Kunstsommer Mittelpunkt Provinz

Bundespräsident Theodor Heuss (2.v.l.) mit Arnold Bode (l) bei der Documenta in Kassel 1955
Bundespräsident Theodor Heuss (2.v.l.) mit Arnold Bode (l) bei der Documenta in Kassel 1955 | Foto: dpa - Bildarchiv

Die Avantgarde der Kunst zieht es dieses Jahr nicht nach Paris, London oder New York – sondern nach Kassel und Münster. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte zweier Schauen.

Der elegante Herr mit der schmalumrandeten Brille war direkt aus New York angereist, mit dem Flugzeug. Das war im Jahr 1955 noch keine Selbstverständlichkeit. Doch als Gründungsdirektor des Museum of Modern Art hat man keine Zeit zu verlieren, vor allem, wenn man so bedeutenden Leihgaben wie den großen Gemälden von Henri Matisse und Pablo Picasso hinterherreist, die – erstmals nach dem Krieg – nach Deutschland ausgeliehen wurden. In Frankfurt gelandet war Alfred H. Barr allerdings überrascht, dieses Kassel war ja gar kein Vorort der hessischen Metropole, sondern lag gut vier Stunden Zugreise entfernt. E. R. Nele, Künstlerin und Tochter des Documenta-Gründers Arnold Bode, erinnert sich an den völlig überrumpelten Besucher: „Er kam am Kasseler Bahnhof an, der kaputt war, ging durch kaputte Straßen und fragte sich, wo denn die Documenta sei.“

Die erste Ausstellung in Kassel war Begleitprogramm einer Bundesgartenschau

Der Gast aus Amerika, er war vermutlich zu erschüttert, um noch groß einzugreifen in diese erste Documenta, die damals gerade in die ausgebrannte Ruine des Museums Fridericianum einzog. Die Wände waren rau verputzt, die Bilder wurden auf dem staubigen Fußboden ausgepackt, es gab keine Klimaanlage, kein Alarmsystem. Die Ausstellung, zu der fast siebenhundert bedeutende Werke der Moderne nach Kassel geholt worden waren, gehörte ja auch nur zum Begleitprogramm einer Gartenschau. Aber das Bemühen um die Kunst war unübersehbar: Der Kurator Arnold Bode, eigentlich selbst Künstler, hatte die Säle mit weißer Folie verhängt, sanft strömte Tageslicht in die Ruine und ließ die Schönheit der noch zehn Jahre zuvor von den Nationalsozialisten diffamierten Moderne strahlen.

Mehr als 130.000 Besucher sahen diese erste Documenta, es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die im Sommer 2017 – vorläufig – damit fortgesetzt wird, dass New Yorker Museumsdirektoren ihre Tickets buchen, um in die deutsche Provinz zu reisen. Wie ihre Kollegen in London und Paris, Mexiko City, Peking, Sydney oder Los Angeles. Und wie Hunderttausende Besucher, die vielleicht nur aus Frankfurt, München oder Berlin kommen.

Dass der Tross in diesem Jahr 2017 besonders groß ist, liegt daran, dass in diesem Frühjahr gleich vier besondere Ausstellungen in Europa stattfinden: Neben der Documenta 14 in Kassel und den alle zehn Jahre stattfindenden Skulptur-Projekten in Münster, die beide am 10. Juni eröffnen, findet in Venedig ja auch die Biennale statt, die vom Mai bis in den November läuft. Und in Athen hat, als erste Etappe des Kunstjahres sozusagen, schon im April die Documenta ihren zweiten Spielort bezogen. Vier Stationen, viermal zeitgenössische Kunst. Jahre wie 2017 – an denen die unterschiedlich getakteten Großausstellungen alle in einem Sommer stattfinden – verändern die Szene nachhaltig: Am Ende dieses Sommers werden neue Namen diskutiert, neue Werke gehandelt werden. Und die Installationen, Fotografien, Videos, Performances und Gemälde, die zu sehen waren, bilden so etwas wie einen Kanon, weil alle, die international Kunst ausstellen, darüber schreiben, damit handeln oder sie sammeln, sie selbstverständlich gesehen haben müssen. Von vielen Stoffbildern und Textilskulpturen in den Hallen der venezianischen Arsenale über die gewaltigen Werke wie den Parthenon of Books, der in Kassel von der Argentinierin Marta Minujín aus Tausenden von Büchern aufgebaut wird, bis zu den zahllosen Performances – von denen die im deutschen Pavillon in Venedig, der Faust von Anne Imhof, mit einem Goldenen Löwen belohnt wurde.

