Humboldt als Quelle der Wertschöpfung

"'Made in Germany' – Deutsche Geisteswissenschaften im Prozess der Internationalisierung" Unter diesem Titel stand eine internationale Tagung des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut, die am 12. und 13. Februar 2008 in Essen stattfand. Die renommierten Geisteswissenschaftler, die als Referenten zu dieser Tagung eingeladen waren, wichen keineswegs den kritischen Phasen in der Geschichte der deutschen Geisteswissenschaften aus. Ganz im Gegenteil.
Vom Universalismus zum Germanozentrismus
Der Historiker Ulrich Herbert sowie der Germanist Georg Bollenbeck lieferten zu Beginn einen historischen und kulturwissenschaftlichen Abriss zur Geschichte der deutschen Geisteswissenschaft. In deren Blütezeit zwischen 1800 und 1860 haben der geistige Universalismus und das Humboldtsche Bildungsideal dominiert und der deutschen Universität ein hohes internationales Ansehen verliehen. Mit der Gründung des Deutschen Reiches transformierten sich die Geisteswissenschaften dann zu Legitimationsproduzenten staatlicher Politik. Der geistig-kulturelle Universalismus geriet in den Sog des Nationalismus, wurde ein "deutscher Universalismus", der sich das Fremde aneignete, um es zu überbieten. Die jüdische Tradition in der deutschen Kultur wurde parallel dazu als "undeutsch" gegeißelt und zu liquidieren versucht. Im Dritten Reich gelang dies dann auch weitgehend. Die jüdische Tradition überlebte im erzwungenen, zumeist amerikanischen Exil; darauf wies der Sozialwissenschaftler Michael Werz hin.Rückkehr der Exilanten in der Nachkriegszeit
Nach 1945 kehrten viele Geisteswissenschaftler aus der jüdischen Exilantengeneration nach Deutschland zurück. Personen wie Franz Neumann, Ernst Fraenkel, Hans Mayer, Ernst Bloch, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse oder auch Walter Benjamin, der post mortem wirkte, gaben der Geisteswissenschaft in Deutschland ihren Herzschlag zurück. Der Ruf deutscher Geisteswissenschaft in der Nachkriegszeit rührt jedenfalls nicht positiv von den Traditionen der "deutschen" Soziologie, die mit Namen wie Helmut Schelsky verknüpft ist. Die bessere Tradition der Geisteswissenschaft in Deutschland ist auf Seiten der Außenseiter zu finden – marxistisch, sozialistisch sowie jüdisch – und beruht auf der Reintegration zuvor als "undeutsch" gegeißelter Traditionslinien.Insofern ist es etwas fraglich, inwieweit nach 1945 dann eine nachholende Entgegensetzung des Geistes gegen die Diktatur stattgefunden habe, wie Herbert meinte, so als habe man sich nachträglich den Widerstand geschaffen, den man zwischen 1933 und 1945 gerne geleistet hätte. Bollenbeck trifft die Realität vermutlich eher, wenn er sagt, nach 1945 seien Reimporte in die Geisteswissenschaft in Deutschland nötig gewesen. Denn die oppositionelle Haltung der Geisteswissenschaften in der Nachkriegszeit wäre ohne die zurückgekommenen, zuvor aus dem Land gejagten, Exilanten kaum so widerständig ausgefallen. Ansonsten galt, was Jürgen Habermas über seinen Lehrer Wolfgang Abendroth stellvertretend für die wenigen, die im Dritten Reich Widerstand geleistet hatten, sagte: Er sei "Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer".
Unter dem Primat der Wertschöpfung
Ist man so besehen dabei, eine invention of tradition zu betreiben? Die selbstkritische Frage blieb unerörtert. Andere Fragen schienen wichtiger. Bis in die 90er Jahre hinein seien die Universitäten massiv unterfinanziert worden. Das Niveau der Geisteswissenschaften sei zwangsläufig unter das internationale gesunken, so Herbert. Die Geisteswissenschaften seien dem Druck ausgesetzt worden, Quelle der Wertschöpfung zu sein. Dieser Druck habe sich, so Herbert, produktiv dahingehend ausgewirkt, den Anschluss an das internationale Niveau zu erreichen und die nationale Selbstreferentialität zu überwinden.
Doch wo genau stehen die hiesigen Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften im globalen Kontext? Ist heute für die "deutsche Geisteswissenschaft" das Etikett "Made in Germany" wie für Industriegüter im 19. Jahrhundert eine Warnung, oder kommt es einem Gütesigel nahe? Haben wir es überhaupt heute mit einer deutschen oder einer internationalen Krise der Geisteswissenschaften zu tun? Ist das Nationale die richtige Ordnungskategorie im Zeitalter der Globalisierung? Was ist überhaupt "deutsch" an der deutschen Geisteswissenschaft?
Zunächst wurde man sich einig, dass man auf ziemlich hohem Niveau klagt. Immerhin genießt die Geisteswissenschaft nirgendwo anders auf der Welt – vielleicht noch in der Schweiz – einen so hohen und ebenso profitablen Stellenwert wie in Deutschland. Quantität könne mithin nicht das Problem sein.
Einen Hinweis, worin die Krise der Geisteswissenschaften besteht, gab indirekt Thomas Steinfeld, leitender Redakteur des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung. Er sei erleichtert, dass im Gegensatz zu den 60er und 70er Jahre die Geisteswissenschaften nicht mehr normativ ausgerichtet seien. Aber wenn die Wissenschaften sich heute nicht mehr der Aufklärung und der gesellschaftlichen Emanzipation verpflichtet fühlen, sondern dem Primat der Wettbewerbsfähigkeit - sind sie deshalb weniger normativ?
