Bildungskonzepte in Deutschland

Forschung hautnah: moderne Wissenschaftsvermittlung

Mädchen konstruiert geometrische Figur; © MathematicumStudentinnen und Studenten im DNA-Labor im Museum König; © Ines GollnickForschungsmuseen öffnen ihre Labore. Science Center setzen auf Erlebnis und Information. Mitmach-Museen stellen dem Besucher Aufgaben: Nie war Wissenschaft für die breite Öffentlichkeit besser begreifbar als heute. Mit dem „Zukunftsschiff“ MS Wissenschaft und dem Ausstellungszug „Expedition Zukunft“ reist das Wissen sogar (fast) bis vor die Haustür.

Der Dienstag ist für die Biologiestudenten der Universität Köln kein alltäglicher Studientag. Das Zoologische Forschungsmuseum Alexander König, eines der bedeutendsten Naturkundemuseen Deutschlands, öffnet sein „Allerheiligstes“: das DNA-Labor. Die Doktorandinnen Carola Greve und Julia Schwarzer zeigen den jungen Leuten, wo sie arbeiten. Greve extrahiert Erbinformationen von Schnecken, die sie auf den Kanarischen Inseln gesammelt hat. Schwarzer macht das gleiche mit Buntbarschen aus Kongo und Kamerun. Die Wissenschaftlerinnen schildern Methoden und Arbeitsschritte, wie sie an die DNA kommen. Letztendlich wollen sie Stammbäume analysieren und die Verbreitung der Arten geografisch darstellen.

Die Führung „Forschung hautnah“ im Museum König hält, was sie verspricht. Die Studierenden erleben den Arbeitsplatz „echter“ Forscherinnen. Was sie dabei hören, ist Neuland für sie. Manche sehen ein Forschungslabor zum ersten Mal von innen.

Nichts fühlt sich nach Schule an

Charakteristisch für das Museum König ist, dass Forschung und Sammlung unter einem Dach sitzen. Das Museum sieht sich als „Schaufenster zur Wissenschaft“. Laborbesuche sind eines unter vielen Angeboten, um Menschen an die Wissenschaft heranzuführen. Die „Museumsschule“ kümmert sich speziell um Schulklassen. Daneben gibt es Workshops, Familien- und Ferienprogramme. „Wir wollen neben der Präsentation der Sammlung vermitteln, was Forschung ist und wie Forschung betrieben wird“, unterstreicht Museumspädagogin Muriel Mannert-Maschke.

Das Akademische Museum, das mit der Uni Bonn kooperiert, führt kein Nischendasein. Jährlich kommen etwa 120.000 Menschen. Etwa die Hälfte sind Schüler. Was bei den Besuchern durch die Führungen und Mitmachangebote wie Rätsel und Buchstabenspiele oder durch die Film- und Hörstationen wirklich „hängen“ bleibt, ist nicht immer leicht zu erfassen. Aber Muriel Mannert-Maschke weiß: „Es wird gelernt, ohne das gerade Kinder und Jugendliche sich dessen bewusst sind. Im Museum König fühlt sich nichts nach Schule an.“ Auch Erwachsene äußern sich zumeist positiv: „So gut habe ich das noch nie verstanden“, lautet ein häufiges Resümee.

Neue Tür zur Mathematik

Mädchen konstruiert geometrische Figur; © MathematicumEbenfalls an die große Allgemeinheit, vor allem aber an junge Menschen wendet sich das Mathematikum in Gießen, nach eigener Aussage das einzige mathematische Mitmach-Museum der Welt. Dort löst das Horrorfach vieler Schüler offenbar eher Faszination als Schrecken aus. Das „Jahr der Mathematik“ 2008 war mit 160.000 Besuchern ein Rekordjahr.

Über 120 puristisch aufgebaute Exponate öffnen im Mathematikum eine neue Tür zur Mathematik. Jeder kann ohne Vorbildung seine Freude am Tüfteln haben. Besucher legen Puzzle, bauen Brücken, zerbrechen sich den Kopf über Knobelspiele und entdecken an sich selbst den Goldenen Schnitt. Sie schauen einem Kugelwettrennen zu oder stehen in einer Riesenseifenhaut. „An den Experimentierstationen werden Probleme gelöst“, unterstreicht der Mathematik-Professor Albrecht Beutelspacher, Wegbereiter und Direktor des Museums, das Besondere des Konzepts. „Die Besucher arbeiten autonom wie ein Forscher. Haben sie Erfolg, lernen sie dadurch nachhaltig.“

Beim Nachwuchs Leidenschaft entfachen

Beutelspachers Mathematikum setzt nicht auf simple Unterhaltung und effekthascherische Inszenierung, sondern auf die Faszination und Strahlkraft des wissenschaftlichen Phänomens. Andere Science Center beschreiten einen anderen Weg mit immer mehr Aufwand, um in Zeiten der Event-Kultur Aufmerksamkeit zu erzielen. Als Wissenschafts-Erlebniszentrum will sich auch das Odysseum etablieren, das im April 2009 in Köln-Kalk eröffnet. Konzipiert als Science Center, Forschungszentrum und „wissenschaftlicher“ Freizeitpark in einem, soll es Kinder und Jugendliche an naturwissenschaftlich-technische Phänomene heranführen. Schon die Kleinsten sollen dort erleben, wie „cool“ Wissen ist. Die Veranstalter wollen vor allem beim Nachwuchs Leidenschaft für Wissenschaft und Technik entfachen.

Wissenschaft rollt durch Deutschland

MS Wissenschaft; © Wissenschaft im DialogWenn Menschen nicht zum Wissen kommen, kommt das Wissen zu den Menschen. In Deutschland reist Wissenschaft immer häufiger durch die Lande. Die Bundesregierung setzt auf mobile Ausstellungen. Im Wissenschaftsjahr 2009 fährt der Ausstellungszug „Expedition Zukunft“ voraussichtlich ab April 60 Städte in 16 Bundesländern an. Gestaltet von der Max-Planck-Gesellschaft, will die Präsentation den Einfluss von Forschung und Technologie auf unser Leben verdeutlichen. Der Zug ist eine Art bildungspolitisches PR-Instrument, das Menschen lehren soll, neuen Technologien und Innovationen offener gegenüber zu stehen und sie zu akzeptieren.

Als schwimmendes Besucherzentrum macht die MS Wissenschaft als „Zukunftsschiff“ ab Juni in rund 30 Städten längs der deutschen Wasserstraßen Halt. Eine neue interaktive Themenschau wird darüber informieren, wie Forschung und Entwicklung unseren Alltag prägen und wie sich unser tägliches Leben in Zukunft verändern wird. Die MS Wissenschaft richtet sich insbesondere an Schulklassen. Dass Jugendliche den Unterricht auf den Wellen klasse finden, ist klar. Wenn sie dabei wissenschaftliche Erkenntnisse tanken, ist jeder Euro in diese Projekte gut investiert.

Ines Gollnick
arbeitet als freie Journalistin in Bonn. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Politik, Medien, Bildung und Gesellschaft.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009

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