Schule und Lernen in Deutschland

Filmbildung in Deutschland im internationalen Vergleich

Schüler und Schülerinnen im Kinofoyer; © Christine Kisorsy / Vision KinoSchüler und Schülerinnen im Kinofoyer; © Christine Kisorsy / Vision KinoFilmbildung als Teil einer umfassenden ästhetischen Erziehung soll die Wirkungsweise audiovisueller Medien verständlich machen. An deutschen Schulen spielte sie in der Vergangenheit nur eine periphere Rolle. Doch seit einigen Jahren setzen sich Filmwirtschaft, Kulturinstitutionen und Bildungseinrichtungen gemeinsam dafür ein, sie flächendeckend und fächerübergreifend in den Lehrplänen festzuschreiben.

Der Startschuss fiel im Jahr 2003 beim Kongress „Kino macht Schule“, den die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) gemeinsam mit der Filmförderungsanstalt FFA ausrichtete. Dort wurde die so genannte „Filmkompetenzerklärung“ verabschiedet, in der die Verankerung des Mediums Film in den Lehrplänen gefordert wurde. Es folgte die Gründung der „Vision Kino gGmbH – Netzwerk für Film- und Medienkompetenz“. Die in Potsdam ansässige Institution begleitet und fördert bundesweit den Aufbau der notwendigen Strukturen, bietet zahlreiche Projekte wie beispielsweise die „Schulkinowochen“ an, stellt den Schulen filmpädagogisches Begleitmaterial zur Verfügung und stellt ihnen Medienpädagoginnen und -pädagogen zur Seite.

Die aktuelle Situation in Deutschland

Schülerinnen und Schüler während der Eröffnung der SchulKinoWoche Berlin 2007; © Huebener/mo-mentSo schlicht und einleuchtend das Programm der Initiative ist: Das föderale Bildungssystem in Deutschland erschwert die einheitliche Festschreibung eines Filmbildungscurriculums in den Lehrplänen aller Bundesländer.

Zwar sind die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) der übergeordnete Rahmen für die Umsetzung einzelner Fachlehrpläne in den jeweiligen Bundesländern, doch die Umsetzung dieser Bildungsstandards ist unterschiedlich weit fortgeschritten. Zurzeit ist Filmbildung deshalb im Wesentlichen immer noch dem Engagement einzelner Schulen und Lehrkräfte überlassen, die außerhalb des regulären Lehrplans private Zeit in Filmbildungsprojekte und Fortbildungen investieren.

Vorbild für andere deutsche Länder könnte die Hansestadt Bremen sein. Dort ist Film seit diesem Jahr verbindlicher Bestandteil im Zentralabitur des Fachs Deutsch. Die Abiturienten mussten sich zum Prüfungsthema Woyzeck den gleichnamigen Film von Werner Herzog aus dem Jahr 1979 erarbeiten.

Ziele von Filmbildung

Dreharbeiten einer Berliner Schulklasse; © ZoblKinder und Jugendliche wachsen heutzutage mit einer Flut von Medien auf. Durch den selbstverständlichen Umgang damit verfügen sie oftmals über eine größere praktische Kompetenz im Umgang mit diesen Medien als die Erwachsenen, aber nur selten über ein hinreichendes reflexives Wissen.

Die bei der praktischen Anwendung erworbenen Fähigkeiten können einem der Lehransätze der Filmbildung sehr zugute kommen: Selbst Filme zu drehen ist neben der theoretischen Filmanalyse sowie der kreativ-produktiven Aufarbeitung bestehender Spiel- und Dokumentarfilme, bei der die Schülerinnen und Schüler beispielsweise Bildergeschichten zum Film entwerfen oder das Drehbuch weiterschreiben, eine von mehreren möglichen Vorgehensweisen bei der Filmbildung. Gerade für Schülerinnen oder Schüler mit Migrationshintergrund, aus bildungsfernen und sozial schwachen Milieus erweist sich diese sinnlich-kreative Erfahrung oftmals als sehr positiv für ihre Entwicklung.

Neben der Stärkung des Selbstwertgefühls erweitert sowohl die praktische als auch theoretische Auseinandersetzung mit Film den intellektuellen Horizont: Filme können den Blick auf andere Kulturen und Lebensweisen weiten oder die individuelle Situation bewusst machen. Zudem ist die Teamarbeit beim gemeinsamen Dreh nachhaltig integrativ und fördert soziale Kompetenzen. Aus unkritischen Konsumenten werden kritische Rezipienten, die das Wesen und die Wirkungsweise des Mediums von innen heraus verstehen lernen. Allerdings erfordert die praktische Filmarbeit eine technische Ausstattung, die nicht zur schulischen Standardausstattung gehört.

Filmbildung in Europa

Der persönlichkeitsbildende Effekt von Filmbildung geht nachweislich deutlich über den der Vermittlung reinen Formalwissens hinaus. In Frankreich, Schweden, Großbritannien und den Niederlanden ist Filmvermittlung an Schulen deshalb landesweit längst fest in den Lehrplänen verankert; sowohl das Medium Film als auch Medienpädagogik genießen hier ein höheres Ansehen als in Deutschland. Mehrere Kinobesuche pro Jahr gehören dort ganz selbstverständlich zum Unterricht aller Jahrgänge und die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, ihre individuellen Interessen in Form von Projektarbeit in die schulische Bewertung einzubringen.

In Großbritannien ist das British Film Institute (BFI) mit seinem Konzept der „moving image media education“ federführend bei der Entwicklung filmerzieherischer Curricula. Und auch in Frankreich ist die „siebte Kunst“ längst ein selbstverständlicher Bestandteil des nationalen Bildungsauftrags. Das Buch Kino als Kunst des Filmemachers und Filmtheoretikers Alain Bergala, der das von dem ehemaligen Bildungsminister Jack Lang ins Leben gerufene Schulfilmprogramm Le cinéma a l'école leitete und auch eine DVD-Reihe für den Unterricht einwickelte, gilt als Standardwerk über die Grenzen Frankreichs hinaus.

Auch wenn in Deutschland nach wie vor verbreitet Skepsis gegenüber dem Bildungswert des Massen- und Unterhaltungsmediums besteht: Film ist in all seinen Erscheinungsformen ein lohnender Gegenstand und dankbares Mittel der Wissens- und Erfahrungsvermittlung, für das sich junge Menschen begeistern können und mit dem kompetent umzugehen die Schule sie lehren sollte!

Buchtipps

Alain Bergala: Kino als Kunst: Filmvermittlung an der Schule und anderswo. Schüren Verlag 2006

James Monaco: Film verstehen: Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der Medien. Mit einer Einführung in Multimedia. Rowohlt, 10. Aufl. 2000

Rüdiger Steinmetz: Filme sehen lernen. Teil 1. Grundlagen der Filmästhetik. Mit DVD. Zweitausendeins, 6. Auflage 2006

Rüdiger Steinmetz: Filme sehen lernen, Teil 2. Wie Licht, Farbe, Sound die großen Gefühle verstärken. 2 DVDs. Zweitausendeins 2008

 
Stefanie Zobl
ist Filmjournalistin und Autorin filmpädagogischer Texte.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2009

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