Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Jenseits des Westens
Das Goethe-Institut in Tripolis/Libyen 1963-1966
Von Albert Wassener

Zwei Monate Reichenhall und drei in Ebersberg mit Schulz-Griesbach qualifizierten für eine hoffnungsvolle Auslandskarriere. Anfang Dezember trat ich vor den Gutachterausschuss des Instituts. Vier Tage später bekam ich den Bescheid, angesichts der Tatsache, dass ich ja als Student schon einmal eine Woche dort gewesen sei, sei an eine Versetzung nach Libyen gedacht. Dienstantritt sei der 01.02.1963.

Copyright: Albert Wassener
Die Altstadt von Tripolis 1966 (Foto: Albert Wassener)
Vor der Ausreise riet man mir in der Zentrale am Lenbachplatz, wir sollten uns nicht auf einen zu langen Aufenthalt einrichten, denn die Verstärkung der Zweigstelle Tripolis durch einen zweiten Entsandten geschehe nur auf Druck der Botschaft und des Auswärtigen Amtes, die damit argumentierten, dass nur so eventuellen kulturellen Aktivitäten der DDR entgegengetreten werden könne. Man halte beim Goethe-Institut nichts von solcher Logik und werde darauf hinarbeiten, das Institut, das erst im Dezember eröffnet worden war, klein zu lassen und mich bald wieder woanders hinschicken.

Wir machten uns dazu keine langfristigen Gedanken und reisten mit unserem gebrauchten VW 1200, Renate im fünften Monat, immerhin in Kenntnis, dass es eine Geburtsklinik unter Leitung eines deutschen Professors gebe, aber weitgehend ohne Vorstellungen, was uns für das tägliche Leben und die Arbeit erwartete, kurz, nervös erwartungsvoll und vorwiegend optimistisch, von Ebersberg auf.

Die damals einzige regelmäßige Schiffsverbindung nach Tripolitanien war die Città di Tunisi, ein altväterlicher Kahn aus den 20er Jahren mit der senkrechten Buglinie der Titanic. Sie lief von Neapel aus unterwegs auch La Valletta an, das damals noch zu England gehörte. Die Città stand auch in dem Ruf, bei stärkerem Seegang erbärmlich zu rollen und bewies das eigentlich bei jeder Fahrt, die wir mit ihr machten, vor allem aber jetzt zwischen Malta und Afrika.

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Mohamed Ibrahim im Hof des Goethe-Instituts (Foto: Albert Wassener)
Mohammed Ibrahim, später nur „Mohammed Sekretär" genannt, ein jüngerer Libyer mit recht guten Englisch- und Italienisch-Kenntnissen, holte uns morgens am Hafen ab, schleuste uns durch den Zoll und brachte uns zum Hotel. Mit seiner Hilfe mieteten wir dann auch bald ein Häuschen. Dessen Besitzer hieß Fuad Otman Amura. Das Gebäude war nach ihm benannt, und lief folglich in allen Dokumenten unter Villa Amore.

Es war unsere erste eigene Wohnung. Es hatte vier Zimmer, eine Terrasse, einen mit Bauschutt durchsetzten Garten mit zwei Oleander- und zwei Zitronenbäumchen, sowie einem heruntergekommenen Rosenbusch, und wir waren ganz zufrieden. Der Garten wurde eine Aufgabe. Wir schafften den Schutt weg, verteilten die Eselsköttel, die wir von den Fahrten über Land mitbrachten, säten Gras auf die kahlen Stellen und legten Bewässerungsrinnen von Baum zu Baum. Wir brachten das ganze Grün sogar über den Sommer und pflanzten im ersten Winter an der schattigsten Stelle den Weihnachtsbaum ein, den wir von der Botschaft mitsamt den Wurzelknollen geliefert bekommen hatten. Auch der ging an und überlebte den nächsten Sommer, doch sein Leben fiel in Allahs Hand, weil wir dann umzogen.

Da das Institut nicht einmal seit einem Vierteljahr bestand, begann dort erst nach meiner Ankunft das normale Sprachkursprogramm. Ich war damit und mit einem Kurs am Institute for Advanced Technology schon ab Mitte März ziemlich ausgelastet. Meine ersten Erfahrungen erlaubten einen gewissen Optimismus. Das Institute, allgemein „die Universität“ genannt, stand zwar dem Curriculum und Niveau nach einer Berufsschule näher als einer Fachhochschule, aber der syrische Professor Machmalji, ausgestattet mit einem Doktortitel der Universität Leipzig, der das Anlaufen deutscher Sprachkurse veranlasst hatte, erklärte mir, wenn ich es richtig mache, könne auf diese Art Deutsch die zweite Fremdsprache im höheren Bildungswesen des Landes werden. Der dortige Kurs hatte 10 oder 15 Schüler, davon sogar ein paar Studentinnen.

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Albert Wassener im Unterricht 1964 (Foto: Albert Wassener)
Auch die ersten Kurse im Institut liefen passabel an. Es gab rund 250 Schüler, in der knappen Mehrheit Europäer und Amerikaner. Unter den übrigen waren vor allem Ägypter, Palästinenser, Libanesen, Tunesier und damals auch noch eine wahrnehmbare Zahl von Libyern. Über diese schrieb ich schon nach ein paar Tagen an meine Eltern: „Ich werde also furchtbar sympathisch sein müssen, was ziemlich schwer ist, da, wie ich bei den vorgestern begonnen Kursen im Institut festgestellt habe, die Leute weniger zum Unterricht kommen, um möglichst schnell und gut Deutsch zu lernen, als vielmehr, um sich im deutschen Institut sehen zu lassen, von deutschen ‚Professoren‘ umschmeichelt zu werden und nebenbei ein paar Wörter wie ‚Guten Tag‘ und ‚Wie geht’s‘ aufzuschnappen. Der Unterricht ist mehr ein gesellschaftliches Ereignis, und ich habe die schwer befolgbare Direktive, möglichst nichts zu verlangen und unter schriftliche Arbeiten nur die Zensuren ‚gut‘, ‚sehr gut‘ und ‚exzellent‘ zu setzen. Wir haben sehr wichtige Leute, als da sind Polizisten, Postsekretäre, Angestellte des städtischen Gaswerks usw. Wenn wir ihnen zeigen, daß sie schlechter sind als andere Schüler, kriegen wir das Gas abgedreht, bekommen keine eigene Post Office Box und keinen libyschen Führerschein. Außerdem haben wir einige unverschleierte libysche Lehrerinnen, um die uns die anderen Kulturinstitute beneiden. Wenn wir die verlieren, geht unser Prestige in Tripolis verloren. Unverschleierte Libyerinnen sieht man nämlich nur in der ‚Universität‘ und beim Goethe-Institut. Eine ist auch Sprecherin beim Radio und soll, wie ich gehört habe, sogar ab und zu vor Männern rauchen.“

Einer der Schüler erzählte mir gleich und ganz offenkundig in der Hoffnung, damit meine Sympathie zu gewinnen, er habe seinen jüngsten Sohn in Andenken an die großen Deutschen Hitler und Eichmann „Adolf“ genannt. Lobeshymnen auf die hoch geschätzten Juden-Vernichter erlebten wir dann immer einmal wieder. Ich gewöhnte mich daran, darauf mit dem Hinweis zu reagieren, dass Hitler auch großes Leid über das deutsche Volk gebracht habe.

Übrigens hatte auch der Auschwitzprozess, der in dieser Zeit begann, und alles, was dadurch der Weltöffentlichkeit in allen Einzelheiten bekannt wurde, keinen Einfluss auf die Meinungen in der arabischen Welt.

Libyen war nach krausen Rangeleien zwischen den Siegermächten, bei denen sogar die Übertragung der Cyrenaica an die UdSSR und die Rückkehr der Italiener als Mandatsmacht ernsthaft diskutiert worden waren, durch einen UNO-Beschluss schon am 24.12.51 selbständig geworden und war 1963 ein Entwicklungsland, wie man es sich für die damalige Zeit kaum exemplarischer hätte ausdenken können.

Hinterlassenschaften der Geschichte waren ausgedehnte und keineswegs immer markierte Minenfelder, verlassene Bunker mit sauigen Kerzenrußinschriften auf Deutsch und Italienisch und eine diffuse Achtung für alles, was mit Rommel und Deutschland, einschließlich des größten Feldherrn aller Zeiten zusammenhing. Geblieben waren auch ein britischer Luftstützpunkt in der Cyrenaica und die amerikanische Wheelus Air Base am Rand von Tripolis, außerdem die größtenteils aufgegebenen und sandgefüllten Farmgebäude der italienischen Siedler im Umland, aber auch die Repräsentationsbauten, das Straßennetz und vieles von der Verwaltungsstruktur der italienischen Kolonialzeit. Es gab noch rund 30000 Italiener in Tripolitanien, und auch noch ein paar Tausend sephardische Juden, die seit Jahrhunderten im Land lebten. In Tripolitanien war Italienisch neben Englisch noch Verkehrssprache.

