Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

30 Jahre Goethe-Institut – ein Arbeitsbericht
Von Christoph Wecker

Vorbemerkung

Die Arbeit, die ich als meinen Beruf im Wortsinne ansehe, habe ich erst in einem fortgeschrittenen Alter beginnen können. Nach der Schule folgten 4 Jahre als Soldat und, nach Verwundung und Gefangennahme, 5 Jahre in sowjetrussischen Lagern, fast ausschließlich bei der Waldarbeit eingesetzt. Nach der „Spätheimkehr“ im Frühjahr 1949 folgte eine Zeit schwerer Krankheit und ab Herbst 49 das Studium an der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen, das ich 1954 mit der Promotion abschloss. Anschließend trat ich als „Juniorchef“ in die Fabrik meines Vaters ein, wo mir bald klar wurde, dass dies mein Beruf nicht sein konnte; meine Interessen lagen woanders. Ich entschloss mich zu einem neuen Anfang.

Dies ist der Bericht über die dreißig Jahre meiner beruflichen Tätigkeit beim Goethe-Institut, von 1956 bis 1986. Er stellt nicht den Versuch dar, eine Geschichte des Instituts zu schreiben, sondern schildert meine Erinnerungen an die Jahre des Aufbaus und der Konsolidierung unserer Institution, die ich miterleben und - entsprechend meinem jeweiligen Aufgabengebiet - nach meinem Vermögen mitgestalten durfte. Es liegt nahe, dass auf diesem Wege sehr viele Menschen mit mir zusammengearbeitet haben oder dienstlich mit mir zu tun hatten. Ich kann zu meinem Bedauern nur wenige namentlich nennen, damit der Text nicht überfrachtet und für heutige Leser langweilig wird. Davon unabhängig bleibe ich aber allen meinen ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in München und New York, sowie den Kolleginnen und Kollegen hier wie dort dankbar verbunden, weil ohne sie meine Arbeit nicht hätte geleistet werden können.

Die Abfassung des Berichts erfolgte 2009, gestützt nicht nur auf meine Erinnerungen, sondern auch auf frühere Texte und auf Originaldokumente, die sich noch in meinem Besitz befinden. Jetzt habe ich das Ganze nochmals überarbeitet und die Fotos hinzugefügt.

Gauting, im Frühjahr 2011
Christoph Wecker

1956 Einstellung

Was muss zusammenkommen, damit in besonderen Lebenslagen Ereignisse eintreten, die alles verändern?

Ich fühlte mich in jenem Sommer 1956, nach drei unausgefüllten Jahren in der väterlichen Firma, sehr unglücklich, ich wusste, dass es so nicht weitergehen durfte, obgleich von außen gesehen alles durchaus geordnet scheinen mochte: Ich hatte Frau und Kind, war mit 35 Jahren Juniorchef des familieneigenen Unternehmens, einer angesehenen Konservenfabrik in der vierten Generation, hatte vor oder über mir nur meinen Vater, hatte studiert und promoviert. Aber es gibt „nichts Richtiges im Falschen“, und ich war in meinem Leben am falschen Platz angekommen, an dem ich nicht länger bleiben konnte und wollte. Aber gab es überhaupt eine Alternative?

Mit dieser Erkenntnis konnte man sich auch am Wörthersee in Kärnten nicht recht erholen und an einem der letzten Urlaubstage, den ich mit meiner Frau Inke dort verbrachte, in einem Liegestuhl am Strand, passierte es im wahrsten Sinne des Wortes vom blauen Himmel herunter: Ich las in der Süddeutschen Zeitung, da fiel mein Blick auf eine kleine Notiz: „Goethe-Institut sucht Lehrkräfte“ und ich wusste, was ich tun wollte.

„Wir machen einen Umweg über München“, erklärte ich meiner Frau und gab ihr die Zeitung. Durch einen Freund war uns das Goethe-Institut nicht ganz unbekannt. Ich wollte mir das ansehen und mit den Leuten reden, vielleicht eröffnete sich da ein neuer Weg für mich. Kurz darauf sprach ich nach telefonischer Voranmeldung am Maximiliansplatz in München vor, wo sich die „Geschäftsstelle“ des Goethe-Instituts zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland e.V. damals befand.

Der Geschäftsführer und spätere Direktor Richard Wolf empfing mich und erwies sich als sehr verständnisvoller Gesprächspartner. Er schlug meine baldige Teil¬nahme an einem Einführungslehrgang am Starnberger See vor, um sich gegenseitig näher kennen zu lernen, falls sich dies mit meinen beruflichen Verpflichtungen vereinbaren lasse. Ich stimmte zu und wir fuhren mit neuen Zukunftshoffnungen nach Hause. Bald darauf erhielt ich einen von ihm Brief aus München mit dem Angebot, wenn möglich ohne den Lehrgang gleich ein Praktikum an einer innerdeutschen ,,Unterrichtsstätte“ anzutreten. Ich besprach die Konsequenzen aus dieser überraschenden Entwicklung mit meinem Vater und meiner Familie und beschloss, das Angebot anzunehmen.

1956 – 1957 Bad Reichenhall

Schon Mitte November fuhr ich, zunächst unter Zurücklassung meiner Frau und unseres vierjährigen Sohnes, in meinem kleine Ford „Buckel-Taunus“ auf der wegen zerstörter Brücken zum Teil noch unterbrochenen Autobahn über Stuttgart und München Richtung Bad Reichenhall, wo ich meine neue Ausbildung beginnen sollte, mit immerhin 35 Jahren und als Familienvater. Ich war mir des Risikos dieses Aufbruchs in völliges Neuland und ins Ungewisse sehr bewusst, und hätte man das Wetter als Vorzeichen deuten wollen, so wäre wenig Gutes zu erwarten gewesen: Dunkle Wolken hingen tief herab, aus denen wolkenbruchartiger Regen stürzte; von Landschaft war nichts zu sehen; man konnte nur langsam und mit Licht fahren, und aus dem Autoradio tönten ständig die neuesten bedrohlichen Nachrichten über den dramatischen Verlauf des Ungarn-Aufstands. Ich rief mir die Zeilen aus dem Hesse-Gedicht „Stufen“ in Erinnerung:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Ich war neugierig und entschlossen, dieses Unternehmen zu einem Erfolg werden zu lassen, und mit solchen positiven Gedanken erreichte ich am Abend Bad Reichenhall. Man zeigte mir ein nahe beim Hauptgebäude, einem ehemaligen Hotel, gelegenes bescheidenes Haus im bayerischen Stil; dort sei für mich ein Zimmer reserviert. Die Vermieterin empfing mich mütterlich, und alsbald traten aus zwei Zimmern im ersten Stock zwei junge Männer, beide aus Ägypten, auf den Flur heraus, mit viel schwarzem Tee mit Minze – ein solch herzlicher Empfang, dass ich bald alle Zweifel vergaß und meiner späten Ausbildung zum Sprachlehrer für erwachsene Ausländer mit Freude und Erwartung entgegensah. So viel starken Tee konnte ich nicht so leicht verkraften, in dieser Nacht fand ich keinen Schlaf.

Schon am nächsten Tag saß ich hospitierend beim „Kursleiter“- wie der Chef offiziell hieß – Dr. Griesbach, einem freundlichen, kleinen Herrn mittleren Alters, Mitverfasser des erfolgreichen und bald weltweit verbreiteten Lehrbuchs des Goethe-Instituts, des „Schulz-Griesbach“, im Klassenzimmer und verfolgte erstaunt, wie die Studenten und Studentinnen aus aller Herren Länder ohne jede Vorkenntnisse auf deutsch angesprochen und ebenso weiter unterrichtet wurden:

„Dies ist mein Haus und ich liebe es sehr“, so begann der Kurs. Es war faszinierend, die Fortschritte zu verfolgen. Als der Kursleiter mich schon nach vier Wochen bat, seine Klasse der Grundstufe 1 zu übernehmen und zum Abschluss zu führen, als ich dann im nächsten Kurs allmählich lernte, die Schüler auch über die Klippen des Passivs, des besonders schwierigen Konjunktivs, der Trennung von Verben mit Vorsilben und anderer Unregelmäßigkeiten zu steuern, als mir im übernächsten Kurs die Freude und Genugtuung zuteil wurde, in einem Studenten aus Indien und einem anderen aus Mittelamerika derart sprachbegabte und interessierte Schüler zu haben, dass sich daraus Freundschaften entwickelten, die sich in einer auf deutsch geführten Korrespondenz – selbst über philosophische Themen – jahrelang fortsetzten, war ich zu zum ersten Mal seit dem Ende meines Studiums froh. Zur guten Stimmung trug sicher auch ein neuer Kollege bei, der seine Laufbahn ebenfalls an der Unterrichtsstätte Bad Reichenhall begann und mit dem sich bald eine enge Freundschaft entwickelte, die über unsere Jahre beim Goethe-Institut hinaus bis zu seinem Tod Bestand hatte: Dr. Klaus Schulz. Er hat später die Zweigstellen Beirut, Athen, Stockholm, London und Kairo geleitet und auch in der Zentrale als Beauftragter für die Institute im Ausland gearbeitet.

Foto: Privat
Mit einer Klasse in Bad Reichenhall, 1957

Im Frühling 57 konnte ich in einem kleinen Häuschen nahe beim Institut zweieinhalb kleine Zimmer anmieten und am Wochenende selber die Wände weißen, sodass meine Frau und unser vierjähriger Sohn Thomas nachkommen konnten und die Familie wieder beisammen war. Jetzt fehlten nur noch die erhofften Angebote aus München; denn ich war mit Herrn Wolf übereingekommen, dass meine Lehrzeit möglichst nicht länger als ein Jahr dauern und dass mir dann ein Auslandsposten angeboten werden sollte.

Der erste Vorschlag war Mexiko City, wo die Deutsch-Mexikanische Kulturgesellschaft das Auswärtige Amt in Bonn darum gebeten hatte, eine sogenannte “Dozentur des Goethe-Instituts“ einzurichten und einen Dozenten zu entsenden. Obwohl meine Frau und ich sogleich anfingen, Spanisch zu lernen, zerschlug sich dieser Plan. Es gab beim Auswärtigen Amt einen besonders geeigneten Kandidaten, der mit einer Spanierin verheiratet war, die Sprache beherrschte und der in Mexiko vorherrschen katholischen Religion angehörte. Dann folgte das Angebot Lille in Frankreich, was mich nicht reizte.

Beim dritten Vorschlag stimmten wir nach kurzem Bedenken zu: Damaskus in Syrien, die älteste Stadt der Welt, der Orient, Karl May – Land meiner Jugend, ein Abenteuer.

1957 – 1961 Damaskus

Ende August 1957 schon bestiegen wir samt Kinderspielzeug (auf dem Dach) unseren kleinen Fiat 1100, den ich mit von meinem Großvater geliehenem Geld gebraucht gekauft hatte, in Genua ein Schiff, das sich gründlich von dem unterschied, was man sich schon damals unter einem Passagierdampfer vorstellte. Es war ein griechischer Frachter mit einigen Passagierkabinen. Wegen eines Versehens der Münchner Geschäftsstelle reisten wir nicht in der eigentlich vorgesehen zweiten Klasse, sondern in der noch bescheideneren dritten, einer Art Auswanderer-Quartier im Schiffsbauch. Ein ägyptisch-deutsches Arztehepaar auf dem Weg nach Alexandria, erster Klasse reisend, fand nach einigen Gesprächen an Deck, dort könnten wir doch nicht bleiben, man wolle mit dem Kapitän reden, ob wir nicht etwas besser untergebracht werden könnten. Das erwies sich als nicht möglich, weil ich ohne Genehmigung aus München das Risiko einer Zuzahlung nicht eingehen wollte. Unsere bescheidenen Betten lagen übereinander – für mich nichts Ungewöhnliches! –, die dreieckige Kabine mit einem Bullauge war nur zum Schlafen zu gebrauchen. Wir waren stets an Deck, hatten uns mit einer indischen Familie mit drei Kindern angefreundet, und so näherten wir uns langsam, aber stetig, dem Ziel, bis – wieder einmal in rosenfarbener Frühe – Beirut über dem Meer auftauchte. Nach der Landung wurde das Auto ausgeladen, unser Gepäck auf den Rücksitzen und auf dem Dach verstaut; die Straßenkarte hatte ich vorher eingehend studiert, und gegen Mittag fuhren wir aus der damals noch unbeschädigten, schönen und an der Corniche europäisch anmutenden Stadt über das Libanongebirge in Richtung Damaskus. Das Abenteuer hatte begonnen.

Freundliche Abfertigung an der libanesisch-syrischen Grenze, Deutsche sind wohlgelitten. Nach zwei weiteren Fahrstunden Ankunft in Damaskus. Fremde Menschen, fremde Sprache, fremde Landschaft, Bauwerke, Geräusche, Gerüche, im Vergleich zum eher mondänen, noch fast vertraut mediterranen Beirut nun hinter den Bergen wirklicher Orient. In unmittelbarer Nähe beginnt die große Wüste, dort führt eine Sandpiste ins flache Nichts. Ein Kilometerstein mit arabischer und lateinischer Schrift besagt: „Bagdad 841 Kilometer“.

Die Wohnung unseres Vorgängers fanden wir bald, aber sie war noch nicht frei. Wir mussten in einer einfachen Pension für die ersten vier Wochen Quartier beziehen, das Essen war sehr gewöhnungsbedürftig, die Nachttemperatur im Schlafzimmer betrug 28 Grad. Am nächsten Tag stellte ich mich beim deutschen Generalkonsulat vor und machte einen ersten Besuch in der Universität, bei dem uns empfohlenen Direktor der Bibliothek, der gut Deutsch sprach und uns bald schon in gänzlich unerwarteter Weise hilfreich werden sollte.

Die uns hinterlassene Wohnung des Vorgängers, in die wir dann einzogen, erwies sich bald als wenig geeignet für die Arbeit; eigene Institutsräume gab es nicht. Mit Genehmigung aus München konnten wir größere und hellere Räume anmieten, auch diese unter Straßenniveau gelegen, an einem neuen, breiten Boulevard am Fuße des Kassioun, des Hausberges von Damaskus. Neben unseren Wohn- und Schlafzimmern waren die beiden größten Zimmer als Institutsräume vorgesehen. Dort sollten die Sprachkurse stattfinden, während die jeweils an den Vormittagen angekündigte Studienberatung, die sich als eminent wichtig und zeitraubend, aber auch kräftezehrend erwies, im Wohnzimmer abgehalten wurde.

Oft war der Raum voll, denn die Bundesrepublik Deutschland war für Studienanwärter aller Fachrichtungen ein besonders erstrebenswertes Ziel. Nur brachten allzu viele, die in mir den Wegbereiter ins gelobte Land zu finden hofften, weder sprachlich, noch vom Ausbildungsstand her die nötigen Voraussetzungen mit. Bald hatte ich mir landesweit den Ruf erworben, die Anwärter eher zu entmutigen und ihnen Hemmnisse in den Weg zu legen, ganz im Sinne deutscher Universitäten, die eben darum dringend baten, weil allzu viele unvorbereitete junge Syrer mit völlig überzogenen Erwartungen nach Deutschland gereist waren, meist auch von ihren bescheiden lebenden oder gar armen Eltern finanziell für die große Reise ausgerüstet, von der sie sich den Beginn einer erfolgreichen Karriere versprachen. Ich entwarf ein entsprechendes Schreiben an das Erziehungsministerium in Damaskus und schrieb einen Beitrag über dieses in der BRD weitgehend unbekannte Arbeitsgebiet für eine interne Publikation des Goethe-Instituts.

Mein kleines Institut war ein Ein-Mann-Betrieb, auch Verwaltung und Schriftverkehr war Sache des Dozenten oder Institutsleiters; für Hilfskräfte gab es keine finanziellen Mittel. Der rechtliche Status des Instituts, ein Begriff, der mir bei meiner späteren Tätigkeit in München noch sehr vertraut werden sollte, war ungeklärt und blieb in der Schwebe, weil es kein Kulturabkommen zwischen unseren Regierungen gab, in dem Derartiges normalerweise geregelt ist. Die Freundlichkeit der Leute, mit denen ich es vor allem zu tun hatte, ließ jedoch keinen Mangel spürbar werden. Ein Lehrer genießt darüber hinaus in der arabischen Tradition stets ein ganz besonders Ansehen, und man begegnet ihm mit Respekt und Dankbarkeit.

Nach zwei Monaten, also gegen Ende des Jahres 1957, machten wir eine unerwartete andere Erfahrung. Ich lud an einem Wochenende meine Familie zu einer Erkundungsfahrt in die nähere Umgebung ein, wir besaßen ja den kleinen Fiat, und ich hatte wie immer als leidenschaftlicher Amateurfotograf meine Kamera dabei. An einer landschaftlich reizvollen Stelle stellten wir unser Auto am Straßenrand ab und erstiegen einen Hügel, den eine einzige Zypresse krönte. Er bot eine begrenzte Aussicht auf die völlig unbebaut erscheinende Umgebung. Ich machte ein Foto und wir kehrten zum Ausgangspunkt zurück, wo wir unseren Wagen von zahlreichen ländlich gekleideten Menschen umringt sahen, die heftig diskutierten und uns nicht mit der gewohnten Freundlichkeit empfingen. Ein Mann mit offenbar irgendeiner offiziellen Funktion radebrechte englisch. Wir stünden unter dem Verdacht der Spionage, dies sei militärisches Sperrgebiet. Ein uniformierter junger Soldat, der sich im Hintergrund gehalten hatte und jetzt herbeigerufen wurde, werde uns nach Damaskus eskortieren und zur Geheimpolizei („Deuxième Bureau“) bringen. Wir könnten unser Auto benutzen. Der arme Kerl, mit dem wir uns natürlich nicht verständigen konnten, zwängte sich auf die hintere Sitzbank und hielt sein Gewehr zwischen den Knien. Ich fuhr sehr schnell, und als wir uns der Stadt näherten, versuchte er mit ängstlichen Rufen, mich dorthin zu dirigieren, wohin er mich bringen sollte. Ich hörte nicht darauf und fuhr mit quietschenden Reifen durch die mir bekannten Kurven in den Universitätscampus hinein, bremste scharf vor der Bibliothek und verlangte, den Direktor zu sprechen, der glücklicherweise auch anwesend war. Nach einem Palaver mit dem Soldaten telefonierte er dann mit der Polizei, ich bestand darauf, zuerst einmal Frau und Kind nach Hause bringen zu können, bevor ich dann zur Verfügung stünde, was schließlich genehmigt wurde, nachdem der Direktor sich für mich verbürgt hatte.

Eine Stunde später fand ich mich mit meiner Frau, die darauf bestanden hatte, mich zu begleiten, beim Deuxième Bureau ein, und wir mussten in einem Vorraum warten, der voller Soldaten war. Nach einigen Minuten fragte ich nach einem Stuhl, wenigstens für die Dame, der sofort gebracht wurde. Dann empfing uns ein junger Major mit einem Beisitzer ausgesucht höflich. Auf seinem Schreibtisch lag meine Kamera, die mir schon bei der “Verhaftung“ abgenommen worden war. Der Offizier erläuterte uns, am Ort unseres Spaziergangs befinde sich hinter einem der Hügel eine Munitionsfabrik, und es sei streng verboten, dort zu fotografieren, ja selbst Spazierengehen sei, vor allem bei Ausländern, verdächtig. Er redete ziemlich lange, und als er fertig war, entschloss ich mich zum gleichen Stil, nur weniger verbindlich. Ich erklärte ihm, dass ich als ein Freund in sein Land gekommen sei, um diesem und den Beziehungen zur BRD mit Sprachunterricht und Studentenberatung zu dienen. Niemand habe mir bei der Einreise oder später etwa ein Merkblatt über besonderes Verhalten in Syrien gegeben, und ich hätte auch nirgends den leisesten Hinweis auf ein Fotografierverbot erhalten oder gesehen. Ich müsse deshalb mit Enttäuschung und Befremden gegen diese Behandlung protestieren und überlegen, ob ich nicht in Deutschland um eine alsbaldige Rückberufung bitten solle. Der Major zeigte sich sichtlich beeindruckt, ließ Tee bringen, bot Zigaretten an, entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten und gab mir, als Zeichen des Vertrauens, wie er sagte, meine un¬geöffnete Kamera zurück. Dann bat er mich um Verständnis für die notwen¬dige Abwehrbereitschaft seines Landes (gegen Israel!) und riet mir, künftig beim Fotografieren vorsichtig zu sein, obwohl dies grundsätzlich natürlich nicht verboten sei, wünschte meiner Frau und mir, wir möchten uns in Damaskus wohlfühlen, und stellte sogar in Aussicht, vielleicht einen meiner Sprachkurse zu besuchen, weil er gerne die Sprache des großen deutschen Volkes lernen würde. Mit warmem Händedruck schieden wir als Freunde.

Die abendlichen Unterrichtsstunden waren sehr gut besucht, bis zu 25 Studenten in der Klasse. Ich hatte mindestens vier Stunden nacheinander zu unterrichten und stellte bald fest, dass dieser Unterricht schwieriger war, als derjenige, den ich in Bad Reichenhall mit international gemischten Studenten kennengelernt hatte. Das Niveau und die Vorbildung meiner Schüler waren sehr verschieden, und die schwächsten bestimmten naturgemäß den Fortgang des Unterrichts. Trotzdem trug unser guter Ruf im folgenden Jahr wohl dazu bei, dass die Universität Damaskus mit der Bitte an mich herantrat, auch dort für die Studenten aller Fakultäten einen deutschen Sprachkurs einzurichten. Obgleich mir eigentlich kaum Zeit dafür zur Verfügung stand, sagte ich zu, einmal pro Woche am Vormittag eine Unterrichtsstunde für Anfänger abzuhalten, die allerdings von der gewöhnlich um diese Zeit stattfindenden Studienberatung abgezweigt werden musste.

Die erste Universitätsveranstaltung verlief denkwürdig. Ich suchte zunächst den Pedell auf, um mich nach dem Hörsaal zu erkundigen, in dem mein erster Deutschkurs stattfinden sollte. Man habe umziehen müssen in das Auditorium Maximum, wegen des unerwartet großen Andrangs, sagte der alte Mann und erbot sich freundlich, mich dorthin zu begleiten. Inzwischen war ich in den interessierten Kreisen der “ältesten Stadt der Welt” kein Unbekannter mehr und genoss einen Ruf als auch dann unterhaltsamer Lehrer, wenn eher trockene Phänomene wie der Gebrauch des persönlichen Fürworts im Deutschen zu erklären waren Dennoch wunderte ich mich über diesen Andrang und fürchtete, aus dem vorgesehenen Einstieg in die für Araber besonders fremde deutsche Sprache werde heute wahrscheinlich nichts werden. Als ich den großen Saal mit den amphitheatralisch ansteigenden Sitzreihen betrat, fand ich meine schlimmsten Erwartungen übertroffen. Alle Sitzreihen waren voll, nicht wenige Studenten standen, es mussten schätzungs¬weise 300 Personen anwesend sein, temperamentvoll durcheinanderredend und einen Geräuschpegel erzeugend, gegen den eine einzelne Stimme nicht ankommen konnte. Ich bestieg das Katheder und hoffte, mein Erscheinen werde beruhigend wirken; aber diese Höflichkeit konnte man offenbar nicht erwarten, zumindest noch nicht. Ich musste handeln, mir Respekt verschaffen, gleich zu Beginn, sonst wäre ich verloren. Glücklicherweise erkannte ich in einer der ersten Reihen ein bekanntes Gesicht, einen Schüler aus meinem Institut, von dem ich wusste, dass er Englisch sprach. Ich winkte ihn zu mir und bat ihn zu dolmetschen. Der junge Mann brüllte mit höchster Lautstarke das arabische Wort für “Ruhe“ in die Runde, und tatsächlich verstummten immer mehr Gespräche; schließlich war es still.

Jetzt begrüßte ich die Versammlung und gab meiner Freude darüber Ausdruck, dass so viele offenbar großes Interesse daran hätten, Deutsch zu lernen. Ich müsse jedoch leider gleich einige drastische Einschränkungen machen, fuhr ich fort, denn es handle sich keineswegs um eine Unterhaltungsschau, die ich ihnen zu bieten gedenke, sondern um eine seriöse universitäre Lehrveranstaltung, die zu einem bestimmten Ergebnis in einer angemessenen Frist führen solle, nämlich dem, Grundkenntnisse der deutschen Sprache zu erwerben, zum Beispiel mit dem Ziel, das sicher manche im Auge hätten, in Deutschland zu studieren. Dies sei jedoch nur durch systematische Arbeit und erhebliche Anstrengungen zu erreichen; deshalb könne ein einzelner Lehrer nur einen sehr beschränkten Kreis von Schülern erfolgreich unterrichten. Überdies sei die deutsche Sprache schwierig, das wolle ich gleich ohne Umschweife sagen, und aus längerer Erfahrung wüsste ich, dass sich die Zahl der Interessenten spätestens dann halbiere, wenn man an die Behandlung des Dativs komme, von den Geheimnissen des Konjunktivs noch gar nicht zu reden, den nicht einmal alle Deutschen korrekt gebrauchen könnten. Man benötige also einen festen Willen, Geduld und Fleiß, wenn sich der Zeitaufwand lohnen solle, meiner und ihrer. Ich bat deshalb nachdrücklich darum, dass nach dieser ersten Stunde, die ich bereit sei, als unterhaltendes Kennenlernen zu betrachten, nur noch ernsthaft motivierte Damen und Herren erscheinen sollten. Damen und Herren, das war richtig, denn die Mädchen bildeten zwar eine auffallende Minderheit, waren aber dennoch leicht auszumachen, denn sie saßen in Gruppen fast nur in der ersten und zweiten Reihe, einige mit, andere ohne Kopftuch. Ich behielt den Dolmetscher an meiner Seite und ließ ihn übersetzen, wenn ich den Eindruck hatte, dass meine englisch gemachten Ausführungen nicht oder nicht vollständig verstanden worden waren. Manch¬mal fügte ich ein bestimmtes Wort auch in französischer Sprache hinzu, weil nur die jüngste Studentengeneration Englisch in der Schule gelernt hatte; bei den älteren Semestern herrschte Französisch vor. Ich lieferte die von mir erwartete und nun auch versprochene lehrreiche Unterhaltungsshow, brachte hin und wieder übermütiges Gelächter beim Auditorium hervor und gewann allmählich den Eindruck, so dürfte ich nicht die ganze Stunde hindurch weitermachen, sonst würde vielleicht beim nächsten Mal auch der große Hörsaal nicht mehr ausreichen, und ich hätte das Gegenteil von dem erreicht, was ich bewirken wollte und musste. Ich sprach über mein Land und berichtete auch einiges aus dessen jüngerer und jüngster Geschichte. Als ich den Zweiten Weltkrieg erwähnte, erhob sich in einer der hinteren Sitzreihen ein junger Mann und ergriff das Wort zu einer feurigen Rede:

„Wir Araber lieben Deutschland und das deutsche Volk, Hitler war ein großer Deutscher, ein großer Führer und Feldherr, er hat nur einen Fehler gemacht, er hätte nicht nur die Juden vernichten sollen, sondern gleich die Kolonialmächte England und Frankreich noch dazu.”

Stille. Weder Zustimmung noch Protest, nur anhaltende Stille.

Ich atmete tief durch, dann sagte ich mit größtem Nachdruck, ich verbäte mir ganz entschieden eine derartige Beleidigung meines Landes und meiner Person, denn das sei es, was ich soeben gehört hätte, ich sei in Hitlerdeutschland zur Schule gegangen, hätte fast zehn Jahre meines Lebens als Soldat und kriegsgefangener Zwangsarbeiter in der Sowjetunion für unser damaliges verbrecherisches Regime opfern müssen, mein Volk habe unter den in seinem Namen begangenen Verbrechen schwer zu leiden und unternehme große Anstrengungen, um dafür wenigstens materielle Wiedergutmachung zu leisten, obgleich man wisse, dass es keine wirkliche Wiedergutmachung geben könne; millionenfacher Mord an unschuldigen Menschen sei nicht ungeschehen zu machen. Deshalb könne und wolle ich nicht hinnehmen, dass solche Äußerungen in meiner Gegenwart gemacht würden, auch dann nicht, wenn derjenige, der sie gemacht habe, vermutlich keine wirkliche Vorstellung von ihrer Bedeutung habe. Ich müsse deshalb leider meinen Unterricht an der Universität abbrechen. Den Rektor und die Fakultät würde ich entsprechend unterrichten. Damit verließ ich das Podium, ging, ohne mich umzusehen, zur Tür hinaus und den langen, kahlen Gang hinunter, dem Ausgang zu. Bald hörte ich auf dem Steinfußboden klappernde Schritte hinter mir näher kommen und wurde von drei Studenten und einer Studentin eingeholt, die höflich um Gehör baten. Sie wollten sich in aller Form namens aller Studenten für die Ungehörigkeit ihres Kommilitonen entschuldigen, es liege bestimmt in niemandes Absicht, mich, ihren Lehrer und einen Gast ihres Landes, zu beleidigen, und man bitte mich, doch wieder in den Hörsaal zurückzukehren und den Unterricht fortzusetzen. Ich nahm die Entschuldigung an und kehrte mit der Delegation zurück, wo man mich mit Beifallklatschen empfing. Ohne weitere Störung konnte ich die Stunde zu Ende bringen.

Viel später erfuhr ich, dass beim Deuxième Bureau, wo man offenbar detaillierte Kenntnis von dem Vorfall erhalten hatte, eine Akte zu meiner Person angelegt worden sei, ich galt dort wohl als Sympathisant des Staates Israel. Konsequenzen gab es jedoch keine.

Etwa ein Jahr später wurde mir vom Generalkonsulat mitgeteilt, zwei Offiziere hätten den Wunsch geäußert, ein Gespräch mit mir vermittelt zu bekommen. Unser Kulturattaché verwies auf meine Telefonnummer, die Herren sollten sich doch bitte mit mir unmittelbar in Verbindung setzen, da ich nicht zum Personal der Botschaft gehöre. Ich wurde angerufen und mit höflichen Worten zu einem Informations¬ge¬spräch im Offiziersclub eingeladen. Meine beiden Gastgeber erwiesen sich als gebildet und geradezu charmant, sprachen Englisch, und noch bevor sie sich mit vorsichtigen Fragen weiter vorgewagt hatten, sagte ich, wir sollten doch den eher offiziellen Teil unseres Teegesprächs abkürzen, denn ich ginge sicher nicht fehl in der Annahme, dass sie im Auftrag des Deuxième Bureau mit mir sprächen. Da ich weder in meinem privaten Leben, noch als Leiter des Goethe-Instituts irgendetwas zu verbergen hätte, wäre es doch das Beste, wenn sie mich im Institut besuchten und auch einmal an einer Unterrichtsstunde teilnehmen würden. Auch mein Schreibtisch und die wenigen Akten stünden zu ihrer Verfügung. Die beiden bemühten sich, auch den geringsten Eindruck irgendeiner Vernehmung, womöglich aus gegebenem Anlass, zu vermeiden, versprachen einen baldigen Besuch und plauderten fortan munter über unverfängliche Themen, bis ich mich verabschiedete und zu meiner Arbeit zurückkehrte. Der Ältere mit dem höheren Dienstrang besuchte mich tatsächlich, bekam Tee angeboten, besah sich unsere Wohnung und die Institutsräume, wünschte meine Frau kennenzulernen und verabschiedete sich mit der fast schüchtern vorgebrachten Frage, ob er mit seiner Gattin einmal wiederkommen dürfe, damit diese, ebenso wie er, die überaus gelungene Einrichtung unserer Wohnung in ihrer Mischung arabischer und europäischer Elemente bewundern und davon Anregungen für die Gestaltung ihres eigenen Heims mitnehmen könne. Er versicherte uns seiner uneingeschränkten Hoch-schätzung, ja geradezu freundschaftlicher Gefühle, und bedauerte, nicht die Zeit für ein ernsthaftes Studium der deutschen Sprache am Institut zu haben.