Doch wie kommt es, dass ausgerechnet Deutschland und dann zwei Provinzstädte wie Münster und Kassel das Zentrum des Geschehens sind, und nicht Paris, London oder wenigstens Berlin? Es ist kein Zufall, der sich allein aus den unterschiedlichen Rhythmen der Ausstellungen ergibt. Es gibt einfach keine vergleichbaren Anstrengungen in anderen Ländern. Schon die Gründung der Documenta in der Nachkriegszeit ist auch zu verstehen aus dem dringenden Wunsch der Öffentlichkeit, wieder Anschluss zu finden an die westliche Kultur, an New Yorker Museen und Pariser Avantgarde. Als Arnold Bode mit Begriffen wie „Dokumentation“ und „Dokumente“ herumreimte, bis ihm das schlanke, internationale „Documenta“ einfiel, da erfand er eine Ausstellung, wie es noch keine gab. Die große Überblicksschau, mit der er die Moderne zehn Jahre nach Ende der NS-Herrschaft mit den Deutschen versöhnen wollte, sollte ja anders sein als beispielsweise die Biennale in Venedig: bloß keine Betonung des Nationalen. Kein Wettstreit. Keine Jurys. Die Kunst sollte in Kassel die Kunst bleiben dürfen, nichts repräsentieren außer sich selbst, als internationale Avantgarde, als Wert an sich.

Die nächste Ausgabe der Documenta blickte nicht länger zurück, sondern feierte die zeitgenössische Abstraktion, die lebendige Kunst. Eine so zeitgenössische Vorstellung war neu. Und sollte die Nachkriegskunst entscheidend beeinflussen, weil sie funktionierte. Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der Documenta 14, sagt im Interview, dass er nicht so sehr an einen Genius loci glaube wie an den „Geist eines Projekts“. Übertragen auf die Geschichte der Documenta, dieses Kunstwunders, ist offensichtlich vor allem die Ungebundenheit, die Kassel ihr ermöglichte, das Arbeiten fernab von bedeutenden Sammlungen oder besonders aktiver Szenen der entscheidende Vorteil. Eine Documenta beginnt alle fünf Jahre von vorne.
Die Ausstellung war immer dann besonders stark, beispielsweise unter Kuratoren wie Harald Szeemann mit seiner Documenta 5 im Jahr 1972, wenn sie Neues wagte. Finanzierung und Besucher waren immer da, über Jahrzehnte.

Und auch die Skulptur-Projekte Münster konnten sich, nachdem die ersten Ausgaben im Jahr 1977 und 1987 ihrem Erfinder Kasper König sensationell gelungen waren, darauf verlassen, dass sie, schon wegen der touristischen Bedeutung, zur festen Größe wurden. Wenn sich eine so dauerhafte Förderung dann mit großen Namen verbindet, weil die internationale Avantgarde von Bruce Nauman bis Rosemarie Trockel zum Stammgast wird, dann entsteht eine Tradition, die man groß nennen darf.

Eine verlässlich finanzierte Kulturpolitik ist die Stärke der kleineren deutschen Städte

So einen Rahmen zu schaffen, das ist die Stärke der deutschen Provinz. Und einer verlässlich finanzierten Kulturpolitik. Die Bundesrepublik der Nachkriegszeit musste noch um den Anschluss an die westliche Kultur kämpfen. Aber auch nach dem Ende der Spaltung in West und Ost, nach der Wiedervereinigung, die Kassel aus der Peripherie in die Mitte Deutschlands verschob, blieb in Deutschland selbstverständlich, was andernorts nicht nur unvorstellbar war, sondern es gerade auch wieder wird: Museen, die unabhängig von staatlichen Vorgaben sammeln und ausstellen. Ein – fast – kostenloses Kunststudium. Die verlässliche Förderung von Kunstvereinen, Ausstellungshallen, Off-Spaces. Ein reicher Kunstmarkt. Und ein erfahrenes Publikum, eine sachkundige, kunstaffine Öffentlichkeit, deren Blick geschult ist an alter und klassischer Kunst, die aber auch zeitgenössische Experimente debattiert. Spielort Athen? Das war vielleicht für Einzelhändler in Kassel eine kontroverse Entscheidung, das Publikum begleitete die Entscheidung der Documenta 14, nach Athen zu gehen, jedoch mit Neugier. Schon Okwui Enwezor hatte seine Documenta 11 mit Konferenzen auf allen Kontinenten vorbereitet, die Documenta 13 hatte kleine Ableger in Kabul und Banff unterhalten. Deutschland hat sich solche Auftritte großzügig geleistet.

Tausende werden nun den Kunstsommer 2017 nach Kassel und Münster begleiten. Vielleicht begegnen sie dort einem älteren Herrn, Jonas Mekas, Autor, Experimentalfilmer, Fotograf. Der im Jahr 1922 in Litauen geborene Künstler ist einer der ältesten Teilnehmer, die je zu einer Documenta eingeladen wurden. Die Fotografien, die er zur Ausstellung schickte, erzählen von Reisen jenseits des friedlichen Ausstellungszirkus. Denn Jonas Mekas war schon einmal in Kassel. Als ehemaliger Zwangsarbeiter, der nach Kriegsende zu einer „displaced person“ wurde, lebte er bis zu seiner Emigration nach New York in einem Lager in Kassel, zurückgelassen von einer grausamen Geschichte, die einen Kontinent zerrissen hatte und unzählige Biografien. Der Titel seiner Tagebücher, die jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erscheinen: Ich hatte keinen Ort.