Es gab auch noch ein paar deutsche Kriegsgefangene der Engländer, die sich entschieden hatten, zu bleiben, darunter den Verwalter des königlichen Landsitzes in Tripolitanien, und nicht zuletzt ein Dutzend deutscher Nazis. Letztere lebten im Stadtteil Giorgimpopoli in der von uns so genannten „Adolf-Hitler-Straße“. Einer von ihnen stellte sich mir eines Tages im Institute for Advanced Technology vor. Er arbeitete dort als Präparator, hieß Zind und war bekannt geworden, weil er 1958 als Studienrat in Offenbach einem jüdischen Textilhändler beim Kneipengespräch gesagt haben sollte, dieser sei bei der Vergasung offenbar vergessen worden. Der Zweifel, ob man diesem Pädagogen die Erziehung von deutschen Jugendlichen anvertrauen könne, hatte sein Beamtenverhältnis beendet und zu einer Haftstrafe geführt, der er durch Flucht nach Libyen entgangen war. Von da, so erfuhr man, fuhr er gelegentlich nach Deutschland, schrieb von dort aus der Staatsanwaltschaft Postkarten und ließ sich vor dem Bundestag fotografieren. Von den anderen Nazis wurde er nicht geschätzt, denn unter Adolf war er nichts gewesen, nicht einmal Sturmbannführer wie angeblich die meisten anderen.

Nachdem 1959 zum ersten Mal eine nennenswerte Erdölförderung in Gang gekommen war, befand sich das Land 1963 auf dem ersten Höhepunkt eines unvorstellbaren Booms. Die Staatseinnahmen explodierten, und das meiste Geld, sagte man, stammte aus Verkäufen an die Bundesrepublik. Es wimmelte von amerikanischen und europäischen Ölmenschen, von Geschäftsleuten und von Entwicklungs- und sonstigen Experten, auch aus dem Ostblock.

Das alles ging über einer Gesellschaft nieder, die weit weniger als die der anderen arabischen Staaten auf so etwas vorbereitet war. In der Türkenzeit hatte es keine arabische Bildungsschicht, geschweige denn Ansätze von westlicher Bildung gegeben, und die Italiener hatten daran 30 Jahre lang nichts geändert. 1963 gab es meines Wissens keinen einzigen Libyer mit einer Hochschulbildung. Das Gesundheits-, Bank- und Bildungswesen, der Ausbau, die Unterhaltung und der Betrieb der Infrastruktur, waren unter nomineller Leitung von libyschen Funktionären in der Hand von Ausländern, oft Jugoslawen, Italienern, Ägyptern, Syrern, Libanesen, Palästinensern. Unser Stromzähler wurde von einem Italiener kontrolliert, unser VW von einem deutschen Meister repariert, der Bankbeamte war ein Malteser, und neben dem Libyer, der die Geburt unseres Sohnes und die unbelegte Tatsache beurkundete, er sei „Christ“, stand wieder ein Italiener.

Es gab zwar eine Schicht von neureichen libyschen Geschäftsleuten, wie den Transportunternehmer Mohammed Nga, in dessen Hand die gesamte Belieferung der Ölfelder war, aber die geschäftliche und technische Expertise lag auch hier bei Ausländern.

Wie in anderen Entwicklungsländern war in Libyen auch das System der staatlichen Machtausübung den Anforderungen der international vernetzten Wirtschaft und Politik nicht gewachsen. König Idris der Erste und, wie sich dann zeigte, auch Letzte, war der Enkel des Großen Senussi des Gründers der Senussi-Sekte und hatte wie diese, seine Machtbasis unter den Beduinen der Cyrenaica. Idris hatte sich während der Italiener-Zeit in Ägypten im Exil aufgehalten, immer gute Kontakte mit den Engländern gepflegt, 1940 als Emir der Cyrenaica eine libysche Befreiungsarmee aus seinen Beduinen aufgestellt und war kurz vor der Unabhängigkeitserklärung durch eine Nationalversammlung, auch mit den Stimmen der Honoratioren aus Tripolitanien und dem Fezzan, der ab 1943 französisch kontrolliert gewesen war, zum König eines föderativen Staates ausgerufen worden.

Um den sehr unterschiedlichen und unvereinbaren Traditionen und Interessen der beiden bevölkerungsreicheren Provinzen entgegenzukommen, zogen Parlament und Regierung alle zwei Jahre um und zwar von Tripolis nicht etwa nach Benghazi, sondern zum religiösen Zentrum der Senussiya, nach El-Beida. Der Umzug in den fernen Osten fand auch in unserer Zeit einmal statt und fror alle Regierungsentscheidungen ein, bis sämtliche Akten eingepackt, 1200 km auf Lastwagen transportiert , wieder ausgeladen und gefunden waren, d.h. für Wochen, für Monate, oder auch, wenn Papiere durch Gottes oder der Menschen Willen verloren waren, für immer.

Man wusste, dass viele Offiziere und auch Unteroffiziere in England, und man munkelte, dass etliche auch in der UdSSR ausgebildet waren. Man wusste auch, dass viel Geld in die Armee floss, aber über deren Stärke und Rolle gab es nur Mutmaßungen.

Der König selbst galt als kluger Taktiker und als nicht korrupt. Man erwähnte gelegentlich, dass er zum 10. Jahrestag der Unabhängigkeit vor den Gefahren des Luxus und der Verschwendung öffentlicher Gelder gewarnt hatte. Er äußerte sich auch 1964, als es erkennbar um die Monarchie zu kriseln begann, noch einmal in dieser Richtung. Aber für viele hieß Idris hinter vorgehaltener Hand „Ali Baba“ (sprich „ und die 40 Räuber“), und wir merkten bald, dass er auch für ältere Libyer im besten Fall das Symbol einer honorigen Vergangenheit war.

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Das Kastell am Grünen Platz 1966 (Foto: Albert Wassener)
Im Gegensatz zu den anderen arabischen Ländern am Mittelmeer war Libyen auch nicht von den Traditionen und Denkweisen ländlicher oder gar städtischer Kultur geprägt. Wenn man sich die Entwicklung der Einwohnerzahlen von Tripolis ansah, konnte man sich ausrechnen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung in der ersten oder zweiten Generation aus dem Hinterland stammen, also beduinischer und halb-beduinischer Herkunft sein musste. Das bestätigte sich bei Fragen. Es gab deshalb in Tripolis nicht nur keine Libyer mit einem Hochschul- oder einem Sekundarschulabschluss nach westlichem Standard, sondern auch keine mit einer gründlichen und differenzierten Kenntnis der islamischen und arabischen Kultur. Es existierte auch, wie man bei der „Tripoli International Fair“ und sonst immer wieder bemerkte, kein Kunsthandwerk, das sich mit dem tunesischen oder ägyptischen hätte vergleichen lassen. Abgesehen von einem recht primitiven Schattenspiel in der Tradition des türkischen Karagöz, das im Ramadan abends für Kinder aufgeführt wurde, bekamen wir in unseren drei libyschen Jahren nichts zu sehen oder zu hören, was man als authentische einheimische Folklore hätte bezeichnen können.

Die Bundesrepublik hatte sich damals mit den Ereignissen der Spiegel-Affäre gerade erst in die Richtung einer Demokratie auf den Weg gemacht, wie wir sie heute verstehen. Unsereiner hatte vor kurzem noch in München zumeist bei Professoren gesessen, die aus heutiger Sicht in der Nachkriegszeit noch nicht so recht angekommen waren, so bei dem durchaus bewunderten Kompilator einer deutschen Lyrikanthologie, in der kein einziges Gedicht von Brecht zu finden war. Man hatte Geschichte studiert und dabei von Wirtschafts-, Sozial- oder Kolonialgeschichte nur am Rande gehört. Man wusste zwar aus eigenem Antrieb das eine oder andere von fremden Hochkulturen, aber die Realität außereuropäischer Sozialisationen kannte man nicht einmal aus Gedrucktem. Was in den folgenden Jahrzehnten zu Gesellschaft, Politik und Zeitgeschichte geschrieben wurde, lag für einen nicht einmal in der Luft.

Man war zwar damals schon politisch interessiert und hatte nicht ganz anspruchslose journalistische und Reiseerfahrungen. Man hatte das, was im französischen Indochina und Algerien passierte, als eine neuerliche Krise der westlichen Ethik und Politik, auch als Beleidigung des Gerechtigkeitsempfindens betrachtet , aber als Ereignis zwischen Kulturen oder gar als Herausforderung an ein politisches Kulturverständnis hatte man es nicht erlebt.