Schon nach Abschluss unserer ersten „Saison” machten wir eine wichtige Erfahrung, die in ihren weiteren Auswirkungen bei mir die Überzeugung festigte, das Goethe-Institut dürfe es nicht beim Angebot von Sprachkursen und damit bei seinem Namen „Goethe-Institut zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland belassen, sondern müsse hinzufügen „… und Kultur…“. Unsere Studenten äußerten immer dringlicher den Wunsch, mehr über das Land und vor allem seine Kultur zu erfahren, dessen Sprache sie mit viel Aufwand an Zeit und Mühe gerade erlernten. Vor allem klassische deutsche Musik wollte man hören. Unser winziger Etat erlaubte kaum, den einmal pro Semester stattfindenden kleinen Empfang für Schüler und Gäste zu finanzieren, zu dem wir die Produkte selber einkauften und das kalte Buffet von meiner Frau zubereitet wurde. An ein eigenes kleines Kulturprogramm war noch nicht zu denken. Als erstes kaufte ich einige Schallplatten mit Kammermusik von Mozart, Beethoven und Brahms, die wir mit einem kleinen Kreis besonders interessierter Schüler und Freunde des Instituts in unserer „Institutswohnung“ und auf meiner privaten Anlage hörten. Wir berichteten nach München, bekamen etwas mehr zusätzliche Finanzmittel für „kulturelle Veranstaltungen“ und konnten bald darauf aus dem Angebot der Geschäftsstelle, die verschiedene Künstler und Vortragende auf Reisen schickte, einen Pianisten zum Solokonzert einladen. In Damaskus fand ich eine Firma, die Klaviere verlieh. Man brachte uns ein recht angejahrtes Möbel ins Haus, und als der große Abend da war und so viele Gäste, wie unsere Räume fassen konnten, die Honoratioren in der ersten Reihe – viel zu nah am Instrument – Platz genommen hatten, griff der Pianist in die Tasten und erwies sich durchaus als Könner. Wenn da nur nicht diese quietschenden Nebengeräusche gewesen wären, die offensichtlich von den Pedalen kamen. In der Pause konnte ich nur in unsere Küche eilen, Salatöl holen, welches dann vom Künstler selbst unter meiner Mithilfe so lange an die richtigen Stellen geträufelt wurde, bis das Geräusch verschwand. Wir knieten beide bei dieser Arbeit, er im Frack und ich im Abendanzug, vor Aller Augen. Das Publikum hat dennoch das Konzert sehr genossen und viel Beifall gespendet, mit der Bitte um baldige Wiederholung ähnlicher Veranstaltungen. Der Künstler meinte, dies sei sein erster wirklicher „Klavierabend“ gewesen

In unserer letzten Saison in Damaskus ging es dann mit dem Erich Keller-Quartett aus München – als Nonett auftretend – schon weit professioneller zu, und es wurde ein würdiger Abschluss des bescheidenen Kulturprogramms.

Unser Verhältnis zum Generalkonsulat, das bald in den Rang einer Botschaft erhoben wurde, und zu den höheren Beamten dort, einschließlich des Botschafters, entwickelte sich zu persönlichen Freundschaften und war dienstlich durch eine problemlose und kollegiale Zusammenarbeit gekennzeichnet. Auch zu Diplomaten anderer Auslandsvertretungen unterhielten wir gute Beziehungen. Wir erlebten den Zusammenschluss unseres Gastlandes mit Ägypten unter Führung von Gamal Abdel Nasser zur „Vereinigten Arabischen Republik“ (V.A.R.), und ich war zur großen Parade aus diesem Anlass eingeladen, die Nasser zusammen mit seinem jugoslawischen Gast Tito abnahm. Die rasch entfachte Begeisterung der Syrer, vor allem der Jugend, war überwältigend. Als das Jahr 1960 begann, ahnten wir nicht, welch große Veränderungen sowohl dem Goethe-Institut in München als auch uns selber bevorstanden.

Zunächst besuchte uns der Schriftsteller und Journalist Dr. Reinhard Raffalt, ein vielseitiger Mann, der kurz vorher von seinem Freund aus römischer Zeit, Dr. Dieter Sattler, erster Leiter der nach dem Krieg wieder aufgebauten Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes in Bonn, zum „Sonderbeauftragten für die Kulturinstitute in Asien und Afrika“ berufen worden war und sich jetzt auf einer Asienreise befand. Die Bundesrepublik unterhielt an verschiedenen Plätzen der Welt eigene Kulturinstitute, und Sattlers unkonventionelle und kühne Idee war es, diese schon aus Mangel an Fachpersonal im eigenen Haus in die Verwaltung und Leitung des privatrechtlichen Goethe-Instituts zu überführen, das er aus seinen Münchner Jahren beim baye¬rischen Kulturministerium gut kannte. Wir hatten sehr interessante Gespräche, und ich war von den Aussichten, die sich unserer Institution eröffnen könnten, fasziniert.

Nicht lange danach besuchte uns der Gründungspräsident des Goethe-Instituts, Dr. Kurt Magnus. Er war in der Weimarer Zeit Vorsitzender des Reichsrundfunkrates gewesen, bis er, wegen seiner Weigerung, auf seinem Dienstgebäude in Berlin die Hakenkreuzflagge zu hissen, abgesetzt wurde und in die Schweiz emigrierte. Wir lernten ihn und seine Frau kennen und hochschätzen.

Er erklärte mir die Pläne der Kulturabteilung in Bonn, zu deren Verwirklichung, wenn es denn dazu komme, das Goethe-Institut natürlich einer strukturellen Reform von Grund auf bedürfe. Er fragte mich auch nach meinen Zukunftsplänen, und ich sagte ihm freimütig, dass ich unter solchen Voraussetzungen sehr gerne auch eine geeignete Aufgabe in München übernehmen würde, lieber sogar, als einfach von Damaskus an eine andere Zweigstelle des Instituts zu wechseln. Dr. Magnus berichtete, dass auch in der Mitgliederversammlung und im Vorstand durchaus noch Zweifel bestünden, ob diese neue Aufgabe nicht zu groß und es besser sei, bei der Förderung der deutschen Sprache zu bleiben. Es gäbe da durchaus zwei Lager. Er selber gehöre zu den Befürwortern des Projekts. Ich konnte mich dem nur aus voller Überzeugung anschließen.

Im Herbst 1960 erreichte mich ein Schreiben des Direktors aus München, mit dem ich damals das erste Gespräch im Goethe-Institut geführt hatte. Der Vorstand, so teilte er mit, habe der Übernahme der sogenannten bundeseigenen Kulturinstitute des Auswärtigen Amtes zugestimmt, und man sei als erstes mit Bonn übereingekommen, die Stelle eines Verwaltungschefs zu schaffen. Jetzt sei man auf der Suche nach einer geeigneten Persönlichkeit. Präsident Magnus und er selbst hätten mich vorgeschlagen, da eine einschlägige Auslandserfahrung höchst wünschenswert sei. Ob ich mir vorstellen könne, das Institut in Damaskus schon Anfang 1961 einem Nachfolger zu übergeben und die neue Aufgabe in München zu übernehmen, zu der neben den Finanzen und dem Personal auch die Verbindung zum Auswärtigen Amt gehören solle. Nach kurzem Überlegen sagten ich zu und zog damit diese völlig neue und wichtige Aufgabe im Goethe-Institut München der sich fast gleichzeitig eröffnenden Möglichkeit eines Wechsels zum Auswärtigen Dienst in Bonn vor, wo ich allerdings aus Altersgründen nur als Angestellter hätte arbeiten können und nicht als beamteter Diplomat. Ich habe es nie bereut.

In den drei Jahren, die wir in Syrien lebten und arbeiteten, haben wir Land und Leute erkundet, so gut wir konnten. Wir besuchten mit unserem Auto die Städte Hama mit seinen riesigen historischen Wasserrädern am Orontes, Homs und Aleppo, machten eine abenteuerliche Autoreise zur Felsenstadt Petra in Jordanien, flogen zur historischen Wüstenstadt Palmyra und nach Kairo, mit einer Bahnreise nach Luxor und mit dem traditionellen Boot auf dem Nil ins Tal der Könige. Zeitweise standen wir allein vor den Götterstatuen, und die Schlussverse des Rilke-Gedichts – das seit den Jahren im russischen Kriegsgefangenenlager zum festen Bestand meiner auswendig abrufbaren Gedichtsammlung gehörte – erschlossen sich unmittelbar:

... denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht, du musst dein Leben ändern

Heute, im Zeitalter des Massentourismus, sind diese Sehenswürdigkeiten von Touristenschwärmen überlaufen; ich bezweifle, dass man da noch genug Zeit und Raum zum Schauen hat.

Im letzten Sommer unserer Tätigkeit in Damaskus erreichte mich kurz vor Abschluss des Semesters ein telegrafischer Hilferuf aus meiner Heimat. Noch einmal bekam ich es unmittelbar mit der väterlichen Fabrik zu tun, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Der Prokurist bat mich um Mithilfe, um einen Konkurs abzuwenden. Meine Frau Inke, die in Reichenhall ebenfalls in die Sprachlehrmethode des Goethe-Instituts eingewiesen worden war und dort auch kurze Zeit praktiziert hatte, übernahm die Kurse für den Rest der Zeit; ich flog nach Deutschland und führte, noch von einer schweren Typhus-Erkrankung geschwächt, vier Wochen lang schwierige Verhandlungen mit Geschäftspartnern, Banken, schließlich einem Vergleichsverwalter und zuletzt einem Käufer der Firma.

Mein Vater zog sich weitgehend zurück und ließ mich zusammen mit dem Prokuristen tun, was wir konnten. Ein Konkurs konnte verhindert und für meine Eltern wenigstens eine auskömmliche Altersversorgung sichergestellt werden. Als ich bei einem bekannten Bankier in meiner Heimatstadt vorstellig geworden war, um die Möglichkeiten eines zusätzlichen Kredits für unsere Firma – an der ich immer noch als Kommanditist nominell beteiligt war – zu besprechen, sagte mir mein Gesprächspartner, er müsse zu seinem größten Bedauern Nein sagen, die Möglichkeiten seiner Bank seien in diesem Fall ausgeschöpft, und dies leider gegenüber meinem von ihm stets sehr verehrten Vater. Aber, so beendete er die Unterredung, „Sie nehmen es mir bitte nicht übel, wenn ich voller Respekt sage, Ihr Herr Vater und schon der Herr Großvater waren eben keine Kaufleute, sondern Philosophen, wie Sie wahrscheinlich selber wissen.“

Beide hatten wohl in ihrer Jugend keine freie Berufswahl gehabt.

Zweimal bewältigten wir zu dritt die Reise nach und von Deutschland mit dem Auto, über die Türkei und durch den Balkan, mit Abstecher nach Kappadokien und durch das Göreme-Tal; auch das waren zu jener Zeit noch Abenteuer. Leider mussten meine Familie und ich selbst dafür – trotz aller Vorsicht – einen folgenschweren gesundheitlichen Tribut entrichten: Hepatitis, Amöbenruhr, Typhus...

Im Februar 1961 nahmen wir Abschied und ließen viele syrische und deutsche Freunde zurück. Die einheimische Presse brachte freundliche und anerkennende Artikel, die wir uns übersetzen lassen mussten, denn außer „Küchenarabisch“ für den Hausgebrauch hatten wir nicht viele Sprachkenntnisse erwerben können, schon aus Zeitmangel. Einen Anfangsunterricht hatten wir von einem meiner Schüler erhalten und dabei vor allem die Schönheit der Schrift bewundern gelernt.

Von den Abschiedsbriefen, die wir erhalten haben, war in seiner unkonventionellen Art das Schreiben des Kulturattachés der amerikanischen Botschaft ungewöhnlich; es war nämlich nicht an uns, sondern an den Direktor des Goethe-Instituts in München gerichtet und hat auch auf den unverzichtbaren Beitrag der Ehefrau des Instituts¬leiters hingewiesen, die in einem solchen Ein-Mann-Betrieb wie bei uns nicht nur gesellschaftliche Pflichten zu erfüllen hatte, sondern auch als Sekretärin mithalf, alles ohne jede Vergütung („two for the price of one“), obwohl sie im Amtsdeutsch lediglich als „mitreisende Ehefrau“ bezeichnet wurde.

Ein besonderes Dokument stammte von einem arabischen Schüler und war im Original natürlich in arabischer Sprache und Schrift geschrieben. Aus Dank und Ehrerbietung dem Lehrer gegenüber und sicher auch mit einem gewissen Stolz übersetzte der Student, offensichtlich unter mühsamer Zuhilfenahme eines Lexikons, selber sein arabisch-blumenreiches Gedicht ins Deutsche, soweit er es bei mir hatte lernen können. Ich lasse diesen rührenden und mit allen Fehlern durchaus auch poetischen Brief im Wortlaut folgen und für sich sprechen:

Ja, so ist das Leben. Süß… bitter… gemütlich… hart…
Wirklich es quält uns im harten Gefühl durch ihre Tauschung.
Ihre Bitternis umhüllt uns wann wir ihre Süßigkeit wünschen.
Wir finden sie hart wo wir ihre Erleichterung suchen.
Es ist immer nicht wie wir erwarten!
Aber irgend ein Lächeln gibt es, womit wir das komische Lebensbahn begegnen
da wir wissen, dass… alles süß... alles bitter... alles leicht… alles schwer…
vergänglich vorübergehend in die Ewigkeit ist …

Lieber Herr Doktor! Die Pflanze die Sie hier gepflanzt haben hat schon angefangen, grün zu werden.. Der Tag wird kommen, wo Sie finden werden, dass Ihre Pflanze früchtbar geworden ist. Ihre Pflanze ist Ihre Mühe und Pflege auf dem wissenschaftliches Gebiet, die mit Gotteswillen früchtbar wird so dass Ihre Mühe Ihren Schülern gegenüber nicht umsonst vergebens verloren ist.

Ihre Schüler werden wie Sie zum höhen Idealismus wie Sie sie belehrt haben Ihre gute Schritte nachfolgen und die Fahne der Höheit wie es das tüchtige Deutsche Volk dessen Sie einer davon zwischen uns getragen hat – tragen.

Sobald das Erbe reif wird, werden wir unseren guten Lehrer vermissen, um uns unsere Freude bei zu sein und dass er weit entfernt von uns ist, Berge, Seen und Thäle trennen uns von ihm. Aber seine Sache wird uns zu ihm dauernd mit Sympathie binden, da er in uns eine Liebe zu ihm gelassen hat, was ja nie vergessen werden kann. Seine Abreise wird ihn von uns nicht entfernen, weil er zwischen uns tief in Erinnerung bleibt.

Die Zeit wird noch kommen, wo wir ihm entgegen kommen, trotzdem wenn er auch weit in Deutschland ist.

Wir waren dankbar für alle Gastfreundschaft, Großzügigkeit und menschliche Wärme, die wir in unserem Gastland trotz mancher Schwierigkeiten erfahren hatten. Es ist wahr: Partir, c’est mourir un peu.

Der Stadt Damaskus, unserer Heimat für drei Jahre, widmete ich einen Text, der in einer Publikation des Goethe-Instituts abgedruckt wurde. Er soll dieses Kapitel beschließen.

DAMASKUS

Du kannst das Halbdunkel der Basare nicht beschreiben, ohne vorher das Licht hervorgehoben zu haben, jenes ganz besondere Licht, ex oriente lux: Nimm es ruhig wörtlich. Der Himmel, aus dem dieses Licht kommt, ist so wolkenlos hoch, dass man nach oben einen Abschluss vermisst, ein bergendes Dach, unter dem die Erde wohnlicher wäre, ohne diesen beunruhigenden Sog ins Unendliche. Unten hat der Himmel eine Entsprechung, und das ist die Wüste. Sie ist hier nicht sandig und wellig wie die Sahara. Sie ist flach und endlos weit und von fahlbrauner Farbe wie die Flanken der Kamele; nur verstreut finden sich dunklere Höcker auf dem riesigen Fell. Die Kamele passen dorthin wie nichts sonst. Sie sind geduldig und leidensfähig, der hochmütig-weltverachtende Ausdruck ihrer Gesichter scheint sie über ihr Wüstenschicksal zu erheben.

Diese Wüste ist das Gegenteil dessen, was wir Europäer Landschaft nennen. Du fühlst Dich dort sehr klein und ausgesetzt, und das Herz schlägt in der großen, heißen Stille schneller als sonst. Die unbarmherzige Sonne findet Dich überall, die Wüste bietet sich ihr seit Jahrtausenden schutzlos dar, sie ist ihr gemäß. Du empfindest in der Wüste stärker, dass Du lebst, fühlst und denkst, Du begreifst leichter, warum das erste Alphabet hier erfunden wurde, warum aus diesen Regionen Moses kam und Christus und Mohammed der Prophet. Die heimatliche Landschaft erscheint dagegen wie eine Idylle mit ihren schönen Täuschungen, wie ein Schlupfwinkel der Geborgenheit vor den Fragen des Lebens.

Weit hinten wird die Wüste schließlich bläulich und dann vollends blaugrau, wie der Himmel, es gibt da keine Grenze, eher diese Verwandtschaft, sonst könnten beide nicht so fugenlos ineinander übergehen. Von diesem Himmel und von dieser Wüste wirst Du für immer etwas in Dir behalten, wenn Du sie einmal in Dich aufgenommen hast. Bis dicht an den Rand der Stadt dringt die Wüste vor.

Lass sie jetzt hinter Dir, wende Dich ab und entgehe ihrer dichten, beizenden Helle. Tauche ein in den Rummelplatz der Basare, in das wogende Fest des Lebens, das hier der Alltag ist. Da findest Du endlich Schatten und einen Hauch von Kühlung. Über die Basarstraße wölbt sich ein Wellblechdach, tausendfach durchlöchert von den Kugeln zahlloser Kriege, Revolutionen und Freudenschüsse, Saluten des Lebens. Nun dienen diese Löcher dem Zweck, die Sonne nicht vergessen zu lassen, die draußen lauert und ihre Strahlen tausendfach durch sie hindurch zur Erde schießt: Mittags stehen sie wie senkrechte Laserstrahlen in dem braunen Staub, wer sie durchschreitet, leuchtet auf. Eine schöne junge Beduinenfrau jetzt, in leuchtendem Rot. Der Edelstein an ihrem Nasenflügel funkelt, schwere Goldmünzen glänzen um ihren Nacken. Die Händler schreien, die Handelnden schreien, alle Welt handelt und schreit und gibt sich mit Wollust kund, der Lärm ist ohrenbetäubend. Plötzlich ist die Überdachung zu Ende und die gleißende Helligkeit blendet die Augen. Jetzt schreien auch die Farben, nicht nur der Weiberkleider, auch der Früchte auf den Eselsrücken, schwankende Paradiesgärten, der prächtigen Stoffe in den Auslagen, der schönsten Teppiche, der Trauben von zusammengebundenen Schuhen, in allen Größen herabhängend, der Messingteller, Kupferkannen, Gläser, auch der Torbögen und Kuppeln, der Türen und Fenster, der Fahnen und Spruchbänder. Dazwischen das Weiß der Männerkleider. Die Augen bewältigen das alles kaum mehr, obwohl nicht allein beschäftigt, auch die Ohren und die Nase sind reizüberflutet, Gerüche von Gewürzen, von Tee und Kaffee, von Menschen und Tieren, von Staub und Schweiß, von Benzin, alles drängt durcheinander, schwindelerregend, das redet, schreit, brüllt, singt, blökt, wiehert und hupt wie besessen, als ob es darum ginge, ununterbrochen vom Leben zu zeugen, das Leben gegen die draußen beginnende Wüste, gegen die mitleidlose Sonne und gegen den unendlichen blauen Himmel zu setzen, was gilt‘s?

Eingekeilt steht ein schimmernder Cadillac da, nichts Besonderes hier, nur eine stolze Zier aus Erlösen, die in schattigen Verliesen und bei der Wasserpfeife ausgehandelt worden sind. Ein Mann rutscht mühsam auf seinem Hosenboden daher, stützt sich mit dürren Armen ab, Beine hat er nicht mehr, eine Kreatur im Staub. Ein Kind hat leere, tränende Augen; aber es gibt so viele andere, überzählige, mit blanken Augen. Ein Kleines hängt saugend und schmatzend an der braunen Mutterbrust, die unbekümmert aus den Tüchern quillt, indes die Frau einen goldenen Armreif ins Auge fasst, um den sie zu feilschen beginnt. Ein Alter hockt am Boden und erschafft simple Holzstühle, er hält eine Urform von Drehbank mit einer Art Geigenbogen in rotierender Bewegung und führt das Werkstück mit den Fußzehen; ebenmäßige Rundungen entstehen, Verzierungen, Kultur. Ein Halbwüchsiger trägt zwei große Sträuße in den Händen, aber das sind keine Blumen, sondern lebende Hühner, an den Füßen zusammengebunden, Köpfe nach unten, schon ohne Widerstand. In den kohlschwarzen Augen des Jungen findet sich kein Ausdruck von Grausamkeit, er würde das Wort in diesem Zusammenhang gar nicht verstehen. Ein sehr alter Mann mit Turban kauert in einer Ecke und hat einen Haufen von Porzellanstückchen um sich aufgehäuft, Stücke von zerbrochenen Tellern, Tassen und Schüsseln, die schon in heilem Zustand nur von geringem Wert waren. Aber der Alte bohrt in mühseliger, geduldiger Arbeit feine Löcher mit einem Drillbohrer durch die Scherben und verbindet Stück um Stück mit Klammern aus Draht, bis die Urform wieder entsteht. Seine Arbeit geht langsam vonstatten, er muss wohl noch sehr alt werden, um den Vorrat aufzuarbeiten, aber er nimmt gleichmütig neue Brocken an, schon wieder bringt jemand eine alte Suppenschüssel, er wird es niemals schaffen, es gibt zu viele Scherben hier. Ein reichhaltiges Angebot von Fettgebackenem lockt Leute mit gesunden Mägen an, im Hintergrund kann man dem Herstellungsprozess zusehen. Schräg gegenüber befindet sich eine sehr öffentliche Bedürfnisanstalt, atemberaubend; diese beiden Ingredienzien haben noch gefehlt in der Geruchssymphonie, nun ist die Komposition vollkommen, ein betörendes Parfüm.

Du hast dich durchgedrängt und das gewaltige, goldbeschlagene, mit Koransuren verzierte Portal der großen Moschee erreicht. Lege nun mit den anderen Besuchern Deine Schuhe ab und betrete den weiten Hof. An den heiligen Waschungen kannst Du als Ungläubiger nicht teilnehmen. Du wunderst Dich im Vorübergehen über den profanen Gebrauch von Handtüchern. Durch das nächste Tor trittst Du ins Innere, und es umfängt Dich die weite, kühle, halbdunkle, teppichgedämpfte, erhabene Halle. Lass dich an einer Säule nieder. Durch die offenen Tore leckt noch die Brandung des Marktes, aber sie dringt nicht mehr laut herein. Barfüßige Männer wandeln lernend und murmelnd inmitten der Beter, die einzeln und in Gruppen knien, sitzen, sich tief gen Mekka verneigen. Ein Blinder segnet kleine Kinder und singt mit schöner Stimme Koranverse, ein feierlicher Sprechgesang. Ein Mann liegt schlummernd auf einem der unzähligen kostbaren Teppiche in der Nähe eines heiligen Grabmals. Zeit zählt hier nicht. Die Übergänge zwischen dem brausenden Leben draußen und dem stillen heiligen Bezirk drinnen sind fließend in beiden Richtungen, geistliches und weltliches Leben gehen leicht ineinander über. Deine Augen folgen den Tauben, die im Halbdunkel des Riesenraumes aufflattern. Beglückt spürst Du, wie sich Dein Bewusstsein allmählich aus der Umklammerung des Tages abzulösen beginnt und sich klärt zur Stunde der Meditation. Verlasse dann Moschee und Basare.

Der Muezzin ruft zum Abendgebet. Durchwandere die schmalen Gassen der Altstadt. Der Eselreiter, der Dir begegnet, zwingt Dich nicht zur Seite, doch der Straßenkreuzer, der ihm folgt, drückt Dich an die Mauer. Der Fahrer spielt mit Lust eine Sonate für Hupe solo. Du durchschreitest einen alten Torbogen, dahinter stört Dich schon das mahlende Geräusch einer Betonmischmaschine, das Kreischen und Quietschen von Baggern, Du siehst Häuser aus Lehm und Holz in sich zusammensinken und bist in Staubwolken eingehüllt. Die neue Zeit bricht herein. Du gehst schneller und gelangst in die Zone der Hochbauten und Lichtreklamen. Dünn zittert hier die Stimme des Gebetsrufers vom Minarett über dem Verkehrslärm, schon nicht mehr eine lebendige Stimme, sie kommt nur noch verstärkt vom Tonband und bezeugt trotzdem, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed sein Prophet ist. Schräg gegenüber lockt ein Kino mit riesiger Leuchtschrift: „Some Like It Hot“ mit Marilyn Monroe – Hollywood in der ältesten Stadt der Welt. An der Kasse steht man Schlange. Eine Düsenmaschine setzt pfeifend über der Stadt zur Landung an. Vor einem Elektronikladen staut sich eine Menschenmenge und starrt gebannt auf eine Fernsehübertragung, ein Sportereignis. Etwas erhöht daneben ist ein Gartencafé, nur von Männern besucht, die an ihren Wasserpfeifen saugen. Du bist müde, nimm Dir jetzt ein Taxi, die Stadt ist groß. Ein Tag wie jeder andere war das, voller Leben, voller Gegensätze. Wer ordnet sie, wer versöhnt sie, und wer führt wohin?

1961 – 1975 München

Den Beginn meiner Arbeit an der sogenannten Geschäftsstelle des Goethe-Instituts in München, die inzwischen vom Maximiliansplatz in das noble Bernheimer-Palais am Lenbachplatz umgezogen war, hatte ich mir nicht so schwierig vorgestellt. Da war zunächst ein ziemlich tiefgreifendes psychologisches Problem, das mir vorerst verborgen blieb. Ein eingespieltes Team mit gewachsenen Kompetenzen sah sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Neuer mit für die anderen unscharfen Aufgabenstellungen integriert werden sollte. Dazu kam, dass, trotz des Umzugs mit mehr Räumen, für mich anfangs kein eigenes Arbeitszimmer bereitgestellt werden konnte. Der Herr Wolf entschied, man solle zunächst einen zweiten Schreibtisch gegenüber seinem eigenen im „Chefzimmer“ aufstellen. Was sich hinter dieser Tür vorbereitete, betrachteten die Kolleginnen und Kollegen mit einer Skepsis, die mir erst später verständlich wurde. Es war wohl ein großer Fehler gewesen, dass die neue Situation, die sich aus der wesentlich erweiterten Aufgabenstellung des Instituts ergeben hatte, im Kreise der leitenden Mitarbeiter nicht eingehend erörtert wurde und diese damit nicht oder nicht ausreichend auf die vom Auswärtigen Amt ausdrücklich gewünschte Schaffung des neuen Postens eines Leiters der Administration, der Finanzen und des Personalbereichs vorbereitet waren.

Wie sah diese neue Situation in ihren Grundzügen aus? Ich muss das erklären, auch wenn es für etwaige Leser vielleicht trocken oder gar langweilig ist. Aber ich will ja mein Berufsleben schildern und nicht ausführlich von denkwürdigen Reiseerlebnissen erzählen, die es zwischendurch auch gab.

Wo sollte ich da anfangen und wo aufhören? Ich würde vielleicht wieder in dem heftigen Fieber schweben, das mich in Äthiopien überfiel, in der weitläufigen Residenz des aus Damaskus-Tagen befreundeten Botschafters, in der großen Stille, als das Gastgeberpaar zum Empfang beim Negus Negesti Haile Selassie gefahren war und ich von Zeit zu Zeit von einem eingeborenen Diener in meinem großen, dunklen Zimmer mit Tee versorgt wurde, um dann wieder in meinem Dämmerzustand allein zu sein, in mir selbst und meiner Wärme versunken, keineswegs unglücklich, irgendwie wunschlos, zeitlos. Ich würde wieder staunend die ausgedehnten Tempelanlagen von Angkor erkunden, manchmal allein, durch die Reliefs mit Köpfen, Kriegern, Dämonen und Tänzerinnen aus Stein mit denen verbunden, die dies alles in ferner Zeit hervorgebracht hatten, lange vor den Ungeheuerlichkeiten, die der Fortschritt der heutigen Zeit über dieses gepeinigte Land gebracht hat. Ich könnte die Ängste und Stoßgebete des Anflugs auf Buenos Aires nacherleben, nachts in zugleich mehreren Tropengewittern samt Wolkenbruchregen, nach zweimaligem vergeblichem und jeweils abgebrochenem Anflug, die Erleichterung dann, als die Maschine einen großen Bogen flog und plötzlich unter uns aus dem Inferno mit Blitzen und Donnerkrachen auf allen Seiten die klaren Lichter der Stadt Montevideo auftauchten, Geborgenheit versprechend, um dann wieder ins Dunkel zurückzusinken; wir konnten ja nicht nach Uruguay, sondern mussten nach Argentinien; beim dritten Mal hat es dann geklappt, und ich sah aus dem Fenster nur noch Wasser, als landeten wir auf dem Meer. Ich würde wieder die Gerüche in der Nase haben bei einer Leichenverbrennung in Kalkutta und danach bei der rituellen Opferung einer Ziege, als der „Scharfrichter“ das Tier streichelte und kraulte, es dann mit dem Hals in eine hölzerne Zange einschloss und ihm mit dem Schwert den Kopf abhackte. Ich würde mich an die beinahe zustande gekommene Alligatorenjagd erinnern, die ich als Gast unseres Geschäftsträgers in Port-au-Prince auf Haiti und mit einem geliehenen Gewehr des englischen Bot-schafters unternehmen wollte und die – schon fast am Ziel, einem großen See nahe der dominikanischen Grenze – vom Militär verhindert wurde, oder an die Taxifahrt in tiefschwarzer indischer Nacht von Agra und dem Taj Mahal zurück nach Delhi, hinten saßen mein Kollege, der Indologe Professor Rau und seine Frau, neben dem Fahrer saß ich und sang – ich hatte als Student Gesangsunterricht gehabt und verfügte über einen passablen Bass-Bariton - die ganze Fahrt über zur Freude meiner Freunde Arien und Lieder solo, „O Isis und Osiris, schenket der Weisheit Geist dem neuen Paar …“ - weiter kam ich bei dieser weihevollen Zauberflötenarie nicht, weil ich jäh ins Lenkrad greifen musste, denn unser Fahrer war eingeschlafen und ich konnte den Wagen grade noch mit einem scharfen Schwenk vor dem Sturz in den Graben bewahren und auf die Straße zurücklenken, und, und, und …

Nein, ich will mich beschränken und bei der Schilderung der Bedingungen und Verhältnisse bleiben, ohne die meine und unsere Arbeit in der Zentrale des Goethe-Instituts und seiner Zweigstellen im Ausland zu jener Zeit des Aufbaus nicht richtig zu verstehen ist.

