Deutsche Migration nach Makedonien
1850 - 1918

Fünf Jahre nach meinen Forschungen kam ich wieder nach Thessaloniki, wo ich seinerzeit einige Wochen verbracht hatte. Es war eine Begegnung, der ich mit einiger Spannung entgegen sah. Denn ich hatte zur Geschichte der Deutschen in der Stadt und in Makedonien im neunzehnten Jahrhundert geforscht und war zum Ergebnis gekommen, dass die Institutionen, die bis heute für die deutsche community Thessalonikis von Bedeutung sind – das Generalkonsulat, die Deutsche Schule und die deutschsprachige Evangelische Gemeinde – allesamt entstanden waren im Geiste eines wilhelminischen Expansionsdranges, der Südosteuropa und Makedonien insbesondere wie eine Quasikolonie zu beherrschen hoffte. Konsulat, Schule und Kirche sollten die ortsansässigen Deutschen zu einer patriotischen Gemeinschaft zusammenschweißen und das deutsche Ansehen unter den anderen Bewohnern fördern. Große Landwirtschaftsgüter in deutscher Hand und die Kontrolle der Deutschen Bank über das regionale Eisenbahnnetz hatten seinerzeit diese Institutionen komplimentiert, waren aber im Zuge der Balkan- und Weltkriege später verschwunden. Nun sollte ich diese Ergebnisse an die Personen zurücktragen, die heute noch mit diesen Institutionen verbunden sind.
Begegnung mit Vertretern deutscher Institutionen
Das Goethe-Institut Thessaloniki hatte diese Begegnung freundlicherweise organisatorisch und finanziell ermöglicht. Trotz des Termins Mitte September, zu dem Thessaloniki noch nicht ganz aus dem Sommerschlaf erwacht ist, war der Vortrag gut besucht. Generalkonsul, Schuldirektor, Pfarrerin und weitere Angehörige der Institutionen, zu denen ich recherchiert hatte, waren anwesend. Zu meiner Überraschung wurde meinen Ergebnissen nicht nennenswert widersprochen, obwohl ich noch während meiner Forschung das Gefühl gehabt hatte, dass man von mir eher ein harmloseres Fazit zur Frühgeschichte der deutschen Institutionen erhoffte. Jedoch fragten an diesem Abend mehrere Zuhörerinnen und Zuhörer nach noch ausführlicheren Darstellungen der Geschichte der jeweiligen Institutionen und des ideologischen Hintergrundes. Einige versicherten mir, die Zeiten hätten sich gewandelt und man sei nun weit entfernt von den früheren Praktiken, allein schon durch den gewachsenen Europagedanken.
Doch auch wenn das deutsche Selbst- und Weltbild sich seit der Kaiserzeit deutlich gewandelt und differenziert hat, bleibt die Frage, ob nicht die werbende Tätigkeit für Deutschland mittlerweile überholt ist, die trotz aller grenzüberschreitenden Bemühungen, die es gibt, nach wie vor als Grundaufgabe der Kulturinstitutionen im Ausland wie auch der Goethe-Institute gesehen wird. So begegnete ich an diesem Abend in Thessaloniki auch von manchen Gesprächspartnern Skepsis, ob die deutschen Institutionen der Stadt sich wirklich von diesem Ansatz aus der Kaiserzeit emanzipiert haben.
Beginn von kulturellem Austausch in der Region
Gleichzeitig musste ich jedoch auch im Punkte meiner eigenen Naivität dazulernen. Ich hatte im Vortrag von einer überlebensgroßen Inschrift zu Ehren Kaiser Wilhelms II. erzählt, die im Nachbarland, der Republik Makedonien, in den Felsen geschlagen steht. An dieser Stelle hatte die Reichswehr während der Besatzung im Ersten Weltkrieg eine Heeresstraße gebaut, die während der erneuten Besatzung im Zweiten Weltkrieg von Zwangsarbeitern unter Aufsicht der SS-Gruppe Todt ausgebaut worden war. Ein Zuhörer kündigte an, er wolle nun eine Gruppenexkursion zu dieser Sehenswürdigkeit organisieren. Vermutlich wird eine größere Gruppe Deutscher ohne die nötigen Sprachkenntnisse, um ihre Motive zu erklären, keinen allzu glücklichen Eindruck hinterlassen bei den makedonischen Dorfbewohnern, die mir bereitwillig und gastfreundlich von der deutschen Okkupation erzählt hatten.
Dennoch war ich insgesamt erfreut über das rege Interesse und die positive Resonanz und hoffe, den Austausch, der an diesem Abend am Goethe-Institut begonnen hat, fortzuführen. Ich hätte mich über stärkeres Interesse aus der Universität oder aus anderen wissenschaftlichen Institutionen, die zur Geschichte der Region forschen, gefreut. Aber der Termin vor Semesterbeginn, zu dem sich viele Thessaloniker noch am Meer oder auf dem Lande aufhalten, war hier etwas hinderlich. Nichtsdestotrotz haben sich sehr gute Kontakte zu den anwesenden Historikern ergeben.








