Freitag, Ulrike

Grenzen überschreiten – Ulrike Freitag, Leiterin des ZMO, und Islamforschung in Deutschland

Ulrike Freitag; Copyright: ZMOUlrike Freitag; Copyright: ZMOMit knapp über 20 studierte sie in Damaskus Arabisch. Mit 29 Jahren machte sie ihren Doktor und trat eine Hochschullehrerstelle in London an. Mit 40 hat sie sich habilitiert und mit 44 leitet sie das Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin, das einzige Institut in Deutschland, das sich interdisziplinär und in historisch-vergleichender Perspektive mit dem Nahen Osten, Afrika, Süd- und Südostasien beschäftigt. Dazwischen hat sie geheiratet, zwei Kinder geboren und ist mehrmals umgezogen. Fragt sich, was jetzt noch kommt ...

Professor Dr. Ulrike Freitag stammt aus Freiburg und hat international Karriere gemacht. Bereits als junge Frau reiste sie durch Tunesien und belegte einen Sprachkurs in Ägypten. Arabisch und türkisch beherrscht sie heute perfekt. Dann kamen Forschungsaufenthalte in Singapur und Java, London, München und schließlich Bonn, wo sie im Fach Islamwissenschaften die Professorenwürde erhielt.

Als sie sich 1982 in Freiburg für ein Studium der Islamwissenschaft, Geschichte und neueren deutschen Literaturwissenschaft entschied, wusste sie, dass sie auch in ein islamisches Land gehen musste – als Frau kein leichter Entschluss. Ein Jahresstipendium des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) ermöglichte es ihr, Arabisch und Geschichte an der Damascus University in Syrien zu studieren. Das war 1984 und 1985, eine Zeit, als im Nahen Osten gerade der erste Golfkrieg tobt und der syrische Staatspräsident Hafiz al-Assad mit aller Schärfe gegen die Muslimbrüderschaft vorgeht. Keine Chance für ein romantisch verklärtes Bild der arabischen Welt. Ulrike Freitag sagt heute: „Ich habe dort studiert, ich liebe diese Stadt, aber das bedeutet nicht, dass ich alles, was dort passiert, durch die rosa-rote Brille sehe.“

Was ist die arabische Welt?

Arabisch ist die Sprache des Koran. Aber kann man vom Islam, von einer „arabischen Welt“ sprechen, fragt Ulrike Freitag, wenn noch nicht einmal klar ist, wer Araber ist und wer nicht? Die arabische Liga besteht aus 22 Ländern, darunter Somalia, der Sudan und die Komoren. Die meisten der weltweit 1,2 Milliarden Muslime leben heute außerhalb der traditionellen arabischen Siedlungsgebiete, in Pakistan, Bangladesh, Indien und Indonesien.

Ulrike Freitag sieht den Nahen Osten, Afrika und Südindien historisch-vergleichend zusammen. Dass diese Disziplinen im universitären Bereich voneinander getrennt sind, findet sie schade. Durch den breiten geografischen Zugang, der islamisch geprägte Gesellschaften von Mauretanien bis Indonesien umfasst, fallen ihrem Institut Beziehungen wie etwa transnationale Netzwerke junger Koranschüler ins Auge, die bei einem allein regionalen Zugang außer Acht gelassen werden. Das jüngste Forschungsprojekt ist dafür exemplarisch: Es geht um „Muslime in Europa und ihre Herkunftsgesellschaften in Afrika und Asien“.

Auch dass der Islamismus (im Unterschied zum Islam) wie ein ideologisch festgefügtes Gebilde betrachtet wird, fand Freitag schon immer falsch. „Islamisten“ gibt es in vielen Ausprägungen, da helfen Wortkeulen wie „Islamfaschismus“ überhaupt nicht. „Der Begriff (verschleiert) die Vielfalt islamistischer Bewegungen. Abu Mussab al Sarkawi hätte sich verwundert die Augen gerieben, mit Muktada al Sadr, dem Anführer schiitischer Milizen im Irak, in einem Atemzug genannt zu werden, hatte er doch zum Kampf gegen die Schiiten aufgerufen. Die sunnitische Hamas und die schiitische Hisbollah mögen strategische Allianzen eingehen, ihre Hauptausrichtungen unterscheiden sich sowohl politisch als auch religiös. ‚Islam-Faschismus’ ignoriert solche zur Analyse und Bekämpfung islamistischer Bewegungen notwendigen Differenzierungen und lädt zu vielfältigen Missverständnissen ein.“

Modernisierungstendenzen

Logo ZMO; Copyright: ZMO„Wir beschäftigen uns nicht mit aktuellen politischen Fragen, sondern mit längerfristigen Entwicklungen, um so der Globalisierungsdebatte nicht nur eine historische Tiefe zu verleihen, sondern sie auch aus der Perspektive nicht-westlicher Länder zu betrachten“, sagt die Islamwissenschaftlerin. So weist sie etwa darauf hin, dass die jungen Monarchen oder Präsidenten in Syrien, Jordanien und Marokko alle in England Jura und Wirtschaft studiert haben. Zwar seien die Beharrungskräfte in ihren Ländern noch stark, aber in Marokko habe der König beispielsweise eine grundlegende Veränderung des Familienrechts durchgesetzt.

Neuerdings lassen sich auch Frauenorganisationen beobachten, die der traditionellen Muslimbruderschaft nahe stehen und dennoch durchsetzen wollen, dass auch Frauen am öffentlichen Leben teilnehmen dürfen. „Viele islamische Frauen haben das inzwischen aufgegriffen, andere sind ich ihren Vorstellungen noch radikaler und bemühen sich, die traditionell mit der Religion begründeten Restriktionen für islamische Frauen späteren, von patriarchalisch geprägten Interpretationen von Rechtsgelehrten anzulasten.“

„Ort der Ideen“

Eingang ZMO; Copyright: ZMODas ZMO, das in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, ist hervorgegangen aus der Ostberliner Akademie der Wissenschaften. Heute ist sie in einer von Hermann Muthesius entworfenen Villa in Berlin-Nikolassee untergebracht, mitsamt einer 50.000 Bände und 90 Spezialzeitschriften umfassenden Bibliothek. Gemeinsam mit 27 wissenschaftlichen Mitarbeitern arbeitet Ulrike Freitag an diesem Zentrum, wenn sie nicht gerade an der FU doziert oder – wie jüngst – einen Lehrauftrag in Edinburgh wahrnimmt.

Und sie hat Erfolg mit ihrer Arbeit: Anfang 2006 hat der Wissenschaftsrat „für die Zeit nach dem Auslaufen der gegenwärtigen Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (die das ZMO neben dem Land Berlin finanziert) am 31.12.2007 eine Fortführung des Zentrums als sehr begründet empfohlen.“ In welcher Form, das ist allerdings bisher offen. Wenn es nach Ulrike Freitag ginge, steht fest: möglichst unabhängig. Seit kurzem ist es das ZMO auch „Ort der Ideen“ Aus rund 1500 Einsendungen wählte eine Jury der vom Bundespräsidenten und der deutschen Wirtschaft getragenen Initiative „Deutschland - Land der Ideen“ 365 Sieger aus. An jedem Tag des Jahres 2007 wird jeweils einer dieser Orte offiziell ausgezeichnet und präsentiert sich mit einer Veranstaltung der Öffentlichkeit. Das ZMO wird seine Arbeit am 19. April 2007 vorstellen.

Volker Thomas
ist freier Journalist in Bonn und Berlin und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung.

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Januar 2007

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