Foto: Privat
Von links: Dr. Christoph Wecker, Dr. Karl-Ernst Hüdepohl, ca. 1970

Das Auswärtige Amt (AA), eine oberste Bundesbehörde mit hoheitlichen Aufgaben und entsprechend genau definierten Arbeitsrichtlinien bis ins Detail der Finanzierung und der Laufbahnbestimmungen für seine Mitarbeiter, delegierte einen Teil seiner Aufgaben unter gleichzeitiger Finanzierung aus seinem eigenen Etat an einen eingetragenen Verein bürgerlichen Rechts (e.V.) in München, also eine private Organisation. Nirgends gab es einen Präzedenzfall und damit Vorschriften, die man nur hätte zu übernehmen und anzuwenden brauchen, überall musste Neuland betreten und zunächst einmal improvisiert werden. Fest stand jedoch, dass die Vergabe öffentlicher Mittel in einem gegenüber den bisherigen sehr begrenzten Zuschüssen für die Auslandsarbeit des Goethe-Instituts wesentlich gesteigerten Umfang auch entsprechende organisatorische Konsequenzen bei dem sogenannten “Zuwendungsempfänger“ in München und erweiterte Kontrollen notwendig waren. Zuwendungsempfänger - dieser Ausdruck hat mir immer widerstrebt, weil er eher an Almosenempfänger erinnert. Er entstammt dem § 64a der Reichshaushaltsordnung von 1922.

Dr. Dieter Sattler, von Hause aus Architekt aus München, ein künstlerischer Mensch von eher bayerisch-barocker Lebensart, war zum Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts berufen worden, die neu formiert wurde. Auch aus Mangel an geeignetem eigenem Personal war er zu der unkonventionellen Lösung gekommen, einen Teil der Kulturarbeit im Ausland in die Verwaltung und Leitung des Goethe-Instituts zu überführen, dessen leitende Persönlichkeiten er aus seiner Münchener Zeit kannte. Dabei wird ihn aber wohl auch die Erkenntnis geleitet haben, dass diese Kulturarbeit und Sympathiewerbung angesichts der verheerenden Folgen des Dritten Reichs für das deutsche Ansehen im Ausland vielleicht besser, glaub¬würdiger, letztlich effektiver von einer relativ regierungsfernen Institution und von Fachleuten, anstatt von dafür nicht speziell vorgebildeten „Laufbahnbeamten“ des Auswärtigen Dienstes geleistet werden könne, eine Einschätzung, die noch viele Jahre hindurch keineswegs einhellige Zustimmung in Bonner politischen Kreisen gefunden hat und auch im Bundestag diskutiert wurde. Erst in späteren Zeiten war es allgemein anerkannt und unumstritten, dass gerade jene relative Unabhängigkeit und Freiheit bei der Programmgestaltung der Auslandsinstitute ein ganz besonders erfolgreiches und weltweit einzigartiges Privileg war, um das wir von vergleichbaren Institutionen anderer Länder beneidet wurden. Davon profitierten die von der Bundesregierung gern zitierten vertrauensbildenden Maßnahmen (inzwischen ein international gebräuchlicher, aber auch kein sehr schöner Begriff, denn Maßnahmen werden ergriffen, Vertrauen dagegen wird erworben oder verdient), denen die Auswärtige Kulturpolitik als „dritte Säule“ neben der eigentlichen Außenpolitik und der Wirtschaftspolitik dienen sollten.

Was Dieter Sattler damals wohl noch nicht mit allen Konsequenzen voraussehen konnte, waren die sehr vielfältigen administrativen, organisatorischen, finanziellen und rechtlichen Probleme, die sich bei der praktischen Umsetzung seiner neuen Pläne mit dem Goethe-Institut zwangsläufig ergeben mussten und ergeben haben. Damit musste ich mich, kurz gesagt, im folgenden Jahrzehnt im In- und Ausland besonders auseinandersetzen.

Zunächst benannten wir die Geschäftsstelle in Zentralverwaltung (ZV) um; der Geschäftsführer führte jetzt den Titel Direktor. Im Hause gab es künftig zwei deutlich voneinander getrennte Finanzierungskreise: den der sogenannten Eigenmittel, der wie bisher aus den Einnahmen und Ausgaben der innerdeutschen „Unterrichtsstätten“ – also der Sprachschulen für erwachsene Ausländer in verschie¬denen, meist kleineren Orten, nach dem Muster von Bad Reichenhall – bestand und also nicht nach kameralistischen, sondern nach privatwirtschaftlichen Regeln verfuhr. Daneben den immer größer werdenden Bereich der öffentlichen Mittel, der sämtliche Auslandsinstitute und den entsprechenden Teil der ZV umfasste und ausschließlich aus dem Etat des Auswärtigen Amts finanziert wurde.

Wir hatten alljährlich, wie eine Behörde, einen Haushaltsvoranschlag auszuarbeiten und in Bonn vorzulegen, der dann mit dem Auswärtigen Amt verhandelt wurde. Als Teil des Gesamtetats des Auswärtigen Amtes ging dieser dann in den Bundeshaushaltsplan ein, für den der Bundesfinanzminister federführend ist, bis er endgültig vom Parlament genehmigt wurde. Anfangs flossen erfreulicherweise viel mehr Gelder in die Auswärtige Kulturarbeit, wie der gesamte Bereich genannt wurde; später trafen auch das Goethe-Institut die alljährlichen Haushaltskürzungen schmerzlich. Im letzteren Fall pflegten wir den Vergleich mit dem Mercedes zu bemühen, den man sich mit den Kulturinstituten im Ausland geleistet habe, ihn aber in der Garage lassen musste, wenn das Geld für den Treibstoff nicht reichte.

Das Auswärtige Amt leitete in den frühen sechziger Jahren mit seinen Wünschen, die vielfach auf Anforderungen der Auslandsvertretungen nach einem „eigenen“ Goethe-Institut am jeweiligen Dienstort zurückgingen, eine wahre Gründungswelle in vielen Ländern der Welt ein, und so sahen wir uns in München vor die große Aufgabe gestellt, dort geeignete Räume zu finden, anzumieten und auszustatten, vor allem aber, die Personen mit der erforderlichen vielseitigen Qualifikation samt einschlägiger Auslandserfahrung zu gewinnen, die bereit waren, die reizvolle Aufgabe der Leitung eines Kulturinstituts zu übernehmen, trotz der damals noch sehr bescheidenen finanziellen Bedingungen und des Fehlens einer wirklichen Berufslaufbahn mit Aufstiegschancen, wie sie zum Beispiel das Auswärtige Amt für seine Beamten und Angestellten zu bieten hatte. Wir konnten nur befristete Verträge abschließen, und es gab leider noch jahrelang Beamte in Bonn, die der naiven Auffassung waren, dies sei durchaus angemessen und richtig, man solle die Mitarbeiter für das Goethe-Institut am „freien Markt“ suchen, und ihre spezielle Qualifikation könnten sie sich bei der Arbeit erwerben, learning by doing. Dennoch waren wir in jenen Jahren vom Glück und einem offenbar guten Gespür begünstigt und bekamen eine ganze Reihe ausgezeichneter neuer Mitarbeiter, während sich Fehlbesetzungen in engen Grenzen hielten. Alles in allem war das Jahrzehnt von 1961 bis 1971 für die Mitarbeiter der Zentralverwaltung, ganz besonders im Verwaltungs- und Personalbereich, eine Zeit höchster Anspannung, die der Direktor einmal mit Recht als eine Zerreißprobe bezeichnet hat. Allein im Jahr 1962 wurden 30 neue Institute im Ausland gegründet.

In dieser Zeit stand mir zum Glück ein Team von Mitarbeitern zur Seite, deren Qualifikation und Engagement das alles erst möglich machte. Ich möchte – zugleich für alle anderen – besonders meinen Stellvertreter Dr. Manfred Hutter – mit dem ich noch heute freundschaftliche E-Mails wechsle -, den Leiter des Personalreferats, nennen, ferner die Referatsleiter für „allgemeine Verwaltung“, für „Recht“, für „Aus- und Fortbildung“, für den Finanzbereich „Öffentliche Mittel“, den Haushalt „Eigenmittel“, den Bereich „Reisen und Tourneen“, und schließlich den Bereich „Beschaffung“, der für die Ausstattung der Institute im Ausland zuständig war. Dankbar hervorheben will ich auch die vorzügliche, in freundschaftliche Beziehung übergehende Zusammenarbeit mit dem Justitiar des Goethe-Instituts, Rechtanwalt Dr. Reuss. Auch die Arbeit mit den Leitern und Referenten der anderen Abteilungen entwickelte sich mit der Zeit kollegial oder freundschaftlich, und einige dieser Beziehungen hielten lebenslang. Meine drei Sekretärinnen, die in den 14 Jahren in München nacheinander mit mir arbeiteten, dürfen nicht vergessen werden, ich hatte Glück bei ihrer Einstellung, und sie waren mir eine unverzichtbare Hilfe.

Es wurde bald eng in unseren Zimmern im Bernheimer-Palais, bis es uns gelang, in Verhandlungen mit dem Eigentümer zusätzliche Räume im zweiten und dritten Stock des großen und repräsentativen Gebäudes anzumieten, sodass auch ich dann über ein großes Arbeitszimmer mit angrenzendem Vorzimmer für die Sekretärin verfügte und damit den wachsenden Besucherstrom besser bewältigen konnte, der vor allem in den Sommermonaten anschwoll; denn die Institutsleiter nutzten gewöhnlich ihren Heimaturlaub, um bei der Zentrale ihre Sorgen und Wünsche vorzubringen.

Als besonders schwierig erwies sich die Übernahme jener Kollegen, die bisher als Angestellte des Auswärtigen Amts bundeseigene Kulturinstitute im Ausland, vor allem in Europa, geleitet hatten und nunmehr in die Dienste eines privaten Arbeitgebers übertreten sollten. Sie bestanden natürlich auf der im öffentlichen Dienst üblichen „Wahrung des Besitzstandes“, was wir nicht bieten konnten, weil bei gleicher Aufgabenstellung die Institutsleiter der Goethe-Institute im Ausland geringer besoldet wurden und die neuen Kollegen daher trotz Fortsetzung ihrer bisherigen Tätigkeit eine Verminderung ihrer Bezüge, sowie Unsicherheiten bei der Alters¬versorgung und dergleichen akzeptieren sollten. Da sie dies verständ¬licher¬weise ablehnten, mussten sie einen Sonderstatus bekommen. Wir hatten also zunächst eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, ein auf die Dauer unhaltbarer Zustand, auf dessen auch psychologische Konsequenzen bei den meist hoch motivierten Kollegen ich wiederholt in Aufzeichnungen für Präsidium und Auswärtiges Amt hingewiesen habe. Sogar bei der Besteuerung entstanden Probleme. Für die Bediensteten des Auswärtigen Amts im Ausland galt nämlich Bonn als fiktiver Wohnsitz und dementsprechend bezahlte man dort seine Steuern. Für die „privaten“ Goethe-Mitarbeiter dagegen gab es nach der Ausreise keinen Wohnsitz mehr im Inland und folglich auch keine Besteuerung.

Kurzfristig war keine Lösung all dieser Probleme erreichbar. In Ermangelung verbindlicher Vorschriften, die auf das zum Teil staatlich finanzierte, rechtlich jedoch private Goethe-Institut mit seinem rasch wachsenden Zweigstellennetz im Ausland anwendbar gewesen wären, mussten wir zusammen mit unseren unmittelbaren Ansprechpartner im Auswärtigen Amt, dem dort neu geschaffenen Referat Goethe-Institute, viel improvisieren, manches zunächst in der Schwebe lassen und nach Lage des Einzelfalls entscheiden, womit Nachteile und auch Vorteile verbunden waren.

Unumgänglich wurde jedoch eine Umstrukturierung, ja Neuorganisation der Zentralverwaltung selbst, um den Anforderungen auf allen Gebieten entsprechen zu können, die als Folge der neuen Aufgaben im Ausland und der wesentlich gestiegenen Finanzmittel aus öffentlicher Kasse bewältigt werden mussten. Ein scheinbar nebensächliches Detail führe ich als Beispiel an: Als Erstes wollte ich eine zentrale Poststelle einrichten, wobei mich überraschte, dass schon diese einfache und mir selbstverständliche Maßnahme auf Widerstand stieß oder zumindest nur mit großem Widerstreben angenommen wurde. Vor allem der Bereich der Unterrichtsstätten, mit dem das Goethe-Institut ja angefangen und aus dem es in seiner jetzigen Form hervorgegangen war, zeigte sich hier sperrig. Dort war noch immer die in den Anfängen zweifellos höchst erfolgreiche und unumgängliche Methode des Improvisierens vorherrschend und es verstand sich von selbst, dass die sogenannten Kursleiter in ständigem unmittelbaren schriftlichen Kontakt mit der Leiterin dieses Bereichs in München, der höchst verdienstvollen Mitbegründerin des Goethe-Instituts und jetzigen Geschäftsführerin Frau Dr. Dora Schulz, intern liebevoll „Tante Dora“ genannt, standen. Diese war es dann auch, die sich schwer tat mit der Vorstellung, dass eine fremde Person die an sie gerichteten Briefe ihrer „Mannschaft“ zuerst öffnen, mit einem Eingangsstempel versehen und erst dann ihr zuleiten würde. Sie meinte sogar im kleinen Kreis, das sei so, „wie wenn man einer Mutter die Nabelschnur mit ihrem Kind durchschneide“, aber das könnten wir Männer wohl nicht nachfühlen. Der Direktor kommentierte dies mir gegenüber so:

„Lieber Freund, wenn Sie das verstehen wollen, dann müssen Sie zu den Müttern hinabsteigen.“

Das änderte jedoch nichts an unserer Hochschätzung für die hochverdiente Frau, auch Mutter Courage des Goethe-Instituts genannt, die bei aller äußeren Rauheit oder Eckigkeit auch eine mütterliche Seite hatte. Ich verstand sie schon, konnte jedoch in diesem Fall auf mein Vorhaben nicht verzichten.

Das Auswärtige Amt hatte der Entwicklung folgend nicht nur alljährlich mehr finanzielle Mittel bewilligt, sondern auch entsprechende Personal-Planstellen, denn wir durften aus öffentlichen Mitteln nicht mehr nach Bedarf Personal einstellen, sondern nur, wenn für jede zusätzliche Stelle in unserem, folglich auch im Etat des Auswärtigen Amtes, entsprechende Planstellen genehmigt und ausgewiesen waren. So konnte ich bald ein Personalreferat einrichten und zusammen mit dessen Leiter, einem auslandserfahrenen Kollegen, bemühte ich mich, die richtigen Leute für unsere neuen Zweigstellen im Ausland zu finden und einzustellen. Dann haben wir eine Geschäftsordnung für die Zentralverwaltung und eine solche für die Auslandsinstitute entwickelt und von den Gremien absegnen lassen, eine neue Satzung des Vereins Goethe-Institut wurde mit unserem Justitiar ausgearbeitet und ins Vereinsregister eingetragen und schließlich entwarf ich eine neue Organisationsstruktur für die Zentralverwaltung, die bei den Kolleginnen und Kollegen in leitenden Positionen große Unruhe hervorrief, worauf sie eigene Gegenentwürfe vorlegten. Im Jahr 1962 war Präsident Dr. Magnus plötzlich verstorben. Als Interimspräsident für ein Jahr fungierte der Vorsitzende des damaligen Verwaltungsrats, Dr. Grasmann. Er berief eine Klausursitzung in seinem Haus am Tegernsee ein, bei der die verschiedenen Entwürfe eingehend diskutiert, jedoch noch keine bindenden Beschlüsse gefasst werden sollten. Ich sah mich einer geschlossenen Gruppe meiner Kollegen unter Anführung der Geschäftsführerin gegenüber, deren Vorstellungen darauf hinausliefen, jedem der großen Bereiche Sprache, Kulturprogramm und Auslandsinstitute einen eigenen Verwaltungsreferenten zuzuweisen, während der Leiter der Personal- und Verwaltungsabteilung vor allem die Aufgabe haben sollte, die einschlägigen Anforderungen der Abteilungen im Haushaltsplan des gesamten Instituts zu bündeln und diesen in Bonn zu vertreten. Ich erklärte, dass ich eine solche Planung organisatorisch für absolut falsch, sogar kontraproduktiv und in der Praxis für undurchführbar hielte und darüber hinaus sei sie mir persönlich unzumutbar, weil von der Aufgabenstellung, mit der ich von Damaskus nach München berufen worden war, praktisch nur noch die Rolle eines Briefträgers übrig bliebe, der auf das weitere Schicksal des Haushaltsplans nur noch sehr wenig Einfluss nehmen könnte, nach dem dieser beim Auswärtigen Amt vorgelegt war.

Schließlich ließ Dr. Grasmann abstimmen und das Ergebnis war, wie leicht voraussehbar: alle gegen einen. Der Direktor versuchte zu retten, was noch möglich schien, indem er erklärte, mein Vorschlag sei zweifellos auf längere Sicht richtig und wahrscheinlich unumgänglich, es müsse aber wohl doch noch Zwischenstufen geben. Ich befand mich in einer absolut krisenhaften Situation, weil ich nicht gewillt war, unter diesen Umständen in München weiterzuarbeiten und mir dann nur noch die Möglichkeit geblieben wäre, meine Versetzung an ein Auslandsinstitut zu beantragen und mit meiner Familie erneut aufzubrechen.

Die Wende brachte der Dienstantritt des von der Mitgliederversammlung auf Vorschlag des Auswärtigen Amts neu gewählten Präsidenten, Botschafter a.D. Peter H. Pfeiffer, im Jahr 1963. Eine seiner ersten Amtshandlungen war der Besuch der wöchentlich unter Vorsitz des Direktors stattfindenden Abteilungsleiterkonferenz. Er bat die Damen und Herren, ihm binnen einer Woche ihre jeweiligen Vorschläge für die Neuorganisation der Zentralverwaltung schriftlich einzureichen. Als das geschehen war, zog er sich mit diesen und anderen grundsätzlich wichtigen Schriftstücken, die ihm bei der Einarbeitung in das neue Amt hilfreich waren, in eine Klausur zurück, aus der er schließlich seine eigene Version mitbrachte, die allen Beteiligten zugänglich gemacht und schließlich bei der nächsten Präsidiumssitzung ohne weitere Schwierigkeiten beschlossen und in Kraft gesetzt wurde. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung konnte ich feststellen, dass sich das nunmehr verbindliche Papier nur in unwesentlichen Details von meinen Vorschlägen unterschied, womit mein Aufgabengebiet klar und unmissverständlich definiert und festgeschrieben war. Ich konnte auf festem Boden weiterarbeiten. Vor mir lag eine Zeit besonderer Herausforderungen und einer sehr starken Arbeitsbelastung. In einem Zwischenzeugnis des Direktors Richard Wolf vom Dezember 1964 heißt es u.a.: “In den vier Jahren seiner bisherigen Tätigkeit als Abteilungsleiter wuchs der Jahreshaushalt von 19 auf 50 Millionen DM an. Neben diesen Zahlen stehen andere: rund 60 neue Auslandsinstitute wurden in dieser Zeit gegründet oder – unter langwierigen und oft harten Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt und dem von ihm eingestellten Personal – übernommen. Der Gesamtpersonalbestand stieg von 250 auf 522 Mitarbeiter. Wer es versteht, Zahlen dieser Art zu lesen, weiß, dass es sich um eine Art Zerreißtest gehandelt hat. Das Schwergewicht lag, wie sich von selbst versteht, auf der Abteilung I. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass manche Anordnungen, manches neue Verfahren zunächst gegen die Meinung von Mitarbeitern durchgesetzt werden musste, die sich nur schweren Herzens vom Hausstil eines überschaubaren und dementsprechend elastisch geführten Unternehmens trennen mochten.“

Im Jahr 1964 schied dieser verdienstvolle Mann, mit dem ich stets eine sehr gute, auch persönliche Beziehung gehabt hatte, wegen Erreichung der Altersgrenze aus. Sein Nachfolger wurde der ehemalige Leiter der deutschen Schule in Rom, Dr. Werner Ross, von Haus aus Romanist, Schöngeist und angesehener Schriftsteller. An den organisatorischen und administrativen Grund¬satzfragen war er nicht so interessiert und überließ mir praktisch dieses besonders in jenen Jahren wichtige Arbeitsgebiet. Die Geschäftsführung bestand jetzt aus dem Direktor, der Geschäftsführerin Frau Dr. Schulz, sowie mir selbst als stell¬vertretendem Geschäftsführer. (Nach dem Ausscheiden von Frau Schulz 1970 waren es dann nur noch zwei Personen: der künftig als Generalsekretär bezeichnete bisherige Direktor und ich als stellvertretender Generalsekretär.) Ich nahm an den Sitzungen des Präsidiums sowie der Mitgliederversammlung teil. Es wurden in den Münchener Jahren 50 Präsidiumssitzungen.

In der Münchener Zentrale war eine eigene Abteilung Kulturprogramm eingerichtet worden, deren Hauptaufgabe darin bestand, mit ihren Referaten Film, Musik, Ausstellungen und Vortragsveranstaltungen, Programme zu entwickeln und diese an die Zweigstellen im Ausland zu entsenden, beziehungsweise zu vermitteln. Zum Leiter wurde der Schriftsteller Eckart Peterich berufen, ein hochgebildeter und feinsinniger Herr, den ich sehr schätzen lernte. Er sollte diesen Posten nicht lange bekleiden. Der bereits im Kapitel über Damaskus erwähnte Reinhard Raffalt hatte von seiner Indien-Reise nicht nur Material für ein alsbald veröffentlichtes Buch mitgebracht, sondern auch die Idee, dorthin ein bayerisches Trachtenballett zu schicken, weil er sich anregende Wechselwirkungen mit der indischen Tanzkultur versprach. Die Truppe wurde in München zusammengestellt und dann gab es eine Generalprobe, zu der auch Dr. Sattler, Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts, aus Bonn kam. Herr Peterich, neben dem ich saß, seufzte mehrmals tief während der Darbietung und als wir danach zusammen saßen und unsere Eindrücke austauschten, zeigte er sich geradezu entsetzt über den nach seiner Meinung schlechten Geschmack, der sich besonders in den beim „Dirndldrahn“ sichtbar gewordenen Unterhosen der Tänzerinnen manifestierte. Er lehnte das Projekt entschieden ab. Als es schließlich trotzdem auf die Reise geschickt wurde, erschien er in meinem Arbeitszimmer am Lenbachplatz, weil ich zu der Zeit stellvertretend als Chef amtierte, um mir sein Kündigungsschreiben zu überreichen. Meine Versuche, ihn umzustimmen, blieben erfolglos. Das Trachten¬ballett wurde in Indien ein Erfolg.

Die Übertragung wesentlicher Bereiche der Auswärtigen Kulturarbeit der Bundesrepublik an das Goethe-Institut war auch bei den diplomatischen Vertretungen nicht auf ein ungeteiltes Echo gestoßen. Während nicht wenige von ihnen Goethe-Zweigstellen in ihrem Amtsbereich ausdrücklich wünschten, hatten andere, vor allem größere mit eigenem Kulturreferat, Bedenken dagegen, dass in ihrem Zuständigkeitsbereich plötzlich eine Art weiterer deutscher Vertretung auftrat, die ihrer Weisungsbefugnis nicht unterstand. Noch viele Jahre lang traten infolge dieses Konflikts zuweilen ernsthafte Spannungen zutage, die das Auswärtige Amt in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut zu lösen hatte. Gemeinsam mit dem Leiter des für uns zuständigen Referats im Auswärtigen Amt, Legationsrat Kahle, oder allein reiste ich mehrfach zu solchen Krisenherden, um die Lage möglichst zu bereinigen, wobei das Ergebnis dieser Bemühungen auch stark von den jeweils handelnden Persönlichkeiten und von der „Chemie“ zwischen ihnen abhing.

Einmal wollte ein hochrangiger Botschafter unseren Standpunkt in einer Streitfrage trotz ausgedehnter Arbeitssitzungen an seinem Dienstort nicht teilen und verfasste schließlich einen Bericht an den Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Herr Kahle aus Bonn, der mit mir zusammen eigens angereist war und verhandelt hatte, sollte das Dokument mit unterzeichnen, wozu er sich dankenswerterweise erst nach einigen Änderungen des Textes in unserem Sinne bereit fand. Dann erging die Aufforderung zu unterschreiben auch an mich, was ich höflich, aber bestimmt ablehnte mit Hinweis auf den privaten Status meiner Institution, deren Vertreter kein derartiges amtliches Dokument unterschreiben könne sowie darauf, dass ich nur unserem Präsidenten berichten, nicht aber selber eine das Goethe-Institut bindende Erklärung in dieser „Chefsache“ abgeben könne. Der hohe Herr sah das nicht ein und hat sich später in Bonn über mich beschwert, aber unser Präsident, selber Botschafter a.D., hat mir nach Rückkehr und Bericht bescheinigt, dass ich mich absolut korrekt verhalten hätte. Er wies in diesem Sinne die Beschwerde aus Bonn zurück. Ich führe diesen seltenen Einzelfall neben den weit überwiegenden positiven Beispielen guter Zusammenarbeit zwischen diplomatischen Vertretungen und Goethe-Instituten nur an, um zu zeigen, wie sich in den ersten Jahren an verschiedenen Stellen und auf verschiedenen Sachgebieten immer wieder Probleme aus der neuen Konstruktion ergaben, bis diese sich in den siebziger und vollends in den achtziger Jahren überall durchgesetzt hatte und anerkannt war, nicht zuletzt dank des in den späten siebziger Jahren nach langen Verhandlungen unterzeichneten Grundlagenvertrages mit dem Auswärtigen Amt, auf den ich noch zu sprechen komme.

In dem Zeitraum, über den ich hier berichte, unternahm ich eine Reihe von Auslandsreisen in die meisten Länder, in denen sich Zweigstellen des Goethe-Instituts befanden oder neu gegründet wurden. Es ging dabei keineswegs nur darum, sich einen persönlichen Eindruck von den Verhältnissen und Bedingungen an den jeweiligen Dienstorten zu verschaffen, wenngleich auch dies für unsere Arbeit in der Zentrale schon lohnend genug war. Hätte man sich darauf beschränken können, dann wären diese Reisen zweifellos weit weniger strapaziös verlaufen. Es gab aber manchmal auch einen oder mehrere konkrete Anlässe, die eine persönliche Anwesenheit des Vertreters der Zentralverwaltung erforderlich machten.

Ich gehe nicht näher auf menschlich-allzumenschliche Verhältnisse ein, wenn an einem Institut der Leiter entweder seiner Aufgabe nicht gewachsen war und sich deshalb die zuständige deutsche Auslandsvertretung, seine Mitarbeiter und manchmal sogar ausländische Besucher des Instituts in München beschwerten, oder wenn die Mitarbeiter selbst untereinander und/oder mit ihrem Leiter heillos zerstritten waren. Stattdessen erwähne ich nur einen besonders kuriosen Fall:

Am späten Abend landete mein Flugzeug in der großen orientalischen Stadt, deren Goethe-Institut-Zweigstelle ich schon bei einer früheren Reise besucht hatte und dessen Lokalität ich daher auch kannte. Als ich mit dem Taxi am nächsten Morgen in die gepflegte Straße einbog, in der das stattliche Gebäude lag, befand ich mich stattdessen vor einer riesigen Baugrube, aus der ein Kran emporragte. Sonst nichts. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen und versicherte mich bei meinem Taxifahrer, ob die Adresse auch wirklich korrekt sei, was er fast beleidigt bestätigte. Es blieb mir nichts, als mich zur deutschen Botschaft fahren zu lassen, wo ich eigentlich erst für den Nachmittag angemeldet war, und mich beim Kulturreferenten nach dem Verbleib unserer Zweigstelle zu erkundigen.

„Ja wissen Sie denn darüber nicht Bescheid?“, fragte dieser verblüfft und berichtete mir dann, schon vor Monaten habe der Institutsleiter Besuch seines Vermieters bekommen, der ihn dringlich bat, den Mietvertrag, obwohl längerfristig abgeschlossen, kurzzeitig beenden zu können, weil er eben gerade jetzt die Chance habe, auf seinem Grundstück ein mehrstöckiges Mietshaus zu errichten und ihm dies erheblich höhere Einkünfte bescheren werde als mit dem jetzigen Vertrag. Der Institutsleiter habe sich umgehend nach einem möglichst in der Nähe gelegenen entsprechenden Gebäude umgetan, dies auch gefunden und sofort angemietet. Seither sei das Institut an der neuen Adresse zu finden. Der Diplomat versicherte, die Botschaft sei selbstverständlich davon ausgegangen, dass die zu derartigen Aktionen erforderlichen Genehmigungen der Zentrale in München eingeholt worden seien. Mit dieser erstaunlichen Sachlage nun bekannt gemacht, fuhr ich zum „neuen“ Goethe-Institut, das sich tatsächlich in derselben Straße, nur unweit vom bisherigen Standort auf der anderen Seite befand.

Erschwerend bei solchen Diensteisen kam hinzu, dass wir wegen ständiger Zeitnot und Arbeitsüberlastung nicht mehr als vier Wochen maximal dafür angesetzt hatten, mit der Folge, dass in den allermeisten Fällen nur zwei bis drei Tage für jeden Ort blieben, in denen man sich einen Überblick über die Gegebenheiten, Lage und Ausstattung des Instituts, Resonanz seiner Arbeit im Gastland, Verhältnis zu einschlägigen kulturellen Instituten des Landes und selbstverständlich auch das Verhältnis zur deutschen Auslandsvertretung verschaffen musste, wozu in jedem Fall Besuche beim Botschafter oder Generalkonsul sowie bei ausländischen wichtigen Persönlichkeiten gehörten. Man war besonders gut dran, wenn einmal keine besonderen Probleme vorlagen, alles lief, wie es sollte und man nur mit positiven Eindrücken das Flugzeug bestieg, um zwei oder drei Stunden später an einem ganz anderen Ort mit ganz anderen Fragen konfrontiert zu werden. Am Abend im Hotel schrieb man dann das Wichtigste für den später auszuarbeitenden Reisebericht nieder.

Meine Reisen führten mich – zum Teil mehrfach – in die europäischen Länder, nach Ostafrika, nach Nah-, Mittel- und Fernost, in die USA, nach Kanada und schließlich nach Süd- und Mittelamerika. Diese letztere Reise hatte einen besonders problematischen Anlass, und ich möchte dies näher erläutern.

