„Globalisierung und Identität“ – Wissenschaftskonferenz an der Universität Kairo vom 5. bis 7. Mai 2007

Globalisierung und ihre Folgen – Zwei unterschiedliche PositionenDer im Titel der Wissenschaftskonferenz „Globalisierung und Identität“ enthaltene Begriff der Globalisierung ist in Deutschland seit den 1990er Jahren zu einem geläufigen Modewort geworden, das in der Regel für weltweite Vernetzung steht und infolge seiner begrifflichen Unschärfe mit unterschiedlichen Vorstellungen und Entwicklungen assoziiert wird.
Dies war auch bei der Kairoer Veranstaltung der Fall. Vereinfacht standen sich dabei zwei Erklärungsansätze gegenüber: Ein politisch-kultureller, von der arabischen Welt vertretener und ein übergreifender ökonomischer.
Von der Mehrheit der ägyptischen Teilnehmer, diese Sichtweise war in den ersten beiden Veranstaltungstagen vorherrschend, wurde Globalisierung verstanden:
- als „eine Form der Dominanz“, die die Welt in zwei „Kulturen“ teilt: „die des Dominanten und die des Dominierten“,
- als militärische, vom Westen ausgehende Macht, die im Irak, in Afghanistan und Tschetschenien sichtbar geworden sei,
- als Ausdruck einer unipolaren, von den U.S.A. ausgehenden und von Staaten wie Deutschland unterstützten Entwicklung. „Wir schauen auf Sie als Quelle der Globalisierung“,
- als tief greifende kulturelle Transformation, die bildende Künste, Musik und auch Sprache umfasst. „Alles kommt von außen. Wir exportieren nichts“. Jugendliche der Mittel- und Oberschichten würden sich bereits einer arabisch-englischen Mischsprache bedienen.
Aus dieser Sicht erscheint Globalisierung als eine in starkem Maße von den U.S.A. und anderen westlichen Nationalstaaten ausgehende Bedrohung, der die arabischen Länder nicht als Gestalter, sondern vergleichsweise hilflos gegenüberstehen. Die ökonomischen Triebkräfte und Akteure der aktuellen Globalisierungsphase rücken dabei allerdings kaum ins Blickfeld. Dies zu tun blieb dem letzten Konferenztag vorbehalten, an dem von deutscher Seite, aber auch von Seiten jüngerer Teilnehmer des Auditoriums Globalisierung unter einem anderen, d.h. einem politisch-ökonomischen Blickwinkel betrachtet wurde:
- als ein Prozess, der auf eine lange Geschichte und viele unterschiedliche Entwicklungsstufen zurückblickt und ab den 1970er-Jahren in eine neue Phase eingetreten ist, in der – nach einer langen durch die beiden Weltkriege und deren Folgen bedingten Zäsur – die Globalisierung wieder „freigesetzt“ wurde,
- als Synonym für den damit einsetzenden großflächigen und immer weitere Weltregionen erfassenden Umwälzungsprozess, dessen maßgebliche Ziele die Beseitigung vorhandener nationaler wie internationaler, politisch-administrativer wie tarifärer, rechtlicher wie raum-zeitlicher Barrieren und Grenzen und damit die Erschließung immer neuer Regionen, Märkte und Sektoren für die Verwertungslogiken des Kapitals waren.
Inzwischen sind die zentralen Kennzeichen dieses vielfach als Siegeszug des angelsächsischen Kapitalismus beschriebenen und in starkem Maße durch die Prinzipien des Neoliberalismus geprägten Umwälzungsprozesses wie Liberalisierung (des Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs), Deregulierung (im öffentlichen wie auch im Wirtschafts- und Finanzsektor) sowie Privatisierung (bisher öffentlich erbrachter Leistungen) in einer wachsenden Zahl von Staaten der nördlichen wie auch der südlichen Hemisphäre – wenn auch mit nationalspezifischen Modifikationen – zu zentralen Bestandteilen der jeweiligen Politikregime geworden.
Der unterschiedlichen Wahrnehmung des aktuellen Globalisierungsprozesses und seiner Ursachen entsprechend wiesen auch die Vorstellungen über steuernde Eingriffe und deren Richtung signifikante Unterschiede auf:
- Von ägyptischer Seite wurde eine „Selbstkritik des Westens“ und ein „Gegenprojekt zur Globalisierung“ sowie ein Zusammenschluss der arabischen Welt für einen „Wettbewerb mit der Globalisierung“ gefordert. Auf der Forderungsagenda standen auch die Ablösung der unipolaren durch eine multipolare Weltordnung – wobei große Hoffnungen auf die aktuellen Entwicklungen in China, Indien und Brasilien gesetzt wurden – sowie eine kritische Auseinandersetzung mit westlichen, durch die Globalisierung transportierten Werten.
- Vor allem von deutscher Seite wurde darauf verwiesen, dass die Auswirkungen des aktuellen Globalisierungsprozesses „global“ und nicht allein in der arabischen Welt spürbar seien. Es wurde daher dafür plädiert, sich mit diesem Prozess und seinen spezifischen Konsequenzen differenziert und kritisch auseinanderzusetzen, um damit eine Grundlage für Überlegungen zu schaffen, von welchen Ebenen, mit welchen Akteuren und auch welchen Bündnissen gestaltend auf die Globalisierung heutiger Prägung Einfluss genommen werden kann.
Zu einer Annäherung der beiden Positionen ist es nicht gekommen. Dafür war die angesetzte Zeit zu kurz. Hierzu bedürfte es einer Reihe weiterer Veranstaltungen mit einer Konzentration auf einzelne, vom Globalisierungsprozess in besonderem Maße betroffener Sektoren: Wirtschaft, Arbeitsmarkt, demographischer und sozialer Wandel oder politisch-administrative Strukturen.
Veranstaltungen wie die in Kairo im Mai 2007 sind sinnvoll und sollten auch in Zukunft durchgeführt werden. Bei Teilnehmern aus sehr unterschiedlichen Kulturkreisen bedürfen sie allerdings einer intensiveren Vorbereitung (wozu u.a. auch ein Austausch von Vortragsmanuskripten gehört) um zu vermeiden, dass Themen nur oberflächlich angerissen werden. Im Sinne eines vertieften Gedankenaustauschs sollte im Einzelfall auch geprüft werden, ob man es bei einem Unikat belässt oder aber einer breiter angelegten „Auftaktveranstaltung" ein/zwei präziser und evtl. auch kleiner konzipierte Anschlusstreffen folgen lässt.








