Deutschland entdeckt seine Elite-Universitäten

Fast ein Tabubruch: Erstmals stellten sich die deutschen Universitäten dem direkten Vergleich ihrer Forschungs-kapazität. Internationale Experten wählten die besten aus, die aussichtsreichsten Kandidaten für den Wettbewerb in der Weltklasse.
Der wirklichkeitsfremde Traum von der Gleichwertigkeit aller deutschen Hochschulen ist ausgeträumt. "Die besten deutschen Universitäten werden jetzt weltweit noch sichtbarer und im globalen Wettbewerb der Bildungsstandorte stärker." Das erklärte Bundesforschungsministerin Annette Schavan Mitte Oktober zum Abschluss eines offiziellen Exzellenz- oder Elitewettbewerbs unter dem Hochschulen im Lande Humboldts. Er lief in zwei Bewerberrunden 2006/7. Rund 400 Fachexperten, darunter mehr als 300 Spitzenforscher aus aller Welt, haben geprüft, welche Unis sich als Ganzes oder teilweise auf Weltniveau aufgestellt haben und im akademischen Bereich als global players gelten können.
Das klare Ergebnis: Neun von mehr als über hundert deutschen Universitäten haben Strahlkraft in alle Welt. Neben den Traditionsstandorten Freiburg, Göttingen, Heidelberg sowie der Ludwig-Maximilians Universität München sind das die viel jüngere Freie Universität Berlin, gegründet 1948, die gerade vierzig Jahre alte Uni Konstanz sowie die Technischen Hochschulen in Aachen, Karlsruhe und München. Weitere 31 Universitäten scheinen in bestimmten Bereichen beispielsweise der Nachwuchsausbildung in speziellen Graduiertenschulen oder in der Kooperation etwa mit der Industrieforschung Weltklasse zu erreichen.
Ungleichheit darf sich sehen lassen
Insgesamt 37 Unis, fast genau ein Drittel von allen in Deutschland, räumten sämtliche Auszeichnungen ab, zwei Drittel gingen ganz leer aus. "Dieses Ergebnis zeigt die Differenzierung in der Hochschullandschaft", stellt der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, fest. "Die zählebige Idee von der Gleichwertigkeit aller unserer Hochschulen ist endgültig tot." Die Differenzierung drückt sich so gar geografisch aus. Zwölf, also fast ein Drittel der herausragenden Universitäten, liegen in den deutschen "Südstaaten", in Baden-Württemberg (7) und Bayern (5). Von Süden nach Norden zeigt sich ein kontinuierliches Gefälle. Von den Hochschulen in den neuen Bundesländern seit der deutschen Vereinigung 1990 waren überhaupt nur vier erfolgreich. Peter Frankenberg, der baden-württembergische Forschungsminister, sieht einen klaren Zusammenhang zwischen Geist und Wirtschaft: "Wer bei uns im Lande studiert, hat beste Aussichten hier auch einen hoch anspruchsvollen Arbeitsplatz zu finden." Deutsche Weltunternehmen wie Daimler, Bosch, Porsche, Heidelberger Druckmaschinen, SAP haben ihren Stammsitz in Baden-Württemberg. Gehälter wie Mieten, also die Einkommen insgesamt, sind hier im Vergleich mit ganz Deutschland überdurchschnittlich hoch. Das Gleiche gilt für die bayerische Landeshauptstadt München mit gleich ihren zwei Elite-Universitäten.Science schlägt Humanities
Lebenswissenschaften, neue Werkstoffe, Mikroelektronik, das sind die dominierenden Themen des Elitewettbewerbs. Gegenüber der ersten Runde konnten in der zweiten allerdings die Geistes- und Sozialwissenschaften (Humanities) aufholen. Auf sie entfielen diesmal sechs von 21 Graduiertenschulen, zum Beispiel über African Studies, Muslim Cultures oder Literary Studies; von zwanzig "Exzellenz-Clustern" zwischen Hochschulen und außeruniversitärer Forschung befassen sich vier mit kulturellen Fragen, etwa dem Zusammenhang von Religion and Politics.