Als das Auswärtige Amt 1961 die damals so genannten „bundeseigenen Kulturinstitute“ in die Verwaltung des Goethe-Instituts überführte, gab es in Süd- und Mittelamerika noch nichts Vergleichbares, sondern deutsch-ausländische Kulturgesellschaften mit oft weit zurückreichenden Traditionen, die nicht immer unserem Selbstverständnis und unserer Aufgabenstellung entsprachen. Diese Gesellschaften wurden finanziell durch Zuschüsse des Auswärtigen Amts über die jeweilige Auslandsvertretung unterstützt, und das Goethe-Institut hatte begonnen, dorthin Dozenten, wie die Berufsbezeichnung für die akademisch vorgebildeten, aus Deutschland entsandten Mitarbeiter bei uns hieß, zu schicken, um in erster Linie Sprachkurse abzuhalten. Derartige nun von München finanzierte Einrichtungen nannte man Dozenturen des Goethe-Instituts, zum Beispiel bei der argentinisch-deutschen Kulturgesellschaft. Sie hatten ihre eigene Wirtschaftsführung und sollten mit den jeweiligen Vorständen der Kulturgesellschaften, in deren Häusern sie lokalisiert waren, eng zusammenarbeiten. Die Rahmenbedingungen für deutsche Kulturarbeit waren in allen süd- und mittelamerikanischen Ländern wegen der traditionellen Deutschfreundlichkeit durchaus günstig. Beispielhaft dafür ist die ganz besondere Verehrung, die Alexander von Humboldt auch heute noch in ganz Südamerika entgegengebracht wird. Seinen Namen führten mehrere der besuchten Gesellschaften im Titel. Die Hauptaufgabe bei dieser Reise bestand nun darin, diese Kultur¬gesellschaften aufzusuchen, ihren rechtlichen Status ebenso wie die leitenden Persönlichkeiten kennenzulernen und ihnen dann den Vorschlag zu unterbreiten, der Errichtung einer regulären Zweigstelle des Goethe-Instituts, ohne direkte Anbindung an die Gesellschaft, zuzustimmen, selbstverständlich unter wechselseitiger Kooperation. In mehreren Fällen erkannten die Vorstände, dass dies zu einer Auflösung ihrer Gesellschaft führen würde und wohl auch müsste, nachdem ich erklärt hatte, dass nur die regulären Goethe-Zweigstellen von uns finanziert werden könnten. Die Verdienste der Gesellschaften um die Pflege der deutschen Kultur würden in Bonn und in München durchaus anerkannt, und eine intensivere Zusammenarbeit strebten wir an. Es gelang mir, an Ort und Stelle, falls vorhanden, zusammen mit dem Justitiar der Gesellschaft Vertragsentwürfe auszuhandeln, die unter möglichst weitgehender Berücksichtigung der jeweiligen Besonderheiten der neuen Sachlage Rechnung trugen. In keinem einzigen Fall von Buenos Aires bis Mexico City wurde bei den Abstimmungen im jeweiligen Präsidium der Gesellschaften gegen die neue Regelung gestimmt, weil man schließlich einsah, dass auf diese Weise ein hochwertiges Kulturprogramm des Goethe-Instituts, nach Möglichkeit in den Räumen der Gesellschaft, ihrem Ansehen und ihren Zielen zugute kommen würde, worauf ich auch gebührend hingewiesen hatte. Nach meiner Rückkehr konnten wir in München die Verträge ausfertigen und auf dieser Grundlage die Gründung neuer Zweigstellen, oft unter Leitung des bisherigen Dozenten und unter Anmietung von Räumen der Kulturgesellschaft, in Angriff nehmen.

Trotz der damit verbundenen besonderen Anstrengungen und manchmal auch gesundheitlichen Probleme (Krankenhausaufenthalte in Kalkutta und Bangkok) waren diese Reisen auch eine anregende, anschauliche. kontaktfördernde, insgesamt notwendige Ergänzung zur Schreibtischarbeit in München. Wenn im Reiseplan – wie manchmal unvermeidlich – ein Wochenende ohne die Möglichkeit dienstlicher Kontakte dazwischen kam und auch nicht für Flüge verplant war, konnte man sich im jeweiligen Land etwas umsehen. So habe ich von Peru aus nicht das übliche Flugzeug benutzt, sondern die Bahn über Andenpässe und in der Nacht mit dem Schiff (leider total verwanzt!) über den Titicacasee nach La Paz in Bolivien, wo wir eine Zweigstelle hatten. Unterwegs hielt der Zug einmal an einem wie verloren wirkenden kleinen Bahnhof im Schnee, der in der Nacht gefallen war. Barfuß stieg ein kleiner Junge in unseren Wagen und bot schwarze Ponchos aus Wolle an, angeblich von Lamas, bei uns zu Hause kostbar und teuer. Obwohl ich nicht wusste, wohin damit in meinem begrenzten Reisegepäck, kaufte ich einen als Mitbringsel für meine Frau. Sie hat ihn noch heute.

Mit meiner Reisebegleitung im Abteil hatte ich dabei Glück, eine junge und sympathische Ordensschwester aus den USA saß mir gegenüber, die in humanitärer Mission in einem Bergdorf fernab jeglicher Kultur tätig war und aus dem Heimaturlaub an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte. Wir führten interessante Gespräche über Gott und die Welt, über meine und ihre Arbeit, über das Land, durch das wir fuhren und von dem ich wenig wusste, über Deutschland, und schließlich wollte sie gerne etwas in deutscher Sprache hören, die sie gerne erlernt hätte. Unser Zug war indessen vor einem längeren Pass stehen geblieben, und wir mussten stundenlang warten, bis eine zusätzliche Lok von der anderen Seite herbeigeschafft wurde, damit beide Maschinen mit vereinten Kräften den Zug bergauf schleppen konnten. Ich dachte nach, was ich meiner Begleiterin vortragen sollte, und meinte, es sollte ein Gedicht sein, nicht nur, weil ich viele Gedichte auswendig konnte. Von meinem Vorschlag war sie sehr angetan, und ich deklamierte Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch…“. Dann versuchte ich, gewiss recht unbeholfen, das Gedicht Wort für Wort ins Englische zu übersetzen und ihr den Sinn zu vermitteln. Sie war sehr ergriffen; auf ihren Wunsch schrieb ich den Text auf, und sie nahm das Papier als Geschenk und versprach, die Verse auswendig zu lernen. Später schlief sie ein, und ich betrachtete lange ihr feines, stilles Gesicht. Es schien, als habe sich Goethes Wipfelruhe auch in ihr Gemüt gesenkt. Ich machte mit schlechtem Gewissen ein Foto von dem schönen Bild und beichtete es ihr, als sie wieder aufgewacht war. Sie lächelte, kramte aus ihrem Reisegepäck eine kleine Kamera und fotografierte mich. An ihrem Zielbahnhof verabschiedeten wir uns als Freunde. Sie hat mir viel später einmal geschrieben und – wie man sieht – habe auch ich sie in der langen seither verstrichenen Zeit nicht vergessen. Es war ein kleines Stückchen „Kulturaustausch“ am Rande, in der Einöde eines Andenpasses, und eine schöne menschliche Begegnung. Möge es ihr gut gehen.

Es dauerte ziemlich lange, bis wir uns in Bonn mit unserem Antrag durchgesetzt hatten, ein spezielles Ausbildungsreferat in der Zentralverwaltung einzurichten und die von uns gewonnenen Nachwuchskräfte, besonders für die Leiterposten im Ausland, in Ermangelung einer eigenen Schulungsstätte – wie sie das Auswärtige Amt hatte – wenigstens zu mehrmonatigen Praktika an geeignete Zweigstellen entsenden zu können. Dies hat sich in der Folgezeit sehr bewährt.

Noch viel zäher waren nach der Einführung des Bundesangestelltentarifs (BAT) für die Gehälter beim Goethe-Institut – allerdings mit der Einschränkung „in Anlehnung an den BAT“ – unsere Bemühungen um eine den Anforderungen der Arbeit entsprechende Einstufung unserer Mitarbeiter, wobei es sich zunächst um die sogenannten Entsandten handelte, also die von uns fest angestellten und ins Ausland entsandten Mitarbeiter, sowie um diejenigen der Zentralverwaltung im Bereich der öffentlichen Mittel. Mehrere Einstellungsgespräche mit prominenten Vertretern des kulturellen Lebens, die sich für Leiterposten in Spitzeninstituten interessiert hatten, scheiterten angesichts ihrer zu erwartenden Bezüge. Ausnahmen konnten wir nicht machen. Der Zwiespalt zwischen dem Erfordernis vielseitiger hoher Qualifikation auf der einen Seite und der bescheidenen Bezahlung auf der anderen lag offen zu Tage und war für uns ein großes Handicap. Ich versuchte in zahllosen Aufzeichnungen, Anträgen und mündlichen Verhandlungen in Bonn beim Auswärtigen Amt und im Bundesfinanzministerium, eine leistungsgerechtere Einstufung zu erreichen. Erst sehr spät hatten wir damit einen noch immer bescheidenen Erfolg.

Auch eine andere wichtige und für die Zweigstellen unentbehrliche Gruppe von Mitarbeitern erwies sich als nicht ausreichend bezahlt und sozial abgesichert, nämlich die zahlreichen Ortskräfte deutscher und ausländischer Nationalität. Nicht zuletzt deshalb gründeten Mitarbeiter in München 1966 eine Arbeitsgruppe Goethe-Institut bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Verhandlungen mit der Gewerkschaft oblagen mir, ebenso die Besprechungen mit den Betriebsräten Zentralverwaltung, Inland und Ausland. Dabei konnte es nicht ausbleiben, dass sich auch beim Goethe-Institut der Zeitgeist der 68er-Jahre – gelegentlich auch im Stil – auswirkte.

Ein Thema, das sich zur ernsteren Streitfrage entwickelte, war die besonders von der Vertretung der Referenten und Sprachlehrer gewünschte regelmäßige Personal-Rotation im Turnus von drei bis fünf Jahren auf allen Stellen, vor allem zwischen Ausland – wo die Bezüge infolge der Auslandszulagen und des Kaufkraftausgleichs deutlich höher waren – und Inland. Ich bezeichnete dies als nicht durchführbar oder jedenfalls nur in der von uns schon immer praktizierten eingeschränkten Form und lehnte das Vorhaben mit der Begründung ab, dass die Anforderungsprofile etwa bei den Institutsleitern im Ausland mit denen eines Sprachlehrers im Inland keineswegs vergleichbar seien, dass die persönliche Eignung immer Vorrang haben müsse und dass allein die geringe Anzahl vergleichbarer Positionen im Inland eine uneingeschränkte Rotation gar nicht zulasse. So wurden weiterhin Versetzungen vom Ausland ins Inland und umgekehrt praktiziert, soweit dies möglich und sinnvoll war; eine umfassende und turnusmäßige Rotation blieb aber Theorie.

Der Gewerkschaft mussten wir vor Augen führen, dass das Goethe-Institut zwar rechtlich der Arbeitgeber für alle Mitarbeiter war, aber eben nicht mit der normalerweise daraus folgenden Gestaltungs- und Verhandlungsfreiheit. Maßgebend waren die von Bonn genehmigten Stellenpläne im Rahmen unseres Etats sowie die (teilweise modifizierten) Vorschriften des Bundesangestelltentarifs. Wir hatten daher keine Möglichkeit, einseitig Anhebungen von Gehältern vorzunehmen oder zu vereinbaren, sondern bemühten uns stattdessen ständig darum, auf dem Verhandlungswege eine Verbesserung der finanziellen Bedingungen für alle unsere Mitarbeiter und einen ihren Aufgaben entsprechenden Stellenkegel zu erreichen, von dem ja auch die Laufbahnbedingungen beim Goethe-Institut abhingen. Auch die Gewerkschaft konnte dies schließlich nur einsehen und mit ihren Mitteln unterstützen. Es fanden dann regelmäßige Arbeitssitzungen zwischen der Zentralverwaltung und der Gewerkschaft statt, die zu positiven Ergebnissen führten. So konnte die GEW zum Beispiel für unsere Ortskräfte einen eigenen Tarifvertrag aushandeln, nachdem wir sie dazu bevollmächtigt hatten.

Um qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen und auszuwählen, veranstalteten wir regelmäßig Einführungsseminare und Fortbildungsseminare am Starnberger See. Mir fiel dabei die Aufgabe zu, Referate über Organisation, Verwaltung und Aufgaben des Goethe-Instituts zu halten. In der Zeit heftigster Diskussionen und Demonstrationen an den Universitäten, die sich abgeschwächt auch beim Goethe-Institut bemerkbar machten, rief mich der Ausbildungsreferent eines Morgens vom Seminargebäude am See aus an, bevor ich zu dem besagten Referat dorthin aufbrach. Er wolle mich nur warnend vorbereiten, diesmal sei die Gruppe der Bewerber ganz besonders schwer zu behandeln, die Stimmung sei manchmal gereizt bis aggressiv, man wolle praktisch nur noch diskutieren. Ich versicherte ihm, dass ich dennoch kommen würde und keine Bedenken hätte, jede Frage zu beantworten und dazu angemessene Umgangsformen einzufordern. Mein Vortrag verlief ohne Störung, desgleichen die anschließende Aussprache. Lediglich die Gruppe der sieben Teilnehmerinnen, erstmals so stark vertreten, wollte sich nicht mit der Situation der Frauen bei Goethe zufrieden geben und war mit meinem Vorschlag einverstanden, sich mit mir zu einer eigenen vertieften Diskussion in einen besonderen Raum zurückzuziehen. Nachdem eine der Frauen ein ziemlich feministisch gefärbtes Statement abgegeben hatte, schlug ich eine sachliche Behandlung des Themas vor und betonte eingangs, dass unter meiner Verantwortung oder Mit-Verantwortung in den vergangenen Jahren noch nie eine Bewerberin allein deshalb abgewiesen worden sei, weil sie eine Frau war. Erwartungsgemäß hätten sich aber fast immer bei den üblichen Einstellungsgesprächen persönliche Probleme ergeben, die bei den männlichen Bewerbern eher selten auftraten. Da gab es die alte Mutter, für deren Pflege die Tochter zu sorgen hatte, und da gab es den Freund oder Verlobten oder Ehemann, der in Deutschland arbeitete und von dem man sich verständlicherweise nur so weit entfernen wollte, wie unvermeidlich. Die angestrebten Auslandsdienstorte legen daher auch fast ausnahmslos rund um die Bundesrepublik in europäischen Ländern. Ich fand schließlich Verständnis für meine Feststellung, dass unser Zweigstellennetz nun einmal über den ganzen Globus verteilt und es schon aus Gründen der Fairness nicht praktikabel sei, nur den männlichen Nachwuchs nach Südamerika, Afrika oder Fernost zu entsenden, während die Frauen Europa bevorzugten. Ruhiger, sogar heiterer wurde die Atmosphäre mit meiner kleinen Anekdote aus dem Alltag:

Auf einer Dienstreise in den mittleren Orient vertraute mir eine schon ältere Kollegin in einem Gespräch unter vier Augen tiefbetrübt an, sie sei bisher so glücklich mit ihrem dienstlichen wie privaten Leben gewesen, und jetzt drohe alles zu zerbrechen. Ihr Freund und Lebensgefährte sei nämlich Kapitän eines Fracht¬dampfers, der stets auf einer bestimmten Route im indischen Ozean verkehre. Alle drei bis vier Wochen laufe sein Schiff dann wieder in den Hafen ihrer Stadt ein, und während die Ladung gelöscht werde, hätten sie Zeit füreinander, zuweilen dürfe sie sogar bis zum nächsten Hafen auf seinem Schiff mitfahren. Plötzlich habe seine Reederei ihm mitgeteilt, er werde versetzt und müsse in Zukunft auf einer ganz anderen Route im Mittelmeer Dienst tun. Ob man denn da gar nichts machen könne... Ich sagte ihr zu, alles mir mögliche zu versuchen, und sprach darüber nach meiner Rückkehr mit dem Personalreferenten. Er zeigte mir die Personalliste der Zweigstelle in einer geeigneten Hafenstadt am Mittelmeer, und wir prüften gemeinsam die eventuell anstehenden Versetzungen dortiger Kollegen mit vergleichbarem Arbeitsgebiet. Wir wurden fündig, und einige Monate später besuchte mich eine glückstrahlende Kollegin, im Urlaub von ihrem neuen Dienstort, der sogar der jetzige Heimathafen für das Schiff ihres Kapitäns war.

Ich konnte den Frauen glaubhaft versichern, dass wir jede Bewerbung von weiblichen Anwärtern völlig unvoreingenommen prüfen würden und auch den persönlichen Wünschen immer, wie auch bei den Männern, entgegenkämen, wenn die erwiesene Qualifikation und unsere personalpolitischen Gegebenheiten es ermöglichten. Leider dauerte es noch eine geraume Zeit, bis sich mehr junge Frauen erfolgreich beim Goethe-Institut bewarben und dort Karriere machten.

Angesichts der immer weiter wachsenden Zahl unserer Zweigstellen im Ausland merkten wir bald, dass die Zentralverwaltung in München eine Art Vermittlung brauchte, die in der Lage war, die Interessen mehrer Institute uns gegenüber zu vertreten und umgekehrt. So wurde der Plan entwickelt, eine Gruppe von Instituten entweder im gleichen Land oder auf dem gleichen Kontinent zu Regionen zusammenzufassen, und den Leiter der größten und wichtigsten Zweigstelle zum Regionalbeauftragten zu berufen, der jährlich einmal seine Kolleginnen und Kollegen zu einer sogenanntenregionalen Arbeitstagung einberufen sollte. Dies gab der Zentralverwaltung Gelegenheit, jeweils ein oder sogar zwei Vertreter zu diesen Tagungen zu entsenden und auf diese Weise aus erster Hand mit den Problemen vertraut gemacht zu werden, andererseits neue Entwicklungen in München und Bonn zu erläutern. Dieses System hat sich auch nach dem Urteil des Auswärtigen Amts sehr bewährt. Deshalb wurden schließlich auch die erforderlichen Mittel im Haushalt genehmigt, um regelmäßig alle zwei Jahre sämtliche Regionalbeauftragten zu einer mehrtätigen Konferenz zuerst nach München und für zwei weitere Tage nach Bonn einzuladen, wo sie mit Vertretern der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts und mit Parlamentariern zusammenkamen und als krönenden Abschluss vom Bundespräsidenten in der Villa Hammerschmidt empfangen wurden.

Allgemein waren die sechziger Jahre eine Zeit, in der wie nie zuvor und wohl auch nachher nicht mehr das öffentliche Interesse und das der Politiker so sehr auf Fragen der Kulturpolitik und der von ihr abhängigen Auswärtigen Kulturarbeit der Bundesrepublik gelenkt wurde. Meines Wissens zum ersten Mal fand im Bundestag in Bonn 1963 eine große Aussprache speziell über die Auswärtige Kulturpolitik statt. Die beiden großen Parteien engagierten sich in der Folgezeit mit ihren kulturpolitischen Experten, so dass schließlich sogar eine besondere „Enquete-Kommission für Auswärtige Kulturpolitik“ einberufen wurde.

Nachdem verschiedene namhafte Persönlichkeiten des kulturellen Lebens und bekannte Journalisten wiederholt auch für das Goethe-Institut und die Förderung seiner Arbeit warben, entwickelte sich eine breite Diskussion über Auswärtige Kulturarbeit insbesondere über den „erweiterten Kulturbegriff“ und die davon abzuleitenden Inhalte und Themen für die Programme unserer Institute im Ausland. Es sollten nicht mehr nur die „klassischen“ kulturellen Leistungen deutscher Kultur auf den Gebieten der Musik, des Tanzes, der Literatur, des Theaters und der bildenden Kunst vermittelt werden, sondern man wollte auch wesentlich weitere, gesellschaftsbezogene, sowie historisch-politische und technische Themen einbeziehen, um nur einige Beispiele zu nennen. Auswärtige Kulturarbeit sollte fortan keine Einbahnstraße der Selbstdarstellung mehr sein. Entsprechendes entwickelte sich auf dem klassischen Arbeitsgebiet Sprache, wo man über den Sprachunterricht an Erwachsene hinausging und die pädagogische Verbindungsarbeitausbaute, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben waren. Es wurden Förderungsprogramme für ausländische Deutschlehrer und Germanisten angeboten, mit zahlreichen Schulen und Universitäten in den Gastländern kooperiert, sowie modernes Lehrmaterial für den Deutschunterricht vermittelt.

Neben aller Anerkennung wachsender Erfolge gab es in jenen Jahren auch Kritik an den Programmen des Goethe-Instituts, die wesentlich vielseitiger geworden waren und auch Fragezeichen hinter manchen Erscheinungen unserer gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit nicht scheuten, womit eine breitere öffentliche Diskussion auch in der Bundesrepublik ausgelöst wurde. Besonders der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß übte heftige Kritik an der „Linkslastigkeit“ unserer Arbeit im Ausland und dem nach seiner Ansicht allzu selbstkritischen, vorwiegend negativen Deutschlandbild, das so vermittelt würde. Er übersah dabei die positive Reaktion bei vielen unserer ausländischen Partner eben deshalb, weil unser Land eine gefestigte Demokratie geworden war, die auch echte Meinungsfreiheit praktizierte und öffentliche Selbstkritik und Kritik zuließ. Als bei einer der ersten Großveranstaltungen im Goethe-Institut London ein deutscher Monatmit vielseitigen Programmen anlief, befand sich darunter eine Ausstellung des bekannten zeitkritischen Künstlers Klaus Staeck, und unter den Exponaten war auch eine – allerdings wenig schmeichelhafte – politische Karikatur des CSU-Politikers und Ministerpräsidenten aus München. Dieser Vorgang samt Begleit-erscheinungen hat in der Bundesrepublik bei Politikern und Medien ein starkes Echo ausgelöst und die Diskussion um die Freiheit der Goethe-Institute bei ihrer Programmgestaltung neu entfacht. Mehr und mehr aber wurde unsere Arbeit in den Gastländern und allmählich auch in der Bundesrepublik anerkannt, ja hochgeschätzt. Eine ganz besondere Rolle spielten damals Zweigstellen in Ländern mit diktatorischem Regime, zum Beispiel in Athen, in Lissabon, in Afrika. Unsere Institute entwickelten sich zu unabhängigen Orten der Diskussion auch für oppositionelle Schriftsteller und Künstler, was nach der später dort stattfindenden politischen Wende zu ihrem hohen Ansehen erheblich beitrug.

Dierelative Unabhängigkeit des Goethe-Instituts, besonders bei seiner Programmgestaltung, erwies sich als eine gerade für das Ansehen der Deutschen mit ihrer schwer belasteten jüngeren Geschichte sehr förderliche „vertrauensbildende Maßnahme“ und oft als Voraussetzung für die Zusammenarbeit und viele weiterwirkende Kontakte. Die private Rechtsform des Goethe-Instituts jedoch stellte uns immer wieder vor fast unlösbare Probleme, weil der bereits erwähnte Status der Zweigstellen im Ausland häufig ungeklärt war und diese keine diplomatische Immunität und auch keine Exterritorialität genießen konnten. Eine befriedigende Regelung war daher nur zu erreichen, wenn entsprechende Vereinbarungen – in manchen Fällen auf Gegenseitigkeit – in bilateralen Kulturabkommen getroffen wurden - und das war Sache des Auswärtigen Amts. Schon Mitte der sechziger Jahre hatte sich jedoch vielfach gezeigt, dass die Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt und damit auch die Arbeit der Zentralverwaltung und ihrer Zweigstellen selber in Ermangelung verbindlicher und auf die besonderen Erfordernisse dieser neuen Form unserer Auswärtigen Kulturarbeit abgestimmten Regelungen erschwert oder behindert wurde. Wir begannen damit, aus unseren praktischen Erfahrungen Leitsätze zu entwickeln, die später in die ersten Entwürfe für einen Rahmenvertrag mit dem AAeingingen. Wir verfassten mehrere immer wieder verbesserte Vertragsentwürfe und schickten sie nach Bonn, wo man mit eigenen Entwürfen antwortete. 1968 war es dann soweit: Der damalige Außenminister Willy Brandt berief eine paritätisch besetzte Kommission ein, die unter der Leitung des Botschafters a.D. Oppler einen unterschriftsreifen Vertragstext ausarbeiten sollte. Vom Auswärtigen Amt nahm der damalige Leiter des Referats „Goethe-Institute“, Dr. Lederer, teil, vom Goethe-Institut Präsidiumsmitglied Dr. Hessdörfer und ich als Vertreter der Zentralverwaltung. Wir trafen uns nach Austausch der jeweiligen Entwürfe letzter Hand fünf Mal zu eingehenden Beratungen, bei denen beide Seiten zwar zäh ihre Interessen vertraten, jedoch in einer ausgesprochen fairen Weise und mit dem ständig spürbaren Bemühen, auch Verständnis für die Belange des Andern und so die notwendigen Kompromisslösungen zu finden, soweit sie irgend vertretbar waren, um der gemeinsamen Sache zu nützen.

Im Sommer 1969 konnte der Vertrag in Bonn von beiden Partnern unterschrieben werden und trat damit in Kraft. Er erwies sich alsbald als ein wesentlicher Fortschritt, brachte uns und dem Auswärtigen Amt endlich sichere und eindeutige Rechtsgrundlagen für die vielfältige Zusammenarbeit und entsprechend auch für diejenige der Goethe-Institute im Ausland mit den diplomatischen Vertretungen der BRD. Erstmals waren die Rechte und Pflichten sowie die Aufgabenstellung des Goethe-Instituts e.V. samt der dazu gehörenden Finanzierung durch die öffentliche Hand eindeutig definiert. Als besonders wichtig und hilfreich erwiesen sich in der Folgezeit die Bestimmungen über die selbständige Programmgestaltung der Zweigstellen des Goethe-Instituts im Ausland und ihre Zusammenarbeit mit der zuständigen Auslandsvertretung, vor allem im Falle eines Konflikts. (1976, nach meiner Münchener Zeit, wurde der Grundlagenvertrag im Lichte der in jahrelanger Praxis gewonnenen Erfahrungen neu verhandelt und ergänzt.)

Der Vertrag hat sich, auch wenn nicht alle unsere Wünsche erfüllt werden konnten, als wirkliche Wende in denn Beziehungen zum Auswärtigen Amt voll bewährt. Es gab einzelne Kritiker bei uns, die – sehr realitätsfern – mehr Unabhängigkeit für das Goethe-Institut erwartet hatten und sogar das Urteil „Knebelvertrag“ gebrauchten. Sie wurden bald eines besseren belehrt und verstummten. Ich habe in der langen Arbeit an der Vorbereitung des Vertragswerks und in dem, was wir schließlich bei den Vertragsverhandlungen erreicht haben, eine der besonders lohnenden Tätigkeiten jener Jahre und einen der wichtigsten Schritte beim Aufbau unserer Institution gesehen. Die Zeit des Improvisierens mit ihren Unsicherheiten, so reizvoll dies manchmal auch war, lag jetzt hinter uns. Wir konnten auf einem sicheren Grund weiterarbeiten.

Mit dem neuen Präsidenten Hans von Herwarth, ehemaliger Botschafter und Staatssekretär im Auswärtigen Amt, bahnten sich große Veränderungen an, vor allem auch personell. Er arbeitete darauf hin, nach und nach die gesamte Führungsspitze der Zentrale neu zu besetzen. Zunächst wurde der auslaufende Vertrag des Generalsekretärs Dr. Ross nicht mehr verlängert. Ich arbeitete in dieser unruhigen Periode viel mit dem Präsidenten zusammen, reiste sogar gemeinsam mit ihm nach Japan und Korea, und bildete ebenfalls zusammen mit ihm den Vorstand des eingetragenen Vereins Goethe-Institut nach der Vorschrift des §26 des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Nach dem Ausscheiden von Dr. Ross wurde ich vom Präsidium mit der interimistischen Leitung des Instituts beauftragt und führte für rund ein Jahr die Dienstbezeichnung „geschäftsführender Generalsekretär“. Es war eine unruhige und schwierige Zeit, insoweit meinen Anfängen in der Zentrale nicht ganz unähnlich. Es gab allerhand Gerüchte, auch Intrigen und Parteiungen. Von einigen Instituten im Ausland ging ein Antrag an den Präsidenten ein, man solle mich alsbald zum neuen Generalsekretär berufen, weil ich nicht nur bereits die Verantwortung dieses Amts, sondern auch die größten einschlägigen Erfahrungen hätte. Ich erfuhr, dass der Präsident einen Kandidaten von außen vorzog und dass er meinen alten Partner aus seiner Zeit als Referatsleiter für das Goethe-Institut im Auswärtigen Amt, Hans Kahle – jetzt Pressereferent der Botschaft in Washington – zu einer Kandidatur ermunterte. Dieser schrieb mir, für ihn sei ich der natürliche Anwärter für den Posten des Generalsekretärs, und falls ich mich um diese Position bewerben würde, werde er es nicht tun. Das war nobel. Ich antwortete ihm, dass ich zwar aus verschiedenen Gründen der Auffassung sei, mich bewerben zu sollen, obwohl meine Aussichten bei der derzeitigen Konstellation an der Spitze des Instituts äußerst gering seien, wie ich wohl wisse, dass er aber unabhängig davon auf jeden Fall kandidieren möge, wenn er zum Goethe-Institut wechseln wolle. Dies tat er dann auch. Bei einer Abstimmung im Präsidium soll meine Bewerbung, wie man mir später zutrug, mit nur einer Stimme Mehrheit unterlegen sein. Kahle wurde neuer Generalsekretär und stellte die Bedingung, dass ich bis zu seiner vollständigen Einarbeitung, mindestens jedoch für ein Jahr, sein Stellvertreter bleiben solle. Damit erklärten sich der Präsident und auch ich selber einverstanden. Die Zusammenarbeit war erwartungsgemäß problemlos. Für mich wurde ein neuer Dienstvertrag entworfen, weil der vorhergehende unkündbar und mit meinen Aufgaben in der Zentrale verknüpft war.

Meine Stelle beim Goethe-Institut wurde auf Wunsch des Auswärtigen Amts und des Präsidiums öffentlich ausgeschrieben. Gemeinsam mit dem bereits erwähnten Personalreferenten sichtete ich die unerwartet hohe Zahl der eingehenden Bewerbungen. Die in die engere Wahl gekommenen haben wir der Abteilungsleiterkonferenz vorgelegt, die eine noch engere Auswahl traf. Schließlich wurden fünf Bewerber zur persönlichen Vorstellung eingeladen. Wir führten ausführliche Gespräche mit ihnen, und die Wahl fiel schließlich auf den Juristen Dr. Horst Harnischfeger, der aus Berlin kam. Mir hatte bei dem Gespräch mit ihm besonders gefallen, dass er auf die jedem Kandidaten gestellte Frage, warum er sich beim Goethe-Institut bewerbe, ohne Umschweife geantwortet hatte, seine Frau, ebenfalls Juristin, habe eine Arbeitsstelle in München angetreten. Die meisten Bewerber hatten sich mehr oder weniger pathetisch über ihre Berufung verbreitet, für die deutsche Kultur tätig zu werden. Harnischfeger übernahm nach der nur kurzen Amtszeit von Hans Kahle den Posten des Generalsekretärs und blieb in dieser Position für eine sehr lange Zeit, weit über meine Dienstzeit beim Goethe-Institut hinaus. Ich hatte in meiner neuen Auslandstätigkeit mit ihm eine gute und verlässliche Zusammenarbeit.

Der Abschied von der Zentrale des Instituts in München und den Kolleginnen und Kollegen fiel mir nicht leicht, aber ich wusste, dass es an der Zeit dafür war und dass sich die Dinge wieder einmal in der letzten Endes für mich und mein berufliches wie privates Leben richtigen Richtung entwickelten. Die 14 Münchener Jahre erscheinen mir auch im Rückblick als eine Zeit großer Arbeitsbelastung, aber auch vieler unschätzbarer Erfahrungen, wertvoller menschlicher Begegnungen und, wie ich glaube, für unsere Institution und deren Mitarbeiter auch positiver Ergebnisse. Es war mir von Anfang an klar gewesen, dass wir 1960/61 an einem Scheideweg mit nur zwei Optionen gestanden hatten: Entweder beim angestammten Aufgabengebiet der Sprachförderung zu bleiben, oder die neue große Chance zu ergreifen und die Kulturarbeit einzubeziehen, was ich schon von den Erfahrungen in Damaskus her für logisch und zwingend hielt. Würden wir jedoch diesen Weg gehen, so wäre die unausweichliche Folge eine administrative Reform an Haupt und Gliedern und ein vermutlich langes Ringen um die Bedingungen, unter denen das Institut und seine Mitarbeiter die Aufgaben überhaupt erfüllen konnten. Ich leistete nach bestem Vermögen und mit allen Kräften meinen Beitrag, um aus dem anfangs eher bescheidenen privaten Sprachinstitut ein wirksames und allgemein an¬erkanntes Instrument unserer Auswärtigen Kulturpolitik zu entwickeln, das eng und unter wechselseitiger Respektierung der Rollenverteilung mit dem Auswärtigen Amt für die gemeinsame Aufgabe zusammenarbeiten konnte.

