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Die Berufswelt gestalten – Das Bundesinstitut für Berufsbildung

Copyright: Siemens-PressebildDas Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ist der Think Tank für zukunftsfähige Arbeitsplätze in Deutschland. Es forscht und berät über moderne Regelwerke für die Aus- und Weiterbildung in fast fünfhundert qualifizierten Berufen. Zudem ebnet es Benachteiligten den Weg ins Erwerbsleben.

Die neuen Informationstechnologien (IT) zum Beispiel sind ein Jungbrunnen für neue Berufe – die dann zum Teil auch die alten verdrängen. In Deutschland verläuft solch ein Prozess aber nicht einfach naturwüchsig, sondern in amtlichen geregelten Bahnen. Denn im Unterschied zu bloßen Jobs sind Berufe in "Ausbildungsordnungen" staatlich reguliert und mithin genehmigungsbedürftig. Gleichzeitig haben Mitgliederverbände der Unternehmen wie der Gewerkschaften ihre angestammten Branchenreviere, in denen niemand gern neue Interessenvertretungen duldet. Neue Berufsprofile bilden sich mithin in Deutschland keineswegs rein technologiegetrieben heraus, sondern im Einvernehmen zwischen dem Staat und den etablierten Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen.

Einführung neuer Berufe im Konsens

Dieser Dreibund der viel zitierten "Deutschland AG" sitzt beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) an einem Tisch, wenn es um die formelle Einführung neuer Berufe geht, wie vor einigen Jahren etwa im IT-Bereich. Die BIBB-Bediensteten haben den gesetzlichen Auftrag, den einvernehmlichen Entscheidungsprozess als neutrale Experten anzuregen und zu moderieren.

Zudem beobachtet und begutachtet das BIBB mit seinen fünfhundert Mitarbeitern, wie die einzelnen Wirtschaftszweige mit den alten und neuen Berufen zufrieden sind und wo die Aus- und Weiterbildung modernisiert werden muss. So erweisen sich die fünf neuen IT-Berufe vom Systemelektroniker bis zum Informatikkaufmann nach den ersten vier Jahren als voller Erfolg: Obwohl nur ein Drittel eines Altersjahrgangs in Deutschland zur Hochschulreife gelangt, hat jeder zweite "Auszubildende" in der Computerwelt Abitur und zieht trotzdem eine dreijährige Lehre im Fachbetrieb und der "Berufsschule" einem Hochschulstudium vor. Die Arbeit in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts wird immer anspruchsvoller, "akademischer". Das BIBB gibt dieser Entwicklung mit seinen neuen Berufsbildern konkrete, berufspraktische Gestalt.

Schwerpunkt Weiterbildung

Traditionell sind die "berufliche Bildung" und die Hochschulbildung in Deutschland zwei getrennte Welten. Ist die "Hochschulrektorenkonferenz" (HRK) unter anderem das maßgebliche Willensbildungs- und Beratungsgremium für die akademische Berufswelt vom Lehrer bis zum Arzt und Forscher, so nimmt das BIBB die gleiche Funktion für alle anderen Berufe und damit die allermeisten Arbeitnehmer in Deutschland wahr. Zugleich ist das Institut Sitz der Nationalen Agentur für die internationalen Berufsbildungsprogramme der Europäischen Union wie zum Beispiel Leonardo.

Neben der Ausbildung entwickelt sich immer mehr auch die Weiterbildung, das lebenslange Lernen, zu einem Themenschwerpunkt des BIBB. Eine branchenspezifische Beratung wird durch die neuen elektronischen Medien wie Internet und CDRom wesentlich erleichtert. In Internet-Foren zum Beispiel für Ausbilder ("foraus") können alle Beteiligten oder Interessierten sich über den neuesten Stand der Dinge informieren und Fragen und Tipps austauschen.

Berufliche Weiterbildung ist indes mehr als ein Tummelplatz für besonders Fleißige. Sie wird im "Bologna-Kopenhagen-Prozess" auf dem Weg in den gemeinsamen europäischen Bildungsraum zu einem erstrangigen Politikum. In zunächst nationalen "Qualifikationsrahmen", so die zuständigen Minister der Partnerländer in der EU, sollen die in der beruflichen und hochschulischen Bildung vorgesehenen Kompetenzen verglichen und etwaige Gleichwertigkeiten erkennbar werden. Federführend bei diesem sensitiven Auftrag ist für die Hochschulen die HRK, für die Berufsbildung das BIBB. Schon macht das Institut als politische Speerspitze der beruflichen Bildung deutlich: Unsere IT-Weiterbildung erreicht das Bachelor-Niveau der Universitäten! Worüber diese erst noch eingehend verhandeln wollen.

Bessere berufliche Chancen für Migrantenkindern

Das BIBB vertritt keineswegs nur die Sonnenseite der Berufsbildung. Es ist zugleich der Anwalt der Benachteiligten. Das sind oft Migranten mit besonderen Zusatzqualifikationen, die in der Arbeitswelt allerdings leicht verkannt werden. Ein Forschungsprojekt "Interkulturelle Kompetenzen junger Fachkräfte mit Migrationshintergrund" soll beispielsweise klären und Aufmerksamkeit dafür gewinnen, wie Zuwanderer etwa als Speditionskaufleute das Geschäft beflügeln oder als Arzthelfer/innen die Krankenbehandlung verbessern können. Im Übrigen entwickelt und erprobt das Institut etwa Ausbildungsmodelle für Jugendliche ohne Schulabschluss, die auf dem freien Arbeitsmarkt sonst praktisch chancenlos sind. Dieses Projekt heißt "good practice" – was mit Recht auch der Markenname für das BIBB überhaupt sein könnte.
Hermann Horstkotte
Der Autor ist Dozent an der Technischen Universität Aachen.

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Januar 2005

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