Ein westlicher Experte, der heute in ein Land der Dritten Welt geschickt wird, würde in Vorbereitungskursen und durch die Lektüre der vielen klugen Bücher, die inzwischen speziell zu diesem Thema entstanden sind, auf ungewohnte Sozialisationen und kulturelle Prägungen und auf allerhand Tricks in der Hermeneutik des interkulturellen Dialogs vorbereitet sein. Ich war es nicht.

Es dauerte also eine Zeit, bis wir uns zusammenreimen konnten, womit zusammenhing, was uns an Weltsicht, Lebenstempo und Verhaltensweisen der Libyer schwer erklärbar und nerv tötend vorkam und so gar nicht dem entsprach, was von Algerien oder Ägypten gehört hatte.

Dass der Instituts-„Gärtner“ Mohammed zwar etwas Französisch sprach, aber uns die Wörter für unterschiedliche Pflanzen weder in diesem Idiom, noch auf Arabisch nennen konnte, geschweige denn, wie ihm beizubringen war, dass man Blumen nicht mit vollem Wasserstrahl entwurzeln, sondern nur besprühen müsse, oder dass der Instituts-„Hausmeister“ alle längliche Werkzeuge mit einer eisernen Spitze für gleich erachtete, folglich einen Meißel für einen Schraubenzieher hielt und mit tragischer Vergeblichkeit als solchen zu benutzen suchte, er auch keine fünf Ziegelsteine kantengenau aufeinander stapeln konnte, erklärte sich schlüssig aus einer Jugend im Zelt und dem prägenden Mangel an Bauklötzchen ,Werkzeugkästen und Gartenschläuchen.

Begrenzte Lernfähigkeit und mangelndes prospektives Denken bei anderen kann man nach einiger Zeit einplanen. Man kann sie mit Neugier und unter günstigen Umständen auch mit Humor wahrnehmen. Gefährlicher und weder mit Humor noch als Kuriosität zu verarbeiten war nun aber die Tatsache, dass es den meisten Bewohnern des Landes schwer fiel, das Tempo eines Autos einzuschätzen, geschweige denn, die Gefahren einer Kollision zu respektieren und dass es auf 1,5 Millionen Einwohner dem Vernehmen nach 3500 Verkehrstote jährlich gab. Auch dies war allerdings aus der speziellen Morphologie des Raum-Zeit-Kontinuums in der Wüste deutbar und musste nicht einfach der Gottergebenheit islamischer Menschen zugeschrieben werden.

Man hatte nicht unbedingt verbreitete Kenntnisse westlicher Kultur- und Ideengeschichte erwartet. Es hatte aber auch außerhalb der eigenen Vorstellungskraft gelegen, dass es irgendwo in dieser Welt Studenten geben könnte, die von der eigenen Geschichte nichts wussten oder dass man am anderen Rand des Mittelmeers jahrelang keinen Bürger des Landes treffen würde, der über Nutz und Frommen von Gewaltenteilung und Grundrechten oder gar von Aufgaben und Funktionen der Institutionen eines modernen Staates Genaueres gewusst hätte.

Wir begegneten auch keinem Einheimischen, bei dem das eigene Verständnis vom Islam über den auswendig gelernten Koran und die vertrauten Rituale des Glaubens und der lokalen Bräuche hinausgegangen wäre. Institutsleiter Klopfer als Arabist und selbst ich wussten von der Bedeutung der Kulturvermittlung durch die Araber im Mittelalter mehr als die allermeisten unserer libyschen Gesprächspartner. Auch unter den Studenten, von denen einige recht gut Englisch konnten, war niemand, der mir Auskunft über Dinge hätte geben können, die mich interessierten, etwa über die Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit von Islam und westlicher Ethik.

Wesentlich schwerer hinzunehmen waren aber andere Dinge.

Da war die Tendenz, das unsichere eigene wie das kollektive Selbstbewusstsein nicht über Tatsachen, sondern durch Fiktionen und Hoffnungen zu definieren. Dem entsprach die schwer begreifliche, aber durchgängige, wunschdenkende Realitätsferne bei der Einschätzung politischer, insbesondere internationaler Verhältnisse und Möglichkeiten. Nicht die Engländer hatten in Libyen die Italiener und die Deutschen besiegt, sondern vor allem die libysche Befreiungsarmee. Die Flotte der jüngst noch einmal erweiterten Vereinigten Arabischen Republik aus Syrien, Ägypten und Irak war die zweitstärkste nach der britischen. Libyen würde demnächst die stärkste Wirtschaftsmacht nach den USA und, höflicherweise, Deutschland sein. Libyen würde Atombomben haben und als arabische Führungsmacht mit den Palästinensern gemeinsam Israel vernichten. Und überhaupt würde es spätestens in zehn Jahren einen einzigen brüderlichen und ruhmreichen all-arabischen Staat geben.

Obwohl niemand einem etwas Konkretes über die Rolle der Religion für die Zukunft der arabischen Nation sagen konnte, machten wir auch unsere ersten Erfahrungen mit der Tendenz, die arabische Identität durch den Islam und in ablehnender Abgrenzung gegen den unmoralischen Westen zu definieren. Dabei war bei unseren Gesprächspartnern außer der Vision von arabische Größe nichts so stark wie der Drang nach den Errungenschaften des westlichen Wohlstands. Die mangelnde Kenntnis islamischer Kultur wurde durch die Wonnen der Emphase ausgeglichen. Mohammed der Sekretär bekannte mir nach einem Freitagsgottesdienst, wo der Koran besonders schön rezitiert worden war, nun wisse er, dass Arabisch wirklich die Sprache Gottes sei. Verständnislos notierte ich damals: „Sie lallen mit dicker Zunge Allahs Namen. Die phonetische Ausnahme verrät, dass eine emphatische Pose verinnerlicht wurde.“

Als später Gaddafi an die Macht gekommen war, wurde man öfters gefragt, ob man mit seiner Libyen-Erfahrung etwas über die Mentalität einer solchen Figur sagen könne. Die Antwort war immer, dass wir den Mann nie getroffen hätten, dass ich mir aber sein Weltbild ganz gut vorstellen könne. Es entspräche wohl dem der damaligen Studenten am Institute of Advanced Technology und sei geprägt von verzerrter Kenntnis der weltpolitischen Realitäten, einem diffusen Islamverständnis, einem ebenso diffusen, aber jedenfalls gedemütigten Nationalgefühl und einer widersprüchlichen Mischung von antiwestlichem und pseudo-sozialistisch-modernistischem Denken.

Abzufinden hatte man sich natürlich auch mit der Rolle der Frau. Libyerinnen hatten das Wahlrecht, aber sie gingen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis auf ein freies Auge, weiß verhüllt. Bald bemerkte ich auch, dass meine drei Studentinnen im Institute for Advanced Technology zwar im Unterricht ganz normal mitmachten, sich auf dem Weg nach Hause aber wieder einwickelten. Es amüsierte uns, dass der Sekretär Mohammed, damals schon etwas deutschkundig, als einmal eine vermutlich jüngere Dame vor uns ging, mir zuraunte, dies sei eine schlechte Frau, sie mache „Hochzeit für Geld“, aber nicht erklären konnte, woran man diese Ruchlosigkeit denn erkenne.

Als uns unser alter Freund aus Journalistentagen, Rami Serraj , zu sich nach Hause einlud, saß auch seine Frau mit am Tisch und war damit die einzige libysche Städterin mittleren Alters, der ich je ins Gesicht gesehen habe. Das Ehepaar führte uns stolz seine Kinder vor, und wir priesen Land und Essen, aber unsere Gegeneinladung wurde nie angenommen. Es erschien uns später als eine der wundersamen Errungenschaften der Revolution Gaddafis, dass dieser mit einer Leibwache flotter Frauen prunken konnte.