Mehr denn je war ich davon überzeugt, dass mir beim Goethe-Institut ein Beruf zugewachsen war, der Weltoffenheit, Kontaktfähigkeit, Aufgeschlossenheit, vielseitige Interessen, Fachkenntnisse, aber auch Phantasie und Engagement erforderte und auch förderte. Nachdem ich neun Jahre in Krieg und Gefangenschaft verloren hatte, war ich dankbar für die Chance, aktiv für Verständigung und kulturellen Austausch arbeiten zu können. Meine bisherigen Erfahrungen im Dienste des Goethe-Instituts bedurften jedoch noch einer Ergänzung und Abrundung, die ich nur an einem anspruchsvollen Posten im Ausland gewinnen konnte. Wo gab es dazu reichere Möglichkeiten, als jenseits des Atlantiks, in den USA, wo wir noch nicht vergleichbar vertreten waren, wie beispielsweise in Frankreich, Großbritannien oder Italien. Ich entschied mich für New York.

Mit dem Auftrag, das bisher relativ bescheiden ausgestattete Goethe-Institut („Goethe House“ ) in New York zu übernehmen und dessen Arbeit auszubauen, verbunden mit dem Regionalauftrag für die USA und Kanada, stand ich – und auch meine Familie - vor einer neuen Herausforderung. Im Frühjahr 1975 verabschiedete ich mich am Lenbachplatz mit einer kurzen Ansprache von den Mitarbeitern der Zentralverwaltung, in der ich aus Goethes Hermann und Dorothea zitierte:

Wer zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter. Wer aber fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich.

Den Kolleginnen und Kollegen an den Instituten im In- und Ausland schickte ich einen Abschiedsbrief.

1975 – 1986 New York

Im April 1975, nach 14 Jahren in der Münchner Zentrale des Goethe-Instituts, trat ich den neuen Posten an in jener Stadt, die man als „heimliche Hauptstadt der Welt“ und als „wunderbare Katastrophe“ bezeichnet hat.

Als unser Flugzeug an einem kalten und sonnigen Apriltag nachmittags Ortszeit auf dem Kennedy Airport landete und wir endlich die Pass- und Zollkontrolle hinter uns hatten, war dies für meine Frau sicher ein bewegenderes Ereignis und ein aufregenderer Augenblick als für mich selber. Sie war noch nie jenseits des Atlantiks gewesen, während ich schon auf zwei Dienstreisen New York besucht hatte. Erst im Februar war ich dort gewesen und hatte das große Glück, mit Hilfe eines Diplomatenfreundes eine besonders schöne, geeignete und dazu noch günstig gelegene Wohnung an der noblen Fifth Avenue, Ecke 79. Straße, direkt am Central Park zu finden und mit Hilfe einer finanziellen Bürgschaft des Freundes auch gleich für den 1. April anmieten zu können. New York befand sich damals aus verschiedenen Gründen in keiner guten Verfassung, vor allem finanziell nicht. Zahlreiche Firmen verlegten ihre Sitze nach außerhalb in kleinere Gemeinden, und wohlhabende Einwohner zogen es vor, auf Long Island oder im Hudson Valley zu wohnen und nur noch zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Besuch kultureller Veranstaltungen nach Manhattan zu kommen. Infolgedessen gab es ein reiches Angebot an Wohnungen zu einem für New York relativ günstigen Preis, sonst hätten wir für diese Wohnung, noch dazu in dieser teuren Gegend, die wegen des Mietzuschusses notwendige Befürwortung der deutschen Auslandsvertretung gar nicht bekommen

Welche Empfindungen und Gedanken meine Frau Inke wirklich bewegten, als wir in dem gelben Taxi über die holprigen Einfallstraßen schaukelten und als plötzlich die Skyline von Manhattan auftauchte, bevor wir in den Tunnel unter dem East River abtauchten und an dessen Ausgang dann schon mitten drin waren zwischen den Wolkenkratzern, das wusste ich nicht. Wir hatten unser bisheriges Leben hinter uns gelassen, es war die erste Trennung von unserem Sohn Thomas, der als Student in München blieb. (Er konnte uns aber in den folgenden Jahren wiederholt in New York besuchen.) Ich hatte mich bemüht, das zukünftige Heim so genau wie möglich zu schildern und den Grundriss aufzuzeichnen, aber die Wirklichkeit von Manhattan war sicher für einen Neuankömmling, der künftig hier leben sollte, überwältigend.

Unser Taxi holte nach Norden aus, dann fuhren wir durch ein recht verwahrlostes Viertel wieder Richtung Westen, um endlich die obere Fifth Avenue zu erreichen und nach Süden einzubiegen. Rechts war der Central Park, dann passierten wir linkerhand das Goethe House, ein schönes kleines Stadtpalais, frühere Botschafter-Residenz, das die BRD in einem günstigen Augenblick käuflich erworben und dem Goethe-Institut zur Verfügung gestellt hatte, rechts, praktisch gegenüber, das riesige Metropolitan Museum, und dann hielten wir auch schon in der Einfahrt eines modernen Hochhauses, Nr. 985 Fifth Avenue, unser zukünftiger Wohnsitz. Gleich zwei der in jener Gegend obligaten, meist aus Mittelamerika stammenden doormen öffneten den Wagenschlag und hießen uns willkommen. Der Liftboy war ein seriöser älterer Mann in einer dezenten Livree, der eher aussah wie ein spanischer Grande. Wir erhielten die Schlüssel zum Apartment 21 B, also im 21. Stockwerk gelegen, und dann konnte ich meiner Frau die von der Abendsonne durchfluteten leeren Räume zeigen und den überwältigenden Blick vom Balkon aus über den großen Park nach Westen und nach Süden auf die Skyline von Manhattan mit dem Empire State Building.

Wir waren zunächst in einem sehr angenehmen Hotel in unmittelbarer Nähe untergebracht, bis ganz überraschend schon nach einer Woche der Container mit den Möbeln und allem Hausrat eintraf und wir ans Einräumen gehen konnten. Als alles an seinem Platz war, die Bücher geordnet in den Regalen, die Bilder an den Wänden, waren wir wirklich in New York zu Hause. Als wir unser Fernsehgerät angeschlossen hatten und zum ersten Mal amerikanische Nachrichten sahen, sahen wir die dramatischen Bilder vom Sturm der Menschen auf den letzten US-Hubschrauber, der von Vietnam aus abhob. Der Krieg hatte mit einem Desaster geendet. Der Nachrichtensprecher sagte zum Schluss, wie jeden Abend:

„That`s the way it is.“

Das Goethe House war 1957 von prominenten amerikanischen Persönlichkeiten wie John J. McCloy, ehemaliger Hochkommissar in Berlin, gegründet und erst später, nach einem Besuch des Bundeskanzlers Adenauer, in deutsche Verantwortung überführt worden. Aus Gründen der Tradition behielt es seinen Namen auch dann, als es 1967 in die Regie des Goethe-Instituts München überging.

Ich war nach New York entsandt worden mit dem Auftrag, das Goethe House – auch mit Hilfe von zusätzlichem Personal und mehr Geldmitteln – aus seiner bisherigen relativ bescheidenen Rolle herauszuführen und den Versuch zu machen, neue, vor allem jüngere Besucherschichten zu interessieren sowie amerikanische kulturelle Institutionen als Partner zu gewinnen. Als ich bei einer unserer ersten wöchentlichen Programmbesprechungen meine Mitarbeiter fragte, wie hoch denn ihrer Erfahrung nach das Durchschnittsalter der Besucher unserer Veranstaltungen sei, schwankten die Antworten zwischen 60 und 70. Einen großen Anteil hatten dabei jüdische Immigranten aus Deutschland, die im Exil, bei aller Dankbarkeit gegenüber ihrer neuen Heimat, immer ein schmerzlich-nostalgisches Gefühl gegenüber dem Land und seiner Kultur bewahrten, in dem sie geboren und aufgewachsen waren. Das Goethe House und seine Bibliothek, vor allem aber seine Filmprogramme und manche Lesungen in deutscher Sprache, boten ihnen eine Brücke zur alten Heimat und einen Ort zum sozialen Kontakt untereinander, auch zum Deutschsprechen, wahrlich keine gering zu schätzende Aufgabe für ein deutsches Kulturinstitut in New York. Trotzdem war mir klar, dass wir dabei nicht stehen bleiben durften, wenn wir unsere neuen Ziele erreichen wollten.

Zu dieser Zeit war zeitgenössischer Film aus der Bundesrepublik unbekannt, es sei denn in eher negativen Beispielen, von denen keiner Notiz nahm. Das änderte sich schlagartig mit dem alljährlich in New York stattfindenden internationalen Filmfestival im Herbst 1975, bei dem zur Überraschung von Kritik und Publikum gleich vier Filme von jungen deutschen Regisseuren gezeigt wurden, von Fassbinder, Herzog, Wenders und Schlöndorff. Die Begegnungen mit diesen Filmemachern und ihren Werken waren in der Anfangszeit meiner New Yorker Arbeit vielversprechend und fortwirkend.

Es liegt auf der Hand, dass damit für unser Haus eine erste Chance geboten war, den Charakter unseres Programmangebots zu verändern und damit neue, vor allem auch jüngere Besucherschichten zu interessieren. Es kam zu einer engen Zusammenarbeit mit dem Film Department des Museum of Modern Art (MoMA), und weiteren New Yorker Partnern wie dem Anthology Film-Archiv, letzteres in downtown Manhattan gelegen.

„The Germans are coming“ , kommentierte die von Künstlern und Intellektuellen viel gelesene Village Voice dieses Ereignis mit fast erschrockener Neugier. Das war der Beginn einer in den USA nun nicht mehr abreißenden Diskussion über den jetzt so genannten „Neuen Deutschen Film“.

Ein Höhepunkt dieser Entwicklung kam 1980, als Schlöndorff für seine Verfilmung von Günter Grass´ Blechtrommeleinen Oscar gewann. Gleichzeitig erschien in der New York Times ein großer Artikel vom Papst der Filmkritik, Vincent Canby, mit dem Titel: „The Rise of the German Cinema“ . Darin schrieb er: „...die aus Deutschland kommenden Filme sind von einer sprudelnden Originalität, künstlerisch riskant und stärker als die Filme, die zur Zeit in einem anderen Land gemacht werden.“

Eines Tages wurde ich zu einem Empfang in der bedeutenden, von deutschen Immigranten gegründeten New School for Social Research in Midtown eingeladen, wo man ein angesehenes Mitglied jenes Kreises zu seinem neunzigsten Geburtstag ehrte. Er war noch immer eine höchst eindrucksvolle Erscheinung, groß und ungebeugt, und ich war von ihm schon bei der ersten Begegnung sehr beeindruckt. In der Weimarer Republik war er Staatssekretär in Berlin gewesen. Im Verlauf des Empfangs trat er auf mich zu und bat mich, mit ihm an einem kleinen Tisch Platz zu nehmen, weil er mir etwas Vertrauliches sagen wolle. Er tue das nur mit Vorbehalt und äußerst ungern, sagte er, aber seine jüdischen Freunde hätten ihn dringlich darum gebeten und gemeint, er sei der Älteste und Würdigste und könne am besten mit mir reden, ohne mich zu kränken. Diese Freunde, so erfuhr ich dann, seien sehr betrübt darüber, dass unter meiner Leitung im Goethe House nun zunehmend Programme, vor allem Filmvorführungen angeboten würden, in die sie mit ihren Ehefrauen oder Kindern nicht mehr gehen könnten. Manche der Filme enthielten geschmacklose oder gar abstoßende Szenen von einer nicht akzeptablen Freizügigkeit. Man befürchte, diesen hochgeschätzten Treffpunkt deutscher Kultur im Goethe House allmählich zu verlieren. Ich erklärte ihm ausführlich Aufgaben und Struktur des Goethe-Instituts in München im Allgemeinen und meinen Auftrag in New York im Besonderen, und wie erwartet zeigte er dafür nicht nur großes Interesse, sondern volles Verständnis. Ich versicherte ihm, dass ich dafür sorgen würde, auch in Zukunft in unseren Programmen immer wieder Veranstaltungen anzubieten, die diesem speziellen Personenkreis entsprächen und auch sonst alles mir Mögliche zu tun, um niemand von einem Besuch in unserem Hause abzuschrecken. Ich bot ihm an, mich jederzeit mit seinen Freunden zusammenzusetzen und ihnen unsere Programmpolitik zu erläutern, sowie Rede und Antwort zu stehen in allen Fragen, die sie bewegten. Er versicherte mir seine Sympathie für unsere Arbeit und für mich persönlich und ich verabschiedete mich in dem Gefühl, einen Freund und Fürsprecher gewonnen zu haben.

Damals begann ich zu begreifen, was mit dem Ausspruch gemeint war, den Jahre später Sabina Lietzmann in einem Artikel in der FAZ übermittelt hat. Er stammte aus dem Gespräch mit einem amerikanischen Repräsentanten von Volkswagen, der seine Erfahrungen lapidar in der Formulierung zusammenfasste: „It´s difficult to sell a Nazi car in a Jewish town“ .

Ich erfuhr bald, welchen Einfluss, auch weit über den Emigrantenkreis hinaus, jüdische Amerikaner besonders in dieser Stadt hatten, vom damaligen Bürgermeister Ed Koch über die Frau Cultural Commissioner Bess Myerson bis zu den Leitern großer Museen, bedeutender Theater, Orchester und anderer führender kultureller Institutionen. Viele von ihnen wurden in der Folgezeit unsere Partner und manche Freunde bis auf den heutigen Tag.

Von Fachleuten und von Laien wurde uns immer wieder die Frage gestellt, ob es denn überhaupt möglich sei, in dieser Welthauptstadt der Kultur mit ihrem fast unübersehbaren Angebot an Veranstaltungen aller Art als kleines deutsches Kulturinstitut wirksam in Erscheinung zu treten, und ob das alles nicht vergebliche Liebesmüh bleibe, ohne messbare Resonanz. Mit dieser Frage beschäftigte ich mich von nun an intensiv.

In einer für alles Folgende grundlegenden Programmbesprechung jener Anfangszeit stellte ich deshalb den Mitarbeitern auch die Frage, wie es denn mit dem Echo unserer Veranstaltungen in der New Yorker Presse bestellt sei. Ich blickte in verlegene Gesichter, und die Antwort kam von dem Ältesten der Runde, Henry Marx, der als Jude aus Deutschland stammte und seit über 40 Jahren in New York unter anderem als Theaterkritiker arbeitete. In unserem Hause war er der sogenannte Programmassistent, und seine Kontakte sowie seine breite Kenntnis der für uns wichtigen kulturellen Institutionen waren für das Goethe House wertvoll. Wenn man von Presse in dieser Stadt rede, antwortete er auf meine Frage, gebe es eigentlich nur ein herausragendes, weit über die Stadt hinaus in ganz Amerika gelesenes und entsprechend einflussreiches Presseorgan, nämlich die New York Times, die vielfach als beste Zeitung der Welt angesehen werde. Es sei unrealistisch zu erwarten, dass eine solche Zeitung in ihrem ausgedehnten Kulturteil auf die bescheidenen Angebote einzelner ausländischer Kulturinstitute besonders eingehe, man könne höchstens erreichen, das eine oder andere Programm im Veranstaltungskalender anzukündigen.

Ich ließ mich daraufhin zu einer kühnen Bemerkung hinreißen: Falls es uns nicht gelinge, sagte ich zu der Runde, im Verlauf der nächsten zwei Jahre einen oder mehrere Besprechungen und kritische Würdigungen unseres Programms in der New York Times veröffentlicht zu sehen, würde ich in München um meine Versetzung bitten, weil ich dann nach meinem eigenen Urteil meiner Aufgabe nicht gerecht geworden sei.

Wenig später entwickelte ich vor dem gleichen Kreis den Plan, kulturell bedeutende deutsche Städte oder auch Länder in einer Art Verbundprogramm und mit deren eigener finanzieller Unterstützung in New York zu präsentieren. In der anschließenden Diskussion kamen wir überein, dass dafür am ehesten Berlin in Frage komme, die ehemalige deutsche Hauptstadt, die in den zwanziger Jahren Weltruf als Kulturmetropole genoss und die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu Zeiten der Luftbrücke als tapferer Vorposten westlicher Freiheit in Amerika zu neuem Ansehen gekommen war. Kennedys Ausspruch „Ich bin ein Berliner“ ging um die Welt.

Es war klar, dass man ein derartiges Projekt nicht nur schriftlich von New York aus planen konnte, sondern gleich zu Beginn Verhandlungen mit dem Berliner Kultursenat und führenden kulturellen Institutionen am Ort aufnehmen musste, die als Partner in Frage kamen. Da ich selbst zu jener Zeit nicht länger von New York abwesend sein wollte, beauftragten wir unsere kürzlich erst aus München nach New York entsandte Programmreferentin Kathinka Dittrich mit dieser anspruchsvollen Aufgabe und entsandten sie für 14 Tage nach Berlin. Dem Berliner Kultursenator schrieb ich einen entsprechenden Brief. Unsere Kollegin verhandelte sehr erfolgreich. Das dortige Echo auf unsere Pläne übertraf alle unsere Hoffnungen, wohl auch deshalb, weil man ein Jahr zuvor selbst schon mit Plänen für Berliner Gastspiele in New York umgegangen war. Trotzdem gab es nicht wenige, die ein Ereignis dieser Art als ein Wagnis mit durchaus ungewissem Ausgang ansahen. Es war schließlich ein absolutes Novum, dass ein deutsches Kulturinstitut es unternahm, gemeinsam mit dem Kultursenat einer deutschen Großstadt und vielen Berliner und ebenso New Yorker Partnern ein Gemeinschaftsprojekt solcher Größenordnung zustande zu bringen. Aber der Berliner Senat, Galerien, Künstlervereinigungen, die Akademie der Künste, die deutsche Kinemathek, das Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und andere wurden mehr und mehr von der Begeisterung für die Sache angesteckt, ebenso die zahlreichen Institutionen in New York, an die wir mit unseren Vorschlägen herantraten. Das aus vielen einzelnen Darbietungen bestehende Programm, das fünf Wochen lang in New York präsentiert werden sollte, nannten wir „BERLIN NOW – Cultural Aspects of a City“ .

Natürlich stand vor aller Begeisterung und dem Engagement der Beteiligten die pragmatische Frage nach der Finanzierung. Als dann die Zentrale des Goethe-Instituts in München, das Auswärtige Amt in Bonn, der Berliner Senat und schließlich das Berliner Zahlenlotto beträchtliche Zuschüsse genehmigt hatten, sodass am Ende ein Etat von mehr als 1,5 Millionen DM zur Verfügung stand, konnten wir mit voller Kraft an die Verwirklichung herangehen und von dem großen Angebot besonders geeignet erscheinende Programme aus den Gebieten der bildenden Kunst, des Theaters, der Architektur, der Literatur, des Films und der Musik auswählen. Es gab eine zuweilen auch emotional geführte Diskussion, die in manchen Fällen leider auch Enttäuschung und Bitterkeit bei den unvermeidlichen Entscheidungen einschloss, wer denn nun mitreisen und als Berliner Künstler seine Stadt in New York vertreten durfte. Alle spürten ja, dass es etwas Neues war, was hier entstand, und nicht etwa ein oder das andere Gastspiel schon international bekannter Künstler über kommerziell tätige Agenturen. Mit Hilfe eines unabhängigen Berliner Sachverständigen-Beirats konnten diese Probleme gelöst werden.

Wir mussten den deutschen Stellen erklären, dass der Beitrag unserer amerikanischen Partner keinesfalls aus finanziellen Zuschüssen bestehen konnte, weil der amerikanische Kulturbetrieb durch das weitgehende Fehlen staatlicher Förderung und Subvention sich grundsätzlich von unseren Verhältnissen unterschied. Jede kulturelle Institution musste selber durch sogenanntes fundraising und die Gewinnung von Sponsoren eigene Finanzmittel beschaffen. Wer es sich leisten konnte, beschäftigte hauptberufliche fundraisers. Manche Künstler erzählten mir, drei Viertel ihrer Zeit und ihrer Kräfte verbrauchten sie für die Geldbeschaffung, und nur der Rest bleibe für die künstlerische Arbeit. Der unschätzbare Beitrag der New Yorker Partner bestand jedoch in ihrem Know-how, ihrem Prestige, ihren eigenen Räumen, ihrer professionellen Werbung und ihrem Publikum. Vielfach traten wir deshalb gar nicht in erster Linie als Veranstalter auf, sondern begnügten uns damit, nach der amerikanischen Institution als Sponsor oder Cosponsor genannt zu werden.

Wir baten verschiedene Designer um Vorschläge für ein Symbol, das auf allen Veröffentlichungen, Plakaten und Druckschriften für BERLIN NOW stehen sollte. Die Wahl fiel auf den Entwurf des New Yorker Graphikers George Tscherny, eines gebürtigen Berliners. Es handelte sich um ein abstraktes Gebilde, vierfarbig – Orange, zwei Grüntöne und Blau –, an flatternde Bänder erinnernd, nicht nur „eye-catching“ , sondern auch beschwingt. Aus Berlin gab es dazu neben viel Zustimmung auch enttäuschte Kommentare; es fehlte manchem wohl der Berliner Bär oder das Brandenburger Tor oder sonst ein deutlicher Berlin-Bezug. Aber wir und unsere New Yorker Freunde blieben bei unserer Wahl, weil wir gerade das Un-amtliche, Künstlerische, Heitere daran schätzten. In den kalten und grauen Straßenfluchten von Manhattan in diesem Spätwinter oder Vorfrühling 1977 wirkten dann auch an vielen Bushaltestellen und in Schaufenstern unsere Farbtupfer als optimistischer Auftakt.

Dann kam die wunderbare Überraschung: Noch vor der offiziellen Eröffnung brachte die New York Times eine fast ganzseitige Übersicht und Programmvorschau unter dem Titel: „A Starburst of Culture from Berlin“.

Nur zwei Tage später schrieb der international renommierte Kunstkritiker der New York Times, John Russell, einen ungewöhnlich ausführlichen Artikel mit der Überschrift „A Taste of the Cultural Vitality of Berlin“ .

Ich hatte die Zwei-Jahres-Frist, die mit meiner riskanten Ankündigung vom Sommer 1975 zu laufen begonnen hatte, eingehalten. Vor allem war damit ein Fanfarenton erklungen, der ein vielfältiges Echo fand und jenes Klima zu schaffen mithalf, das für den Erfolg so entscheidend wurde. Fünf Wochen lang war in New York von Berlin die Rede. Unser buntes Plakat, mehr als einen Meter hoch und ebenso breit, verkündete unübersehbar, mit dem Namen Goethe House als Veranstalter: „BERLIN NOW – Cultural Aspects of a City. Art – Music – Literature – Theater – Film – Urbanism” .

Wir richteten im Goethe House einen besonderen Telefonanschluss ein, der ständig besetzt war und bei jeder Art von Anfragen, vor allem auch von Seiten der Presse, detaillierte Auskünfte über die kommenden Ereignisse erteilte. Das war wirkungsvoller als gewöhnlich nur mäßig besuchte Pressekonferenzen.

Die Zeit der Vorbereitungen bis zur Eröffnung war, vor allem auch wegen ihrer Kürze und wegen der weiten Entfernung zwischen New York und Berlin – wir hatten weder Fax noch E-Mail damals – von großen Anstrengungen aller Beteiligten, besonders aber aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Goethe House geprägt, mit Schwerpunkt bei der Programmreferentin und ihrem Team: dem Programmassistenten, den Sachbearbeiterinnen für Wortveranstaltungen, für Film, für Ausstellungen. Sehr eng und erfolgreich war die Zusammenarbeit mit dem Vertreter des Berliner Kultursenats. Bei der Ausarbeitung mancher Programme mussten wir delegieren und uns auf die Hilfe von Fachleuten und Fachgremien in Berlin stützen.

Von Anfang an war klar, dass wir auf dem Gebiet der Werbung in den USA und insbesondere in einer Stadt wie New York ganz andere Maßstäbe anlegen mussten, als wir das in Deutschland und auch aus der Arbeit der meisten Goethe-Institute kannten. Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, um einen Werbeetat zusammenzubekommen, der diesen Anforderungen gerecht wurde. Tatsächlich haben wir dann eine ungewöhnlich vielfältige, aber auch sehr erfolgreiche Werbung zustande gebracht, und es gab sicher nicht sehr viele in New York, die damals nichts von einem Berlin-Programm gehört hatten.

Foto: Privat
Von links: Dr. Manfred Heid, Gesa Kandeler, Dr. Christoph Wecker, Kathinka Dittrich

Am 10. März 1977 war es dann endlich so weit. Mit einem festlichen Empfang im Goethe House mit viel Prominenz aus New York und aus Berlin wurde das Berlin-Festival, wie es die Leute bald nannten, eröffnet. Doch der verantwortliche Institutsleiter lag genau zu diesem Zeitpunkt mit einer heftigen Grippe und hohem Fieber im Bett. Das war für mich nicht nur deshalb besonders enttäuschend, weil mit dieser Eröffnung zweifellos ein absoluter Höhepunkt in meiner und meines Hauses bisheriger Arbeit markiert war, sondern auch riskant, weil gleich in den ersten Tagen einige der bei solchen Großveranstaltungen wohl unvermeidliche und gefährliche Pannen auftraten.

Jeden Tag kam eine Mitarbeiterin unserer Programmabteilung und/oder meine Sekretärin mit wichtigen Unterlagen, die ich unterschreiben musste, in meine Wohnung, und dabei wurde mir detailliert über den Beginn der verschiedenen Veranstaltungen berichtet. Als sehr ärgerlich und peinlich erwies sich die Meldung, dass eine kostbare Sammlung von Architekturzeichnungen aus dem Berlin des 19. Jahrhunderts, die wir bei dem hoch angesehenen Cooper-Hewitt Museum untergebracht hatten, von den dortigen Experten als Kopien identifiziert worden war, während man selbstverständlich mit den uns versprochenen Originalen gerechnet hatte und New York nur an Originalen interessiert war. Sofortige Rückfragen in Berlin ergaben, dass in den zwanziger Jahren zur Sicherung dieser unschätzbaren Bestände eine einmalige Serie von Kopien hergestellt worden war und dass man die Druckstöcke danach vernichtet hatte. Deshalb hätten, so wurde in Berlin argumentiert, die Kopien eigentlich den gleichen Rang wie die Originale selbst. Ich musste mich bei der sympathischen und uns wohlgesonnenen Direktorin des Museums, Liza Taylor, entschuldigen, die schließlich im Interesse des gesamten Unternehmens bereit war, die geplante Ausstellung dennoch zu akzeptieren. Der Architekturkritiker der New York Times, der auf diese Präsentation in eigener Vorfreude besonders hingewiesen hatte, verzichtete nun auf jede nähere Würdigung, was wohl noch die vornehmste Art von Kritik darstellte.

Noch bedrohlicher war jedoch der zweite Fall, der tatsächlich das Herzstück unseres Programms betraf. Es war gelungen, das Berliner Schillertheater mit seiner weltweit berühmt gewordenen Aufführung von Samuel Becketts Warten auf Godot in Becketts eigener Inszenierung und in der Originalbesetzung nach New York einzuladen. Zum Zeitpunkt der Eröffnung von BERLIN NOW war man in Berlin dabei, die Vorbereitungen für die Abreise unter Mitnahme aller notwendigen Requisiten zu treffen. Für die geplanten sieben Vorstellungen hatten wir mit einem bekannten Off-Broadway-Theater in Midtown Manhattan ein Abkommen getroffen, in welchem die Einzelheiten für das vorgesehene einwöchige Gastspiel der Berliner, die dafür vom Theater selbst zusätzlich unternommene Werbung, sowie die Modalitäten des Kartenverkaufs und der Anfangszeiten festgelegt waren.

An einem Vormittag, an dem das Fieber bei mir erstmals zurückgegangen war, erschien wieder eine Mitarbeiterin vom Goethe House, druckste eine Weile herum, bis ich sie direkt fragte, was sie auf dem Herzen habe, und meinte dann kläglich, sie wisse nicht, ob sie mir das sagen dürfe. Als ich ihr den dienstlichen Auftrag dazu erteilt hatte, ließ sie die Katze aus dem Sack: Das besagte Theater, eine private Institution wie die meisten Theater, war den Vermietern seines Gebäudes offenbar seit Monaten die Mietzahlung schuldig geblieben. Die Eigentümerversammlung beratschlagte, welche Zwangsmaßnahmen zu ergreifen wären, und beschloss, in einer dramatischen Nacht- und Nebelaktion das zentrale Stromaggregat im Theater auszubauen und mit einem Lastwagen abzutransportieren, womit das Bühnenhaus im Dunkel versank und nicht mehr bespielbar war. Zehn Tage später sollte unsere Premiere sein.

Ich fühlte, dass plötzlich jemand eine Zündschnur angesteckt hatte und dass mir nur wenig Zeit bleiben würde, bis die offenbar unvermeidliche Explosion erfolgen und vielleicht das meiste zerstören würde, was und wofür ich und meine Mitarbeiter bisher gearbeitet hatten. Augenblicklich sprang ich aus dem Bett, zog mich unter dem schwachen Protest der Frauen an und ging mit noch wackligen Knien zum Goethe House hinüber, wo ich eine Krisensitzung einberief. Wieder erwies sich unser New Yorker als der beste Kenner der Szene, doch seine Einschätzung unserer Möglichkeiten war mehr als düster. Um diese Jahreszeit und so kurzfristig sei am Broadway und Off- oder Off-off-Broadway mit Sicherheit nichts mehr zu machen. Ich bestand darauf, dass wir dann eben woandershin, notfalls auch außerhalb von Manhattan, gehen müssten; denn jetzt noch dieses Programm abzusagen, bedeute den Ruin für unser gesamtes Projekt. Henry dachte nach und meinte schließlich, man könne es höchstens einmal bei der renommierten Brooklyn Academy of Musicversuchen, die über mehrere Räume verfüge, in denen größere Veranstaltungen stattfinden könnten. Der Präsident heiße Harvey Lichtenstein. Sofort wurde die telefonische Verbindung hergestellt und glücklicherweise konnte die Sekretärin Mr. Lichtenstein auch im Hause ausfindig machen. Er hörte sich meine Schilderung der Lage an und reagierte zunächst sehr zurückhaltend und skeptisch. Am Telefon könne er dazu überhaupt noch nichts sagen, ich möchte doch gleich zu ihm nach Brooklyn kommen, damit wir gemeinsam prüfen könnten, ob ein solches Projekt unter diesen Umständen und in der Kürze der verbleibenden Zeit technisch und organisatorisch überhaupt machbar wäre. Gemeinsam mit Henry nahm ich ein Taxi nach Brooklyn, und unsere lange Unterredung brachte folgendes Ergebnis: Tatsächlich hatte die Academy zur fraglichen Zeit noch einen großen Raum frei, der schon in der Vergangenheit zu verschiedenartigen Aufführungen von Musik, Theater oder Tanz benutzt worden war. Er bot ungefähr 400 Personen Platz, besaß jedoch keine Bühne.

