Hochschule und Studium in Deutschland

Jüdische Theologie und Ausbildung in Deutschland

Rabbinerstudentin des AGK; © Tobias BarniskeRabbinerstudentin des AGK; © Tobias Barniske

Ein neues Zentrum für jüdische Studien, bald ein neues Kolleg für jüdische Theologie und bereits mehrere Stätten der Rabbiner-Ausbildung: Jüdische religiöse Ausbildung erlebt derzeit in Deutschland einen ungeahnten Aufschwung. Das soll einem jüdischen Gemeindeleben dienen, für das es in Deutschland kein historisches Vorbild gibt.

Mitte 2012 eröffnete Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) in Berlin das neue „Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg“. Die Universitäten Berlins und Potsdams haben sich hier mit zwei jüdischen Bildungsinstitutionen zusammengetan, um Forschung zu jüdischer Theologie, Kultur und Geschichte zu vernetzen. Die Bundesregierung unterstützt das Zentrum mit knapp sieben Millionen Euro bis zum Jahr 2017. Davon sollen vor allem Professorenstellen und Nachwuchswissenschaftler gefördert werden.

Absolvent des AGK; © Tobias BarniskeIm August wurde dann bekannt, dass es an der Universität Potsdam ein weiteres Institut für jüdische Studien geben soll: Die Potsdam School of Jewish Theology soll im Unterschied zum Berlin-Brandenburger Zentrum konfessionell gebunden sein, also entsprechend der christlichen theologischen Fakultäten an den Universitäten den Nachwuchs jüdischer Theologen in Deutschland ausbilden. Pläne einer eigenen jüdischen theologischen Fakultät in Potsdam wurden damit fallen gelassen.

Rabbiner und Kantoren aus 13 Ländern

Eine treibende Kraft hinter beiden neuen Institutionen ist das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam mit seinem Direktor Walter Homolka. Es bildet Rabbiner und Kantoren (Vorsänger) für jüdische Synagogengemeinden aus – und zwar in der liberalen Tradition des Reformjudentums. Hier ausgebildete Rabbiner sind schon in zahlreichen deutschen Gemeinden tätig: etwa in Berlin, München und Hannover, Erfurt, Duisburg und Hamburg. Derzeit studieren 17 Männer und zehn Frauen am Abraham-Geiger-Kolleg. Nur neun der künftigen Kantoren und Rabbiner stammen aus Deutschland, die übrigen kommen überwiegend aus Osteuropa, aber auch aus Israel, Norwegen, Argentinien und Südafrika.

Noch vor Kurzem gab es in Deutschland nur wenige liberal ausgerichtete Gemeinden. In den sogenannten „Einheitsgemeinden“ des Zentralrats der Juden in Deutschland dominierte die orthodoxe Ausrichtung des Judentums. Inzwischen haben sich jedoch 25 liberale Gemeinden in der Union progressiver Juden in Deutschland zusammengeschlossen. „Aber unsere Absolventen gehen durchaus auch in konservativ und traditionell ausgerichtete Gemeinden“, sagt Hartmut Bomhoff, Sprecher des Abraham-Geiger-Kollegs. Angestrebt wird eine friedliche Kooperation der verschiedenen jüdischen Richtungen.

Ordination 2011 in Bamberg; © Tobias Barniske

Der jüdische Pluralismus erwacht

Dabei wächst der Zentralrat der Juden in die Rolle eines Dachverbands eines zunehmend pluralen Judentums in Deutschland hinein. Bei einer Ordinationsfeier in Bamberg im November 2011, bei der auch eine Frau in ihr Amt eingeführt wurde, stellte sein Präsident Dieter Graumann progressives und orthodoxes Judentum ausdrücklich auf eine Stufe: „Es soll jeder nach seiner Fasson fröhlich und jüdisch und glücklich sein können.“

Absolvent des AKG; © Tobias BarniskeDiese neue Situation bildet den Hintergrund für die Blüte jüdischer Ausbildungsinstitutionen. Seit 1979 gibt es in Heidelberg die vom Zentralrat getragene, der Universität angegliederte Hochschule für jüdische Studien. Sie bildet vor allem jüdische Religionslehrer aus. Die Rabbiner kamen zunächst häufig aus dem Ausland und hatten mitunter große Schwierigkeiten, sprachlich und kulturell in Gemeinden integriert zu werden, die selbst den Integrationsprozess von wenigen Alteingesessenen und vielen Zugewanderten durchliefen. Durchaus erfolgreich etablierten sich in dieser Situation auch streng orthodoxe Bewegungen aus Israel und den USA wie die Organisation Chabad Lubawitsch und die Ronald S. Lauder Foundation.