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Der türkische Brunnenstein im Hof des Instituts 1966 (Foto: Albert Wassener)
Im Frühjahr und herannahenden Sommer 1963 hatten wir allerdings anderes zu tun, als uns schon ernsthaft mit den Konsequenzen unserer langsam wachsenden Erfahrungen zu befassen. Das Institutsgebäude in der Via Toselli, im angenehmen Grün der Garden City nicht weit vom Königspalast, aber schon am Rand eines Viertels gelber Lehmhütten und neben einer winzigen weißen Moschee gelegen, erschien einem als ein Platz, der zur freundlichen Begegnung wie geschaffen schien. Es hatte im Vorhof ein Wasserbecken mit einem marmornen türkischen Brunnenstein, einen Garten mit Palmen, Bananen und Blumen, in dem sich der weißblonde Hirtenhund Moritz und eine Schildkröte namens Bayada tummelten, die ich später als VW-Käfer anmalte. Es gab zwei Klassenzimmer und eine Bibliothek mit ausschließlich deutschen Büchern. Diese wurde noch im selben Jahr durch eine durchaus unerwartete Bonner Sendung mit Karl Barths 10-bändiger christlicher Dogmatik bereichert. Wir hatten einen Schaukasten, in den wir schöne Deutschlandbilder hängten und wo in schönster arabischer Kalligrafie zu lesen war, dass Orient wie Okzident im Frieden von Gottes Händen ruhe. In den Pausen standen Araber, Juden, Italiener und Amerikaner in höflichem Gespräch vereint, und ein lauer Wind bewegte die Zweige.

Wir hatten in diesen Jahren weder im Institut noch privat Kurzwellenempfang, also auch keine Deutsche Welle. Die Ereignisse in Deutschland und der Welt erreichten uns über die verrauschten Nachrichten der BBC, wohl Mittelwelle aus Malta, manchmal auch über das Radio von der nahe gelegenen amerikanischen Wheelus Air Base und mit erheblicher Verzögerung über die deutschen Zeitungen, vor allem über den SPIEGEL. Was im Land selbst passierte, erfuhren wir bis zum Ende unserer libyschen Tage aus dem massiv zensierten Sunday Ghibli und über die Dschungeltrommeln des Botschafts- und Kolonietratsches.

Die westlichen Geschäftsleute und Diplomaten hatten wenig persönliche und kaum vertrauensvolle Kontakte mit Libyern und lebten in einem selbstreferentiellen System von Mutmaßungen, das sich gelegentlich zu wilden Phantasien aufschaukelte.

Deutscher Botschafter war damals Dr. Beye, dem Wirtschaftsbeziehungen und die Zurückdrängung lauernder ostdeutscher Machinationen vor allem gingen und für den „sein“ Goethe-Institut vorwiegend ein notwendiges Symbol westdeutscher Präsenz war.

Obwohl einige der Botschaftsvertreter sich dann als ausgesprochen hilfsbereit und bei den späteren Krisen auch verständnisvoll und kooperativ erwiesen und obwohl man später auch Diplomaten getroffen hat, die genügend Souveränität besaßen, neben der regierungsamtlichen auch eine persönliche Meinung zu vertreten und sogar zu wissen, wann und wem gegenüber diese zu äußern war, obwohl man schließlich auch Vertreter des Auswärtigen Amts kennen lernte, die in der Lage waren, kulturelle und psychologische Aspekte in ihre Beurteilung einzubringen, blieb mir aus den libyschen Jahren ein reduzierter Respekt vor einem gewissen offiziellen Menschenschlag.

Was man damals dort an Ängstlichkeit und Denkhemmungen erlebte, war jedenfalls deprimierend. Ich kann mich nicht erinnern, auch nur einmal eine Andeutung von Kritik an der Hallstein-Doktrin gehört zu haben, die unsere Außen- und Entwicklungspolitik total blockierte. Als gegen Ende unserer libyschen Zeit der tschechische und dann sogar der sowjetische Kulturreferent das Institut besuchten und mich nach einem jeweils harmlosen Gespräch zum Essen einluden, erhielt ich die Anweisung der Botschaft, diese Einladungen abzulehnen. Es gab natürlich auch keine Kritik an den amerikanischen Verbündeten und nicht einmal eine kritische Bewertung der libyschen Regierung oder den Versuch einer analytischen Sicht auf die Zukunft des Landes. Auch habe ich nie irgendeinen eigenständigen Gedanken darüber gehört, wie Kultur- oder Entwicklungspolitik in Libyen anders und besser zu betreiben sei. In dieses Bild passte dann auch, dass der Botschafter uns gelegentlich nahe legte , nicht zu viele öffentliche Veranstaltungen durchzuführen, weil andere, sprich die Amerikaner, dann weniger bemerkbar würden als wir.

Amüsanter und für Beobachtungen und Bewertungen von Land und Leuten ergiebiger als die Diplomaten waren ein paar italienische, später auch deutsche, Entwicklungshelfer und Leute wie der ehemalige Schiffsarzt Dr. Meinck, der mit dem von der Bundesrepublik gestifteten „Klinomobil“,einem Sattelschlepper mit Praxis- und OP-Ausstattung, durch die Oasen Tripolitaniens fuhr. Abgesehen von der maßstabsetzenden Feststellung, dass erst dann Sturm sei, wenn der Schaum vom Bier fliegt, verdankten wir ihm allerhand Anekdoten zur Realität des Beduinenlebens und zur Weltsicht jenseits des Straßennetzes, sowie die Mitteilung seiner Erfahrung, dass man unbeschadet durch ein Minenfeld fahren und sogar darin campen könne, vorausgesetzt, man bemerke seine Existenz erst nach dem Verlassen.

Inzwischen war an einem Julitag bei 44 Grad unser Sohn geboren worden. Die Gespräche in der Zentralverwaltung ein paar Wochen später hatten ergeben, dass man weiterhin plante, mich baldmöglichst woanders hinzuversetzen, aber zugleich erwartete, dass das Institut lebhafte Aktivitäten zeige.

Dergestalt motiviert, bemühte man sich nach dem Urlaub, zuerst einmal alles laufen zu lassen wie zuvor. Das ging denn auch, sieht man davon ab, dass das Interesse an unseren Sprachkursen deutlich abnahm, die Schülerzahl um gut ein Viertel sank und dass von denen, die die Anfängerkurse vor dem Sommer durchgestanden hatten, kaum einer wieder erschien. Von den 24 Prüflingen, die dann im Dezember 1963 die G1-Prüfung mitmachten, bestanden sie 15, davon 2 Landeskinder. Alle Durchgefallenen aber waren Libyer. Von den zwei Einheimischen, die bestanden hatten, fand einer alsbald eine Anstellung bei der Zensur. Er erschien ein paar Wochen später, erwähnte seinen wichtigen Job und bat um ein Zeugnis über eine bestandene Oberstufenprüfung, da er diese für ein Stipendium benötige. Wir bedeuteten ihm, er habe doch nur die Grundstufe bestanden, nicht einmal die Mittelstufe, die Oberstufenprüfung aber werde in unserer Zentrale gegengeprüft und kurz, das ginge leider nicht. Er meinte, das sei aber schade für uns, und so geschah es, dass keine Zeitungen mehr ankamen und die Post, ostentativ geöffnet, nicht mehr nach drei Tagen, sondern nach zwei Wochen im Postfach lag. Die Botschaft schaltete sich ein, nach zwei Monaten lief alles wieder normal, und wir wussten, woran wir waren.

Institutsleiter Klopfer sprach nun immer häufiger nostalgisch von seinen Erfahrungen mit den hellen und zudem so viel humorvolleren Ägyptern.

Mit dem Beginn des Jahres 1964 und dem Ramadan, der in den Januar fiel, begann sich etwas zu bewegen. Wohl wissend, dass, wie ich schrieb „manchmal die Briefe von hier ins Ausland nicht ganz tadellos ankommen“ und dass unser Freund bei der Zensur dem nicht gewachsen sein würde, machte ich mir den Spaß, die Familie im Kohlenpottjargon über die beginnenden Unruhen auf dem laufenden zu halten, „...Hio is dat mitti Pennälers gestern losgegangen. Da waa grosset Rimmidimmi mitti Pütze unn so, un inne Stadt hammse welche fotrimmt. Indi Uni in Benghasi hammse sogaa welche umme Ecke gebracht, wattabbo hio noch gahnich raus is. Bloß wio wissen dat, weil eino von da heute gekommen is. Fleicht fotuschen di dat.“

Es folgten unsere eigentlichen und dauernd prägenden Erfahrungen mit der arabischen Politik und mit dem Goethe-Institut.

Mitte Februar 1964 bekamen wir die Mitteilung, dass die Zentrale plante, das Institut zu schließen und dies mit der listigen Idee verband, den Sprachunterricht dann der kleinen deutschen Schule zu übertragen. Für mich forderte man eine Beurteilung an. Diese führte dazu, dass man mir die Leitung von Damaskus anbot, was ich mit ungemindertem Interesse am Orient und mit Selbstvertrauen annahm.

Zwei Wochen später erfuhr ich, dass man nun nicht mehr an Damaskus denke, sondern daran, das Institut Tripolis unter meiner Leitung, aber auch nur mit mir bestehen zu lassen. Auch diese Lösung war, wie sich zeigte, vorerst flüchtig.