Mr. Lichtenstein betonte, dass er spätestens nach drei Tagen meine Unterschrift unter einen entsprechenden Vertrag benötige, dass er die zusätzlichen Kosten auf ca. 40 000 Dollar beziffere, weil Baumaßnahmen für eine Bühne ebenso erforderlich seien wie eine vollständig neue Werbung, und dass vorher noch sein Cheftechniker mit dem Kollegen in Berlin telefonieren müsse, um zu prüfen, ob und wie das Ganze überhaupt bewerkstelligt werden könne. Ich ließ an Ort und Stelle ein Blitzgespräch zum Schillertheater in Berlin anmelden und schickte ein Stoßgebet gen Himmel. Die Lunte war schon beängstigend weit abgebrannt, die Aussichten, mit diesem Telefonat irgendein greifbares oder sogar rettendes Ergebnis zu erzielen, waren absolut minimal. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ , dichtete mein schwäbischer Landsmann Friedrich Hölderlin. (Unsere Situation hat er sicher nicht gemeint.) Ich fragte die sich meldende Sekretärin, ob in dieser frühen Morgenstunde in Berlin (sechs Stunden Zeitdifferenz zu New York) zufällig der Cheftechniker anwesend sei. Er war es. Ich fragte beklommen, ob er wohl Englisch spreche und vor allem, ob er mit den entsprechenden amerikanischen Maßeinheiten vertraut sei, und erhielt die fast unglaubliche Antwort, die sie triumphierend gab: Er ist Amerikaner! Die beiden Herren unterhielten sich zehn Minuten lang, und dann war alles von der Technik her perfekt.

Auf dem Rückweg nach Manhattan fuhr ich zu dem Pleitetheater und verlangte von dem verdutzten Mann an der Kasse eine Auskunft über die bisherigen Einnahmen aus dem Verkauf der Karten für unsere Aufführungen. Es waren über 2000 Dollar, die er mir auf mein entschiedenes Verlangen gegen Quittung auszahlte. Zurück im Goethe House gab es ein langes Telefongespräch mit der deutschen Botschaft in Washington und der seit der Zeit unserer Zusammenarbeit am New Yorker Generalkonsulat mit mir befreundeten Kulturreferentin, Dr. Haide Russel. Sie versprach, alsbald mit dem Botschafter zu sprechen und ein Telegramm an das Auswärtige Amt in Bonn zu schicken, in dem der kulturpolitische Schaden im Falle eines Scheiterns dieses Programms deutlich gemacht und für unseren akuten Notfall zusätzliche Mittel erbeten werden sollten. Zwei Tage später erhielten wir eine Sondergenehmigung, womit etwa die Hälfte der benötigten 40 000 Dollar abgedeckt war.

Am Vorabend des Tages, an dem ich den Vertrag mit der Brooklyn Academyzu unterschreiben hatte, traf der Berliner Kultursenator L. aus Anlass unseres Festivals in New York ein. Ich rief ihn in seinem Hotel an und schilderte ihm die dramatische Lage. Er atmete hörbar durch und sagte dann, der Finanzsenator würde ihn umbringen, wenn er zusätzliches Geld ausgäbe, und er könne auch beim besten Willen ohne eine Sondergenehmigung über einen so hohen Betrag nicht verfügen. Diese Genehmigung werde er unverzüglich in Berlin beantragen, jedoch sei eine Antwort bis zum nächsten Morgen absolut ausgeschlossen.

„Was würden Sie mir also raten zu tun?“, fragte ich.

Seine Antwort werde ich nie vergessen und ich bleibe ihm dankbar dafür: „Lieber Herr Wecker“, sagte er, „ich kann ihnen die Entscheidung nicht abnehmen, so gern ich es täte, aber ich kann ihnen versichern, dass ich sie mittragen werde und dass wir im schlimmsten Fall gemeinsam und mit wehender Flagge untergehen. Wenn ihnen das ein Trost ist, dann unterschreiben Sie.“

Am nächsten Morgen habe ich unterschrieben.

Das Geld wurde bewilligt, die Berliner Theaterleute kamen an. Am Premierenabend standen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Goethe Houseund zahlreiche Helfer des Generalkonsulats rund um das bankrotte Theater in Manhattan, die Taschen mit 20-Dollar-Scheinen gefüllt, und fingen die Besucher ab, die von der Änderung trotz der vielen Anzeigen in der Presse nichts mitgekriegt hatten. Sie wurden mit dem Fahrgeld versehen, in die zahlreich herumfahrenden Taxis dirigiert und nach Brooklyn verfrachtet, wo wir den Beginn der Vorstellung von 20.00 auf 20.30 Uhr verlegt hatten.

Der Saal war randvoll, nicht nur an diesem, sondern auch an allen anderen Abenden, und in der New York Times erschien eine begeisterte Besprechung unter der Überschrift: „Don`t wait any longer for the definitive Godot.“ Wer sich für Theater interessiere, müsse diese Aufführung sehen. Es wurde wirklich ein ganz großer Erfolg, und wir hätten wahrscheinlich noch mindestens eine oder mehrere Wochen weiterspielen können. Die Schauspieler und Techniker aus Berlin, die Mannschaft von Harvey L., unser Generalkonsulat, die Botschaft in Washington, das Auswärtige Amt und der Berliner Senat – alle waren hilfsbereit und flexibel, die Zusammenarbeit einzigartig. Jemand hatte die brennende Lunte gerade noch rechtzeitig wieder ausgetreten.

Als wir nach der Premiere spät nachts auf Wunsch der Schauspieler beschlossen, mit der Subway unter dem East River hindurch zurück nach Manhattan zu fahren, sagten wir ihnen, dass einem in den Expresszügen angesichts des Lärms und der Stöße manchmal schon etwas mulmig werden könne. Bevor die Türen unseres Wagens zur Abfahrt geschlossen wurden, kam eine Gruppe nicht mehr junger schwarzer Damen herein. Sie setzten sich uns gegenüber und begannen alsbald, in dicken Gebetsbüchern zu lesen. Zwischendurch schauten sie uns neugierig, aber sehr freundlich an, und schließlich fragte eine von ihnen ganz vertraulich, ob wir Missionare seien. Wir nahmen dies als gutes Omen für unser Theater, und die Frauen nahmen die Auskunft, es handle sich bei uns um Theaterschauspieler, dann auch recht wohlwollend auf.

Auch unsere anderen Darbietungen im Rahmen von BERLIN NOW stießen überwiegend auf für New Yorker Verhältnisse erstaunliches Interesse. Im Cooper-Hewitt Museum hielten bekannte Berliner Architekten Lichtbildervorträge über die dortige Stadtplanung vor dem Hintergrund der schon erwähnten Ausstellung von Architekturzeichnungen Schinkels und seiner Zeitgenossen. Für die New Yorker Kunstszene waren die Collagen von Hannah Höch eine besondere Attraktion, mit der sich auch die Presse eingehend befasste, weil damit die erste größere Ausstellung ihrer Werke in New York gezeigt wurde. An der New School wurde die Ausstellung Realistic Tendencies mit Werken von 18 Berliner Malern der Gegenwart von Studenten und Künstlern lebhaft diskutiert, vor allem wegen der oft schockierenden und schonungslosen Darstellungen. Für manche war die negative und pessimistische Weltsicht, die sie dahinter zu entdecken meinten, allein deshalb schwer verständlich, weil es sich um Künstler aus Westberlin handelte, wo man doch frei war und unter den Segnungen westlicher Lebensweise eigentlich anders in die Welt sehen müsste. Weil viele der Berliner Künstler selber anwesend waren, ergaben sich fruchtbare Gespräche und weiterwirkende Kontakte. Ähnliches gilt für die Ausstellung Abstraction, Conception, Performance, die im Loft einer Galerie im Künstlerviertel SoHo stattfand und überwiegend von jungen Leuten besucht wurde. Dort konnte man in ungezwungener Atmosphäre auch hören, wie Berliner Musiker Free-Jazz spielten.

Peter Nestler vom Berliner Kultursenat hat mit seinen New Yorker Kollegen ein Stipendienprogramm ausgehandelt, das in der Folgezeit jedes Jahr einer Gruppe Berliner Künstler einen Arbeits- und Studienaufenthalt beim PS 1 in New York ermöglichte, einer damals noch neuen, doch rasch bekannt werdenden Vereinigung junger amerikanischer Künstler, wobei PS für public school steht, weil die Räume sich in einer aufgegebenen Schule im Stadtteil Queens befanden. (Heute gehört PS 1 zu den bedeutenden kulturellen Institutionen in Manhattan.) Entsprechend sahen sie auch aus, der Putz und die Farbe bröckelten von den Wänden, überall wurde noch mit einfachen Mitteln ausgebessert und repariert, aber es gab Platz für kreative Arbeit, und es gab vor allem den ungebremsten Enthusiasmus der jungen Leute und das lebhafte Interesse ihrer Besucher.

An verschiedenen Schauplätzen lasen in stets überfüllten Sälen Schriftsteller wie Uwe Johnson, von dem die New York Times hervorhob, er habe wie kein anderer bekannter Autor über den anderen, unfreien Teil Berlins geschrieben, und Günter Grass, dessen neuer Roman Der Butt kurz vor dem Erscheinen in den USA stand. Beide Autoren stellten sich intensiven Gesprächen mit dem Publikum, wobei Johnson in besonderer Weise die Beziehung Berlin–New York verkörperte, weil er in beiden Städten gelebt und geschrieben hatte.

Die Grafiken von Günter Grass waren in einer Galerie in der Lexington Avenue ausgestellt. Während der Eröffnungsparty erschienen auch drei für den Nachmittag auffallend offiziell, doch eher altmodisch gekleidete Besucher, zwei Herren und eine Dame, und stellten sich als hochrangige Vertreter der sowjetischen UNO-Botschaft in New York vor. Sie baten mich, Günter Grass begrüßen zu dürfen, und ich führte sie in eine Ecke, wo er, von Besuchern umringt, das Weinglas in der Hand, diskutierte. Nach der Vorstellung der neuen Gäste benutzte er die Gelegenheit, sich bei ihnen darüber zu beschweren, dass seine Werke in der Sowjetunion nicht erscheinen könnten, und forderte die beiden Diplomaten und ihre Begleiterin, die Ehefrau des zweiten Mannes der Botschaft, energisch auf, dies ihrer Kultusministerin, Frau Furzewa, bei nächster Gelegenheit in Moskau auszurichten, was ihm höflich zugesagt wurde. Man sehe die Ministerin demnächst in Moskau. Daraufhin wurde der Star des Abends deutlich umgänglicher, wandte sich an die etwas füllige russische Dame im grauen Kostüm und meinte ohne Umschweife in seinem rauen Englisch, er müsse ihr ein Kompliment machen.:

„You are the only woman in this room who could really have three breasts.“

Sie schien etwas irritiert, denn sie hatte weder Grass gelesen noch kannte sie seine Grafiken und wusste nicht recht, ob sie geschmeichelt oder befremdet sein sollte. Ich mischte mich ein, bat sie, mich in den nächsten Raum zu begleiten, wo das Bild der Romangestalt AUA mit den drei Brüsten hing, und erklärte ihr den Zusammenhang mit dem Kompliment des prominenten Künstlers. Sie hatte Humor genug, um sich für das Geschmeicheltsein zu entscheiden, und lächelte.

Kulturpolitisch bedeutsam war dieser Besuch sowjetischer Diplomaten aber deshalb, weil sie offensichtlich das Programmheft von BERLIN NOW genau studiert hatten, ebenso wie die verschiedenen Kataloge und Druckschriften, darunter eine Übersicht über alle Westberliner kulturellen Institutionen.

Wenig später besuchte mich der Kulturreferent der Sowjet-Mission offiziell im Goethe House, um sich ausführlich nach den Einzelheiten des Berlin-Festivals zu erkundigen. Mit keinem Wort merkte er an, dass in unserem gesamten Programm Ost-Berlin als Hauptstadt der DDR nicht erwähnt war. Ich gab ihm freimütig über die Konzeption, die Organisation und die Finanzierung Auskunft und als er sich mit wachsendem Interesse auch nach dem Goethe-Institut selber erkundigte, beschrieb ich ihm auch dessen Struktur und seine zwar staatlich finanzierte, in der Programmgestaltung jedoch relativ unabhängige Arbeitsweise, was er sehr bemerkenswert fand. Auch andere Vertreter ausländischer Missionen kamen aus gleichem Grund ins Goethe House, ein nicht zu unterschätzender kulturpolitischer Effekt von BERLIN NOW.

In der Zeit vom 10. März bis zum 19. April 1977 hat das sogenannte „Berlin-Festival“ mit seinen rund 100 Veranstaltungen ca. 25 000 Besucher angezogen, von denen sicher über die Hälfte jüngere Leute waren. Die amerikanische Presse würdigte das Ereignis in über 50 Rezensionen, darunter allein elf in der New York Times. Das Goethe House arbeitete partnerschaftlich mit 17 verschiedenen New Yorker Institutionen zusammen. Eindeutig lag der Akzent auf den Inhalten und nicht auf Repräsentation, was sich auf die Zusammensetzung der Besucher ebenso auswirkte wie auf die Breitenwirkung. Unser Programm war für eine Weile talk of the town. Unter den Beteiligten entstand ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Vertrauensbasis, die der weiteren Arbeit sehr zugute kam.

Es ist schwer, kulturpolitische Erfolge zu messen oder gar in Zahl und Maß anzugeben. Misserfolge sind leichter zu diagnostizieren. Die erfreulichen Besucherzahlen bei den einzelnen Veranstaltungen allein stellen nur einen Indikator dar, in dem sich ein kulturpolitischer Erfolg noch unzureichend abbildet. Auch wäre es vermessen zu sagen, dass alle einzelnen Veranstaltungen auf einem gleich hohen Niveau und auch gleich erfolgreich gewesen wären. Entscheidend war es jedoch, dass insgesamt eine Atmosphäre des Interesses, der Neugier, der Auseinandersetzung und schließlich der Sympathie erzeugt werden konnte, die selbst in dieser großen und kulturell verwöhnten Stadt spürbar war. Auch Leute, die keine der Veranstaltungen besucht hatten, sprachen noch mit Respekt vor der dargebotenen Leistung, von guter Organisation und nahezu perfekter Abwicklung. Dafür hat man in New York einen Sinn.

Dass die New York Times, nicht gerade für ein besonderes Wohlwollen gegenüber der Bundesrepublik Deutschland bekannt, sich so ausführlich und positiv mit dem gesamten Programm und im Verlauf mit wichtigen Teilen auseinandersetzte und das Publikum zum Besuch der Veranstaltungen anregte, war etwas Neues und wurde von vielen Beobachtern als Durchbruch registriert.

Das Goethe House New Yorkwar, ohne Übertreibung gesagt, zum Begriff und zu einem angesehenen, ja gesuchten Partner bedeutender kultureller Institutionen in New York geworden. Wie einen Ritterschlag durften wir unsere Aufnahme – als einziges ausländisches Mitglied – in die illustre Gemeinschaft der Museum Mile ansehen, einen Zusammenschluss aller an der oberen Fifth Avenue gelegenen Kulturzentren so hohen Ranges wie das Metropolitan Museum of Art, das Guggenheim Museum, das Cooper-Hewitt Museum, das Jewish Museum und das International Center of Photography. Diese Partner unternahmen in den folgenden Jahren weitere gemeinsame Projekte mit dem Goethe House.

Aber auch für das Goethe House selbst, die im eigenen Haus stattfindenden Veranstaltungen und für unsere Bibliothek war insofern ein Wandel eingetreten, weil viel mehr jüngere New Yorker, Intellektuelle, Studenten und Künstler aller Richtungen ins Haus kamen, wobei mich besonders freute, dass dies geschah, ohne dass die alten Freunde aus Emigrantenkreisen sich dauerhaft vernachlässigt gefühlt oder sich gar abgewandt hätten. Sie besuchten mit Vorliebe die Aufführungen der Filmklassiker aus der Weimarer Zeit wie „Berlin – Symphonie einer Großstadt“, oder „Berlin Alexanderplatz“. Regelmäßig bildeten sich dann lange Warteschlangen vor dem Goethe House.

Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Dritten Reiches hatte es in New York wieder eine derartige kulturelle „Show“ aus Deutschland gegeben. Das Thema Berlin allein weckte dabei ebenso die Neugier des Publikums wie die einzelnen Inhalte des Programms. Ein aus Berlin stammender New Yorker Jude stiftete dem Goethe House vor lauter Begeisterung eine Litfaßsäule.

Auch von amtlichen deutschen Stellen wie dem Botschafter bei den Vereinten Nationen, dem Generalkonsul in New York, dem Botschafter in Washington und in der Heimat vom Berliner Kultursenat, vom Auswärtigen Amt und vom Goethe-Institut wurde anerkennend bestätigt, dass BERLIN NOW ein erfolgreiches Beispiel deutscher Auswärtiger Kulturpolitik und auch Berliner Kulturpolitik mit weiterreichenden Wirkungen geworden war. Vergleichsweise hielt sich dagegen die deutsche Presse aus unerfindlichen Gründen auffällig zurück.

Das Generalkonsulat New York hatte in seinem Bericht zu BERLIN NOWunter anderem festgestellt, dass damit unter normalen Umständen eine auf Management spezialisierte Agentur für Monate hätte beschäftigt werden können. Dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, alles gut und reibungslos verlaufen sei, müsse in erster Linie dem „Totaleinsatz“ der Mitarbeiter des Goethe House zugeschrieben werden. Die Zusammenarbeit aller Beteiligten hat nach dem Urteil des Berliner Kultursenators so gut funktioniert, „dass man es als einen Modellfall bezeichnen könne.“

Es war uns klar, dass die Wiederholung eines solchen Großprojekts wie BERLIN NOW nicht möglich sein würde, schon aus finanziellen Gründen nicht, aber auch im Hinblick auf die organisatorische Leistungsfähigkeit unseres Hauses und seiner Mitarbeiter. Auch eine Überfrachtung unserer amerikanischen Partner und unseres Publikums wäre sicher kontraproduktiv gewesen. Wir gingen daher bei der Arbeit zunächst wieder zu einer normalen Gangart zurück.

Ich habe in den folgenden Jahren sowohl mit der Stadt München als auch mit dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart verhandelt, um ähnliche Programme zu planen, stieß an beiden Orten bei den zuständigen Persönlichkeiten auf großes Interesse, jedoch scheiterten leider alle schönen Pläne letztlich an der Finanzierung. Jahre danach hatte ich Gelegenheit, dem Ministerpräsidenten Späth in Stuttgart davon zu erzählen. Er drückte sein großes Bedauern aus, dass dieses Vorhaben nicht bis zu ihm durchgedrungen sei, und meinte:

„Das hätten wir doch zusammen durchgezogen.“

Erwartungsgemäß bestätigte es sich, dass ein großes Verbundprogramm unter einem attraktiven Thema wie Berlin, noch dazu mit einer einmalig aufwändigen Werbung, wesentlich leichter auf breites Interesse in einer Stadt wie New York stößt als noch so interessante kleinere oder einzelne Programme. Wir blieben trotzdem weiter bemüht, hochwertige Projekte zu entwickeln und über den Atlantik zu holen, die hier natürlich nicht alle beschrieben werden können. Ich beschränke mich daher in diesem Bericht vor allem auf die größeren Ereignisse, die mit mehreren amerikanischen Partnern gemeinsam präsentiert worden sind. Es gab jedoch auch immer wieder kleinere Veranstaltungen, die eine erfreuliche Resonanz beim Publikum fanden, und für uns war es zudem schön, wenn Künstler oder Vortragende aus Deutschland sich besonders sympathisch, anpassungsfähig und kommunikativ zeigten. So erinnere ich mich zum Beispiel gerne an den Besuch eines jungen und damals noch weniger bekannten Theater¬regisseurs, der in unserem Hause mit New Yorker Schauspielern Marie Luise Fleißers Fegefeuer in Ingolstadt einstudierte, alle äußerst motiviert, die Besucher und der Veranstalter froh. Mit dem jungen Künstler verbanden mich freundliche Beziehungen über Jahre, bis er in den Olymp der berühmten Zeitgenossen entschwebte, große deutsche Bühnen höchst erfolgreich leitete und schließlich Chef bei den Salzburger Festspielen wurde und noch ist, der Intendant und Regisseur Jürgen Flimm. Ich denke auch an die bereichernden Begegnungen, die ich bei uns in New York und in seinem Haus bei San Francisco mit dem berühmten Kinderpsychologen und Autor Bruno Bettelheim hatte, dem ich die vom Goethe-Institut München verliehene Goethe-Medaille überreichen durfte. Diese hohe Auszeichnung konnte ich auch der großen Verlegerin Helen Wolff im Goethe House überreichen, wo sie eine bewegende Rede auf den verstorbenen Schriftsteller Uwe Johnson gehalten hat.

Als internes Ereignis jener Zeit ist auch vom ersten Besuch eines deutschen Bundeskanzlers in einem Goethe-Institut im Ausland zu berichten: 1978. Wir hatten zuvor in unserer Wohnung Frau Hamm-Brücher zu Gast, damals Staatsministerin im Auswärtigen Amt und eine engagierte Förderin des Goethe-Instituts. Sie war eine besonders angenehme und sachkundige Besucherin, und wir stellten nicht nur fest, dass wir dem gleichen Geburtsjahrgang 1921 angehörten, sondern besprachen auch mit viel Übereinstimmung kulturpolitische Fragen, die unsere Arbeit betrafen. Sie wollte sich intensiv darum bemühen, dass Kanzler Helmut Schmidt bei seinem nächsten Aufenthalt in Washington und New York auch unser Institut besuchen würde. Dazu kam es tatsächlich, und Tage vor dem Ereignis hat das FBI unser Haus vom Keller bis zum Dachboden untersucht, bis dann die große Motorrad- und Autokolonne vorfahren und die hohen Herrschaften eintreten konnten. Als ich in meinem geräumigen und sehr schönen Arbeitszimmer mein gewünschtes Referat über unsere Arbeit mit der Anrede „Verehrter Herr Bundeskanzler…“ einleitete, meinte er, sich entspannt im Sessel zurücklehnend: „Jetzt wird er förmlich.“ Ich antwortete: „Ehre, wem Ehre gebührt.“, und das Eis oder besser die leichte Befangenheit im Raum war gebrochen. Frau Hamm-Brücher, der Generalkonsul, hohe Beamte aus der Entourage und alle meine Mitarbeiter waren anwesend, und wir hatten einen interessierten Gast, der, wie mir berichtet wurde, noch den ganzen Tag über einschlägige Themen gesprochen habe. Abends gab es dann im kleinen Kreis ein Essen in der Residenz des Generalkonsuls an der Park Avenue, und nach Tisch setzte sich der Kanzler an den Flügel und spielte zur Freude aller Gäste. Frau Hamm-Brücher schrieb mir später, der Kanzler habe sich anerkennend und zufrieden über seinen Besuch im Goethe House geäußert, unsere Arbeit habe ihn sehr interessiert und sie hoffe auf günstige Auswirkungen für das Goethe-Institut und die Auswärtige Kulturpolitik.

1981 unternahmen wir es erneut, eine aus vielen einzelnen Programmen bestehende Veranstaltung vorzustellen, die sich über mehr als ein Jahr erstreckte unter dem Titel: Germany in the 19th Century – Cultural Aspects of an Age. Sie sollte den kulturgeschichtlichen Hintergrund zu einer bedeutenden Ausstellung beleuchten, die das Metropolitan Museum mit dem Titel German Masters of the 19th Century veranstaltete.

Der führende Kunstkritiker der New York Times, John Russell, schrieb dazu einen Artikel, in dem er auch auf das „fundamentale Problem“ hinwies, dass alles, was aus Deutschland komme, immer noch mit einem Bann (Anathema) belegt sei, der nicht weichen wolle. Er wies auch auf das mit deutschen und amerikanischen Experten besetzte Symposion zu unserem Thema hin, das vom Metropolitan Museum gemeinsam mit dem Goethe House angekündigt wurde. Auch andere Highlights unseres vielseitigen Programms sprach er an, wie die Ausstellung über German Stage Design of the 19th Centuryim Cooper-Hewitt Museum, die wunderschönen Sepia-Zeichnungen und Aquarelle von Carl Blechen (1798-1840), sein Amalfi-Tagebuch, die wir nur auf Grund persönlicher Beziehungen von der Akademie der Künste in Berlin erstmalig für eine Auslandsreise erhalten konnten, sowie einen Vortrag von Bruno Bettelheim über die Märchen der Brüder Grimm, der, wie immer, wenn er öffentlich auftrat, vor übervollem Haus sprach.

Eine spätere Ausstellung im Rahmen des Programms „19. Jahrhundert“, wiederum im Goethe House, fand ein interessiertes, besonders auch jüngeres Publikum. Das Deutsche Museum in München hatte sie eigens für uns zusammengestellt: Natural Science and Technology in Germany mit dem Original des ersten Fahrrads als Blickfang.

Das Programmheft für das 19.-Jahrhundert-Programm war besonders gut gelungen. Es wurde – wie schon bei BERLIN NOW – von dem Deutsch-Amerikaner George Tscherny gestaltet und erhielt später Auszeichnungen.

Auf die zahlreichen Vorträge und Podiumsdiskussionen, die wir im Goethe House, dem Deutschen Haus oder bei anderen Partnern veranstaltet haben, kann ich im Einzelnen hier nicht eingehen. Wer von den deutschen oder deutsch geborenen zu jener Zeit herausragenden Künstlern, Autoren und Wissenschaftlern war nicht in New York? Ich nenne unter den vielen beispielhaft Joseph Beuys, Max Frisch, Martin Walser, Günter Grass, Walter Kempowski, Iring Fetscher, Peter Wapnewski, Peter Sloterdijk, Alfred Grosser, Marcel Reich-Ranicki, Fritz Stern, Victor Lange. Auch die New Yorker Prominenz in unserem Hause, wie Susan Sonntag, Andy Warhol und viele andere, kann ich nicht einzeln würdigen.

Das aus mehreren Teilen bestehende Projekt, das wir mit dem International Center of Photography (auch ein Mitglied der Museum Mile) und dessen Direktor Cornell Capa mit dem Titel When Words Fail – German Photography from its Origins Through the Avant-Garde 1840-1940 in Zusammenarbeit mit dem San Francisco Museum of Modern Art und dem Long Beach Museum of Art entwickelten und an dem international bekannte Fotografen, viele davon deutsche Emigranten, teilnahmen, kam in der Öffentlichkeit gut an. Künstlerische Photographie spielte in den USA früher eine bedeutendere Rolle als in Europa.

Das Programm einer Darstellung des Deutschen Expressionismus, das mit dem Titel Aspects of German Expressionism in Zusammenarbeit mit der New York University und der City University veranstaltet wurde, umfasste die Sparten Film, Theater, Kunst, Literatur und Musik und erstreckte sich über einen Zeitraum von vier Monaten.

Die in zusammen mit dem Jewish Museum und seiner Direktorin Joan Rosenbaum geplante Ausstellung der Werke des Osnabrücker Malers Felix Nussbaum, der von den Nazis noch kurz vor dem Zusammenbruch umgebracht worden war, konnte erstmals im Ausland gezeigt werden und wurde auch unsere erste unmittelbare Zusammenarbeit mit diesem angesehenen Haus, die eine außergewöhnliche Resonanz fand.

Schließlich kam es noch einmal zur Zusammenarbeit mit der Brooklyn Academy of Music beim von Publikum und Kritik hoch gelobten ersten Gastspiel von Pina Bausch mit ihrem Wuppertaler Tanztheater, sowie Programmen mit den Tänzerinnen und Choreografinnen Reinhild Hoffmann und Susanne Linke. Zu Ehren von Pina Bausch gab die Brooklyn Academy in Manhattan einen großen Empfang, an dem unter zahlreichen prominenten Gästen auch der Künstler Andy Warhol teilnahm. An die persönlichen Begegnungen mit Frau Bausch - auch in unserer Wohnung - denke ich besonders gerne zurück. Ich konnte die sympathische Künstlerin Jahre später in München nach ihrem Gastspiel am Nationaltheater noch einmal treffen.

Wenn man die kurzen Beschreibungen dieser Programme liest, könnte der Verdacht aufkommen, hier werde schöngefärbt. Ich habe mich jedoch nur an leicht nachprüfbare und gut dokumentierte Fakten gehalten. Als Kontrast möchte ich ein negatives Erlebnis anführen, bei dem wir einen wirklich schmerzlichen Verriss in der New York Times hinnehmen mussten. Es war die Theaterproduktion von Kleists Komödie Der zerbrochne Krug, die wir im Rahmen unseres 19.-Jahrhundert-Programms einer jungen New Yorker Theatertruppe übertragen hatten. Den Schulklassen hat es gefallen, dem Kritiker und auch uns selbst nicht. Die Aufführung kam zu holprig und laut daher, zu simpel. Zwischentöne, Hintergründe und Abgründe blieben verborgen.

Dass es bei aller Bemühung und Sorgfalt solche und andere Enttäuschungen und Pannen auch bei unserer Arbeit gegeben hat, braucht wohl nicht besonders begründet zu werden. Ich denke in diesem Zusammenhang auch an die oft sehr schwierige Frage der Terminierung unserer Programme, bei der nicht nur wichtige Feier- und Gedenktage berücksichtigt werden mussten, sondern auch Großereignisse, etwa im Madison Square Garden, in der Radio City Music Hall, der Carnegie Hall, der Metropolitan Opera u. a. Bei einem zeitlichen Zusammentreffen mit einer kleineren Veranstaltung unseres Hauses, etwa einem Vortrag, konnte das zu einem peinlichen Besuchermangel führen, den der Vortragende – mehr oder weniger gekränkt – gerne uns anrechnete.

Wenigstens ein kurzes Wort soll hier über die von mir koordinierend vertretene Region USA und Kanada gesagt werden (Regionalauftrag). 1975 bestanden in den USA die Goethe-Zweigstellen New York, Boston, Chicago und San Francisco, in Kanada in Montreal und Toronto. Verglichen mit Europa und gemessen an der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung und Größe unserer Region waren wir unterrepräsentiert. Das sah man so auch in Bonn, und im Laufe der Jahre wurden die erforderlichen Finanzmittel nach und nach genehmigt, sodass ich in die in Aussicht genommenen Orte reisen und dort sondieren, beziehungsweise vorbereitende Gespräche führen und Verabredungen treffen konnte. Dabei konnte ich oft auf Erfahrungen zurückgreifen, die ich bei meinen Verhandlungen mit den Kulturgesellschaften seinerzeit in Südamerika gemacht hatte. Wir gründeten neue Zweigstellen in Atlanta, Los Angeles, St. Louis, Seattle und Vancouver, sowie Nebenstellen in Cincinnati, Ann Arbor und Ottawa. Zu den schönen Aufgaben des Regionalbeauftragten gehörte die alljährliche Einladung der Kolleginnen und Kollegen zur regionalen Arbeitstagung, die er auch zu leiten hatte, meist in New York, wo auch alle gerne hinreisten. Diese Konferenzen dienten vor allem der Koordination und dem Austausch von Kulturprogrammen. Über diese Zusammen¬künfte freute ich mich; es war eine gute und harmonische Zusammenarbeit, und mit manchen Kollegen entstanden Freundschaften bis heute. Das Auswärtige Amt erkannte den Wert solcher Zusammenkünfte ebenfalls an, und es kam bald in Abständen von etwa zwei Jahren zu den Regionalbeauftragten-Konferenzen, jeweils zuerst in München, danach zwei Tage beim Auswärtigen Amt in Bonn, mit einem Empfang beim Bundespräsidenten in der Villa Hammerschmidt als Abschluss.