Interkultureller Austausch: Der Blick von außen
Einen gewissen Aufschluss gab auch der differenzierte Blick von außen. Zu diesem Zweck waren der Philosoph Kenichi Mishima aus Tokyo, der Soziologe Surendra Munshi aus Kalkutta, die US-amerikanische Philosophin Susan Neiman sowie deutsche Wissenschaftler mit langjähriger Auslandserfahrung wie die Literaturwissenschaftlerin Sandra Pott und der Sozialwissenschaftler Michael Werz zu Statements eingeladen.Mishima und Munshi betonten den nachhaltigen Einfluss der Deutschen auf die Geisteswissenschaft in Japan und Indien. Kant, Hegel, Marx und Weber seien in einem interkulturellen Transfer in Japan rezipiert worden – allerdings auf Basis "produktiver Missverständnisse". Denn es ist niemals stets der Theoretiker in Reinform, der rezipiert wird, betonte Mishima, wenn die Ausgangsbedingungen vor Ort ganz andere sind als die in dem Land, aus dem der Theoretiker stammt. Somit fallen die Lesarten und Interpretationen verschieden aus. Darum sagte Munshi: "It makes no sense to talk about import and export between different countries!"
Interkultureller Austausch müsse allerdings nicht immer produktiv sein. Die altehrwürdige Humboldt Universität sei zwar das Vorbild für den Aufbau von Universitäten auch in den USA – etwa für Columbia, Harward und Chicago –, aber nun, so Susan Neiman, werde in Deutschland das amerikanische Universitätsmodell mit den feudalen Traditionen der Ordinarienuniversität vermengt.
Made in Germany: Exportschlager "Humboldt"
Die vorgeschlagenen Lösungsansätze bewegten sich doch mehr in den Bahnen des Bekannten: Excellenzinitiativen, die Entwicklung einer Kultur des Dialogs, die Förderung der englischen Sprache. Bücher sollten massiv für den angelsächsischen Markt aufbereitet werden: in englischer Übersetzung, mit wenig Fußnoten, schlank und essayistisch geschrieben. Nebenbei solle aber die Internationalisierung der geisteswissenschaftlichen Produkte nicht zu Lasten des Niveaus gehen. Gerade Humboldt besitze "nach wie vor hohes Marktpotential in der Welt".Exportschlager "Humboldt"? In dieser Auffassung ist der emanzipative und universale Anspruch des Humboldtschen Bildungsideals bereits eingeebnet. "Deutsche Geisteswissenschaft" ist eine bornierte Wortwahl, besser sollte man von "Geisteswissenschaft in Deutschland" reden. Das Oberlandesgericht Stuttgart entschied 1995, dass das Zertifikat "Made in Germany" in dem Fall gegen das Wettbewerbsrecht verstößt, wenn der Grossteil eines Produkts nicht aus deutschen Rohstoffen besteht oder nicht aus deutscher Fertigung stammt. So ein plausibler Einwand könnte auch der "deutschen Geisteswissenschaft" gemacht werden.
"Was ist eigentlich von Ihnen selbst?", soll Hegels Haushälterin ihn einmal bei Tisch gefragt haben. Seine bescheidene und schlichte, aber deshalb zutreffende Antwort: "Nichts". Sein Werk besteht aus der Auseinandersetzung mit den Philosophien von Aristoteles über Descartes bis zu Kant, Adam Smith und David Ricardo. Das sind "Rohstoffe" aus aller Welt. Aus gleichsam "deutscher" Fertigung stammt bei Hegel nur die dialektische Aufhebung der Geschichte der universalen Philosophie. Das ist nicht wenig. Denn nichts anderes ist Wissenschaft als im wesentlichen Aufhebung; sie verträgt es nicht, national vereinnahmt oder sonst wie, etwa durch den Warencharakter, privatisiert zu werden.
Selbstbehauptung oder Humanität
Am Ende droht solche Geisteswissenschaft abermals expansionistisch zu werden. Wenn man wie Sandra Pott fordert, man müsse gemeinsam "aggressiver" werden, um sich international ein besseres Standing der deutschen Geisteswissenschaften zu erkämpfen, dann hat dieser Gedanke affirmativ auch auf der Tagung eine Protagonistin gefunden – bezeichnenderweise in der jungen Generation, in der der Konkurrenzkampf um die begehrten Universitätsstellen am höchsten ist.
Der Zwang zur Selbstbehauptung "nationaler" Geisteswissenschaften als Folge der gegenwärtigen Herabsetzung des Geistes zu einem Marktsegment ist allgemein zu verspüren. Je mehr das Konkurrenzprinzip vorherrschend wird, desto stärker werden die Ellenbogen der Geisteswissenschaftler sowie die der kulturindustriellen Lobbyisten im Sinne der national-ökonomischen Standortlogik ausgefahren. Auch das kam auf der Tagung zur Sprache: Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, sagte in seinem rhetorisch brillant vorgetragenen Resümee zum Abschluss, dass die "Entkolonialisierung unter den Bedingungen kolonialistischer Diskursregeln" stattfinde.
Vorzeigewürdig waren die "deutschen" Geisteswissenschaften immer nur dann, wenn sie ihren elitären und bornierten wie aggressiven Gestus abgelegt haben und gerade nicht "deutsch", sondern universal und human waren. Zumindest darin waren sich auf der Tagung fast alle einig.
ist Publizist, Soziologe und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Sozialistische Positionen. Zurzeit arbeitet er als Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaft der Leibniz Universität Hannover.
Copyright: Goethe-Institut
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
März 2008