Wir fuhren also, den Kleinen wie bei allen Fahrten in der Tragtasche, umstellt von Fläschchen und Gläschen mit Baby-Fraß und Windelpaketen am Platz des ausgebauten Beifahrersitzes, zuerst einmal in die Cyrenaica. Dies hatte literaturhistorische Folgen.

In Kyrene fanden wir nämlich das Hotel ausgebucht, fuhren den Wagen in einen Kiefernwald und stellten bei Sonnenaufgang fest, dass wir mitten in einer Nekropole zwischen griechischen Sarkophagen übernachtet hatten. Während unserer Jahre in Rom lernten wir dann Stefan Andres kennen, den Autor damals viel gelesener Schulbuchtexte. Er schrieb damals an seinem Synesius-Roman, der in Libyen spielt. Ich sprach mit ihm des Öfteren über die dortigen Landschaftseindrücke, vor allem aber auch darüber, was wohl in den Köpfen der Menschen um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert und in dieser Gegend vorgegangen war. Als wir den Roman Jahre später lasen, fanden wir zu unserem Amüsement die folgende Passage: „Das schlechte Wetter, die späte Jahreszeit und nicht zuletzt die Sänfte dehnten die Reise auf eine Woche aus, bis wir eines Morgens in einem Koniferenhain erwachten. Nicht fern von unserer Lagerstatt lagen sehr große rechteckige Steine, Sarkophage, wie wir erkannten. Wir hatten in einem Friedhof übernachtet. Die von der Morgensonne vergoldeten Tröge des Todes standen verstreut unter den Zedern und Tannen, ohne Ordnung und ohne Einzäunung. Synesios ging umher, las Namen und erkannte, daß wir in Kyrene angekommen waren."

Am Tag nach unserer Rückkehr aus der Cyrenaika kam ein Telegramm, in dem man mir die Leitung des Instituts im indischen Rourkela anbot. Das war nun weit weniger attraktiv als Damaskus, vielleicht aber besser als Tripolis. Erkundigungen ergaben, dass es sich um einen wilden Platz handelte, stark geprägt von dem Stahlwerk, das deutsche Firmen dort aufbauten und von den deutschen Arbeitern und ihren Familien, Sauforgien und Feiern. Ich sagte also vorsichtigerweise nur unter der Bedingung zu, dass wir nur zwei Jahre bleiben müssten.

Dies wurde akzeptiert. Anfang Mai 1964 lief mit der Zentralverwaltung eine Korrespondenz zum Abreisetermin. Mitte Mai war in Abstimmung mit der Zentralverwaltung die Wohnung gekündigt, das Auto verkauft und der Hausrat in Kisten. Ende Mai lag zwar immer noch keine Reaktion der Zentralverwaltung zu einem konkreten Termin des Dienstantritts in Indien vor, wohl aber die Mitteilung des Leiters von Kalkutta, Hans Meinel, dass er nie etwas von dem Glücksfall meiner Versetzung nach Rourkela gehört habe. Aufgeschreckt bat ich die Zentralverwaltung erneut um eine umgehende Entscheidung und teilte mit, dass die Botschaft immer noch für mein Bleiben sei. Ich fand diesen Brief später in den Personalakten mit dem Vermerk „Soll er halt bleiben“. Einen entsprechenden Bescheid bekamen wir dann und gingen im Bewusstsein, nun ein neues Auto kaufen und eine neue Wohnung suchen zu müssen und keineswegs zu wissen, ob die Pläne zur Schließung des Instituts Tripolis zu den Akten gelegt seien, in den Urlaub.

Dies und ein paar weitere Erfahrungen mit Durchblick und Fürsorge der Zentrale führten wenig später zu meiner Unterschrift unter den Aufruf zur Gründung einer GEW-Arbeitsgruppe und in den Jahren danach zu einer ungemein Zeit- und Papierfüllenden Gewerkschafts-und Betriebsratstätigkeit.

Der Urlaub war auch insofern wohlverdient gewesen, als die Stimmung im Lande inzwischen deutlich unfreundlicher und die Arbeit unerfreulicher geworden war. Im Februar hatte Nasser Libyen aufgefordert, die ausländischen Militärbasen im Land zu liquidieren. Im März hatte die Gerüchtemaschine der Botschaften erneut auf Hochtouren rotiert. Der König war zurückgetreten. Er war auf Wheelus Airbase geflüchtet. Er war schon seit ein paar Tagen tot und lag auf Wheelus in einem Eisfach. In der Tat hatte Radio Beromünster vom Rücktritt des Königs gesprochen. Es hatte sich dann aber gezeigt, dass der alte Taktiker auf die Drohungen Ägyptens und die Stimmung im Lande reagiert hatte, indem er vor seinen treuen Anhängern in der Cyrenaica über sein Alter und einen möglichen Rücktritt sprach, über den das Volk entscheiden müsse. Er hatte ergebenen Widerspruch und loyalen Jubel geerntet, das Oberkommando über die Armee selbst übernommen und regierte vorerst gestärkt weiter.

Dies änderte allerdings nichts daran, dass für uns jetzt Nasser und seine Reden wetterbestimmend wurden.

Im Oktober 1964 schrieb ich, immer auf das Mitleser-Ärgern bedacht, an die Familie: „Morgen ist hier Parlamentswahl. Die meisten Kandidaten sind praktisch schon gewählt, darunter alle bisherigen Minister, weil die Gegenkandidaten nicht zum offiziellen Anmeldetermin im offiziellen Anmeldebüro kamen. Sie wurden durch peinliche Versehen der Polizei vor dem Büro verhaftet, aber größtenteils später wieder freigelassen. Dieserart haben sie ihre demokratische Pflicht versäumt, sich als Kandidaten aufstellen zu lassen. Es gibt Leute, die sagen, das sei Absicht gewesen, aber das ist klare Verleumdung. Außerdem gibt es Kandidaten, die ohne verhaftet zu sein, zugunsten fähigerer Kandidaten zurücktraten. Bei uns an der Türe stehen seit unserer Ankunft von morgens bis abends freundliche Männer in Zivil, die wohl Schüler der benachbarten Ölschule sind. Sie spielen nett mit dem Kleinen, grüßen freundlich und sind nett wie die meisten Libyer. Wir haben uns mit ihnen angefreundet, so daß einer sich sogar einschreiben wollte und fragte, ob es für Polizei keine Ermäßigung gebe.“

In der Zentrale hatte man jetzt tatsächlich beschlossen, Klopfer nach Kairo zu versetzen und mich da zu lassen. Ich entwarf einen kritischen Bericht über die Lage des Instituts und die Unsinnigkeit der Kulturpolitik, wie wir sie betrieben. Ich habe ihn leider nicht mehr und auch in der Zentralverwaltung nicht wiederfinden können. Er muss ziemlich ungeschminkt die Punkte enthalten haben, die einem inzwischen klar geworden waren, dass nämlich das Erlernen der deutschen Sprache für Studenten, die nicht einmal Englisch passabel sprachen, gelegentlich nicht einmal flüssig lateinische Buchstaben schrieben, schwerlich den Charakter irgendeiner Priorität annehmen könne. Dass man auch nicht erwarten könne, dass jemand, der keine differenzierte Kenntnis der islamischen Kultur habe und der von westlicher Denkungs- und Lebensart nicht viel mehr wisse als das, was er in Hollywoodfilmen gesehen hat, sich nun für die deutsche klassische Musik, Heimatfilme oder Vortragenden über vorislamische Lyrik interessiere, die man uns ungefragt schickte. Ich erinnere mich noch, dass ich die Ansicht äußerte, es sei wesentlich besser, ein Berufsschulwesen und modernen Journalismus zu fördern und z.B. für Schulungen deutsche Drucker, Grafiker und Journalisten zu entsenden. Auch erwähnte ich, dass die Förderung von Schul- und Breitensport durch Trainer und Sportlehrer aus Deutschland nützlich und sympathiefördernd sei. Ich machte klar, dass ich Entwicklungshilfe für notwendig, aber das Weiterbestehen eines Goethe-Instituts für nicht sinnvoll hielt. Klopfer meinte, es sei nie gut, „am eigenen Ast zu sägen“, unterschrieb aber vor seiner Abreise den Bericht ebenfalls.

Die erste Herausforderung für mich als kommissarischen Leiter kam mit der Herstellung des Jahresabschlusses. Dieser musste bei einer Währung, die drei Stellen hinter dem Komma erforderte, ohne die Hilfe eines der damaligen Maschinchen erfolgen, auf denen man die Zahlen mit kleinen Schiebern einstellte und die Addition durch einen Kurbeldreh vorwärts und die Subtraktion durch einen Dreh rückwärts erwirkte, kurz:Tausende von Zahlen per Kopf und Stift.

