, Himmel und Erde. Ich übte mich auch in Oregami und faltete viele Tsurus, heilbringende Kraniche.

Allmählich erkannte ich, dass ich einer japanischen Dame wenigstens ein bisschen ähnlich werden sollte. Offensichtlich fehlte es mir an zurückhaltender Würde. Als es einmal läutete und ich, gerade in der Nähe der Haustür öffnen wollte, zog Keiko-san mich zurück und schob mich ins Zimmer. „This is my job, you sit down!“, flüsterte sie scharf, nicht mehr ganz höflich. Eines Tages ging sie noch härter zur Sache. Ich arbeitete im Garten, entsprechend ausstaffiert mit einem großen Flanellhemd über einer alten, schlotterigen Hose. Keiko-san, vom Markt kommend, lief auf die unförmige im Beet hockende Figur zu, blieb erstarrt stehen, als sie mich erkannte. Statt des üblichen „Tadaima“ (etwa: „Ich bin zurück“) kam empört auf Englisch: „You look awful, please change!“ Ich war sehr erstaunt, noch mehr über mich selbst; denn ich gehorchte.

In den Läden der Umgebung stellte sie mich vor, offensichtlich als jemanden, der höchsten Respekt erwarten konnte. Die Verkäuferinnen verbeugten sich ehrerbietig. Ich lächelte freundlich-distanziert und verabschiedete mich mit japanischem Gruß und leichtem Neigen des Kopfes. – Wenn wir ausgingen, steckte sie mir drei weiße Taschentücher zu, eins für die Nase, eins für elegantes Abtupfen des Gesichts und das dritte für den Gang zur Toilette. „Wo wir hingehen, gibt es Gästetücher!“, protestierte ich. „I know, but a Lady doesn’t use them“, kam die Antwort. – Vor einer Einladung zu einem japanischen Dinner brachte sie mir etwas zu essen. „Warum das?“ – „You eat too much; a Lady picks out only a bit like a bird!“ Diesmal fügte ich mich nicht; ich trug ja keinen Kimono mit einem Obi, der panzerartig das Essen erschwerte.

Ich sollte auch noch Erfahrungen über die Stellung der Ehefrau machen. Im Vergleich zum Go shujin, dem Herrn des Hauses, hatte ich einen herabgestuften Service zu akzeptieren. Jeden zweiten Tag legte sie einen frischen Kopfkissenbezug für Doctor heraus; ich musste länger warten. War zum Abendessen O Sushi angezeigt, so bestellte sie drei Portionen. Sie wurden geliefert, und Keiko-san schob jedem ein Lacktablett mit den Leckerbissen zu. Erst mit der Zeit fiel mir auf, dass Doctor immer mehr Köstlichkeiten auf den Reisröllchen hatte, Sashimi, Shrimps und roten Kaviar, während bei uns Gemüse- und Gurkenstückchen den größeren Teil ausmachten. Unsere O Sushi waren „healthy and good for Ladies“, und dabei blieb es.

Einmal war mein Mann eine gute Woche lang abwesend für eine Konferenz in Manila. Ich übergab Keiko-san das Geld für unsere Kost, und sie durfte in der Küche schalten und walten, wie sie wollte. Am ersten Tag gab es Reisbällchen mit mariniertem Gemüse und etwas getrockneten Fisch. Am zweiten Tag brachte sie eine dicke Reissuppe mit Ei auf den Tisch und etwas Ähnliches am dritten Tag. „Warum solche ärmlichen Mahlzeiten?“, fragte ich denn doch erstaunt. „Wofür sparst du das Geld?“ Und siehe da, sie hatte einen Plan. Es kam ein Vertreter mit einem Musterkatalog für Oberhemden. Davon bestellte sie vier in bester Baumwollqualität. „A Gentleman in his position needs at least thirty white shirts.“ Bei dieser Neuigkeit blieb mir der Mund offen, und das ersparte Kostgeld reichte nicht für diesen Luxus.