Das Goethe House New York war, wie alle anderen Zweigstellen im Ausland, neben dem Kulturprogramm auch für das Arbeitsgebiet Pflege der deutschen Sprache zuständig und unterhielt als dritten Sektor, neben Kulturprogramm und Sprachförderung, die Bibliothek mit etwa 15 000 Bänden, Zeitungen und Zeit¬schriften. Dem Leiter unserer Sprachabteilung, der auch mein Stellvertreter war - anfangs noch Dr. Winterscheidt, später Dr. Heid -, und mir war sehr daran gelegen, die Entwicklung des letzten Jahrzehnts bei der sogenannten „Pädagogischen Verbindungsarbeit“ gerade in den USA zu verstärken und auf reinen Sprachunterricht an Erwachsene zu verzichten. Die Gelegenheit dazu zeichnete sich schon 1976 ab, als die Pläne der New York University, der größten privaten Universität im Lande, in ein konkretes Stadium traten, dort ein Deutsches Haus als Deutsch-Amerikanisches Kulturzentrum aufzubauen. Professor Sander vom German Department betrieb diese Pläne, unterstützt vom Universitätspräsidenten, und verschaffte sich die unverzichtbare finanzielle Grundlage durch fundraising in Deutschland. Es gelang ihm, ein Komitee prominenter Persönlichkeiten auch in der Bundesrepublik zur Mitarbeit und finanziellen Unterstützung zu gewinnen. Er besprach die Pläne im Detail auch mit mir, und wir kamen überein, dass zwischen dem Deutschen Haus und dem Goethe House eine enge Zusammenarbeit erfolgen solle.

Gemeinsam prüften wir verschiedene Gebäude, die der New York University gehörten und von dieser für die neue Institution freigemacht werden konnten. Wir wurden in einer historischen Gasse mit dem Namen „Washington Mews“ fündig, nördlich des Washington Square, im sogenannten Village, unmittelbar bei der Universität. Das kleine Haus war im frühen 19. Jahrhundert erbaut worden und hatte zuletzt Laboratorien der ersten New York University Medical School und in jüngster Zeit als Studio für einen namhaften Künstler gedient. Mit Hilfe von Sponsoren, zu denen auch das Auswärtige Amt in Bonn gehörte, restaurierte man das hübsche Haus nach den Originalplänen von 1821. Im Januar 1976 schlossen wir miteinander einen Vertrag, wonach das Deutsche Haus in der Folgezeit deutsche Sprachkurse für Erwachsene an Stelle des Goethe House, in Zusammenarbeit mit diesem und nach den Methoden und Regeln des Goethe-Instituts anbieten sollte. Auch Kulturprogramme, die vom Thema her besser nach downtown Manhattan passten, als ins Goethe House uptown, wurden im Deutschen Haus gezeigt. Der Direktor des Goethe House war ex-officio -Mitglied des Executive Council des Deutschen Hauses, in dem auch Persönlichkeiten wie Senator Javits, Dr. Marion Gräfin Dönhoff, Bundesbankpräsident Dr. Karl Klasen, Dr. Thorwald Riesler, Generalsekretär des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft, Dr. Siegfried Unseld vom Suhrkamp-Verlag und der jeweilige deutsche Generalkonsul in New York saßen.

Auf Grund dieses Abkommens konnte unsere Sprachabteilung im Goethe House alle ihre Kräfte auf die pädagogische Verbindungsarbeit konzentrieren, in ganz Amerika mit German Departments von High Schools, Colleges und Universitäten Kontakte aufnehmen und pflegen, als Sponsor oder Co-Sponsor für regionale Workshops und Seminare auftreten, die der Lehre der deutschen Sprache als Fremdsprache dienten, konnte allgemeine Informationen über die neuesten Erkenntnisse und Lehrmethoden für Deutsch weitergeben und schließlich ein Informationszentrum einrichten, für Textbücher, Tonbänder, Dias, Videos und einschlägige Literatur. Wir publizierten für Lehrer der deutschen Sprache in Amerika einen Newsletter on Education und nahmen alljährlich an den großen Deutschlehrertagungen teil, die jeweils in verschiedenen Großstädten im gesamten Land stattfanden. Auf diese Weise entwickelten sich im Lauf der Zeit immer engere Kontakte zu diesem für uns und unsere Arbeit wichtigen Personenkreis. Wir konnten dadurch auch besser diejenigen Universitäten und Colleges kennenlernen, an denen die Lehre der deutschen Sprache mit besonderem Nachdruck gepflegt wurde und die deshalb auch besonders an einer Zusammenarbeit und an den Hilfestellungen interessiert waren, die wir zu bieten hatten. Hierher gehört auch die von zwei Professoren der Universität Albuquerque (New Mexico) – einem Amerikaner und einem Österreicher – gegründete Deutsche Sommerschule, die alljährlich in dem bekannten kleinen Skiort Taos Ski Valley in der Bergen stattfand, vierwöchige Seminare und Workshops anbot und stets gut besucht wurde. Die Studenten wohnten in einem Hotel, das einem deutsch-amerikanischen Ehepaar gehörte und daher den bayrischen Namen /i>Edelweiss führte. Für ihre Teilnahme an der Sommerschule erhielten die Studenten von ihren Universitäten sogenannte credits, die für ihr Studium wichtig waren. Sie profitierten außerdem davon, dass einen ganzen Monat lang selbst private Unterhaltungen in englischer Sprache verpönt waren.

Eine wichtige Aufgabe erfüllte unser schon vor meiner New Yorker Zeit von Dr. Friedrich Winterscheidt aufgebautes /i>German-American Partnership Program (GAPP) , bei dessen Gründung ein eingetragener Verein, /i>GAPP Inc., zusammen mit amerikanischen Persönlichkeiten geschaffen wurde, dessen Geschäftsführer ex officio der Direktor des Goethe House war. /i>GAPP vermittelte Schul-Partnerschaften und den Austausch von Schülern mit ihren Lehrern für einen vier- bis sechswöchigen Aufenthalt in Deutschland bzw. den USA. Dabei wohnten die Schüler bei deutschen und amerikanischen Gastfamilien. Es wurde ein Newsletter herausgegeben, in dem neben allgemeinen Informationen zum Beispiel der immer größer werdende Kreis von Schulen und Lehrern aus beiden Ländern angegeben war, die an einem derartigen Schüleraustausch interessiert waren. GAPP entwickelte sich zu einem höchst erfolgreichen Projekt. Leider blieb meine Zusammenarbeit mit Dr. Winterscheidt nur eine kurze Zeit bestehen, weil er versetzt wurde. Wir sind einander noch heute freundschaftlich verbunden. Auch mit seinem Nachfolger Dr. Heid entwickelte sich über viele Jahre eine sehr gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Häufig bin ich mit dem sogenannten /i>„Air Shuttle“ nach Washington geflogen, wo an der Deutschen Botschaft Arbeitsbesprechungen mit den in den USA tätigen Leitern deutscher kultureller Institutionen, zum Beispiel dem DAAD, stattfanden. Die bereits erwähnte Kulturreferentin der Botschaft, Frau Dr. Russel, hat diese zweitägigen Konferenzen geleitet, unterstützt von ihrem Vertreter, dem Botschaftsrat Dr. Heinrich Baumhof. Letzterer verdient es, hier besonders erwähnt zu werden. Er war meines Wissens der einzige deutsche Diplomat im Ausland, der blind war. Stets begleitete ihn deshalb seine ganz auf ihn eingestellte Sekretärin und ich habe sogar gemeinsam mit den beiden eine Dienstreise nach New Orleans unternommen. Geradezu unglaublich war sein Computergedächtnis, mit dem er die Gesprächsrunde oft überraschte, wenn irgendwelche Fakten oder Jahreszahlen angesprochen wurden und man sonst in den Akten hätte suchen müssen. Er war außergewöhnlich kompetent auf seinem Fachgebiet. Ich bin ihm bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden geblieben.

Eines Tages rief die United Auto-Workers Union (Auto-Arbeiter-Gewerkschaft) an und bat um einen Gesprächstermin. Zur vereinbarten Zeit erschienen zwei jüngere Herren, die so business-like gekleidet waren, wie man sich Jungbanker vorstellt. Sie eröffneten mir, dass die Zahl unserer sogenannten Ortskräfte, also vom Goethe House New York unmittelbar angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, inzwischen groß genug sei, um die Gründung einer eigenen Gewerkschaftsvertretung zu erlauben. Trotz des in diesem Zusammenhang verblüffenden Namens ihrer Organisation, auf den ich hinwies, seien sie zuständig. Ich wurde gebeten, einen geeigneten Termin zu benennen, an dem in unserem Hause Wahlen für diese Gewerkschaftsvertretung stattfinden könnten. Ich setzte umgehend das deutsche Generalkonsulat von dem Vorgang in Kenntnis und telefonierte mit unserem New Yorker Vertrauensanwalt, der ein Freund von meiner Frau und mir war und noch heute ist. Die Sache war rechtlich in Ordnung, und die Wahlen fanden statt.

Am Jahresende hatte ich eine Großzügigkeit aus München übernommen und unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gestattet, zum Besuch ihrer Familien zwei zusätzliche Tage zwischen Weihnachten und Neujahr frei zu nehmen. Das sollte unvorhergesehene Folgen haben: Einige Zeit später erhielt ich eine offizielle Vorladung des Arbeitsgerichts von Manhattan, um in einem von der Gewerkschaft gegen uns angestrengten Verfahren auszusagen. Unsere amerikanischen Ortskräfte wollten höhere Bezüge erstreiten, weil sie sich gegenüber den deutschen – nicht ganz zu Unrecht – zurückgesetzt fühlten, ein altes Problem, das mir aus Münchner Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt wohl bekannt war.

Ich fand mich zur vorgeschriebenen Zeit im Gerichtsgebäude ein, zusammen mit der Rechtsreferentin des Generalkonsulats, und saß zum ersten Mal in meinem Leben – durch eine Balustrade abgegrenzt und etwas erhöht – vor einem amerikanischen Gericht. Es war ein fensterloser, dumpfer Raum. Die Richterin war eine Schwarze, die Gewerkschaft war durch einen jungen Anwalt vertreten, unser Haus hatte zwei Mitarbeiterinnen als Beobachter entsandt, ich selber hatte auf einen Anwalt verzichtet, weil sicher niemand genauer als ich selber über die Rechtsverhältnisse des Goethe-Instituts München Bescheid wusste. Nachdem die Vorsitzende die Präliminarien abgewickelt hatte, teilte ich ihr mit, dass ich mich sprachlich nicht genügend mit der Terminologie eines Gerichtsverfahrens vertraut fühle, um ohne Gefahr von Missverständnissen die Verhandlung bestreiten und meine nicht ganz unkomplizierten Ausführungen zur Sache in englischer Sprache machen zu können. Die Sitzung wurde unterbrochen, bis ein Dolmetscher geholt werden konnte. Nach wenigen Sätzen war klar, dass es mit ihm überhaupt nicht ging. Zweite Unterbrechung, neuer Dolmetscher, diesmal eine Frau. Wir mühten uns mit ihr eine halbe Stunde ab, bis die Richterin selber fand, dass es so nicht weitergehen durfte, weil wir nie zu einer vernünftigen Verhandlung und zu einem Ende kommen würden. Auch diese Dolmetscherin wurde entlassen. Dann fragte mich die Richterin, ob ich nicht doch gewillt sei, auf Dolmetscher zu verzichten, sie habe den Eindruck gewonnen, dass ich dazu durchaus in der Lage sei. Ich erklärte mich, auf Bitten des Gerichts, wie ich zu Protokoll gab, einverstanden und begann ausführlich zu erklären, warum das Goethe-Institut keine offizielle deutsche Vertretung sei und infolgedessen auch keinen diplomatischen Status habe:

Es handle sich um eine auch in der Bundesrepublik Deutschland eher seltene und neuartige Mischform. Rechtlich sei das Goethe-Institut ein eingetragener Verein bürgerlichen Rechts, amerikanisch „incorporated“. Finanziert werde die Auslandsarbeit dieses privaten Vereins jedoch aus öffentlichen Mitteln vom Auswärtigen Amt in Bonn, das insoweit einen Teil seiner hoheitlichen Aufgaben auf dem Gebiet der Auswärtigen (Kultur-)Politik auf das Goethe-Institut übertragen habe. Dazu sei ein Vertrag zwischen Goethe-Institut und Auswärtigem Amt geschlossen worden. Als eine der Konsequenzen aus dieser Sachlage hätte das Goethe House New York als Zweigstelle des Goethe-Instituts München zwar die Befugnis, nach Genehmigung durch die Münchner Zentrale Mitarbeiter einzustellen, dafür müsse jedoch im Münchener Etat eine Personal-Planstelle vorhanden und vom Auswärtigen Amt genehmigt sein, weil der Etat des Goethe-Instituts ein Teil des Etats des Auswärtigen Amts und dieser wiederum ein Teil des Bundes-Haushaltsplans sei, der alljährlich vom Parlament beschlossen werden müsse. Es sei infolgedessen keinem Leiter einer Zweigstelle des Goethe-Instituts möglich, Gehälter von Angestellten selber festzusetzen oder abzuändern. Ich könne nur einen entsprechenden Bericht nach München schicken und die Anträge der Gewerkschaft erläutern. Die Entscheidung liege schließlich in Bonn, nicht einmal beim Goethe-Institut München, und sie habe weltweite Konsequenzen, weil das Goethe-Institut etwa 150 Zweigstellen in aller Welt unterhalte. Aus den genannten Gründen könnte ich auch generell keine großen Möglichkeiten für gewerkschaftliche Aktivitäten im Goethe House sehen.

Nachdem all dies erklärt und wieder erklärt und zu Protokoll genommen war, trat der Anwalt der Gegenseite an und führte unter anderem aus, der Leiter des Goethe House New York habe – entgegen seinen Ausführungen – offenbar sehr wohl weitreichende Befugnisse auch im Personalbereich. Zum Beweis führte er an, ich hätte zum Jahreswechsel meinen Mitarbeitern zwei zusätzliche freie Tage gewährt, was ja einer indirekten Gehaltserhöhung gleichkomme. Ich war einigermaßen verblüfft und schaute meine beiden Mitarbeiterinnen an, die neben ihrem Anwalt mir gegenüber saßen. Wenigstens die eine blickte sichtlich verlegen zur Seite, die andere, die ich eingestellt hatte, weil sie unter gleich qualifizierten Bewerberinnen die einzige Schwarze war, schaute dagegen herausfordernd in die Runde. Es dauerte wieder ziemlich lange, bis ich dem Gericht die Ursprünge dieser Großzügigkeit erklärt hatte, die, so betonte ich, jederzeit widerrufbar seien und niemals einen rechtlichen Charakter haben, der den Vergleich mit einer Gehaltserhöhung oder dergleichen erlauben könnte. Ich hatte den Eindruck, dass man das auch einsah. Schließlich unterbrach die korrekte, jedoch zunehmend verunsicherte Richterin die Sitzung, um sich angesichts der schwierigen und auch politisch offensichtlich heiklen Materie mit ihrem Vorgesetzten zu beraten. Dann wurde die weitere Verhandlung bis zum nächsten Morgen vertagt. Nach zwei langwierigen und ermüdenden Tagen war ein vorläufiger Abschluss erreicht, jedoch noch kein Gerichtsbeschluss verkündet. Als wir uns trennten, kam der Anwalt der Gewerkschaft in echt amerikanischer Lässigkeit und Sportlichkeit um den Tisch, schüttelte mir die Hand und sagte strahlend: „Great Performance!“ Und fair sei es auch gewesen.

Wochen später wurde uns amtlich mitgeteilt, die ganze Angelegenheit sei wegen schwieriger Zuständigkeitsfragen nach Washington abgegeben worden. Ich habe eine endgültige Entscheidung während meines Dienstes in New York nicht mehr erlebt.

Im Sommer 1984 erfuhr ich bei einem Gespräch mit leitenden Herren des Metropolitan Museum von den dortigen Plänen, in Zusammenarbeit mit dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg eine repräsentative Ausstellung mittelalterlicher Kunst aus Nürnberg zusammenzustellen und in New York zu zeigen. Es war uns von vornherein klar, dass es kaum möglich sein würde, selbst mittelalterliche Kunst im Zusammenhang mit dem Namen dieser Stadt öffentlich zu zeigen, ohne dass damit schmerzliche Assoziationen und Emotionen hervorgerufen würden. Die Stadt der Nürnberger Gesetze, der Reichsparteitage und schließlich der Nürnberger Prozesse – wie würden die in New York konzentrierten jüdischen Organisationen, die jüdischen Intellektuellen und die Presse darauf reagieren?

Darüber habe ich nachgedacht und mit verschiedenen amerikanischen Freunden, Juden und Nichtjuden, gesprochen. Meine Frage war, ob fast 40 Jahre nach dem Untergang des Hitler-Reiches die Zeit reif für den Versuch sei, eine der historisch bedeutendsten deutschen Städte mit ihrer großen kulturellen Tradition in New York vorzustellen, wobei es nach meiner Auffassung allerdings nicht bei einer Präsentation mittelalterlicher Malerei und Grafik bleiben durfte, sondern auch die Jahre des Dritten Reiches auf eine geeignete Weise einbezogen werden mussten, gerade deshalb, weil diese vergleichsweise kurze, aber unendlich folgenreiche Phase der Nürnberger Stadtgeschichte die große kulturelle Vergangenheit der Stadt diskriminierte. Bei den Diskussionen im Goethe House kamen wir zu dem Ergebnis, dass man das Nazi-Thema jedenfalls nicht mit Kunst zudecken dürfe, sondern dass eine Dokumentations-Ausstellung nötig wäre, um die mittelalterliche Kunst im Metropolitan Museum auf der gegenüberliegenden Seite der Fifth Avenue zu begleiten und zu ergänzen. Wenn diese Dokumentation überzeugend ausfiele, so meinte ich, könnten wir auch noch andere Programme aus oder über Nürnberg einbeziehen und das Ganze zu einem Nürnberg-Programm erweitern. Obwohl mir das Risiko durchaus bewusst war, wollte ich den Versuch machen, mit einer geeigneten Auswahl von Veranstaltungen und mit Augenmaß den New Yorkern zu zeigen, dass die Stadt Nürnberg nicht insgesamt, rückwirkend und auf die Dauer durch die Nürnberger Gesetze definiert werden kann und darf. Womöglich sollte auch eine Idee davon vermittelt werden, dass die Nazis diese Stadt gerade auch wegen ihrer großen historischen Rolle in der deutschen Geschichte, wegen ihrer mittelalterlichen Schönheit und ihres kulturellen Prestiges für ihre propagan-distischen Zwecke ausgewählt und missbraucht haben.

Ich trat in einen Briefwechsel mit dem damaligen Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Urschlechter über unsere Vorschläge ein, die natürlich nur mit organisatorischer und finanzieller Hilfe der Stadt verwirklicht werden konnten.

Im Herbst 1984 kam der Kulturreferent Nürnbergs, Dr. Hermann Glaser, zu Vorgesprächen nach New York. Beim Direktor des Metropolitan Museum, Philippe de Montebello, fand aus diesem Anlass eine Besprechung statt, an der auch die (jüdische) New Yorker Kulturdezernentin (Cultural Commissioner) Bess Meyerson teilnahm. Sie wies besonders nachdrücklich auf die Gefahr hin, jüdische Gruppen könnten mit Protestkundgebungen auf die öffentliche Nennung des Namens Nürnberg, und sei es auch unter rein kulturellen Aspekten, reagieren und damit das ganze Unternehmen gefährden. Unser Plan, im Goethe House, also gegenüber, eine Dokumentationsausstellung zur Nürnberger Stadtgeschichte zu zeigen, die selbstverständlich auch die Nazizeit einschließen und für diesen besonderen Anlass eigens produziert werden sollte, fand ihren lebhaften Beifall. Sie bezeichnete ihn schließlich als einen geradezu entscheidenden Beitrag und als eine Voraussetzung für das Gelingen des gesamten Vorhabens.

Bei der Vorbereitung arbeiteten in der Folgezeit das Goethe House New York, die Zentrale des Goethe-Instituts in München und die Stadt Nürnberg, vor allem das Kulturdezernat mit Dr. Glaser, eng zusammen. Wir konnten in persönlichen Verhandlungen mit der Leitung das berühmte Nürnberger Spielzeugmuseum für eine Ausstellung gewinnen, dessen Exponate noch nie im Ausland gezeigt worden waren. Ich schlug dieses Projekt der mit uns befreundeten Lisa Taylor, Direktorin des Cooper-Hewitt Museum, vor, das ebenfalls an der Museumsmeile in dem prächtigen ehemaligen Stadtpalais des Industriellen Carnegie residierte. Sie nahm zu meiner Freude den Vorschlag an.

Wir waren uns alle darüber einig, dass der wichtigste und gleichzeitig empfindlichste Teil unseres Programms der dem Umfang nach kleinste war, nämlich die Dokumentationsausstellung über Nürnbergs Stadtgeschichte. Die schwierige Aufgabe der Produktion übernahm das Nürnberger Centrum Industriekultur unter Leitung seines Direktors Klaus Jürgen Sembach. Das dortige Team sollte auch einen Dokumentarfilm über das Dritte Reich in Nürnberg produzieren, den wir begleitend während der gesamten Dauer der Veranstaltung im Goethe House zeigen würden.

Der Oberbürgermeister wollte kein unkalkulierbares Risiko eingehen und entsandte deshalb im Dezember 1985 ein Mitglied seines Stadtrats nach New York, um sich einen unmittelbaren Eindruck von den Bedenken und Empfindlichkeiten am Ort zu verschaffen. Diese schwierige und heikle Mission wurde Arno Hamburger von der SPD-Fraktion übertragen, der selbst aus einer alten und angesehenen jüdischen Nürnberger Familie stammte und daher wie kein anderer für diese Aufgabe geeignet war. Mit ihm gemeinsam nahm ich an einem fast zweistündigen Gespräch mit der Führung des Metropolitan Museum teil, in dessen Verlauf noch einmal deutlich wurde, wie heikel ein Nürnberg-Programm in New York war und wie empfindlich vor allem jüdische Kreise auf den Namen dieser Stadt reagierten. Herr Hamburger bat mich darum, ihm einen Termin bei Frau Cultural Commissioner Meyerson für den nächsten Tag zu vermitteln, da er ohne diese Aussprache nicht nach Nürnberg zurückreisen wolle. Wir bekamen den Termin nur mit Hilfe des Präsidenten des Metropolitan Museum für 11 Uhr Vormittag am nächsten Tag. Fast wäre das Gespräch nicht zustande gekommen, weil wir beide in dem großen Foyer vor dem Office schon zwanzig Minuten saßen, ohne dass Frau Meyerson oder wenigstens jemand von ihrem Stab erschienen wäre. Ich versuchte, Herrn Hamburgers wachsenden Unwillen mit der Erklärung zu dämpfen, dass in New York Wahlkampf sei und deshalb wahrscheinlich eine Besprechung beim Bürgermeister im weit entfernten Rathaus stattfinde, und dass man in New York mit dem Auto leicht für 30 Minuten stecken bleiben könne. Als er trotzdem gerade gehen wollte, erschien Frau Meyerson mit Gefolge, und wir wurden unmittelbar danach in ihr Zimmer gebeten, wo sie uns in Gegenwart zweier jüngerer Assistenten begrüßte. Dann holte sie in distanziertem Ton zu einer längeren Erklärung aus, die in der Feststellung gipfelte, wenn nicht die angekündigte Dokumentation im Goethe House stattfinde, wären wahrscheinlich Protestkundgebungen zu erwarten, ja sogar eine sogenannte picket-line vor dem Museum, um die Menschen vom Besuch abzuhalten. Wahrscheinlich hätte sie sich sogar selbst daran beteiligt. Die Juden, so betonte sie, könnten gerade hierzulande nie genug über den Holocaust und seine Hintergründe erfahren, sich nie genug erinnern, nie genug trauern, sich nie genug mit dieser Katastrophe und auch mit ihren eigenen Schuldgefühlen auseinandersetzen. Man sei es außerdem den unzähligen Opfern schuldig, ihrer bei jeder Gelegenheit zu gedenken, und um einen solchen Anlass handele es sich leider, wann immer der Name Nürnberg genannt werde. Wenn unser Programm aber dem ehrlich und taktvoll Rechnung trüge, dann seien auch keine Proteste, sondern eher Tolerierung oder vielleicht sogar Anerkennung zu erwarten. Danach ergriff Herr Hamburger das Wort, der fließend englisch sprach, weil er als Kind mit seinen Eltern nach England emigriert war. Er wies darauf hin, dass es von Anfang an unsere Absicht gewesen sei, nichts aus Nürnbergs Geschichte zu verschleiern, gerechterweise aber auch zu zeigen, welch eine lange, ehrwürdige und reiche Vergangenheit seine Stadt auszeichne, die nicht auf ewige Zeiten durch die Verbrechen der Nazis diskriminiert und verschüttet werden dürfe. Schließlich wurde seine Rede wesentlich emotionaler und er erklärte, dass er selbst aus einer alten jüdischen Nürnberger Bürgerfamilie stamme, dass seine Familie gerade noch rechtzeitig aus Deutschland habe entkommen können, dass viele aus seinem weiteren Familienkreis im KZ umgekommen seien, dass sein Vater nach dem Zweiten Weltkrieg in Nürnberg wieder eine jüdische Gemeinde gegründet und eine Synagoge aufgebaut habe und dass er selbst mit voller Überzeugung für die SPD im Nürnberger Stadtrat sitze. Seine Stimme bebte, als er Frau Meyerson einlud, bei nächster Gelegenheit Nürnberg und seine jüdische Gemeinde zu besuchen. Während dieser bewegenden Rede konnte ich die Wandlungen aus nächster Nähe sehen, die in dem eindrucksvollen Gesicht von Frau Meyerson – sie war einmal Schönheitskönigin gewesen – sich abzeichneten, und noch bevor ihr Gast seine Einladung ausgesprochen hatte, rollten ihr Tränen über beide Wangen. Nach einem Moment der Stille stand sie auf, bat Herrn Hamburger und mich um unsere Vornamen und bot uns an, sie nach guter amerikanischer Sitte von nun an Bess zu nennen. Dann umarmte sie uns nacheinander.

Im April 1986 stand die offizielle Delegation aus Nürnberg unter Führung des Oberbürgermeisters sichtlich bewegt vor dem Goethe House und wurde Zeuge, wie gegenüber an der prächtigen Hauptfassade des Metropolitan Museum das riesige farbige Banner entrollt wurde mit der Aufschrift: Gothic and Renaissance Art in Nuremberg.

Im Goethe House fand ein festlicher Empfang statt, bei dem die Gäste an kleineren runden Tischen saßen, die mit Kerzen und Blumen geschmückt waren. Oberbürgermeister Urschlechter und der Hausherr hielten Ansprachen vor dem vollen Saal. Wir hätten, wenn der Platz gereicht hätte, noch wesentlich mehr Gäste begrüßen können.

Die New York Times brachte eine seitenlange Würdigung der Ausstellung im Metropolitan Museum unter der Überschrift „Old Nuremberg on View at Met: A World Built To Last Forever“. Die anspruchsvolle Zeitschrift ART hatte den Titel. „Out of Gothic into the Future.“ Das Echo bei Presse und Publikum war außergewöhnlich.

Unsere Spielzeugschau im Cooper-Hewitt Museum entzückte täglich unzählige Kinder mit ihren Eltern, und als Höhepunkt gab es dort sogar ein Kinderfest. Wohl noch nie zuvor war es in dem noblen Palais ähnlich zugegangen. In der Süddeutschen Zeitung in München konnte man hierzu unter anderem lesen:

„Hier wird dem Besucher ein Leckerbissen geboten – nicht gerade Nürnberger Lebkuchen, wohl aber eine vom Spielzeugmuseum veranstaltete Schau, die auf bezaubernde Weise Nürnbergs Ruhm als Spielzeugzentrum dokumentiert. Die Auswahl reicht vom Fragment einer Lehmpuppe aus dem 14. Jahrhundert, einer Rassel um 1500 über Puppen jeder Machart, raffinierte Puppenstuben mit allem Zubehör, die zierliche Werkstatt einer Putzmacherin von 1880, Laterna Magicas, Märklinkästen, Rennautos bis hin zu den prächtigsten Eisenbahnen.“

Ungenau war nur die Formulierung, diese Schau sei vom Spielzeugmuseum veranstaltet worden. Verantwortlicher Veranstalter war das Goethe House, und es hatte mich einige Argumente in Nürnberg gekostet, um die Museumsleiterin davon zu überzeugen, dass das Cooper-Hewitt Museum ein absolut seriöser und zuverlässiger Partner sei und die wertvollen Schaustücke dort gut und sicher auszustellen wären. Am Erfolg waren alle drei Partner beteiligt.

In der New York Times widmete Rita Reif, von der Schau hingerissen, der „Mirakel- Ausstellung“ einen längeren Aufsatz, und der Chef-Kunstkritiker der New York Times, John Russell, rief seinen Lesern zu: „Geht hin und seht!“

Auch das Goethe House selbst konnte sich wochenlang über den Besucherandrang und dessen Echo freuen. Die so wichtig gewordene Dokumentationsausstellung Images of a German City – Nürnberg 1835 bis 1985 erhielt von der New York Times das Lob, sie sei „a model of its kind“.

New Yorks jüdische Zeitung in deutscher Sprache Aufbau urteilte:
„Dem Nürnberger Centrum Industriekultur und dem Gestalter dieser Ausstellung Klaus Jürgen Sembach, sowie seinem Team, ist etwas ganz Außerordentliches, vielleicht Beispielhaftes gelungen. Eine schwierige, ja heikle Aufgabe wurde mit viel Einfühlungsvermögen und Phantasie gelöst“

Angesichts der beengten räumlichen Verhältnisse im Goethe House erwies sich die für diese Ausstellung gewählte Form des Dioramas als besonders glücklich. In zwölf Motiven, jedes in einem eigenen Guckkasten in einem Achteck angeordnet, waren die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kräfte visuell dargestellt, welche die Stadt im 19. und 20. Jahrhundert geprägt haben, von der Eröffnung der ersten Eisenbahn Nürnberg-Fürth 1835, über die Enthüllung des Hans-Sachs-Denkmals 1874, die Novemberrevolution 1918, den Reichsparteitag 1934, den Nürnberger Prozess 1945 bis zur Wiederaufbauphase um 1950. Die Art der Präsentation mit teilweise eigens hergestellten Nürnberger Zinnfiguren machte diese Ausstellung zu einem Kunstwerk. Sie war später noch in anderen amerikanischen Städten und schließlich am Ursprungsort, dem Centrum Industriekultur in Nürnberg, zu sehen. Der ergänzende und sehr gut gemachte Dokumentarfilm über die Hitlerzeit, etwa 30 Minuten lang, lief in ständiger Wiederholung von einem Videoband.

Eigens zu unserem Nürnberg-Programm hatte der Nürnberger Kulturdezernent und bekannte Autor kulturhistorischer Werke, Hermann Glaser, eine Anthologie erarbeitet und herausgegeben, die rechtzeitig mit dem Titel The German Mind of the Nineteenth Century – deutsch „So viel Anfang war nie“ – in englischer und deutscher Ausgabe erschien (Continuum Press, New York und Carl Hanser Verlag München). Nürnberg in New York, einige Wochen lang, dieses Kulturprogramm hat weitergewirkt und weitergeführt, und so hatte die Nürnberger Zeitung mit ihrer Beurteilung wohl recht, es habe dazu beigetragen, alte Wunden zu heilen. In Deutschland setzten sich leider nur die Nürnberger Zeitungen intensiv mit der New Yorker Präsentation ihrer Stadt auseinander.