Ich beantragte eine Rechenmaschine, verlangte einen Ausgleich für die persönlichen Kosten, die uns durch die widerrufene Versetzung entstanden waren und fragte an, ob einem kommissarischen Leiter kein Gehaltszuschuss zustünde. Die Rechenmaschine wurde bewilligt. Über den Schadenersatz wurde ein längerer Briefwechsel geführt, in dem ich viel später neben meinem Wort „unzumutbar“ die Randnotiz fand „Der Ton ist unangenehm, aber er hat recht.“

Und dann wurde ich Anfang 1965, vermutlich schlicht, weil man den Posten im Stellenplan nicht vakant lassen wollte, kommentarlos und sogar rückwirkend zum 01.12.1964 zum vollgültigen und wohl jüngsten Institutsleiter ernannt, den das Institut damals hatte. Nichtsdestoweniger teilte ich der Zentrale mit, dass ich nicht wünschte, meine Zeit in Libyen über die drei Jahre zu verlängern, über die der ursprüngliche Vertrag lief.

Die nächste Heimsuchung folgte alsbald. Ziemlich genau mit dem Beginn des Jahres 1965 begann wieder ein Ramadan und allerhand Unruhe auf den Straßen.

Ob die Monarchie, Israel und die Amerikaner oder ob die westlichen Kolonialisten allgemein das Ziel des jeweiligen Missvergnügens waren, ließ sich am besten feststellen, indem man mit Mohammed Ibrahim im Wagen an den Ort des Geschreis fuhr und sich die Slogans übersetzen ließ. Aber man konnte auch schon etwas lesen und war auch ohne Hilfe meist in der Lage zu erkennen, ob irgendetwas wie „La mamlakiya“ oder etwas von „jumhuriya“ zu erkennen war, was dann Ablehnung der Monarchie und den Ruf nach einer Republik bedeutete. Warum die Botschaft dieses einfache Mittel der Aufklärung nicht nutzte und je mehr die Annäherung an Israel fortschritt, gleich Antideutsches vermutete, war mir unklar.

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Die Institutsbibliothek (Foto: Albert Wassener)
Der ohnehin unausgewogene Zustand der Rechtssicherheit neigte sich allerdings tatsächlich noch etwas mehr gegen die westlichen Ausländer. Dass sogar wir Deutschen nunmehr unlustig betrachtet wurden, zeigte sich bald. Es verschärften sich die kleinen Schikanen gegen das Goethe-Institut. Zeitungssendungen und Post ging verloren oder traf mit wochenlanger Verzögerung ein, Briefe waren ostentativ geöffnet, gelegentlich sogar mit Ruf- und Fragezeichen am Rand des Textes versehen. Dann erschien ein Vertreter des Kultusministeriums, sah sich unsere Bibliothek an, ersetzte in einem Atlas „Israel“ mit Kugelschreiber durch „Palestine“ und trank einen Kaffee mit mir.

Schließlich fand ich eines Tages in der Universität, wo nun doch wieder ein Kurs begonnen hatte, die Klasse leer und einen anonymen Zettel an der Tür, der besagte, man brauche nicht wieder zu kommen. Dass er wirklich für mich war, erwies sich, als auch an den folgenden Terminen die Klasse leer blieb. Die Kurse im Institut liefen indessen normal weiter, und wir hatten Konzertveranstaltungen für das übliche vorwiegend westliche Publikum.

Bei unseren Fahrten über Land hatten wir immer wieder schöne Erfahrungen mit den Berbern des Jebel Nefusa und den Beduinen am Wüstenrand gemacht, unsere Freude an den endlosen Begrüßungen und am Ritual der drei Gläschen Tee gehabt. Die Menschen draußen erschienen uns, einfach wegen ihrer Gastfreundschaft und unprätentiösen Bescheidenheit erholsam. Anfang Februar geschah es nun, dass wir bei der Besichtigung von Ruinen einer römischen villa rustica von Halbwüchsigen als Israelis identifiziert und mit Steinen beworfen wurden. Das blieb zwar eine Ausnahme und hinderte uns nicht, selbst in den Zeiten noch größerer Spannung im Land herumzufahren, zeigte aber doch, wie weitreichend der Einfluss der Nasser-Reden war.

Beim „Deutschen Tag“ der Tripoli International Fair in den ersten Märztagen 1965 gab es allerdings weder die von der Botschaft befürchteten Demonstrationen noch mangelndes Interesse. Ein paar Tage später lud aber Nasser Ulbricht zu einem Besuch in der VAR ein, woraufhin die deutsche Wirtschaftshilfe für Ägypten eingestellt wurde. Noch ein paar Tage später begann der Sondergesandte Birrenbach in Israel über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu verhandeln. Als König Hassan von Jordanien zu einem Staatsbesuch in Libyen eintraf, war klar, dass es um eine koordinierte Reaktion gegenüber Deutschland ging, aber niemand wusste, welche Linie beschlossen worden war. Ich schrieb an die Familie, die Lage sei spannend.

Mitte März 1965 stimmte das israelische Kabinett der Aufnahme von Beziehungen zu, die arabische Liga beschloss „Maßnahmen“ im Falle der definitiven Unterzeichnung, und die meisten arabischen Länder zogen ihre Botschafter ab.

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Albert Wassener mit libyschen Schülern (Foto: Albert Wassener)
Ich habe gelegentlich an der eigenen Urteilsfähigkeit, aber bisher nur zweimal daran gezweifelt, ob ich noch normal sei. Das erste Mal war das, als ich einmal beim Schifahren vor dem Licht der gerade versunkenen Sonne am Horizont die Silhouette eines zweifelsfrei einbeinigen Schifahrers auftauchen sah, dem ein zweiter einbeiniger Schifahrer folgte, und noch einer und ein weiterer und ein weiterer, bis ein knappes Dutzend einbeinige Schifahrer hintereinander auf mich zu schwangen. Es handelte sich um eine Schischule für Behinderte. Das zweite Mal war am 17.03.1965. Ich stand in der Klasse und sah über die Köpfe der Schüler aus dem Fenster auf die Mauer des Institutsgeländes, als über diese ein Polizist geklettert kam, in den Hof sprang und aus dem Blickfeld verschwand. Ihm folgte noch einer und ein weiterer und ein weiterer, bis ein knappes Dutzend aus dem Blickfeld verschwunden waren, sich aber im Institut befinden mussten. Als die Stunde zu ende war, stellte sich heraus, dass dies die Truppe war, die das Institut gegen die empörten Massen schützen sollte.

In anderen arabischen Ländern wurden deutsche Institutionen an diesem Tag tatsächlich behelligt, und auch in Tripolis sorgte die Botschaft für das Gefühl der Gefahr. Wir wurden gewarnt, das Haus zu verlassen und uns darauf vorzubereiten, ggf. binnen 48 Stunden das Land verlassen zu müssen.

Tatsächlich zeigte sich aber im Mai 1965, als die Beziehungen zu Israel offiziell aufgenommen wurden, dass, im Gegensatz zu allen anderen arabischen Ländern, Libyen, Tunesien und Marokko die Beziehungen zur Bundesrepublik nicht abbrachen. Im April hatten die libyschen Erdölexporte nämlich einen neuen Höhepunkt erreicht, und der Hauptkäufer war nach wie vor die Bundesrepublik. Als dann ab Juni die nach gesetzlichem Vertragsablauf freigewordenen Ölkonzessionen neu angeboten wurden, betrug das Staatsbudget des Landes das 50fache des ersten nach der Unabhängigkeit, und die Bundesrepublik war weiter bestens im Geschäft.

Einen Einblick in die diplomatische Welt dieser Wochen gibt eine Passage aus einem weiteren Brief: „Das Konzert des Wiesbadener Kammertrios musste ich gestern wieder absagen (schon die 2. Absage in drei Monaten), weil die Amerikaner Angst bekommen haben. Eigentlich war das Trio von den Amerikanern in Wheelus eingeladen. Aber die fürchten jetzt, weil es ein deutsche Trio ist, daß die ohnehin labilen libysch-amerikanischen Beziehungen dadurch gefährdet werden, was natürlich absoluter Quatsch ist, denn die offiziellen deutsch-libyschen Beziehungen sind recht gut. Jedenfalls wurde der Botschafter gestern vom Wirtschaftsminister zum Mittagessen mit anschließenden Bauchtanzdarbietungen eingeladen, was nicht auf Abbruch der Beziehungen deutet. Trotzdem will die Botschaft immer noch nicht wissen, was in der nächsten Woche mit uns passiert. Das ist zuweilen zum Lachen. Unter dem Siegel der strengsten Vertraulichkeit werden mir von der Botschaft und von meinem Privatschüler, dem französischen Botschafter, Dinge mitgeteilt, die mir Mohammed schon am Morgen berichtet hat, weil sie in den arabischen Zeitungen gestanden haben.“

Es sollte zu einem ständigen Muster in unserem späteren Goethe-Leben werden, dass wir abends „noch eine Runde um den Block“ machten und dabei die Erregungen des Tages abarbeiteten. Ein Dauerthema war dabei neben den Problemen des Lebens und Überlebens in der jeweiligen Stadt und neben der Irrungen und Wirrungen der Zentralverwaltung auch, was wohl mit unserer Zukunft im Institut als nächstes geschehen werde.