Von des Tages Last und Mühe erschöpft, kam mein Mann eines Abends nervös und verdrießlich nach Hause. Ich wusste, gleich würde er etwas entdecken, was nicht so war, wie es sein sollte. Und wirklich, er ärgerte sich lauthals über einige Bücher, die im Zimmer herumlagen, und sein Unmut galt ausschließlich mir. Keiko-san tröstete mich: „You see, Doctor is a real gentleman, he scolds only you, never Keiko.“

Aber auch Doctor bekam einmal Widerstand zu spüren. Im Herbst setzte sie Umeshu an, einen wundervoll aromatischen Dessertwein aus japanischen Pflaumen. In einem 5-Liter-Glas sollte es bis Weihnachten unter Verschluss reifen. Nach einem kleinen Probiergläschen bekam Doctor keinen Tropfen mehr. Noch so charmante Vorstöße nutzten nichts. Geduldig setzte sie ihm auseinander, dass es sich um Medizin handle, die nicht leichtsinnig zu schlucken sei. Da suchte er sich Wörter für einen japanischen Satz zusammen. Ich habe ihn heute noch im Ohr: „Watakushi wa chiisai kara itsumo taihen byouki deshita.“ Sie musste sehr lachen und wurde weich. Weihnachten war nur noch eine einzige Flasche Umeshu vorhanden. Er hatte gesagt: „Von klein auf war ich schon immer sehr krank.“

Sie war immer sehr bedacht, unser Ansehen zu mehren. Personen, die mit uns zu tun hatten, machten ihre Erfahrungen. Vor Weihnachten brachte sie den Getränkeboy auf die Terrasse. Durch die weite Glastür sollte er den geschmückten Christbaum im Innern ehrfürchtig bestaunen. Der große Junge schaute, blinzelte, und unter knackig-heiserem Männerlachen schlug er sich klatschend auf die Schenkel: „Hahaha, hahaha, nightclub, nightclub!“, platzte es aus ihm heraus. Ausführlich wurde er eines Besseren belehrt. Er verstummte kleinlaut und verbeugte sich mehrmals.

Vom Hausbesitzer angestellt, sorgte ein kindlicher alter Mann für unseren Garten. Er kam fast jeden Tag. Willig ließ er sich von Keiko-san für gelegentliche Dienste vereinnahmen. Aber sie war immer gütig zu ihm. Wenn es regnete, holte sie ihn in die Küche. Er bekam Tee und Reisgebäck und schaute das Programm in ihrem kleinen Fernseher. Zur Zeit der Kirschblüte durfte er stundenlang unter dem großen Kirschbaum vor unserem Wohnzimmerfenster sitzen. Als ich eines frühen Morgens die Vorhänge beiseite zog, fuhr ich erschrocken zurück. Im Geäst hockte zusammengerollt eine schwarze Figur. Ein Paar Augen starrte mich an. Es war nur der kleine Gärtner, der die innigste Verbindung mit dem Baum gesucht hatte.

Während der Olympiade war die Nation wie verwandelt. Ein Hauch von Lebensfreude lag in der Luft und bewegte die Gemüter. Die sonst so verschlossenen Samuraigesichter der Männer schienen gelöster. In dem allgegenwärtigen Lächeln schimmerte etwas wie Stolz. Die Jugend der Welt war in ihrem Land zu Gast, und Prominenz aus allen Erdteilen bewunderte die spektakulären neuen Sportzentren und die perfekte Organisation. Japan leuchtete in Ruhm und Ehre.

Abendliche Fernsehsendungen hatten auf die Begegnung mit den Ausländern vorbereitet. Die Japaner sollten ihrer formellen Höflichkeit neue Nuancen verleihen. Sie sollten ihre Scheu und Zurückhaltung ablegen, zuvorkommend jede Gelegenheit wahrnehmen, den Fremden zu helfen und sie zu erfreuen. Der Erfolg war verblüffend. Wahre Wogen von Kommunikationslust schwappten über das Land. In der immer gedrängt vollen U-Bahn hing ich nun nicht mehr am Haltegriff. Mehrere Männer sprangen zugleich von ihren Sitzen auf, und derjenige, dessen Platz ich eingenommen hatte, lächelte mir freundlich zu. Radfahrer erhoben sich aus dem Sattel und verbeugten sich, auf den Pedalen stehend. Kleine Mädchen auf dem Weg zur Schule steckten die Köpfe durch die Stäbe unseres Gartentors und riefen ihren Morgengruß: „Ohayou gosaimasu, America-san!“ Die Frau Amerika winkte dann vom Küchenfenster. Der Gemüsemann schenkte uns Auberginen und Zucchini; vom Blumenhändler bekamen wir mehr Zweige, als wir bezahlten. „Special Olympic service“, war die lächelnde Erklärung der stolzen Patrioten.

