Bildungskonzepte in Deutschland

Brauchen Schüler gute Führung?

Bernhard Bueb; Copyright: Ullstein VerlagBernhard Bueb; Copyright: Ullstein VerlagMit seinem Appell für mehr Disziplin im Klassenraum wurde Bernhard Bueb zu einem der umstrittensten Pädagogen Deutschlands. In seinem neuen Buch Von der Pflicht zu führen gibt er Eltern, Erziehern und Schulleitern, vor allem aber Lehrern „neun Gebote der Bildung“ an die Hand.

Bernhard Bueb war nie ein guter Lehrer. Zu rational und leidenschaftslos sei er immer gewesen, sagt der 69-jährige katholische Pädagoge im Gespräch – und lacht. „Zum guten Lehrer fehlte mir ein bisschen der Theatermann.“ Und bevor man meinen könnte, dass Bueb allzu bescheiden sei, fügt er hinzu: „Als Schulleiter war ich deutlich besser.“

Das „Tor zum Glück“

Internat Schloss Salem; Copyright: Schule Schloss SalemSein Selbstbewusstsein verdankt Bueb seiner Zeit am Elite-Internat Schloss Salem. Bis 2005 führte er die Schule, deren Ausbildung monatlich rund 2.200 Euro kostet, über 30 Jahre lang. Nach Autoritäts- und Leistungsproblemen in seiner Anfangszeit machte Bueb Schloss Salem mit strenger Hand zu einer deutschlandweit viel beachteten Lehranstalt. Dabei blieben einige Maßnahmen, darunter Alkohol- und Drogentests für Schüler, auch unter den Lehrern des Internats umstritten.

Seine Erfahrungen auf Schloss Salem (Motto: „Persönlichkeiten bilden“) hat Bueb in zwei Büchern verarbeitet, deren neuestes – Von der Pflicht zu führen – gerade erschienen ist. Darin plädiert er für Lehren zwischen „Führen und Wachsenlassen, Disziplin und Liebe, Kontrolle und Vertrauen“ und fordert von den Erziehern ausdrücklich die Bereitschaft zur Bestrafung ein. Vor allem aber macht er sich für die Ganztagsschule stark, in der die Verantwortung auch für die Zeit nach dem Unterricht von „überbetreuenden Müttern“ in die Hände von Lehrern übergeht. In Buebs neuem Buch Von der Pflicht zu führen wird der Eingang zur Ganztagsschule oder zum Internat das „Tor zum Glück“.

Macht und Liebe

Cover des Buchs `Von der Pflicht zu führen´; Copyright: Ullstein VerlagAber Von der Pflicht zu führen will mehr sein als eine Kritik am hiesigen Bildungssystem – oder doch zumindest etwas anderes. Von der Pflicht zu führen will ein Handbuch sein, mit dessen Hilfe sich vor allem Lehrer und Erzieher für ihren schweren Beruf rüsten können. In neun Kapiteln beleuchtet es Buebs „neun Gebote der Bildung“ – wobei sich der Bildungsbegriff deutlich klassischen Autoren wie Platon, Humboldt und Goethe verdankt. „Vertraue, fordere und beschütze!“ lautet eines dieser Gebote. „Sei Vorbild!“ und „Setze klare Ziele!“ lauten zwei andere.

Die wertkonservative Botschaft des schmalen Bands ist klar. Schüler brauchen Anerkennung, Zuwendung und Achtung, aber auch Regeln und Grenzen. Der Lehrer kommt nur mit „Freude zur Macht“ ans Ziel. Zur demokratischen Mitbestimmung fehlt Kindern und Jugendlichen die nötige Reife. Nur „rechtmäßig ausgeübte“ Autorität kann sie zu selbstständigen, sprich: selbstbewussten Erwachsenen machen. „Kein Kind geht verloren, an das ein Lehrer glaubt“, lautet der zentrale Satz des Buchs – wobei Glauben hier vor allem Lenken heißt.

Pädagogische Selbstverständlichkeiten

Nach dem Erscheinen von Buebs Streitschrift Lob der Disziplin (2001) rückten Kritiker die Auffassungen des Autors in die Nähe der Schwarzen Pädagogik, verglichen sie gar mit den Idealen des Nationalsozialismus. In einem eigenen Aufsatzband (Vom Missbrauch der Disziplin, 2007) setzten sich Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen davon ab. Die Auseinandersetzung mit diesem Widerspruch merkt man der Pflicht zu führen deutlich an. Viel weniger polemisch als sein Vorgänger ist das Buch angelegt. Stattdessen legt Bueb viel Wert auf erläuternde Einschübe und Beispiele aus dem Schulalltag. Durch derart praktische Beispiele, etwa aus der Welt der Reformschulen, kommt Von der Pflicht zu führen aus einer gewissen Beliebigkeit heraus. Und trotzdem bleibt nach der Lektüre eine seltsame Leere zurück.

Denn ohne die Schärfe des Lobs der Disziplin, die immerhin die Diskussion über die Stärken und Schwächen unseres Bildungssystems neu anzukurbeln verstand, enthält Von der Pflicht zu führen neben einigen kritischen Punkten zumeist nur Selbstverständlichkeiten. Dass Lehrer Vorbild sein sollen, dass sie klare Ziele setzen müssen und Verantwortung teilen sollen, wird wohl kein ernsthafter Pädagoge mehr bestreiten. Dass diese Selbstverständlichkeiten in Deutschlands Schulen alles andere als selbstverständlich sind, wie Bueb betont, steht auf einem anderen Blatt.

Zwiespältige Lektüre

Kreuzgang im Internat Schloss Salem; Copyright: Schule Schloss SalemBemerkenswert allerdings wird Von der Pflicht zu führen an Stellen, wo Bueb den Finger in weniger offensichtliche Wunden legt. Das gilt für seine Vorschläge, die Lehrerausbildung zu reformieren, den Unterricht von Schülern mehrmals jährlich bewerten zu lassen und Lehrer leistungsorientiert zu bezahlen. In letzter Konsequenz würde dies die Entlassung unfähiger Lehrer – und damit die Abschaffung des Beamtenstatus – nach sich ziehen. Auch diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu. Aber es kann nicht schaden, sie sich immer wieder vor Augen zu führen.

In der Aufsatzsammlung Vom Missbrauch der Disziplin bemerkte der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer, dass er viele Positionen Buebs „als Vater und (Universitäts-)Lehrer nur unterstreichen“ könne. Gleichzeitig wollte er ihre Richtigkeit vom Standpunkt seiner Forschung aus nicht als bewiesen ansehen. Ähnlich zwiespältig wird es Eltern, Lehrern und Schulleitern bei der Lektüre Von der Pflicht zu führen gehen. Der Schulalltag scheint manche Thesen zu bestätigen – aber richtig sympathisch sind sie einem trotzdem nicht.

Bernhard Bueb: Von der Pflicht zu führen. Neun Gebote der Bildung. Ullstein Verlag 2008. 176 Seiten, 18,00 Euro. ISBN: 978-3550087189.

Thomas Köster
ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke. Zudem arbeitet er als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) und Lexikonberater in Köln.

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Oktober 2008

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