Durch das Nadelöhr der Kultur - Überlegungen zu einer politisch verstandenen Kulturarbeit
Für Konflikte zwischen „islamischer Welt“ und dem „modernen Westen“ wird oft die vermeintliche Unvereinbarkeit der Kulturen verantwortlich gemacht. Doch die Entwicklung von und die Beziehungen zwischen Kulturen sind weitaus komplexer und der Dialog kann Spannungen und gegenseitige Ablehnung verhindern.
Seitdem politische Konflikte zunehmend unter kulturellen Vorzeichen gedeutet werden, steht der Dialog zwischen dem Westen und den islamisch geprägten Gesellschaften vor einer schwierigen Herausforderung. Sie besteht darin, einen Kulturkonflikt nicht in einen „Kampf der Kulturen“ kippen zu lassen, wie ihn Samuel Huntington zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts prognostiziert hat. Dass die Beziehungen in besonderem Maße aufgeladen sind, ist seit den Großanschlägen islamistischer Terroristen in den USA und in Europa virulent. Dies zeigte jüngst auch der so genannte Karikaturenstreit. Wenn aber einerseits die Politik durch das Nadelöhr der Kultur hindurchgezwängt wird, – und eben darin das Potenzial einer Eskalation liegt –, so kann die Kulturarbeit andererseits auch Lösungen des Problems anbieten, wenn sie im Gegenzug die Herausforderung annimmt und politischer wird.
Ein Dialog setzt zwei gleichberechtigte Seiten voraus, die miteinander ins Gespräch kommen. Gegenseitige Toleranz und die Bereitschaft, sich füreinander zu öffnen, um voneinander zu lernen, sind unabdingbare Kennzeichen eines Dialogs und zugleich Voraussetzungen für die Lebendigkeit einer jeden Kultur. Kulturen leben von einem solchen Austausch sowie der Wechselwirkung zwischen Kulturen, um nicht zu erstarren. Offenheit und Toleranz gehören zudem zu einer modernen Kultur, die von einem fundamentalistischen Traditionalismus zum Objekt der Anfeindung gemacht wird. Man befürchtet, sie könnte die traditionelle Kultur zerstören, die als Schutz vor den anonymen Mächten der Globalisierung in Anschlag gebracht wird.
Kulturelles Engagement auf beiden Seiten
Aber nicht nur die traditionellen Kulturen neigen zur Abschottung und zur Ausbildung von Vorurteilen gegenüber dem Fremden. In den Bevölkerungen sowohl im Orient als auch im Westen erhärten sich die Vorurteile über die jeweilige andere Kultur und vergiften zunehmend das Verhältnis. Im Westen wird der Islam und im Orient die Moderne der Tendenz nach von vielen Menschen pauschal für jeweils verfehlte Taten einzelner Gruppierungen oder Regierungen verantwortlich gemacht. Besonders in islamisch geprägten Ländern, die – etwa Ägypten oder Marokko – polarisiert sind, drohen permanent die gegenseitigen Anfeindungen die Gesellschaften auseinanderbrechen zu lassen.
Dringend geboten ist deshalb ein verstärktes kulturelles Engagement auf beiden Seiten, um miteinander gegenseitige Vorurteilsstrukturen zu entschärfen. Der innergesellschaftliche Dialog ist genauso wichtig wie eine Verständigung zwischen sich fremden Kulturen, will man verhindern, dass sich die islamisch geprägten Gesellschaften weiter polarisieren und die Modernisierung scheitert. Dies würde zu einem nicht mehr mit friedlichen Mitteln zu lösenden Konflikt führen, von dem am Ende nur die Islamisten profitieren. Wo immer sich auch Fundamentalisten gesprächsbereit zeigen, d.h. eine entscheidende Grenze der Aufklärung noch nicht überschritten ist, sollte man auch die Fundamentalisten in den Dialog miteinschließen.