Eines frühen Morgens in dieser heiteren Zeit schallte es durchs Haus: „Dorobo, Dorobooo!“ Wir sprangen aus den Betten und entdeckten Keiko-san, wie sie auf die weit offene Haustür starrte. Es mussten Einbrecher dagewesen sein! Wir liefen durch die Räume, nichts war verschmutzt, alles war an seinem Platz, nichts fehlte. Ein seelentiefer Seufzer der Erleichterung kam von Keiko-san: „Special Olympic dorobos!“ Sie war überzeugt, die Räuber hätten erkannt, dass sie in das Haus eines gaijin (Ausländers) eingedrungen waren, und hätten auf dem Absatz kehrt gemacht. Ein Diebstahl in einem solchen Haus zu dieser Zeit wäre eine Schande für Japan gewesen – übrigens hat es nie eine sachliche Erklärung für die offene Tür gegeben. Vielleicht hatte Keiko-san recht, und die Diebe waren echte Patrioten?

Viel später im Jahr wurden wir wirklich heimgesucht. Wir waren einer Abendeinladung gefolgt, und Keiko-san blieb allein im Haus. Wir kamen in der Nacht zurück, ohne etwas Ungewöhnliches zu bemerken. Am nächsten Morgen wollte mein Mann seine Aktentasche nehmen, die er, wie immer, am Abend im Schreibtischsessel abgelegt hatte. Aber da war sie nicht, und sie war auch nirgendwo anders. In einer Kommode fehlten Geld und Schmuck. Da mussten wir uns eingestehen, dass Diebe zugegriffen hatten. Mein Mann fuhr bedrückt, ohne Tasche, ins Institut. Keiko-san telefonierte, was das Zeug hielt. Der Hausbesitzer kam mit Blumen und entschuldigte sich, tief beschämt, dass Dorobos „in unser ehrenwertes Heim geschritten waren“. (Offensichtlich haben auch Diebe ein Anrecht auf die gehobene Ausdrucksweise, die man ihren Opfern schuldet.) Dann kam ein Polizist als Ermittler auf Spurensuche und zog nach einem strengen Sermon von Keiko-san unverrichteter Dinge ab. Am Nachmittag erschienen drei Polizisten und überreichten mir zwei weiße Schachteln mit feinem Gebäck. Keiko-san erkannte mit Genugtuung, dass sie aus einer renommierten Konditorei stammten. Wir setzten uns zusammen und hatten eine versöhnliche Teestunde. Danach gingen die Gesetzeshüter durchs Haus und wunderten sich, dass nichts verschmutzt und verwüstet war. Ihr Sprecher, des Englischen mächtig, tröstete uns: „They were real high-society dorobos.“ Auf diese Weise geehrt, fanden wir uns leichter mit unserem Unglück ab. Übrigens entdeckte ich die Tasche am nächsten Tag unter Büschen ganz hinten im Garten. Außer dem Geld fehlte nichts; sogar die Schlüssel waren noch da. Es handelte sich wirklich um Diebe der gehobenen Klasse.

Im Mai des folgenden Jahres lief Keiko-san zur Höchstform auf. Mit rückhaltlosem Einsatz bewahrte sie das Tagesprogramm vor empfindlicher Störung. Und nicht nur das: mit feurig-eloquenter Rede machte sie Werbung für das Goethe-Institut und seinen Leiter.

Das kam so: Eines Morgens ertönte ein Schrei in höchster Not aus dem Ofuro-Raum (= Badezimmer): „Wasser, Wasser, es kommt kein Wasser mehr!“ Mein Mann stand, von Kopf bis Fuß in Schaum gehüllt, unter der plötzlich versagenden Dusche, und die anderen Wasserhähne im Haus tröpfelten nur noch mühsam, bis auch sie ihren Dienst ganz einstellten. Ein Rest Wasser im Teekessel war die lächerliche Hilfsration, die ich anbieten konnte.

