Norbert Bolz - Der Philosoph als Medienpartisan
"Der Mainstream wird gerade von denen bestimmt, die anders sein wollen als der Mainstream", schreibt der bekannte Medienwissenschaftler Bolz, der es meisterhaft versteht, seine provokanten Thesen in den Medien zu verbreiten.
Prof. Dr. Norbert Bolz (geb. 1953) hat zur Ästhetik Adornos promoviert und über "Philosophischen Extremismus zwischen den Weltkriegen" habilitiert. Von 1987 bis 1992 war er Dozent an der Freien Universität Berlin, anschließend bis 2002 Professor für Kommunikationstheorie an der Gesamthochschule Essen. Derzeit ist er Inhaber eines Lehrstuhls für Medienwissenschaft und -beratung an der Technischen Universität Berlin. Er lebt mit seinen vier Kindern und Ehefrau in Berlin und hat in den letzten zwei Jahrzehnten etwa 20 Bücher veröffentlicht.
Quote oder Öffentlichkeit
Norbert Bolz ist ein bekanntes Gesicht in der Welt der Massenmedien. Seine Themenfelder sind breit gefächert, man kann sie nur zusammenfassen: sie reichen von der kritischen Auseinandersetzung mit der Frankfurter Schule und der Protestgeneration der "68er" über die systemtheoretisch inspirierte Analyse neuer Medien und Kommunikationsformen bis zu sozialpolitischen Fragen der Gegenwart. Bekannt wurde Bolz mit seinem Buch über die neuen Kommunikationsverhältnisse Am Ende der Gutenberg-Galaxis (1993). Bolz forscht aber nicht nur über Medien, er benutzt sie auch - er tritt in Talkshows auf, ist in Radiointerviews zu hören und schreibt für das Feuilleton von der FAZ bis zur taz. An der Systemtheorie von Niklas Luhmann orientiert, betreibt er seine eigene Schule der Rhetorik, und diese ist dem Denken der Kritischen Theorie provokativ entgegensetzt. Dieser Opposition verdankt der Medienakteur die Quote - und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Quote macht Bolz immer, deshalb ist er so bekannt, "die Öffentlichkeit" gibt es allerdings in seiner Theorie nicht.Das Medium ist die Botschaft
Was bei der Frankfurter Schule "kommunikatives Handeln" heißt, kann man bei Bolz, in Anlehnung an seine konservativen Bezugsgrößen Ernst Jünger und Carl Schmitt, als Medienpartisanentum begreifen. Der Medienpartisan Bolz provoziert das linke Establishment im Kulturbetrieb und in der Politik, sorgt für Aufregung und ist im Gespräch. Über den argumentativen Stil und die theoretische Ausrichtung von Norbert Bolz gibt ein Buchkapitel mit dem bezeichnenden Titel Die Ornamente der Kritik Auskunft. (In: Die Konformisten des Andersseins, 1999). Hier versucht Bolz eine Ablösung der "Kritischen Theorie" durch die Systemtheorie von Niklas Luhmann. Ein Beispiel zeigt, wie es ungefähr gehen soll: "Das ist das ganze Geheimnis der 68er. Gerade auch an der Revolte bewährt sich das McLuhan-Gesetz: The medium is the message. Der Protest selbst war und ist die Botschaft." Systemtheoretisch typisch ist diese Behauptung: "Soziale Bewegungen generieren soziale Probleme". Mit solchen griffigen Zitaten stellt Bolz die kritische Theorie auf den Kopf, und wenn es auch nicht immer beweisbar ist, anstößig und damit interessant ist es immer.Das Zitat ist das Medium
Das Zitat und das Zitieren sind bei Bolz wichtige Mittel der Argumentation. Mit Blick auf die "Rhetorik des Cyberspace", die neue Methodik von Hypermedien und die Verfahren des Hypertext schreibt er: "Auch wer noch traditionell schreibt, schreibt doch im Grunde keine Bücher mehr, sondern Mosaike aus Zitaten und Gedankensplittern." Diese Praxis übt der Autor Bolz exzessiv, das erschwert manchmal die Identifikation seiner eigenen, originellen Gedankenproduktion. Vielleicht ist das der Grund, warum der Wissenschaftler Bolz in den Humanwissenschaften selbst nicht so oft zitiert wird. Dort ist das Zitat ja auch eine wirksame Waffe, wenn etwa - wie behauptet wird - die berüchtigte "Zitationsmafia" durch wechselseitiges Zitieren dafür sorgt, dass eingeführte Namen im Zitationsindex der Humanwissenschaften blühen und Karriere machen - z.B. Habermas und Chomsky. Der Medientheoretiker Bolz ist also eher in den Medien selbst berühmt, aber dort praktiziert er so souverän, dass er gegenüber den Konkurrenten immer einen kurzfristigen Standortvorteil ausspielen kann.Bei der Ideologie erwischt?
Dieses Medienspiel von Norbert Bolz funktioniert, weil es letztlich doch als öffentlich ausgetragenes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Kritischer Theorie und der vorgeblich ideologiefreien Systemtheorie erkennbar wird. Ein Beispiel bietet die Juni-Ausgabe der Zeitschrift Literaturen. Es diskutieren der Wissenschaftsjournalist Reiner Klingholz, die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, der Soziologe Hans Bertram und Norbert Bolz über Familienpolitik und Rollenbilder. Bolz hat das Thema kontrovers und provokant in seinem neuen Buch Die Helden der Familie erörtert. Für Barbara Vinken ist die Sache klar: "Was Sie verlangen, Herr Bolz, ist protestantische Pädagogik, urdeutsche Mutterpolitik." Im Gespräch mit dem vierfachen Familienvater mit "Hausfrau" - was Bolz in seinem Buch sachdienlich hervorhebt - erkennt Hans Bertram gar: "Jetzt haben wir Sie, Herr Bolz, bei Ihrer Ideologie erwischt." Aber Norbert Bolz lässt sich nicht so leicht erwischen: "Es geht mir nicht um ein Zurück zur klassischen Familie; ich sage nur, unsere Diskussion ist so angelegt, dass diese Fragen tabu sind." Das ist sie dann, die Taktik des Medienpartisans, der nicht ohne Grund auf Ernst Jünger und Carl Schmitt verweist. Wer in der Breite seiner publizistischen Tätigkeit allerdings deren ideologische Elemente in das "Tabu" einsetzt, wird letztlich den Verdacht nicht los, dass er nicht nur systemtheoretisch "beobachtet", sondern auch ideologisch kommuniziert.
| Bücher von Norbert Bolz (Auswahl):
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Juli 2006