Tradition als Resonanzboden der Moderne
Dialog und kulturelle Verständigung müssen in die jeweilige Bevölkerung hineingetragen und dürfen nicht nur von Fachleuten geführt werden. Diese sind in der Regel von der Notwendigkeit der Modernisierung überzeugt. Politische Kulturarbeit ist gleichsam ein Kampf um das Bewusstsein der Menschen, die nicht dem fundamentalistischen Lager überlassen bleiben sollen.
Da ganz deutlich bei vielen Menschen in islamisch geprägten Gesellschaften die Befürchtung zu erkennen ist, dass die Moderne ein Import und zugleich ein Diktat des Westens sei und zur Auflösung der traditionellen Kultur führe, ist es wichtig, öffentlich der Frage nachzugehen, inwieweit die Kultur der Moderne überhaupt mit der westlichen Kultur identisch ist. Wichtig ist auch die Frage, was den Unterschied zwischen modernen und traditionellen Gesellschaften ausmacht und inwieweit nicht jede Kultur ein eigenes Potenzial zur Moderne besitzt, das auf dem Boden der jeweiligen kulturellen Tradition als deren Resonanzboden gedeiht, aber durch die Globalisierung auch in Wechselwirkung mit modernen Kulturen in anderen Teilen der Welt steht.
Demokratie beruht auf Anerkennung
Die Moderne lässt sich nicht von außen erzwingen, – etwa durch ökonomische Erpressung oder durch Krieg –, ohne Ablehnung zu provozieren; sie kann sich nicht ausbreiten, wenn die Menschen ihr die Anerkennung verweigern. Lediglich die „Schurken“ lassen sich durch militärische Interventionen beseitigen, damit wären aber noch keine modernen Verhältnisse geschaffen. „Nation building“ erweist sich als Sackgasse, wenn ihr zuvor militärische Gewalt vorausging. Demokratie und Menschenrechte lassen sich eben nicht erzwingen. Der Krieg gegen den Terrorismus schlägt der Hydra einen Kopf ab, aber an dessen Stelle wachsen gleich mehrere neue. Der Krieg gegen den Terrorismus belastet die kulturellen Bemühungen, legt sich wie radioaktiver Niederschlag auf alles und vergiftet jeden Ansatz kultureller Verständigung. Herrschaft – ganz besonders Demokratie – beruht auf Anerkennung. Eine Bevölkerung aber, die Demokratie und die Kultur der Moderne als Invasion oder als Diktat des Westens erfährt, kann ihnen keine Anerkennung zollen, sondern reagiert mit Ablehnung und Gegenwehr, droht sich im Traditionalismus und Fundamentalismus zu versteifen.
Kulturarbeit ist in ihrem Wirken gar nicht hoch genug einzuschätzen. Sie kann selbstkritisch dazu beitragen, dass die Kultur der Moderne nicht als Eigentum des Westens begriffen wird, die entweder als Import, Trojanisches Pferd, Diktat oder als Invasion daherkommt.
Die Kultur der Moderne gibt der traditionellen den Rahmen
Die Kultur der Moderne entwickelte sich auf dem Boden der westlichen Kultur aufgrund eines tiefgreifenden Transformationsprozesses, der Entstehung des Kapitalismus. Die westliche Kultur wiederum entstand schon im achten und neunten Jahrhundert aus den Wurzeln der antiken Klassik sowie der christlichen Religion. Seitdem bildeten sich sehr langsam gesellschaftliche und politische Institutionen heraus, die das Zusammenleben regelten – im wesentlichen ein Maß an Rechtlichkeit, die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht, repräsentative Organe – gleichsam Interessenvertretungen – für heterogene Gruppen und ein bereits in der christlichen Religion angelegter Individualismus. Was sich hier seit der ausgehenden Antike entwickelte, waren zunächst nur einzelne, noch nicht zu einem gesellschaftlichen Ganzen zusammengefügte Bausteine. Das Mittelalter war indes durch ein autoritäres System geprägt. Im Zuge der gesellschaftlichen Aufarbeitung der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert, die das alte Europa in eine tiefe politische Krise stießen, setzte sich schließlich die Moderne durch, d.h. die Bausteine wurden zu einem Ganzen zusammengefügt. Eine bürgerliche Zivilisation entstand, die sich mit den Revolutionen zunächst in England und Frankreich auch politisch durchsetzte. Die Moderne ist seitdem durch einen säkularen Staat gekennzeichnet, der seine eigene Gewalt demokratisch teilt, das bürgerliche Recht in für alle verbindliche Gesetze kleidet und ansonsten die traditionelle Kultur als nichtstaatliche Angelegenheit der Gesellschaft betrachtet, die er als nationale Öffentlichkeit zusammenfasst.