An die Runden um den Block in der Garden City von Tripolis, wo das Ritual in diesen merkwürdigen Monaten des Jahre 1965 begann, kann ich mich, obwohl sie wegen des Kleinen kurz gewesen sein müssen, noch gut erinnern. Es waren meist noch heiße Abende. Vor den Botschaften und anderen Gebäuden, die sich jetzt dergestalt als offiziell erwiesen, drückten sich Grüppchen von Polizisten. Die Schützer des Goethe-Instituts saßen im Hof am Wasserbecken und kochten sich Tee auf ihrem Holzkohlenöfchen. In Gärten und Eingängen der Begüterten und Offiziellen kauerten Wächter und taten dasselbe. Auf den Stufen der Hauseingänge im ärmeren Nachbarviertel hockten die Männer und rauchten. Und überall mischte sich mit den gedämpften Gesprächen der Auswurf von Transistorradios, Lieder von Um Kalthum, Koranrezitationen und immer wieder mal eine flammende Rede des großen Gamal Abd-el-Nasser. Nie wurden wir behelligt, aber wir bewegten uns in einer abweisenden Welt.

Nasser war der Gott und die Hoffnung vor allem der Jugend. Es war eine Jugend, der es materiell an wenig mangelte. Kein Privatmann zahlte in Libyen Steuern. Gut bezahlte Jobs auch für niedrig Qualifizierte gab es in Fülle. Geschäfte ohne Investitionen waren überall zu machen. Die Studenten der Universität bekamen ein monatliches Gehalt und waren mit Stipendien reich gesegnet. Was der Jugend fehlte, war die Teilhabe an politischen und sozialen Entscheidungen und die Bestätigung ihres arabischen Selbstbewusstseins. Nasser versprach vor allem das letztere. Er forderte die Westmächte heraus. Er einigte arabische Nationen. Er und Tito waren die großen Figuren in der non-aligned world. Nasser stand für ein modernes arabisches Menschenbild.

Jahre später fiel mir wieder ein Gedicht in die Hand, das ich damals an einen früheren Klassenkameraden geschickt habe, der inzwischen bei der UNESCO in Paris arbeitete. Es war betitelt „Tripolis-Paris 1965“ und stilisierte parodistisch unsere Nasser-beschattete Lage zu einem Albtraum.

Die Schlafzwiebel platzt wie gehabt (Walser, Halbzeit).
Zwischen Pelle drei und vier ein zwiebelndes Träumchen im Saft,
Und zwar so:
Lauf geahnt, Mündung gespürt, beide im Rücken,
Uniform erschließbar.
Sodann:
Knie am Tisch, Strippen, Telefone.
Darüber hakt sich die Nase, prickelt Strich auf der Lippe, schwitzt Khaki.
Brusthaare (schwarz) erschließbar,
Erinnerlich Fotos und Flora in der ZEIT.
Weiter die Namen: Begründer der, Vater des, Sohn der, Sprecher des, Befreier von, Führer zur, Feind aller, Freund aller, Sklave des Siegverleihenden.
Dann die Fragen: Ihr habt, warum habt ihr.
Die Drohungen: Wenn ihr nicht, dann ihr nicht. Kurz, Abbruch. Verboten, geschlossen, geschlossen, geschlossen!
Und ich: Seid umschlungen, Millionen! Aus der Flut eure Schätze gerettet! Diesen Kuß der ganzen Welt! Die traditionelle arabisch-deutsche! Gottes ist! Brüder unterm Sternenzelt!
Und doch:
Keine Hilfe. Ein zwiebelndes Träumchen zwischen Pelle drei und vier.
Im Rücken die Mündung.


Dagegen ihr:
Paris! Im Rücken une bouche, ansonsten boucheries, débaucheurs.
Schlafzwiebeln intakt, höchstens Zwiebelsuppe.
Sodann: Hirnige Gespräche, Treppen, Bänke, Parks, Perverse.
Die Seele ruht vom Vaterlande aus,
Und dann und wann ein weißer Elefant.
Na gut, der lange Charles, la grosse Margot, die dicke Berta, les tricoteuses,
Und mit Kreideschrift „Dormir“,
Selbst les bombes algériennes,
Das gab’s, das gibt’s:
Abgelagerte Ängste, Buhmänner an Fäden.


Mensch, habt Ihr’s gut!


Man wäre in den letzten zwei der drei libyschen Jahre mit einiger Sicherheit in eine echte Lebenskrise geraten, wenn man nicht die Freude an Expeditionen und Bewegung behalten und es nicht die Möglichkeit gegeben hätte, sich zu Hause auszusprechen.

Copyright: Albert Wassener
Albert Wasseners libyscher Ausweis (Foto: Albert Wassener)
Wir hatten später Gelegenheit, andere islamische Länder ganz gut kennen zu lernen. Gespräche mit palästinensischen und türkischen Studenten waren Schlüsselerlebnisse, die einem bewusst machten, in wie vieler Hinsicht Libyen ein Sonderfall gewesen war. Es blieb jedenfalls das einzige unserer Länder, aus dem wir gerne weggingen.

Dabei waren es weniger die konkreten politischen Schwierigkeiten, die einem das Leben erschwert hatten. Es war vielmehr die Diskrepanz zwischen der eigenen Motivation und der vorgefundenen Arbeitssituation.

Man war in der Erwartung angetreten, sich auf eine fremde Kultur einlassen zu können, auf geistige Abenteuer zu stoßen und in einen Austausch verwickelt zu werden, der einen bereicherte. Man war sich außerdem schon bald durchaus bewusst geworden, dass die Fremdheit zwischen Europa und der „Dritten Welt“ reduziert werden müsse und davon überzeugt, dass Kulturaustausch zu mehr Klarheit, wenn schon nicht zu mehr Vertrauen führe. Das schien einem eine lohnende Aufgabe.

Das Erlebnis des Dialogverlustes war deshalb ziemlich schockierend. Man stieß ganz unerwartet auf eine fast völlige Unmöglichkeit, mit den vorgesehenen Partnern der Kulturpolitik ein rationales Gespräch über die vielen Dinge zu führen, die einen umgaben und für die man sich durchaus interessierte. Man wollte sich mit europäischer Neugier den Gegensätzen und den Widersprüchen zum scheinbar Selbstverständlichen aussetzen und bekam als Reaktion Sprechblasen und Emotionen. Die Fragen, die man stellte, konnten keine Antworten erhalten, weil sie an Menschen gerichtet waren, die weder den Westen, noch die eigene Kultur reflektiert hatten. Die Dinge, die man selbst vermitteln wollte, waren für sie irrelevant. Es war, als hätte ein Araber aus el-Andalus einen grönländischen Nordmann nach der Bedeutung der augustinischen Civitas Die für die abendländische Staatstheorie, nach der Ethik des Thomas von Aquin oder dem Sonnengesang des Franziskus gefragt und ihn dazu bringen sollen, die Philosophie des Avicenna und die Schönheit arabischer Liebesgedichte zu goutieren.

Hinzu kam, dass die auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik immer, aber damals noch mehr als später, an einer fundamentalen Unklarheit über die eigenen Ziele und über die Gesetze litt, nach denen sich die eigene Wirksamkeit vollziehen sollte. Niemand wusste, ob man mit deutscher Kultur im Ausland Eindruck machen, Verständnis schaffen, Vertrauen bilden, einfach informieren, einen Dialog einleiten oder aber, so unvereinbar das dann sein mochte, alles dies möglichst gleichzeitig tun würde. Man war sich auch unsicher, wen man am liebsten erreichen wollte, alle Kulturinteressierten oder die aktuellen Meinungs- und Entscheidungsträger des Landes oder gar dessen zukünftige und womöglich in sträflicher Opposition befindliche Eliten.

Man wusste erst recht nicht, mit welchen Aktivitäten dies alles am besten geschehen könnte. In diesen Jahren und noch länger galt bei den entscheidenden Stellen zudem ein nicht bezweifelter tief konservativer Kulturbegriff, und man war zufrieden damit, Veranstaltungen, die das deutsche Bürgertum erfreut hätten, als Demonstration deutscher Kultur in die Welt zu schicken.

