Unterricht in den eigenen vier Wänden

Hausunterricht ist in Deutschland verboten. Doch immer mehr Eltern stellen das Bildungsmonopol des Staates in Frage und möchten ihre Kinder selbst unterrichten. Auch die deutsche Wissenschaft befasst sich nun mit dem lange unbeachteten Thema "homeschooling".
In den Blick der Öffentlichkeit gerät das Phänomen des Heimunterrichts – oder homeschooling – hierzulande immer dann, wenn der Staat mit drastischen Mittel gegen Eltern vorgeht, die ihre Kinder nicht in eine staatliche oder staatlich anerkannte Schule schicken, sondern sie selbst zu Hause unterrichten. Wenn Kinder im Grundschulalter von der Polizei abgeholt werden, um sie dem öffentlichen Unterricht zu überstellen, sind meistens auch die Medien zur Stelle. Dann fällt ein Schlaglicht auf jene Querdenker, die versuchen, ihre Elternrechte gegen den Staat durchzusetzen. Und sie haben keine guten Karten. In Deutschland herrscht Schulpflicht. Das heißt, Kinder müssen mindestens neun Jahre lang zur Schule gehen; ihre Eltern sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass dies geschieht. Wer hingegen seine Kinder vom Schulunterricht fernhält, muss mit drastischen Strafen rechnen, die von Bußgeldern bis hin zum Entzug des Sorgerechts reichen.
Tatsächlich ist die Zahl von Kindern, die zuhause von ihren Eltern unterrichtet werden, recht gering. Offizielle Angaben gibt es zwar nicht, Schätzungen belaufen sich aber auf 1.000 bis 3.000 Kinder bundesweit. Wissenschaftler wie der Pädagogikprofessor Volker Ladenthin aus Bonn oder der Marburger Soziologe Thomas Spiegler, die sich nun erstmals auch wissenschaftlich mit dem Thema homeschooling in Deutschland auseinandergesetzt haben, gehen jedoch davon aus, dass die Zahl der Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten möchten, zunehmen wird.
Gründe, warum Eltern ihre Kinder zuhause unterrichten
Eine Erklärung dafür liefert unter anderem die seit einigen Jahren immer heftiger geführte Debatte über die Qualität der staatlichen Schulen in Deutschland. Herrschte lange Zeit, so formuliert es Ralph Fischer in dem gemeinsam mit Volker Ladenthin herausgegebenen Buch Homeschooling – Tradition und Perspektive, ein stilles Einvernehmen zwischen Eltern und Staat, dass Erziehung am besten und effektivsten durch den Staat gewährleistet sei, so scheint dieser Vertrauensbonus seitens der Eltern immer weiter zu schwinden. Angesichts des unterdurchschnittlichen Abschneidens der deutschen Schüler in internationalen Vergleichstests, maroder Schulgebäude oder zunehmender Gewalt an Schulen werden immer häufiger Zweifel laut, ob ein staatliches Bildungsmonopol tatsächlich der einzig gangbare Weg ist, allen Kindern die Bildung angedeihen zu lassen, die sie verdienen. Viele Eltern wollen sich mit den misslichen Situationen an Deutschlands (öffentlichen) Schulen nicht mehr zufrieden geben, was sich im Übrigen auch daran zeigt, dass Deutschlands Privatschulen längst nicht alle Schüler aufnehmen können, die bei ihnen angemeldet werden sollen.
Eltern, die ihre Kinder zuhause unterrichten, gehören in der Regel also nicht einer Gruppe an, die ihre Kinder vernachlässigt oder der es gleichgültig wäre, wie deren Bildungsweg verläuft. Das Gegenteil, so die Untersuchungen, ist der Fall. Eltern, die sich für Heimunterricht entscheiden, sind zumeist überdurchschnittlich gebildet und um das Wohlergehen ihrer Kinder besorgt. Volker Ladenthin und auch Thomas Spiegler machen drei unterschiedliche Gruppierungen von Eltern aus, die der homeschooling-Bewegung in Deutschland zuzurechnen sind. Da sind zum einen jene Eltern, die stark bildungsorientiert sind und das Gefühl haben, dass die Schulen nicht mehr jenes Wissen vermitteln, das sie an ihre Kinder weitergegeben möchten, etwa, weil aufgrund von Lehrermangel zu viel Unterricht ausfällt. Eine andere Gruppe von Eltern argumentiert stärker erziehungsorientiert: Sie möchte, dass ihre Kinder in einer lebenswerten Umgebung aufwachsen, begleitet von Erwachsenen, die sie liebevoll anleiten und unterstützen, statt sie, wie das im Massenbetrieb Schule der Fall sei, "kalt zu unterrichten", erklärt Ladenthin. Die dritte Gruppierung schließlich, der in Deutschland zumeist stark im christlichen Glauben verwurzelte Familien angehören, nehmen ihre Kinder aus den staatlichen Schulen heraus, weil sie mit den Inhalten, die dort vermittelt werden, nicht einverstanden sind. Ihre Bedenken richten sich in erster Linie gegen eine (vermeintlich) atheistische Grundhaltung innerhalb der Schulen sowie Inhalte im Geschichts- und Biologie-, vornehmlich im Sexualkundeunterricht.