Ich gestehe, dass ich erleichtert war, nachdem dieses schwierige Unternehmen in den letzten Wochen meiner elfjährigen Tätigkeit in New York so gut verlaufen war. Auch bei dieser Großveranstaltung haben mich vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Programmbereichs mit unserem Programmreferenten Dr. Heuer in bewährter Weise unterstützt.

Ein Symposion soll noch erwähnt werden, auf das ich lange hingearbeitet hatte und das gleichfalls in meinen letzten New Yorker Monaten kurz vor dem Nürnberg-Programm im großen Vortragssaal des Guggenheim Museums stattfand. Es stand unter dem Titel Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bewertung der Rolle Amerikas 1945 bis 1949 und darüber hinaus.

Es diskutierten die Historiker Fritz Stern (Moderator), Gordon Craig und Arnulf Baring, die Herausgeberin der ZEIT Marion Gräfin Dönhoff, der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und die Professoren Robert G. Livingstone aus Washington, David C. Large aus Montana und Dr. Hermann Glaser aus Nürnberg. Das Publikum diskutierte so lebhaft, dass wir leider die Veranstaltung zu später Stunde wegen der Vorschriften des Museums abbrechen mussten. Die Süddeutsche Zeitung berichtete ausführlich darüber.

Als letzte offizielle Veranstaltung im Goethe House konnten wir den deutschen Botschafter aus Washington, Herrn von Staden, und geladene Gäste begrüßen. In meinem Arbeitszimmer verlas er eine Laudatio und überreichte mir das vom Bundespräsidenten (von Weizsäcker) verliehene Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Ich konnte die Auszeichnung nur verbal an meine Mitarbeiter weitergeben, die als Team und jeder in seinem Bereich alle Erfolge möglich gemacht hatten.

An dieser Stelle muss auch der unverzichtbare Beitrag meiner Frau während der elf Jahre in New York gewürdigt werden, die unsere vielen Gäste aus allen Gebieten des kulturellen Lebens bewirtete, betreute, unterhielt, und das alles, wie bei Goethe-Ehefrauen üblich, ohne Bezahlung. Aber sie tat es gern, mit Engagement und mit Charme, und das freute die Gäste aus Deutschland wie aus den USA.

Im April 1986 kam dann der endgültige schwere Abschied von New York, der Stadt, in der wir beide die schönsten, anregendsten und in jeder Hinsicht bereicherndsten Jahre unseres Lebens verbrachten, und von den Freunden, die uns viel bedeuteten und die wir dort zurückließen. (Die hier im Besonderen gemeint sind, haben uns alle später in Deutschland besucht.) Manhattan hat auch die eigene Kreativität herausgefordert. In der verbleibenden Freizeit an den Wochenenden habe ich mein Hobby Fotografie intensiver betrieben als je zuvor und verschiedene Bilderserien, vor allem Doppelbelichtungen, hergestellt, die auch in einer Kunstmappe und bei Ausstellungen veröffentlicht wurden.

In den elf New Yorker Jahren haben wir nicht eine einzige feindselige Geste oder ein aggressives Wort gegen unser Goethe House oder gegen uns selbst als Vermittler deutscher Kultur oder als Deutsche erlebt. Das verdient, wie ich finde, besonders hervorgehoben zu werden.

Ich habe bewusst nicht über das Land USA, über die einzigartige Stadt New York mit ihrer Vitalität und Kühnheit, und über politische Verhältnisse berichtet, sondern über unsere Arbeit. Wir haben Stadt und Gastland lieben gelernt, wir lernten, dass man für fast jedes Phänomen auch das Gegenteil finden konnte, wir waren uns klar darüber, dass New York und in Sonderheit die Besucher unserer Veranstaltungen und ihr Interesse an deutscher Kultur nicht repräsentativ für das ganze Land waren, dass es eben auch die vor allem außerhalb der großen Städte anzutreffende Unwissenheit gab, mit der viele Amerikaner den Rest der Welt ignorieren, eigentlich so gut wie nichts außer America the Beautiful sehen, mit dem Recht, alles gut zu heißen, was Amerika nützt. Auch konnte keinem aufmerksamen Beobachter verborgen bleiben, dass die USA schon damals über ihre Verhältnisse lebten. Schönster Vorzug der Menschen in unserem Gastland ist und bleibt jedoch ihre menschliche Offenheit, Freundlichkeit, Kommunikationsbereitschaft, Toleranz und Lässigkeit, die einem das Leben und Zusammenleben mit den Menschen aller Hautfarben, Muttersprachen und Religionen so erleichtern. Bewundernswert ist schließlich die Dynamik dieser multi-ethnischen Nation, die sie immer wieder zu großen Leistungen und zur Überwindung aller Schwierigkeiten und Krisen befähigt. Ich fühlte mich am Ende als New Yorker und werde immer Heimweh nach Manhattan haben.

In München amtierte in meiner New Yorker Zeit D. Klaus von Bismarck als Präsident, mit dem mich ein besonders gutes und vertrauensvolles Verhältnis verband. Ich hatte ihn nach meinem 60. Geburtstag 1981 gefragt, ob man in München wünsche, wie normalerweise nach etwa fünf Jahren üblich, dass ich noch einmal an einen anderen Dienstort wechsle. In diesem Fall bäte ich um baldige Vorschläge, weil es sich nicht empfehle, sich nur noch die letzten zwei oder drei Dienstjahre in einer neuen Großstadt einzuarbeiten. Falls ich in New York bleiben wolle, wären Präsidium und Vorstand damit einverstanden, wurde ich beschieden. Und so kam es zu den elf Jahren.

Ich hatte im Frühjahr 1986 um eine vorgezogene Versetzung in den Ruhestand gebeten, obwohl ich noch bis zum Dezember hätte weiter arbeiten können, weil ich den als schwierig empfundenen Neuanfang in Deutschland nicht im Winter unternehmen wollte, vielleicht auch, weil die eigene Wahl des Zeitpunktes die rigorose Zäsur der Pensionierung zu mildern versprach. Ich übergab die Schlüssel, mein besonders schönes Arbeitszimmer und das vertraute Haus meinem Nachfolger, der noch während des Nürnberg-Programms zur Einarbeitung angekommen war.

An alle Freunde und Partner schrieb ich einen Abschiedsbrief. Uns erreichten daraufhin viele Briefe, darunter auch wirklich bewegende Äußerungen von Freundschaft und Wertschätzung.

Die Packer kamen und wir standen plötzlich inmitten eines riesigen Stapels von Kisten und Kästen, zu denen alles zusammengeschrumpft schien, mit dem wir gelebt hatten, in unserem erschreckend nackten Wohnzimmer und nahmen den vertrauten Blick auf die Skyline von Manhattan zum letzten Mal in uns auf, ein wahrhaft schmerzlicher Augenblick. Wir waren wirklich New Yorker geworden, sind aber nie mehr dorthin zurückgekehrt, ich wollte nicht als Tourist durch Manhattan gehen und ohne Wohnungsschlüssel vor dem Haus 985 Fifth Avenue stehen.

Als unser Flugzeug am Abend vom Kennedy Airport aufstieg und die gewohnte Linkskurve in Richtung Atlantik nahm, sah man bei klarem Himmel Manhattan mit noch von der Abendsonne vergoldeten Spitzen der Wolkenkratzer, vor allem des World Trade Center – das es jetzt nicht mehr geben soll – im bläulichen Dunst wegsinken, überraschend klein, eine ins weite Meer ragende Landzunge, und dann war alles verschwunden, als wäre es nur ein Traum gewesen.

Während des für mich schlaflosen Nachtflugs dachte ich an New York, die von Leben vibrierende vertikale Stadt, an die elf immer rascher vorübergezogenen Jahre, an alles das, was jetzt unwiederbringlich zu Ende war, an den „Ruhestand“, von dem man nicht wusste, welche Ruhe da kommen würde, und meine Gedanken wurden so blauschwarz wie die uns umgebende Nacht. Erst als schon jenseits des Atlantiks ein hellerer Streifen am östlichen Horizont erschien und sich ausbreitete, als dann, während drunten noch alles im Dunkel lag, blendend die Sonne über dem scharfen Rand emporstieg, wurde es auch in meinem Gemüt heller und hoffnungsvoller, und ich empfand „des Lebens Pulse frisch lebendig“ schlagen (immer wieder Goethe), dass die Erde „auch diese Nacht beständig“ war, und ich fing an, mich auf die Landung in der alten Heimat zu freuen und auf ein noch einmal neues Leben.

Von New York in die 17 000-Seelen-Gemeinde Gauting am Rand von München, von der großen Wohnung im 21. Stockwerk über dem Central Park in einen kleinen Bungalow zu ebener Erde am Grubmühlerfeld, das musste verkraftet werden. Das Goethe-Institut lud mich zu einer offiziellen Verabschiedung ein, die im Rahmen einer Präsidiums-Sitzung stattfand und bei der ich, wie gewünscht, in einem 45-Minuten-Referat meine Erfahrungen aus 30 Jahren Goethe-Institut zusammenfasste. Zum anschließenden Essen war auch meine Frau eingeladen Es wurden nach Tisch kurze Reden gehalten, wie es bei solchen Gelegenheiten der Brauch ist. Die Worte des Präsidenten von Bismarck und des Bayerischen Staatsintendanten und Präsidiumsmitglieds August Everding hoben sich jedoch vom Üblichen wohltuend ab. Herr von Bismarck schrieb mir auch zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes und zum Abschied schöne Briefe. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erschien ein größerer Artikel aus der Feder des New Yorker Korrespondenten Robert von Berg.

Dem Goethe-Institut werde ich immer in Dankbarkeit für die mir gebotenen Möglichkeiten und mit Interesse an seiner weiteren Entwicklung verbunden bleiben. Ich habe mich in den 30 Jahren meiner Zugehörigkeit darum bemüht, nach besten Kräften einen Beitrag zu Aufbau, Entwicklung und Wirkung dieser großen und wichtigen Institution zu leisten und ich hoffe, dass mir dies gelungen ist.

Christoph Wecker



Auch der Stadt New York, in der ich 11 Jahre leben und arbeiten durfte, habe ich – wie schon früher für Damaskus – einen Text gewidmet, den ich abschließend folgen lasse.

Manhattan – New York

Wenn es, vor allem in fremden Schlafzimmern und falls am nächsten Tag irgendwelche unaufschiebbare Verpflichtungen bevorstanden, später als 23 Uhr geworden war, und wenn er den Abend mit angeregten Gesprächen verbracht und sich dabei engagiert hatte, konnte O. beim Zubettgehen nur selten verhindern, dass sich der fatale Gedanke an die Möglichkeit einer schlaflosen Nacht mit ihren Qualen und erst recht peinigenden Folgen für den kommenden Tag hartnäckig in seinem Kopf festsetzte. Damit, das kannte er aus leidvoller Erfahrung, war aber schon alles auf die Schiene und in Bewegung gesetzt. Zwar sagte er sich suggestiv, dass es gar nicht darauf ankomme zu schlafen, sondern zu ruhen und zu entspannen, dass er schon hinreichend oft ausprobiert hatte, wie überraschend gut er trotz des fehlenden Schlafes durch den Tag kommen könne, dass er ja in der jüngsten Zeit wirklich genügend Schlaf gehabt habe, oft sogar noch eine Siesta am frühen Nachmittag, dass also geradezu ein Vorrat an Schlaf angesammelt sei und es jetzt nur darum gehe, ruhig zu bleiben, tief durchzuatmen und an angenehme Dinge zu denken. Das gelang ihm dann meistens bis gegen 1 Uhr in der Frühe. Dann nahm er doch ein Valium, obwohl er wusste, dass es nichts bringen würde außer dem verstärkten Wunsch zu schlafen, wenigstens eine Weile, weil sonst die Droge am Morgen den Kopf noch dumpfer machen und weiter in seinem Blut kreisen würde. Auch dieses Mal verlief alles so, wie es – nicht sehr häufig gottlob, aber immer einmal wieder – zu geschehen pflegte.

O. zog die Luft ein und meinte, den besonderen Geruch von New Yorker Autoabgasen in der Nase zu haben, obwohl es dafür keine Erklärung gab, denn er war nicht mehr in New York, aber er blieb sehr gerne bei diesem Thema, weil er alles liebte, was mit New York zusammenhing und mit den Jahren, die er in dieser Stadt gelebt hatte. Nicht verbracht hatte, sagte er sich, in New York verbringt man keine Zeit, man lebt. Schon das Benzin der Autos riecht dort anders als hierzulande, dachte er, es heißt ja auch anders, nicht Benzin, sondern Gasoline, abgekürzt Gas. Was ist eigentlich nicht anders in New York?, fragte er sich und begann, sich den Stadtplan von Manhattan vor sein inneres Auge zu rufen und wieder einmal die Straßen zu begehen, wie er es so oft und begierig getan hatte. Die Ordnung und Logik erfreute ihn, mit der sie angeordnet waren, wie sie waagrecht und senkrecht ein Raster über die schmale lange Halbinsel legten mit der einen Ausnahme des Broadway, der sich schräg von der unteren rechten in die obere linke Ecke zog und mit dieser künstlerisch freien Unregelmäßigkeit die geometrische Ordnung noch betonte. Er dachte an seinen Balkon an der Fifth Avenue, Ecke 79. Straße, hoch im 21. Stockwerk, mit dem atemberaubenden Blick nach Westen über den Central Park, auf die schönen alten Paläste, nach Nordwesten bis zur George Washington Bridge, aber auch nach Süden, wo die Skyline von midtown Manhattan, mit dem Empire State Building in der Mitte, wie eine dramatische Theaterkulisse über dem Park aufstieg. Welch eine Aussicht, zu jeder Tageszeit, am spektakulärsten vielleicht in der Nacht, wenn die Flugzeuge mit ihren roten und grünen Positionslichtern, nur leise summend, über die funkelnde Pracht hinschwebten durch einen oft veilchenblauen Nachthimmel ohne Wolken, unwirklich, wie in einem wunderschönen Traum. Eine Besucherin hatte, als sie bei ihm zu Gast war an einem solchen Abend und er die Balkontüre geöffnet und sie vor der gläsernen, völlig durchsichtigen Brüstung gewarnt und deshalb am Arm hinausgeleitet hatte, nach einer längeren Schweigepause ungläubig den Kopf geschüttelt und gesagt, so etwas müsse doch das Bewusstsein verändern. O. hatte ihr zugestimmt, es sei aber nicht einfach zu beschreiben, wie. Man ist zum Beispiel wacher in dieser Stadt, sagte er, es denkt sich irgendwie leichter und schneller, auch beschwingter, man fühlt sich kreativer, alle Lebensgeister sind regsamer, er habe sogar allmählich gelernt, über die Hässlichkeiten und den Schmutz in der Stadt hinwegzusehen, oder besser, auch diese in den grandiosen Gesamtentwurf und seine Kühnheit einzubauen als einen wohl notwendigen Kontrapunkt.

O. begann, seine Erinnerungen auszudehnen und zu genießen. Nur gegen das Bild vom Abschied wehrte er sich, als er mit ansehen musste, wie die Packer der Transportfirma über die in vielen Jahren gewachsene Ordnung seiner Wohnung herfielen, als wollten sie sein Leben abwürgen, und wie sie in wenigen Stunden alles, vom Bild an der Wand bis zur Küchenuhr, mit fühlloser Hand vom Platz nahmen und in große braune Kartons packten, auf denen sie mit Filzstift vermerkten: Living Room, Bathroom, Kitchen... Am Abend stand er dann mit seiner Frau stumm und traurig in den kahlen Räumen vor einem Stapel mit verpacktem Hausrat, aus dem weit weg eine neue Heimat entstehen sollte. Nur der Ausblick vom Balkon war unverändert und würde es auch ohne ihn für seine Nachfolger und deren Nachfolger bleiben. Er dachte, dass es wohl so ähnlich sein müsse, wenn sie beide tot wären und andere alles aufräumen, in Benutzung nehmen, verschenken oder wegwerfen und damit die sichtbaren Spuren ihres Lebens tilgen würden. Sein Herz klopfte, und er beschloss, diese Erinnerungen zu verdrängen und lieber wieder in seiner Wohnung in New York zu sein, wie sie ihm vertraut war. In Gedanken wenigstens ist alles möglich.

O. blickte auf die Fifth Avenue hinab, und es war einer jener zahlreichen Tage im Jahr, an denen Paraden stattfinden, zum Beispiel diese Parade der Puertoricaner, die er besonders mochte, weil sie bei weitem die bunteste, lebendigste, fröhlichste und anmutigste von allen war, im Gegensatz zur „deutschen“ Steuben-Parade, dachte O., mit ihrem Bier-Lederhosen-Dirndl-Charme, der für seinen Geschmack an diesem Ort besonders aufgesetzt und unangebracht wirkte, obgleich auf eine durchaus vergleichbare Weise importiert wie die heißen Rhythmen der Latinos, nämlich durch Einwanderer. Er liebte den Blick nach unten vom Balkon aus, auf die endlos vorbeiziehenden Kolonnen und schön geschmückten Wagen, die in der Morgensonne lange schräge Schatten auf den Asphalt warfen, auf die unermüdlichen Fahnenschwenker und die begeisterte Menge der Zuschauer zu beiden Seiten der Avenue, deren anfeuernde Schreie mit der Musik wetteiferten und die sich im aufreizenden Rhythmus wiegte. Ab und zu gaben die Polizisten die Querstraße, also die 79., kurze Zeit für den Verkehr frei, der sich geduldig aufgestaut hatte, einschließlich der zahlreichen Linienbusse, die West- und Ostseite miteinander verbanden. Manchmal nahm O. dann seine Kamera und klingelte im Vorflur nach dem Aufzug, den niemand alleine bedienen durfte, der Sicherheit wegen. Er liebte das Geräusch des sich nähernden Lifts und der sich automatisch öffnenden Türen. Der ebenfalls puertoricanische Fahrstuhlführer strahlte, als er O.s Interesse an „seiner“ Parade bemerkte und als dieser ihn mit den paar Brocken Spanisch, die er ihm beigebracht hatte, nach seinem Befinden fragte.

„Regular“, antwortete er stolz und anerkennend, als habe O. wieder einmal rühmenswerte Fortschritte gemacht, und er schien, wie gewöhnlich, mit seinem eigentlich recht eintönigen Beruf vollauf zufrieden.

O. trat auf die Straße und drängte sich schonend durch die Menge und die Absperrung, was angesichts seiner professionell aussehenden Kamera von den Polizisten und den Zuschauern toleriert wurde. Er lief hinter einem der Festwagen her und fotografierte die faszinierendsten Gesichter unter den Zuschauern, die eigentlich alle Teilnehmer waren, wie sie voll strotzender Lebens- und Sinnenfreude den blutjungen Tänzerinnen zujubelten und mit deren wippenden Baströckchen um die Wette tanzten. Überall reizten zudem grellbunte Farben das Auge, und O. wusste, dass er mit stummen Fotos eingefrorener Augenblicke niemals einen wirklichkeitsnahen Eindruck von diesem Fest des Lebens wiedergeben könnte.

Er hoffte, dass es jetzt vielleicht schon gegen Morgen ginge; aber ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz vor halb zwei war und er noch viel Zeit hatte, um an New York zu denken. Das Thema war unerschöpflich und würde ihn vielleicht für diesmal vor der sonst unvermeidlichen Panik bewahren.

Er dachte an einen nasskalten Winterabend, an dem er mit seiner Frau zu einem Konzert in der Carnegie Hall strebte und des Regens wegen den „liftboy“ schon oben um ein Taxi gebeten hatte, was dieser telephonisch während der Fahrt an seinen Kollegen in der Lobby weitergab, damit der auf die Straße hinausgehen und mittels einer Trillerpfeife versuchen konnte, eines der vielen ständig vorbeifahrenden gelben Taxis zum Halten zu bewegen, bei Regen und um diese Abendstunde schwieriger als gewöhnlich. Sie hatten Glück und saßen bald in einem der geräumigen Checkers, mit dem sie schneller als erwartet an die Ecke der 57. Straße gelangten, wo sie den Wagen halten ließen und ausstiegen, um noch ein Stück zu Fuß zu gehen. Nicht weit von dem berühmten Konzertsaal entfernt bemerkte O. auf dem Gehweg, am rechten Rand, eine menschliche Gestalt, auf einem großen Stück Pappe kauernd, verschmutzt, klamm in der völlig unzureichenden, zerschlissenen Kleidung, die Haare nass und verklebt; aber wenigstens von unten etwas erwärmt, weil die Lagerstatt auf einem Metallrost ausgebreitet war, durch den die Abluft der dröhnenden Klimaanlage des Hochhauses ins Freie strömte. O. bat seine Frau zu warten und überquerte die Straße, um in einem der rund um die Uhr geöffneten „Delikatessen“ – auch dies ein Element der Lebendigkeit der Stadt – einen Pappbecher mit heißem Kaffee zu kaufen. Er bot ihn dem Mann am Boden an, der ihn, was keineswegs sicher vorauszusehen war, freundlich ansah und das Getränk wie selbstverständlich mit einem kurzen „Thank you, Sir“ annahm. Dann fragte er, wohin sie gingen und O. schämte sich fast und zögerte mit seiner Antwort; aber der Mann, ein Schwarzer unbestimmbaren Alters, wusste Bescheid: „Karajan?“, meinte er fragend, und als O. bejahte, wünschte er einen schönen Abend.

Nach dem Konzert gingen sie den gleichen Weg zurück zur Fifth Avenue, es hatte zu regnen aufgehört und die Nacht war kalt. Der Mann lag immer noch an seinem Platz, und als er O. und seine Frau sah, lächelte er und fragte vertraulich: „How was the show?“ O. war verwirrt, sodass er, wie bei einem ganz gewöhnlichen small talk, antwortete: „Oh great, thank you, it was just marvellous.“

Er wusste, dass ihm jetzt nichts anderes übrig blieb, als weiterzugehen und damit den Mann am Boden ebenso zu behandeln wie jeden anderen Menschen, mit dem ihn eine flüchtige Begegnung für einen Augenblick verband. Wahrscheinlich wollte der Mann auch so behandelt werden und bezog einen Teil seiner Würde aus dieser normalen, ihn zum gleichberechtigten Partner machenden Art der Kommunikation. Die Stimmung der Beiden war dennoch nicht mehr so erfüllt und gehoben, wie es dem Anlass entsprochen hätte, obwohl eine solche Begebenheit in hundertfacher Auflage zum New Yorker Alltag gehörte, ebenso unvermeidlich wie der übliche Schneesturm im Winter und ebenso wenig geeignet, diesen Alltag nachhaltig zu beeinträchtigen. Das Leben war sehr vielfältig in dieser Stadt. O. wusste, dass er mit diesem Kapitel nie zurechtkommen würde, als er sich in seinem „Geborgenheitsbett“, wie er es nannte, ausstrecken durfte.

Als er an dieses wohlige Empfinden dachte, wäre O. beinahe doch noch eingeschlafen, hätten ihn nicht Erinnerungen an seine Sonntage im Central Park abgehalten, besonders an solche im Frühling, nach einem als endlos lang empfundenen Winter mit der täglichen Horrormeldung im Radio über einen bedrohlich hohen „wind chill factor“. Manchmal waren die Stürme so stark, dass es an bestimmten Straßenkreuzungen nicht möglich war, die vereisten Passagen zur anderen Seite zu bewältigen, und man Umwege machen musste.

Kleine gelbe Blütchen an einigen Büschen waren das erste Anzeichen, dass nun alles schöner, besser, lebendiger, lebensfroher, menschenfreundlicher, vor allem: wärmer werden würde, und da saßen sie auch schon auf den Parkbänken, Alte und Junge, und hielten sich silberbeschichtete Folien schräg vor die Brust, um die Sonnenstrahlen bräunend auf ihre Gesichter zu lenken. Da kamen sie wieder aus all ihren Schlupflöchern, aus den komfortablen Appartements an der East Side ebenso wie aus den aus Kartons gebastelten Unterkünften der „homeless people“ im Park; da waren sie wieder, die unermüdlichen Rollschuhläufer auf ihrem angestammten Areal, auch die Männer und Kinder mit ihren Modellbooten, ferngesteuert, knieten wieder am „Pond“ und - am wichtigsten und unverzichtbar –: die Musiker aller Disziplinen strichen, bliesen, zupften, hämmerten und trommelten wieder, als hätten sie lange eisige Wochen hindurch alles entbehren müssen, was für sie lebensnotwendig war und nun ihre unversiegte Daseinslust aller Welt bekundete.

Später kamen dann die Azaleen in allen Farben heraus und die vielen anderen rosa bis violett leuchtenden Büsche und Bäume, und dann wurde gepicknickt, gefeiert, gejoggt, geradelt, Boot gefahren, geschmust und immer wieder getanzt und getrommelt, dass die Luft erzitterte. Die Pferdedroschken waren nicht nur von ausländischen Touristen besetzt, sondern auch bei Einheimischen aus der Provinz beliebt; die Straßenkünstler hatten ebenso ihr Publikum wie die zahlreichen Redner, die über den einzigen Weg zur Erlösung oder über den nächsten Weltuntergang oder über die richtige Politik predigten. O. schlenderte durch die Menge, oder er zwängte sich durch an den besonderen Ballungszentren, wie dem Bethesda-Brunnen, wo die Luft von süßlichem Haschischduft schwer war und wo bildschöne Latinofrauen und Mädchen so wild und sinnlich zu aufpeitschenden Rhythmen tanzten, dass einem Hören und Sehen verging und O. mit Bedauern fand, dass er dazu nicht gehören könne, außer als Voyeur.

An einem der vielen verstreuten Telefonmuscheln hing ein junges Mädchen selig lächelnd in ein entsprechendes Gespräch verloren; auf den Bänken saßen junge Mütter und auch Väter aller Hautfarben und gaben ihren Babies die Flasche; die wenigen Asphaltstraßen, die den Park durchzogen, verwandelten sich in gefährliche Rennstrecken mit Rudeln von Radfahrern, die dort ihre Runden drehten; auf dem See waren alle vorhandenen Boote unterwegs, meist von jungen Paaren besetzt, der Galan ruderte, wie es sich gehörte, während sie malerisch ruhte. O. wusste, dass er ein ähnliches Lebensgefühl wie an solchen sonnigen Wochenenden im Park nie mehr, wenn er einmal von hier weg sein würde, in sich hervorbringen könnte und er bemühte sich, all die Bilder so fest und unverwischbar wie nur möglich in sein Gedächtnis einzugravieren.

Davon zehrte er jetzt, weit weg von New York, in dieser schlaflosen Nacht. Er dachte an den seltsamen Brautzug, den er fotografiert hatte (das Bild hing über seinem Bett), wie er sich durch den Park bewegte, voran als Ritter verkleidete junge Männer mit über den Köpfen gekreuzten Klingen, dahinter das Brautpaar mit einer schwarz- weiß angemalten und auch so gekleideten Braut, wobei die Trennlinie zwischen schwarz und weiß ihr Gesicht und ihre ganze Gestalt in zwei genau gleiche Hälften teilte, als wolle sie damit zum Ausdruck bringen, dass Ernst und Freude, Treue und Glück in ihrem bevorstehenden gemeinsamen Leben ebenso verteilt sein würden, dessen Dauer durch eine unendlich lange Schleppe, von jungen Frauen getragen, symbolisiert wurde. Er dachte an den Pelzhändler von der siebten Avenue, bei dem seine Frau einmal eine Pelzmütze gekauft hatte, wie er jeden Sonntag auf dem Rollschuhplatz auftauchte und inmitten viel jüngerer Männer und Frauen seine besonders anmutigen Schwünge zeigte, in die Bewegung verliebt, in sich selbst und wohl auch in den Einen oder Anderen seiner Genossen. Oder er sah den schon angejahrten Glatzkopf wieder, auch ein zuverlässiger Wochenend-Parkbesucher, dem man nirgends entgehen konnte, mit seinem Tandem-Rad und seiner Lolita, beide in einem eng am Körper anliegenden, zebraartig, jedoch weiß und violett gestreiften Trikot und mit dem Anspruch auf Beachtung.

Er sah voller Mitleid die Hunde aller Rassen, die von einer einzigen Person an einem Dutzend Leinen, die der bezahlte Gassi-Geher in seiner Hand vereinigte, manierlich auf den Parkwegen geführt wurden, resigniert wirkend angesichts der unbegrenzten Möglichkeiten zum Herumtollen und Streunen, die ihnen verwehrt waren. Nur manche trugen den Kopf hoch und zeigten, dass sie von Stande waren und eigentlich nicht unters gemeine Volk gehörten, weil in den oberen Etagen der Fifth Avenue zu Hause. Solches beobachtete O. jedoch nur bei den Hunden, im Übrigen wirkte dieses tausendfältige quirlende Leben im Park auf eine erstaunliche Weise klassenlos. Weder mit Wörtern noch mit Bildern würde es sich je wirklich beschreiben lassen, dachte O., nur aus der Erinnerung beschwören, am besten nachts.

O. stellte sich vor, wie in den flachen Städten anderswo die Schicksale der Menschen nebeneinander ausgebreitet sich entfalten, während sie sich in Manhattan übereinander auftürmen, was sich irgendwie auswirken musste. Immer spielt sich irgendetwas ab, nicht nur neben dir, sondern auch darunter und darüber, dachte er, und von dort gehen ungeahnte Einflüsse auf dein eigenes Leben über, vor allem steigen sie von unten nach oben auf, phantasierte er, und das ist nichts Beunruhigendes, eher ein gutes Gefühl, tröstlich, auch spannend, wenn man sich ausdenkt, was gerade jetzt alles geschehen mag, was sie alle machen, oder nicht machen, doch eigentlich tun sollten, verschweigen oder bekennen, hoffen oder begraben, planen oder aufgeben, erinnern oder vergessen, suchen und finden oder verfehlen, wie sie lieben und hassen, zeugen und töten, geboren werden und sterben.

O. meinte, er habe in New York eine „vertikale Existenz“ gehabt, im Gegensatz zu seiner horizontalen in Europa. Man sagte ja auch, die Stadt sei von vertikalen Linien bestimmt. Er fand das nur mit Einschränkungen zutreffend, weil er beim Hinaufschauen zu den Gipfeln der Wolkenkratzer ebenso wie beim Hinunterschauen von deren Aussichtsplattformen immer nur stürzende Linien erkannte, zusammenstürzende sogar, und der Sog der Bewegung von Autos unten und Wolken oben tat ein Übriges, um ein Schwindelgefühl hervorzurufen, dem er sich gerne hingab. Er dachte an die Königin aller Brücken, die Brooklyn Bridge, mit ihrer Riesenharfe aus Tragseilen, bei deren Anblick man eigentlich erwartete, dass die genialen Baumeister des vorigen Jahrhunderts auch noch die Möglichkeit hineingeheimnissen konnten, sie unter den Seewinden zum Erklingen zu bringen.

Manhattan, dachte O., ist ein Gesamtkunstwerk, ein Symbol für „des Lebens Herrlichkeit und Strenge.“ Eine Stadt voller Widersprüche und voller Geheimnisse, abstoßend und hinreißend, anregend, aufregend und verwirrend, verlockend und enttäuschend, nobel und gemein, eine ständige Herausforderung.

Die Konturen und Linien begannen sich in seinem Kopf zu verschränken, die Bilder gerieten allmählich in eine schaukelnde Bewegung, der O. sich willig überließ und die ihn, es war gegen 4 Uhr morgens, schließlich doch noch und gegen alle Erfahrung in einen wunderbaren Schlaf wiegte.

Von Christoph Wecker