Aus dem Rückblick meine ich, dass es richtig war, die damalige Art unserer Arbeit für weitgehend unsinnig zu halten und für Libyen stattdessen Maßnahmen der Entwicklungsarbeit anzuregen. Hätte man trotzdem einen kulturellen Dialog beginnen wollen, hätte man auf konventionelle Veranstaltungen verzichten müssen und sich nicht scheuen dürfen, einen offenen Diskurs über kulturelle Differenzen zu beginnen. Man hätte die gegenseitigen Verständnisschwierigkeiten benennen und den Versuch machen müssen, gemeinsam über deren Gründe zu reden. Dies wäre, wenn überhaupt, in Libyen nur mit dem Willen zu etwas Risiko und vor allem nur auf Arabisch gegangen.

All dies war damals den Kulturpolitikern nicht klar und wurde es noch lange nicht. Erste ernsthafte Diskussionen über Zielgruppen, Themen und Veranstaltungsformen erreichten einen erst ein paar Jahre später. Aber selbst als ich ein Vierteljahrhundert später in der Zentrale für Wortveranstaltungen zuständig wurde und nach Beratung mit Orientalisten und Politikwissenschaftlern einen Themenbrief mit Vorschlägen für Dialogansätze mit dem Islam verfasste, bekam ich Reaktionen von Kollegen, die mir sagten, die genannten Themen seien in ihren Ländern tabu, zu heikel, unmöglich.

Dies traf, wie sich später zeigte, sicherlich nicht zu, aber Risikofreude, essentieller Bestandteil von Kulturaustausch, gehörte auch in den 90er Jahren noch nicht zu den garantiert karrierefördernden Qualitäten beim Goethe-Institut.

Die libyschen Erfahrungen führten im Übrigen zwangsläufig auch dazu, dass man über die Stärken des westlichen Denkens und über den westlichen Kolonialismus Ansichten entwickelte, die in den Diskussionen der 1968er Zeit Anstoß erregten.

Die ideologische Kolonialismus-Kritik, aus welcher Richtung sie auch kam, ging damals davon aus, dass selbstbestimmten Menschen von einem ausbeuterischen westlichen Herrschaftssystem ein ursprünglicher Wohlstand geraubt, vorhandenes Recht und die eigene Kultur genommen und dass ihnen jedenfalls eine Zukunft aufgezwungen worden sei, die schlechter war als diejenige, die sie , allein gelassen, gehabt hätten. Fast nie wurde darüber geredet, auf welche sozialen, kulturellen und humanitären Verhältnisse die Kolonialmächte gestoßen waren und dass sie mit der vorgefundenen Situation unterschiedlich kompetent umgegangen waren.

Man musste bei solchen Diskussionen mit den Betroffenheitsprofis meist darauf hinweisen, dass neben der zweifelsohne dominierenden egoistischen Interessenpolitik auch höchst unterschiedliche moralische Motivationen eine Rolle mitgespielt hatten. Man musste betonen, dass die Kolonialpolitik der Engländer, der Franzosen, der Italiener politisch und ethisch unterschiedlich angelegt gewesen waren, dass Indien im 18. Jahrhundert etwas anderes gewesen war als Schwarzafrika im 19. und Äthiopien im 20. Man musste also mühsam vertreten, was inzwischen ziemlich anerkannt ist: Die Rechtlosigkeit der Schwachen und das Elend der Armen kam weder mit den Engländern nach Indien, noch mit den Franzosen an die Elfenbeinküste, noch mit den Italienern nach Libyen.

Wie dem auch sei: Es blieb einem aus dieser Zeit eine tiefe Skepsis gegenüber der erfahrungsfrei gutmenschlich-naseweisen Fernstenliebe, die ein ausgeprägtes deutsches Charakteristikum der nächsten Jahrzehnte wurde und gegen political correctness, wo sie sich zu fundamentalistischer Albernheit auswuchs.

Es blieb ein kritisches Bewusstsein von den Stärken dialektischer westlicher Rationalität und eine Vorliebe für kulturelle Kräfte, die sich nicht aus Glauben, sondern aus Zweifel nähren.

Im Mai 1966, die Zustände waren fast wieder normal, folgte sogar noch ein Ereignis, das mindestens in den Augen der Botschaft ein besonderer Erfolg der deutschen Kulturpolitik wurde. Die Zentralverwaltung hatte nämlich die Idee gehabt, das Ensemble „Musik und Tanz aus Bayern“, ein Trachten-, Volksmusik und Schuhplattlerensemble, in die treu gebliebenen Länder des Maghreb zu entsenden. Ich brachte die Truppe in der Aula der Universität unter, und diese war dann nicht nur voll ausgebucht, sondern es gab sogar im Publikum einen großen Anteil von Libyern, die Jodeln, Schenkelklatschen und hoch fliegende Röcke mit rauschendem Beifall quittierten.

Während dessen hatte sich die Zentrale überlegt, das Institut Tripolis mit meiner inzwischen beschlossenen Versetzung nach Rom doch noch weiter zu reduzieren. Ich bekam den Auftrag, vor meiner Abreise noch eben mal vertraulich und ohne die Botschaft zu alarmieren, einen entsprechenden Aktionsplan zu liefern. Ich schlug also vor, ein Büro-Institut zu erhalten und die Sprachkurse der Deutschen Schule zu übertragen. Ich wurde prompt angewiesen, nach entsprechenden Räumen zu suchen. Dies tat ich und hatte einen Mietvertrag für ein Büro fertig zum Unterzeichnen.

Im April bekam ich etwas überraschend die Mitteilung, in einigen Tagen werde als mein Nachfolger ein Lehrer Hellwig aus Kairo eintreffen. Es stellte sich schon auf dem Weg vom Flugplatz heraus, dass dieser von der geplanten Reduzierung des Instituts nicht informiert und nicht gesonnen war, die vorliegende Weisung der Zentralverwaltung als existent zu betrachten.

Er mobilisierte sofort die Botschaft gegen die Pläne und setzte es durch, dass die Zentralverwaltung erneut umfiel. Das Haus wurde behalten, und das Goethe-Institut Tripolis existierte bis zur Schließung durch Gaddafi 1969 weiter, zuletzt allerdings nur als eine Art Nebenstelle von Tunis, ohne entsandten Leiter und schließlich sogar nur in Form des Schildes an einem Gebäude, für das der Steuerzahler die Miete weiterzahlte.

Unser eigener Abgang war honorig. Ar-Raid und der Tripoli Mirror druckten ein Interview mit mir. Meine Antworten waren höchst liebenswürdig gefasst. Ich hatte natürlich nie Schwierigkeiten durch die politischen Spannungen gehabt, bewunderte die vielen Schulneubauten im Land und bedankte mich bei den libyschen Behörden für die Gastfreundschaft. Immerhin machte ich auch Andeutungen, dass man in Zukunft den Versuch machen sollte, mehr dialogisch zu arbeiten, weniger klassische Musik und mehr Filme mit arabischen Untertiteln vorzuführen.

Die Botschaft berichtete höchst erfreut darüber: „Es ist bemerkenswert, dass diese Veröffentlichungen seit langer Zeit die ersten positiven Berichte über die Bundesrepublik bzw. ihrer Einrichtungen darstellen. Der Herausgeber der beiden Zeitungen hatte in letzter Zeit – nicht zuletzt unter sowjetzonalem Einfluss – die Bundesrepublik wegen der Inanspruchnahme des Alleinvertretungsanspruchs und wegen unserer Haltung in der Israelfrage wiederholt scharf angegriffen. Ob der unveränderte Abdruck des Interviews, das auf Vermittlung eines Schülers des Goethe-Instituts zustande kam, eine Wendung zu Besseren in der Haltung des Herausgebers bedeutet, bleibt abzuwarten.“

Wir wurden von den beiden Mohammeds sichtlich gerührt und mit Geschenken verabschiedet, und auch sonst hatte man den Eindruck, das man im engeren Bekanntenkreis gern gesehen gewesen war. Aber die tiefe Erleichterung, mit der wir die dunstige Küste des Landes hinter dem Kielwasser der guten alten Città di Tunisi verschwimmen sahen, ist uns bis heute in bleibender Erinnerung.

Es folgte in acht Jahren Rom eine Periode, von der Bertolucci später sagte: „Wenn man abends schlafen ging, wusste man: Ich wache nicht morgen auf, sondern in der Zukunft.“ Die Geschichte dieser Illusion ist aber eine andere Geschichte.

Von Albert Wassener