Blütezeit des liberalen Judentums

Insgesamt aber wurde die neue Situation vor allem zur Stunde des liberalen Judentums. Die bislang umfassendste, vom „L.A. Pincus Fund for Jewish Education in the Diaspora“ in Auftrag gegebene Studie zum Judentum in Deutschland (2010) befragte 1.200 Juden im Land. Eines der Ergebnisse: Über 30 Prozent der neuen Gemeindemitglieder bezeichnen sich selbst als „säkular“, also als nicht religiös gebunden. Ihnen sind die orthodoxen Lebensregeln fremd. Dennoch wollen sie überwiegend bewusst als Juden leben.

„Hier finden unsere liberalen Rabbiner leichter einen Zugang“, sagt Hartmut Bomhoff vom Geiger-Kolleg. „Insbesondere viele Frauen wollen sich nicht mehr mit ihrer traditionellen Rolle etwa im Gottesdienst abfinden“, betont er. Wie sich die eingewanderten Juden orientieren, die in der Vergangenheit oft gar kein Gemeindeleben kennengelernt haben, läge häufig an den Rabbinern, denen sie zuerst begegnen: „Wer nur den orthodoxen Rabbiner und die Einheitsgemeinde kennt, glaubt häufig, das sei das Judentum schlechthin“.

AGK-Jahrestagung; © Tobias Barniske

Vielfältige Bindungen

„Lasst hundert neue Rabbiner blühen“, ist Dieter Graumanns neue Antwort auf diese Situation. So gibt es neben dem Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg eine orthodox ausgerichtete Rabbinerschule in Berlin-Mitte. Und die konservative Richtung – traditionell zwischen orthodox und liberal angesiedelt – will künftig ebenfalls in Potsdam ihre Rabbiner ausbilden: an der „Ziegler School of Rabbinic Studies“. Die Konzentration in und um die Bundeshauptstadt ist kein Zufall – hat Berlin mit 11.000 Mitgliedern doch die mit Abstand größte jüdische Gemeinde in Deutschland. Frankfurt und München folgen mit großem Abstand mit zwischen 4.000 und 5.000 Mitgliedern.

Die Studie des Pincus-Funds zeigt sich deutlich beeindruckt von dieser historisch beispiellosen Entwicklung des Judentums in jenem Land, das im vergangenen Jahrhundert dessen Vernichtung unternahm. Die neue jüdische Community knüpft an eine jüdische Vielfalt der Vorkriegszeit an, obwohl die heutigen Gemeindemitglieder keine Nachkommen der damaligen deutschen Juden sind. Traditionen werden nach einem fast totalen Traditionsbruch wiederbelebt.

Ordination 2011 in Bamberg; © Tobias Barniske

Ein Teil von Deutschland sein

1948 hatte der jüdische Weltkongress erklärt, künftig solle kein Jude mehr deutsches Territorium betreten. Inzwischen betonen jüdische Repräsentanten immer wieder, die Zeit des Lebens auf gepackten Koffern sei vorbei. Dennoch zeichnet die Pincus-Studie ein differenziertes Bild: Das typische Vorkriegsselbstbewusstsein, „deutsche Juden“ zu sein, kehrt so wohl nicht zurück. Die Einwanderer entwickeln zwar allmählich ein stärkeres Gefühl der Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft. Gleichzeitig leben aber viele ihrer Verwandten und Freunde in Israel und in der alten osteuropäischen Heimat. Auch diese Bindungen werden weiter gepflegt.

Offensichtlich entsteht in Deutschland das, was sich im Kleinen auch am Abraham-Geiger-Kolleg beobachten lässt: ein transnationales, multikulturell geprägtes, plurales Judentum, das selbstverständlich zu diesem Land gehören will.

Gregor Taxacher
ist Theologe und arbeitet als Redakteur des Westdeutschen Rundfunks sowie als freier Autor (Schwerpunkt unter anderem: Christentum, Judentum und Islam) in Köln.

Alle Fotos: © Tobias Barniske

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Deutschland denkt

Deutschland denkt
Deutsche Wissenschaftler gibt es viele, aber wie findet man genau die wissenschaftlichen Experten, die für ein aktuelles Projekt gebraucht werden?

Weblog: Shaping the Humanities

Der Arabische Frühling aus der Perspektive der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften

Deutsch in den Wissenschaften

Welche Rolle spielt Deutsch als Wissenschaftssprache? Eine Konferenz und ein Kreativwettbewerb wollen das herausfinden.

Twitter

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland