Wissenschaft und Bildung in Deutschland – Hintergrund

Forschung und Technologie in Deutschland

Copyright: Friedrich-Schiller-UniversitätAnfang 2003 wählte das weltberühmte Massachusetts Institute of Technology Rolf Isermann von der Technischen Universität Darmstadt unter die "Top Ten" aus aller Welt, deren Forschungen zu neuen Technologien die gesamten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen nachhaltig verändern werden. Isermann ist der Vater der Mechatronik, der Kombination von Mechanik und Elektronik im Fahrzeugbau. Neue Hauptarbeitsgebiete der Forschung und Technologie in Deutschland liegen ferner in der Informatik (SAP), der Mikrosystemtechnik (Siemens) und der Entwicklung von langlebigen, leicht recycelbaren und weniger toxischen Materialien. Die neuen Werkstoffe sind zugleich ein wesentlicher Beitrag zur modernen Umwelttechnologie, einem schon seit Jahrzehnten "klassischen" Gebiet der deutschen Forschung. So gehören, wie sich auf dem UNO-Gipfel für nachhaltige Entwicklung im Herbst 2002 in Johannesburg zeigte, deutsche Entwicklungen zur Weltspitze beispielsweise in der Windkrafttechnologie.

Die Zukunft der Hochtechnologie beruht im wesentlichen auf einem Zusammenspiel zu dritt: zwischen der Wissenschaft, innovativen Unternehmen und dem Staat. Diesem fällt die Rolle zu, einen normativen, auch ethisch gefestigten Rahmen für den Fortschritt zu setzen und entsprechende Forschungen und experimentelle Entwicklungen im vorwettbewerblichen Stadium zu unterstützen. Das hat sich in Deutschland jüngst mit der Einrichtung eines "Nationalen Ethikrates" exemplarisch gezeigt. Seine Beratungen waren eine wichtige Grundlage für ein Gesetz vom Sommer 2002 über embryonale Stammzellen vom Menschen. Menschliches Leben ist in Deutschland vom Tag der Zeugung an grundsätzlich unantastbar. Der Import bereits bestehender Stammzellkulturen zum Beispiel aus Israel ist für hochrangige Zwecke der Gesundheitsforschung (rekonstruktive Neurobiologie) nur unter strengen Auflagen zulässig. Damit hält Deutschland Anschluss an die internationale Forschung und wahrt zudem die Chance, auf länderübergreifende Vereinbarungen Einfluss zu nehmen.

Die technologische Forschung bietet mehr als 350 000 hochqualifizierten Kräften in Deutschland zukunftsfähige Vollzeit-Arbeitsplätze. Sechs von sieben stehen im Dienst von Unternehmen. Der Staat unterstützt die privaten Forschungsträger mit Fördermitteln, die insgesamt allerdings weniger als ein Zehntel der Firmenaufwendungen ausmachen. Diese Quote liegt niedriger als in der US-Wirtschaft oder Partnerländern im Binnenmarkt der Europäischen Union wie Italien, Frankreich und Großbritannien. Nichtsdestoweniger ist die staatliche Förderung breit gestreut. Sie kommt jedem sechsten Industrieunternehmen in Deutschland zugute. Das offene Geheimnis dieser Breitenwirkung sind Forschungsverbünde zwischen Wissenschaft und Wirtschaft (Public Private Partnership).

Der Löwenanteil der jährlich rund 16 Milliarden Euro Steuergelder für Forschung und Technologie fließt in die Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen, also vor allem in die Grundlagenforschung und die Nachwuchsförderung. Die Hochschulen werden überwiegend vom jeweiligen Bundesland getragen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft als Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaftler unterstützt die Hochschulforschung zusätzlich mit Projektmitteln des Bundes, die die Forscher im fachlichen Wettbewerb untereinander einzuwerben suchen. Tragende Säulen der Grundlagenforschung sind ferner die Max-Planck-Gesellschaft (MPG), die deutsche Nobelpreis-Schmiede, und die 15 Großforschungsanlagen der Helmholtz-Gemeinschaft wie etwa das Deutsche Elektronen-Synchrotron (DESY). In der Leibniz-Gemeinschaft (WGL) sind 79 selbständige Institute unterschiedlicher Disziplinen vom Deutschen Primatenzentrum (Aids-Forschung!) bis zu Wirtschaftsforschungsinstituten lose miteinander verknüpft, davon allein 34 in Ostdeutschland. Alle drei Dachorganisation leben überwiegend vom Bund oder Bund und Ländern. Die Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) mit 57 inländischen Instituten betreibt und unterstützt speziell angewandte Forschung und ist bestrebt, zwei Drittel ihres Haushalts auf dem freien Markt einzuwerben. Seit einigen Jahren kooperieren auch Arbeitsgruppen der unterschiedlichen Forschungsorganisationen projektbezogen miteinander, zum Beispiel von Hochschulen, MPG und FhG. Je nachdem bilden sie regionale Forschungs-Cluster, so etwa um die Universität Göttingen.

Die technologische Forschung hat einen Anteil von 2,4 Prozent am deutschen Bruttoinlandsprodukt. Er ist damit höher als der EU-Durchschnitt von zwei Prozent. Indes hat sich die EU im Jahre 2002 das Ziel gesetzt, bis 2010 die drei Prozent-Marke zu erreichen und weltweit zum Technologieführer zu werden, noch vor den USA und Japan. Nationale Technologiepolitik muss sich entsprechend verstärkt auf internationale Kooperationen "im EU-Forschungsraum" einstellen, erklärt Professor Frieder Meyer-Krahmer von der FhG. Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) ist ein Vorläufer. Gleichzeitig sind deutsche Forscher und Steuergelder auch an noch weitergespannten Vorhaben beteiligt wie der internationale Raumstation (ISS) von sechzehn Staaten rund um den Globus. Die planetarische Vernetzung der Wissenschaft in Deutschland lebt nicht zuletzt auch von den Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung. Das sind jährlich rund 1500 Spitzenforscher aus (fast) allen Ländern der Erde, und nicht nur aus technologischen Disziplinen.
Hermann Horstkotte
online-redaktion@goethe.de
Januar 2003
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