Keiko-san schaltete blitzschnell. Sie wusste, dass für eine Schule in der Nähe ein Schwimmbecken angelegt wurde. „Jetzt lassen sie das Wasser ein!“, rief sie im Laufschritt schon fast auf der Straße. Ich rannte hinter ihr her, um sie, wie auch immer, bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. Wir drangen in das Schulgelände ein, und wir sahen einen Bauarbeiter auf dem Beckenrand hocken. Aus einem großen Rohr ließ er einen mächtigen Wasserstrahl in die Tiefe schießen. Keiko-san grüßte und begann mit einigen erklärenden Sätzen. Der Mann knurrte böse. Dass ich mich in seine Blickrichtung stellte, hatte nicht die geringste Wirkung. Er schaute gar nicht auf. Keiko-san startete den nächsten Vorstoß. Sie kam nicht weit. Als das Wort Gaijin fiel, drehte der Mann mit heftigem Ruck den Kopf, starrte Keiko-san mit finsterer Miene von unten her an und legte los. Mit grummelnden Tönen, tief aus der Kehle gepresst, und lautem Fauchen und Zischen wollte er uns vertreiben, so wie man Tiere verscheucht. Es hörte sich gefährlich an. Mir war schon bange; aber Keiko-san schritt auf den Mann zu, stand hoch aufgerichtet über dem Kauernden und schmetterte eine geharnischte Rede auf ihn hinunter. Sie brachte ihn zum Schweigen, er hörte zu. Plötzlich ein klickendes Geräusch! Das Wasser floss spärlicher, wurde zum Rinnsal, bis es endlich ganz versiegte. Er hatte die Zuleitung gesperrt. Wir dankten ehrerbietig und machten uns entspannt auf den Heimweg. In der Haustür stand Doctor, erlöst von aller Qual, und winkte strahlend, schon bereit für den Weg zum Institut.

Aber wie hatte Keiko-san den gefährlich drohenden Widersacher umgestimmt? Der Go shujin sei ein guter Mensch, hatte sie gesagt, kein Amerikaner, sondern ein Deutscher und kein Businessman, der sich an Japan bereichern wolle. Im Gegenteil: „Er bringt Geschenke aus Deutschland. Bücher, Filme und Musik gibt es in seinem Institut, und das alles ist für die Japaner da. Sie sind eingeladen, die Einrichtung aufzusuchen, und manchmal kann er Studenten, auch wenn sie arm sind, zum Studieren nach Deutschland schicken.“ – So ungefähr hatte sie argumentiert.

Sollte der Mann und Meister des fließenden Wassers diese eindringlichen Informationen weiter verbreitet haben, dann ließe sich Keiko-sans Einsatz in seiner Wirkung durchaus mit einer gelungenen Veranstaltung des Goethe-Instituts vergleichen.

Ein merkwürdiges Ereignis in der nächsten Regenzeit hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Es hatte in Strömen gegossen. Auf der Straße standen vier Männer der Müllabfuhr über eine Abfalltonne gebeugt. Von ihren breitrandigen Plastikhüten spritzten die Regentropfen nach allen Seiten und schossen irisierende Bahnen quer durch das stetig fallende Geriesel. Die Köpfe stießen fast aneinander; die Männer diskutierten, sie wirkten ratlos. Keiko-san ging zu ihnen, um zu hören, was los sei. Sie kam hastig zurück, ergriff sofort das Telefon und sprach erregt mit einem Beamten unseres Bezirks. Die Männer hatten in einer Hülle von aufgeweichtem Zeitungspapier eine tote Katze entdeckt und wagten nicht, sie mit dem Abfall zu entsorgen, wollten aber auch nicht die Kosten für eine angemessene Bestattung übernehmen. Das war das Problem. Nach einigen Minuten kam jemand und nahm die Katze, um sie auf einem Tierfriedhof rituell begraben zu lassen. Die Arbeiter legten die Handflächen aneinander; die gestreckten Finger zeigten nach oben, eine Geste wie im Gebet. Sie verbeugten sich zum Abschied. Ich wunderte mich über die Sorge dieser hartgesottenen Kerle für das tote Tier, hatte ich doch oft erschrocken mit angesehen, wie man streunende Katzen brutal mit Steinwürfen verjagte. Keikos Antwort war sehr kurz, mit beinahe vorwurfsvollem Blick: „But Madame, this is the moment of death!“ Auch die elendeste Kreatur hat ein Anrecht auf die 47tägige Seelenwanderung, die nur mit buddhistischen Riten beginnen kann.