Die Kultur der Moderne ist im Gegensatz zu jeder traditionellen Kultur – auch der westlichen – universal ausgelegt. Ihre Ausbreitungskraft liegt in der Abstraktheit und auch darin begründet, dass sie die traditionelle Kultur nicht verdrängt, sondern ihr lediglich einen Rahmen gibt, in dem sie sich weiterentwickelt und die Kultur der Moderne auf besondere Weise ausprägt.
Das Versprechen der Moderne
Der Moderne sollte man allerdings auch nicht kritiklos begegnen. Jedes Vorurteil ist ein Synkretismus, d.h. eine Vermengung aus Rationalem und Irrationalem. Deshalb ist es angebracht, darüber zu diskutieren, inwieweit ein Unbehagen an bestimmten Aspekten der Moderne rational ist, aber sich in Form der Synkretismen in verheerenden Bahnen bewegt. Man kann und muss den Unmut kanalisieren, will man die gepanzerten Vorurteile knacken. Berechtigte Kritik sollte deshalb nicht abgewehrt werden. Die Moderne verspricht nämlich ein geselliges Paradies auf Erden, das sie nicht einlöst. Es ist alles andere als förderlich, wenn man die destruktive Seite der Moderne unterschlägt: Objektiv wäre sie imstande, alle Menschen auf der Welt regelmäßig mit Nahrung zu versorgen, aber jedes Jahr lässt sie immer wieder auf ein Neues Millionen verhungern.
Die Kultur der Moderne ist auf der Normenebene, der Ebene der Ideale und des Marktes, eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung und des Umgangs mit Differenzen, der Toleranz. Aber in den Tauschverhältnissen und -beziehungen steckt ebenso die destruktive und nihilistische Kraft, die das Massenelend und die Gleichgültigkeit erzeugt. Diese destruktive Kraft hat durch das gesamte 20. Jahrhundert gewütet. Sie ist immer noch in der Welt – nicht als ein vormoderner Zug, sondern als eine Dialektik der Moderne.
Insofern ist der Aufschrei gegen die Moderne durchaus rational, solange er sich gegen die nihilistische Tendenz, gegen den Mechanismus der Verdinglichung, gegen die der kapitalistischen Moderne innewohnende bürgerliche Kälte (Adorno) wendet – nicht aber gegen die Moderne überhaupt. Es ist ein Unterschied zwischen absoluter Ablehnung der Moderne und der bestimmten Negation moderner Aspekte, die Modernisierungskritik von fundamentalistischem Antimodernismus unterscheidet. Während dieser in einem reaktionären Sinne aus der Moderne zurück in die Tradition flüchten möchte, will jene um der Moderne willen nicht zurück, noch über sie hinaus, sondern sie in einem dialektischen Sinne aufheben: die Mechanismen der Verdinglichung und Verelendung negieren und damit die Moderne auf eine neue qualitative Stufe heben.
ist Publizist, Soziologe und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift „Sozialistische Positionen“. Als Referent für das Goethe-Institut Rabat/Casablanca nahm er 2006 am 5. Frühlingstreffen der Philosophie in Fes, Marokko teil. Seine Ausführungen entspringen seinen Eindrücken von seiner Reise dorthin.
Mai 2006
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