Das schlechte Abschneiden der Geisteswissenschaften hat bei manchen Betroffenen zu scharfzüngigen Reaktionen geführt. Der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Dieter Borchmeyer, kritisiert eine "Verabsolutierung naturwissenschaftlich-technischen Denkens, die Ansicht, dass dieses allein Forschung und Bildung, Wesen und Aufgabe der modernen Universität repräsentiert." Der Kritiker zieht das bittere Resümee: "Diejenigen Wissenschaften, welche das Bild und die Struktur der deutschen Universität mit ihrer weltweiten Auswirkung geschaffen haben, sind nunmehr zu Fremdlingen im eigenen Hause geworden." Dieser Rückverweis auf die deutsche Universitätstradition wird indes an einer Anekdote fraglich, an die der Wissenschaftsrat, das höchste Gremium zur Politikberatung, in einer Empfehlung erinnert: 1920 lehnte der berühmte Literaturwissenschaftler Ernst Robert Curtius einen Ruf an die Technischen Hochschule Aachen, die Elite-Uni von heute, mit der Befürchtung ab, dort vom Professor für Heizung und Lüftung mit "Herr Kollege" angeredet zu werden. Realitätsfremder geisteswissenschaftlicher Dünkel ist seither noch nicht ausgestorben.
Das Ergebnis der Exzellenzinitiative kann die Geisteswissenschaftler zu neuem Nachdenken über ihren Auftrag und Nutzen und die Einheit von Forschung und Lehre veranlassen. Tatsächlich lernt jeder vierte Student Fächer der Humanities – ohne dass diese nach internationalem Urteil entsprechende Exzellenz in der Forschung vorweisen. Mithin scheint für sie der Weg aus der Forschungs- in die reine Lehruniversität vorgezeichnet. Übrigens: Das Musterland Baden-Württemberg hat die geisteswissenschaftlichen Disziplinen, soweit sie der Lehrerausbildung dienen, immer schon außerhalb der Universitäten in "Pädagogischen Hochschulen" angesiedelt.
Innovativer Schwung und Sprung
"Es gibt im Wettbewerb nur Gewinner, keine Verlierer", meint Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates. Dabei bezieht er sich auf die Aufbruchstimmung, die der Wettbewerb in allen Unis hervorrief. So gut wie keine stand abseits. Immerhin ging es auch um insgesamt zwei Milliarden Euro, die Bund und Länder den (37) Gewinnern im Laufe von fünf Jahren bieten. Allerdings war Geld höchstens ein sekundärer Anreiz; so hat die Aachener Hochschule ohnehin einen Jahresetat von einer halben Milliarde Euro und bekommt als Elite-Uni jetzt gut zwanzig Millionen mehr. In erster Linie ging es den teilnehmenden Universitäten vielmehr um das bestmögliche Abschneiden im rein wissenschaftlichen Ranking. Nur wenige hielten sich überhaupt fern. Nahezu überall, in allen Instituten und Gremien, wurden Entwicklungspläne für eine organisatorische Erneuerung (über starke Hochschulleitungen) und eine wissenschaftliche Schwerpunktsetzung erarbeitet.Im Organisatorischen erwies sich insbesondere die stärkere Vernetzung der Hochschulen mit außeruniversitärer Forschung als zukunftsweisend. "Wenn die Spitzenuniversitäten in Deutschland mit denen in den USA gleichziehen sollen, dann muss sich die öffentliche Förderung entschieden auf die Hochschulen konzentrieren", rät etwa Rolf Hoffmann, Direktor der Deutschen Fulbright-Kommission. Big Science verlangt eben Big Money. Tatsächlich kamen Karlsruhe und Aachen vor allem wegen ihrer Zusammenarbeit mit benachbarten staatlichen Forschungszentren auf Spitzenplätze.
Zudem haben sich alle Universitäten in der Exzellenzinitiative zu der Erkenntnis durchgerungen, nicht in sämtlichen Disziplinen Spitze sein zu können, vielmehr im internen Wettbewerb die eigenen Stärken verstärken zu müssen. Auch wer jetzt nicht zum Zuge kam, wird die entsprechenden Pläne verwirklichen: Schon damit die Arbeit daran nicht vergeblich war. Und weil es, wie Bundesforschungsministerin Schavan versprach, in vier, fünf Jahren eine nächste Wettbewerbsrunde gibt, in dem alle wieder mit womöglich verbesserten Chancen antreten können.
Der Autor ist Wissenschaftsjournalist in Bonn.
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
November 2007















