Bildungskonzepte in Deutschland

Bildung in den Medien: Fluch oder Segen?

Sendung 'Galileo'; © ProSiebenSendung 'Galileo' © ProSiebenNiemals zuvor gab es so viel Bildung im deutschen Fernsehen. Von „Wer wird Millionär?“ (RTL) bis zu „Abenteuer Forschung“ (ZDF) werden alle möglichen Zuschauergruppen beliefert. Seit neuestem beglückt das Internet mit Bildungs-Chats die Wissensgesellschaft. Aber: Machen Medien die Gesellschaft wirklich klüger?

„Galileo würde sich im Grab herumdrehen, wenn er wüsste, wozu sein Name gebraucht wird.“ Das schreibt ein Zuschauer des Wissensmagazins Galileo von Pro Sieben. Er hat sich in dem bekannten Internetforum Talkteria.de den Spitznamen „Kampffisch“ zugelegt. Galileo sei mit Beiträgen, wie Der perfekte Topf oder Der perfekte Grillfisch von einem anspruchsvollen Wissenschaftsmagazin zur Kochsendung herabgesunken. Für „Kampffisch“ ist die Sendung ein Fall von Volksverdummung.

Was ist eine Bildungssendung?

Moderator Ranga Yogeshwar in der Wissenssendung 'Quarks und Co' © WDR/Melanie GrandeGanz so drastisch sieht Klaus Meier das nicht. Nach Meinung des Medienexperten von der Universität Darmstadt vermittelt Galileo seit 1998 spaßig Wissen und ist aufgrund des Erfolgs ein Trendsetter geworden. Aber die Sendung sei ans Medium und an die Zielgruppe, nicht an die Relevanz der Informationen gebunden. „Thematisiert wird nur, was sich als Story in spannenden Bildern zeigen lässt und was als relevant für den Alltag der Zuschauer vermutet wird“, erläutert Meier.

Kein Zweifel: Sogenannte Bildungssendungen haben in Deutschland momentan Hochkonjunktur. Galileo und Abenteuer Forschung vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) sehen zwei Millionen Menschen pro Sendung; Quarks und Co, das Wissensmagazin des Westdeutschen Rundfunks (WDR), wird immerhin noch von einer Million Zuschauern verfolgt. Während manche Wissensmagazine Massen ansprechen, richten sich andere nur an ein Fachpublikum. Ist Abenteuer Forschung eine richtige Bildungssendung, während Galileo bloß Unterhaltungswert hat? Was ist überhaupt eine Bildungssendung?

Mehr mediale Bildung gab es noch nie

Elke Schlote, wissenschaftliche Redakteurin des Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in München, und Andreas Fläckel sind dieser Frage in ihrer Studie Bildungsfernsehen weltweit nachgegangen. Um Erkenntnisse zu gewinnen, hat Fläckel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von 26 öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern in 20 unterschiedlichen Ländern befragt: von Deutschland bis zur Türkei, von Südafrika bis Japan.

Das Ergebnis: Neben dem Schulfernsehen sind für die meisten Fernsehmacher auch solche Sendungen Bildungsfernsehen, die „nicht intentional Bildung vermitteln wollen – solange sie Informationen aufweisen, die Bildungseffekte generieren“. Will heißen: Bildung ist, was als Bildung wahrgenommen wird. Als drei große Themen von internationalen Bildungssendungen haben die Forscher „Politische Bildung“, „Tiere und Umwelt“ sowie Sozialwissenschaften ausgemacht. Danach folgen, etwas abgeschlagen, die Naturwissenschaften.

Macht Bildungsfernsehen klüger?

Internetauftritt des Telekollegs; © Bayerischer RundfunkSeit Jahrzehnten schon ziehen berufstätige Erwachsene in Deutschland Honig aus dem Bildungsfernsehen. Über das Telekolleg des Bayerischen Rundfunks (BR) etwa haben von 1967 bis heute rund 150.000 angemeldete Zuschauer bundesweit Fächer wie Deutsch, Geschichte, Englisch oder Mathematik gepaukt: Etwa 62.000 der „Kollegiaten“ erwarben einen Abschluss.

Ob die Gesellschaft durch Bildungssendungen generell klüger werde, möchte Eckhard Huber, Geschäftsführer des Telekollegs, allerdings nicht behaupten. „Sicherlich wird das Wissen gemehrt“, meint Huber. Das Telekolleg seinerseits jedenfalls hat sein Niveau angehoben, um sich den Bedürfnissen anzupassen. Seit vier Jahren können Telekolleg-Zuschauer nicht mehr nur die Mittlere Reife, sondern auch die Fachhochschulreife erwerben.

Vom Internetflirt zur Wissensquelle

Junge Frau im Bildungschat; © ColourboxNeuerdings wachsen Bildungsfernsehen und Internet immer stärker zusammen. Knapp die Hälfte der weltweit befragten Fernsehsender bietet bereits interaktive Foren und Chats an. Insbesondere im Chat – dem getippten Gespräch – steckt auch für die Wissensvermittlung ein beachtliches Potenzial. Laut Michael Beißwenger, Internetexperte der Universität Dortmund, ist der Chat „im Bildungsbereich vielfältig einsetzbar“. Seine Vorzüge: Er ist zeitsparend und ökonomisch. Er kann Nutzer mit Fachleuten zusammenbringen, die in Echtzeit reagieren können. Zudem ist im Chatprotokoll jederzeit nachzulesen, was genau diskutiert wurde.

Beim Chat des Telekollegs klären die Internetnutzer Fragen, die sie im Fernunterricht noch nicht verstanden haben. Der 2008 an den Start gegangene Chat des Deutschen Bildungsservers will zwar auch „unterhaltsam und spannend“ sein. Eigentlich geht es bei diesem moderierten Chat jedoch um Informationen für eine Fachöffentlichkeit. Die Fachleute erörtern dabei Themen wie Ganztagsschulen oder Reformen der Lehrerausbildung. Anderthalb Stunden lang informieren die vom Bildungsserver geladenen Experten ziemlich trocken über Modellversuche in den Bundesländern, geben einen Überblick über aktuelle Bildungsreformen und lotsen die Chatter zu weiterführenden Links im Internet.

„User generated content“ auf dem Vormarsch

Eins ist gewiss: Die Internetseiten der Fernsehkanäle werden auf die Wissensgesellschaft zurückwirken. „Was Bildungsfernsehen ist, wird in zunehmendem Maße von den Internetnutzern bestimmt“, sagt Elke Schlote vom IZI. Stichwort hier ist „User generated content“, vom Nutzer bereitgestellte Inhalte also. Weit über die Einschaltquoten hinaus werden Zuschauer, die im Fernsehen genauso wie im Internet zuhause sind, mit darüber entscheiden, wie die Wissensmagazine der Zukunft aussehen und auf welche Themen sie setzen.

Arnd Zickgraf
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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