Aber zurück zu den Anfängen, zu den Aufgaben, für die mir Keiko-san als rettender Engel erschienen war. Die speziellen Pflichten zur Zeit der Olympiade vollbrachte sie mit Bravour. Sie bediente die Gäste zuvorkommend, mit lächelnder Würde, servierte freundlich-gelassen, die linke Hand auf dem Rücken, wie sie es wohl in dem französischen Kurs gelernt hatte. Ihre Kochkünste – Cherry in der Bouillon, Cognac in der Bratensauce – fanden ausdrücklich Beifall. Ikebana schmückte die Räume, und die Gäste fühlten sich wohl. Nichts entging ihrem wachsamen Blick. Auch bei uns gab es special Olympic service. In einigen ruhigen Minuten nähte sie einem Reporter aus Saigon den Aufhänger und zwei gelockerte Knöpfe am Trenchcoat fest, und sie wusch in der Einfahrt den Staub von den Scheiben eines weißen Mercedes, für den sie schwärmte. Den Dank der überraschten Gäste beim Abschied nahm sie lächelnd entgegen.

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Keiko-san, Doctor, Irmgard Krüger um 1970 in Manchester
Ich könnte noch so manche Episoden aneinanderreihen, aber der Zauber einer Persönlichkeit lässt sich nicht fassen, wenn man lediglich Worte und Taten wiedergibt, und seien sie noch so zahlreich. Das könnte hier sogar zu falschen Schlüssen führen und den Eindruck erwecken, Keiko-san habe herrische Züge gehabt. Das Gegenteil war der Fall: Sorge und Hingabe für uns und zu Ehren Japans waren die alleinige Quelle ihres Strebens nach Perfektion. Die gelegentlichen Dispute mit ihr waren für mich heiteres, interessantes Spiel, immer reizvoll, schon weil die Situationen meist so absonderlich witzig waren. Sie war so bezaubernd, wenn sie mit vollem Ernst auf ihrer Sicht der Dinge beharrte. Immer blieb sie sanft und verlor nie die Anmut in ihren Gesten und dem stillen Gesicht.

Die Zeit ging dahin. 1967 wurde mein Mann nach England, nach Manchester, versetzt. Ich brachte es längere Zeit nicht über mich, ihr das zu eröffnen; schließlich war es nicht länger aufschiebbar. Mit schwerem Herzen teilte ich ihr die bevorstehende Trennung mit. Sie spürte meine Not, legte den Arm um mich und sagte mit ruhiger Stimme: „Don’t be worried. I will kill myself.“ So wie ich zweifelte mein Mann keinen Augenblick an ihrem Entschluss; denn wir kannten ihre Lebensgeschichte mit furchtbaren Schicksalsschlägen im Krieg und Nachkrieg. Sie kam aus einem sehr guten Haus, war eine Japanerin der alten Schule mit eigenem Verhältnis zum Tod. Wir nahmen sie mit nach England.

Foto: Privat
Keiko-san 1991 (mit 73 Jahren)
Sie verließ die Heimat mit offenem Sinn, voller Erwartung und Neugier für die ferne Welt. Sie gewann die Engländer zu Freunden. Wir spürten in Manchester keine Vorbehalte gegen das deutsch-japanische Gespann, und der Krieg war ja noch gar nicht so lange her.

Keiko-san ging bei der nächsten Versetzung 1974 mit uns nach München und hätte uns natürlich auch nach London begleitet, wohin mein Mann 1985 versetzt wurde. Nach seinem plötzlichen Tod kurz vor Antritt des neuen Postens blieb sie bei mir; eigentlich verdanke ich ihr, dass ich in dieser schweren Zeit wieder ins Leben zurück fand.

Sie starb im August 1999 im Alter von 81 Jahren in meiner Wohnung in Gilching. Genau 35 Jahre lang hat sie mein Leben begleitet.

Ich habe ihre Urne nach Japan gebracht. Sie wurde beigesetzt im Grab ihrer Eltern in Mito, einer Stadt zwischen Tokyo und Sendai. Der Tsunami am 11. März 2011 hat Stadt und Friedhof verwüstet.

Wo wandert ihre Seele?
Von Irmgard Krüger