Institutionen

„Politische Kulturen der Weltgesellschaft“ – Dirk Messner im Gespräch

Dirk Messner; © Deutsches Institut für EntwicklungspolitikDirk Messner; © Deutsches Institut für EntwicklungspolitikKäte Hamburger Kollegs sollen weltweit von der Strahlkraft der deutschen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften künden und nach innen strukturelle Veränderungen in der deutschen Forschungslandschaft anstoßen. Goethe.de sprach mit Dirk Messner, einem der drei Leiter des jüngsten Kollegs „Politische Kulturen der Weltgesellschaft“, über den neuen Forschungsverbund und seine Praxis globaler Kooperation.

Herr Professor Messner, was verspricht sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) von internationalen geisteswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen wie den seit 2007 ins Leben gerufenen Käte Hamburger Kollegs?

Das Ministerium möchte mit den Käte Hamburger Kollegs dazu beitragen, exzellente deutsche Geistes- und Sozialwissenschaften in relevanten Forschungsfeldern zu stärken. Es geht um internationale Vernetzung und internationale Sichtbarkeit der Kollegs – und damit der deutschen Geisteswissenschaften.

Zudem sollen ganzheitliche Forschungsansätze unterstützt werden, die sich nicht nur auf Teilaspekte komplexer Problemzusammenhänge konzentrieren. Ziel ist es, international hochrangige Fachkollegen für die Arbeit der Kollegs zu gewinnen und besonders qualifizierte Postdocs an die Spitzenforschung heranzuführen.

Logo des Kulturwissenschaftlichen Instituts; © KWIDas Kolleg „Politische Kulturen der Weltgesellschaft“, dem Sie als einer von drei Leitern vorstehen und das 2012 an der Universität Duisburg-Essen seine Arbeit aufnehmen soll, geht ursprünglich auf eine Initiative des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Essen zurück. Wie kam es dazu und wer ist noch alles an diesem Projekt beteiligt?

Die Initiative ging von KWI-Direktor Professor Claus Leggewie aus, mit dem ich im Rahmen des „Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ eng zu Fragen der globalen Kooperation zusammenarbeite.

Logo des Instituts für Entwicklung und Frieden; © INEFProfessor Tobias Debiel, Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) in Duisburg, ist mit an Bord, weil er interessante Expertisen aus der Friedens- und Konfliktforschung einbringt.

Drei Kernanliegen

Was sind Ihre Anliegen?

Wir haben drei Kernanliegen, mit denen wir uns im Rahmen des Kollegs beschäftigen werden.

Erstens finden seit einiger Zeit tektonische Machtverschiebungen in Weltwirtschaft und Weltpolitik statt. Länder wie China, Indien, Brasilien, Indonesien und Südafrika gewinnen an Bedeutung. Unsere Forschungsnetzwerke sind aber noch immer stark durch die transatlantische Vergangenheit und westlichen Weltbilder geprägt. Wir werden in dem Kolleg vor allem mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Praktikern der internationalen Politik aus diesen aufsteigenden Ländern arbeiten, um die Gegenwart besser verstehen und die Zukunft besser gestalten zu können.

Universität Duisburg-Essen; © Pressestelle der Universität Duisburg-Essen

Zweitens besteht Einigkeit darüber, dass wir zukünftig ein deutlich höheres Niveau an internationaler Kooperation erreichen müssen, um Weltprobleme zu bewältigen. Dies gilt für den Klimawandel, die Notwendigkeit einer globalen Energiewende, die Stabilisierung der internationalen Finanzmärkte oder auch fragiler Staaten, die Neuerfindung der Demokratie unter Globalisierungsbedingungen. Wir wollen uns die erfolgreichsten Muster globaler Kooperation anschauen, um davon zu lernen. Wir werden gerade solche Kooperationserfolge untersuchen, die zuvor niemand für möglich hielt – in der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft, der Kultur.

Universität Duisburg-Essen; © Pressestelle der Universität Duisburg-Essen

Drittens werden wir radikal interdisziplinär arbeiten, um Wissen für die globale Kooperation von morgen zu schaffen. „Global Governance“ wird üblicherweise von Politik- und zuweilen von Wirtschaftswissenschaftlern untersucht. Wir wollen zudem mit Kulturwissenschaftlern, Kognitions- und Neurowissenschaftlern, Vertretern der evolutionären Anthropologie sowie Psychologen oder auch Innovationstheoretikern zusammenarbeiten, um den Geheimnissen der Kooperation auf die Spur zu kommen.

„Viel Synergiepotenzial“

Spiegelt sich in dieser kollegialen Kooperation zugleich eine konzeptionelle Aufgabenverteilung wider?

Claus Leggewie und das KWI stehen für die Kulturwissenschaften und viel Erfahrung in der interdisziplinären Forschung. Tobias Debiel bringt mit seinem INEF die politikwissenschaftliche Sichtweise und das Know-how über den Zusammenhang zwischen Entwicklung und Frieden ein.

Logo des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik; © DIEAn meinem Institut wird aus wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive zu globalen Entwicklungsfragen und internationaler Kooperation gearbeitet, oft in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus den Schwellenländern. Wir sehen da viel Synergiepotenzial.

Käthe Hamburger als Leitfigur

Wie viele derartige Kollegs sind bundesweit geplant, bereits realisiert und worin unterscheiden sie sich in Aufbau, Arbeit und Zielsetzungen von den anderen?

Geplant sind zwölf Kollegs. Unseres wurde von einer internationalen Gutachterkommission als zehntes Kolleg empfohlen. Alle Kollegs arbeiten interdisziplinär, international stark vernetzt und zu sehr unterschiedlichen Themen: Es geht zum Beispiel um Rechtskulturen, Religionsgeschichte, Kulturtechnikforschung, Theaterkulturen, Morphome des kulturellen Wissens und Medienphilosophie.

Universität Duisburg-Essen; © Pressestelle der Universität Duisburg-Essen Hat der Name Käte Hamburger irgendeine programmatische Bedeutung für die nach ihr benannten Kollegs und womöglich für Sie persönlich?

Käte Hamburger war die erste Frau, die in den deutschen Literaturwissenschaften habilitiert wurde. Während des Nationalsozialismus wurde sie verfolgt. Sie hat Literatur in Beziehung zu Ethik, Philosophie, neuen Medien untersucht und verstand sich als Humanistin und Aufklärerin. Ihr weiter Horizont, ihr entgrenztes Denken und ihr aufklärerisches Erbe haben programmatische Bedeutung für alle Käte Hamburger Kollegs.

Dirk Messner, Jahrgang 1962, studierte Politologie und Volkswirtschaftslehre in Berlin und Seoul. Er ist seit 2003 Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), dem er seit 2004 angehört. Als ausgewiesener Experte für Entwicklungs-, Weltwirtschaftspolitik und Global Governance lehrt er zudem Politische Wissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.
Roland Detsch
stellte die Fragen. Er arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2011

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