Verbot des Heimunterrichts seit 1919
Seit 1919 herrscht in Deutschland die allgemeine Schulpflicht. Auch nach den negativen Erfahrungen während des nationalsozialistischen Regimes, das sein Bildungsmonopol missbrauchte, um die Schüler mit seiner Ideologie zu indoktrinieren, blieb es bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bei einem strikten Verbot des Hausunterrichts. Selbst als im jüngsten Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OECD) angemahnt wurde, das Verbot des Heimunterrichts in Deutschland zu lockern, nicht zuletzt, weil dieser in nahezu allen anderen europäischen Ländern gestattet ist, reagierte die Politik einhellig mit Ablehnung. Zu groß ist die Sorge, dass die Möglichkeit, Kinder auch zuhause zu unterrichten, die Bildung von Parallelgesellschaften begünstige. Vor allem religiöse Milieus stehen unter Verdacht.Auch weisen Kritiker des Heimunterrichts darauf hin, dass in der Schule wertvolle soziale Erfahrungen gemacht werden, die innerhalb der Familie nicht möglich sind, weil das Elternhaus immer nur eine begrenzte Weltsicht bietet. In der Schule treffen Kinder auf andere Kinder, mit völlig anderen sozialen und ethnischen Hintergründen. Sie müssen mit ihnen arbeiten und leben und eine erhebliche Akzeptanz- und Flexibilitätsleistung erbringen. Wo sonst, wenn nicht in der Schule, kann ein Zehnjähriger lernen, dass das, was zu Hause gilt, nicht die letzte Wahrheit, sondern nur ein winziger Ausschnitt der Lebenswirklichkeit ist und längst nicht überall gilt?
Eine weitere Sorge gilt zudem der Qualität des Heimunterrichts. Sind die Eltern überhaupt in der Lage, ihren Kindern einen qualifizierten Unterricht zu bieten? Zwar belegen bislang Untersuchungen, die es zu diesem Komplex gibt und die sich zumeist auf die Situation in den USA beziehen – dort ist homeschooling stark verbreitet -, dass betroffene Kinder den Leistungen ihrer Schulkameraden in nichts nachstehen, in Tests häufig sogar besser abschneiden. Doch merkt Thomas Spiegler zu diesen Untersuchungen an, dass sie häufig nicht repräsentativ und daher teilweise mit Vorsicht zu genießen seien.
Bildungspflicht statt Schulpflicht
Trotz der berechtigten Einwände gegen den Hausunterricht spricht sich Volker Ladenthin dafür aus, das strikte Verbot zu lockern und Eltern, die ihre Kinder selbst unterrichten möchten, nicht weiter zu kriminalisieren. "Es kann nicht sein, den Elternwillen gegen den Staatswillen auszuspielen." Wie andere Länder auch, sollte Deutschland daher lieber auf klare Regeln setzen statt auf Verbot und Strafe. Denkbar wäre es zum Beispiel die Arbeit der Eltern eng mit den Schulen abzustimmen, dass sie verpflichtet würden, sich an curriculare Vorgaben zu halten, ihre Arbeit zu dokumentieren und dass ihre Kinder an Klassenarbeiten in den Schulen teilnehmen. Auch der Heimunterricht müsste an bestimmte Normen gebunden sein. Eltern müssten Inhalte unterrichten, die die Gesellschaft als wesentlich erachtet. "Die Bildungspflicht und die Schulpflicht, das sind wichtige historische Errungenschaften. Die kann man nicht aufkündigen. Aber die Form, in der das verwirklicht wird, müssen wir gemäß unserer pluralen Gesellschaftsform auch liberalisieren."
| Literatur:
Ralph Fischer, Volker Ladenthin (Hrsg.), Homeschooling – Tradition und Perspektive, Ergon, Würzburg, 2006, ISBN-13: 9783899134827 Thomas Spiegler, Home Education in Deutschland, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2007, ISBN-13: 9783531157290 |
Redakteurin und Publizistin, V8 Verlag Köln
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März 2008











