23. Juni 2026
Rede anlässlich des Festakts 75 Jahre Goethe-Institut


–Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Frank-Walter Steinmeier,
liebe Frau Büdenbender, wir freuen uns sehr, Sie heute hier begrüßen zu dürfen.

Sehr geehrte Frau Staatministerin Serap Güler,
sehr geehrte Exzellenzen,
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Deutschen Bundestages,
Liebe Mitglieder des Goethe-Instituts, liebes Präsidium, lieber Vorstand,
Liebe Alumni des Goethe-Instituts,
liebe Partner, liebe Gäste und Freund*innen des Goethe-Instituts,
Herzlich Willkommen.

Radikale Freundlichkeit und kritische Hoffnung

Nach Ihren so wichtigen und klugen Gedanken zu sprechen, lieber Herr Bundespräsident, ist nicht leicht.
Ich fange daher anders an, und möchte Ihnen von zwei Begegnungen erzählen, die mich in den letzten Monaten besonders berührt haben. Diese zwei Begegnungen verbinden sich mit zwei Motiven, die mich seither inspirieren: es ist die radikale Freundlichkeit und die kritische Hoffnung. Lassen Sie mich erzählen, warum.

Die erste Begegnung im Januar dieses Jahres war in Ungarn. Ich traf Hajnalka Somogyi, Kuratorin der OFF-Biennale in Budapest, Preisträgerin der Goethe-Medaille. Vor 12 Jahren hat sie unter Präsident Victor Orbán eine inoffizielle Biennale für Kunst und Kultur ins Leben gerufen, – ohne öffentliche Mittel, in Off-Spaces, unter enormem Druck und persönlichen Anfeindungen. Und trotzdem wächst seitdem diese Community, die durch Kunst ihren Protest zeigt und für Kunstfreiheit eintritt. Ich fragte Hajnalka, wie sie das mache, wie sie das aushalte. Ihre Antwort: mit Radikaler Freundlichkeit. Radikale Freundlichkeit ist ihre Antwort auf den Druck, sie verbindet die Community und hält den Widerstand aufrecht, um für die Freiheit der Kunst und der Meinung als demokratische Grundprinzipien einzustehen. Radikale Freundlichkeit ist Ausdruck großen Mutes. Sie bedeutet, unerschrocken und trotzdem zugewandt für seine Werte einzutreten. Sie steckt Nelken in Gewehre.

Und sie wird Thema der nächsten OFF-Biennale sein – nach der Wahl nun unter sehr viel positiveren Vorzeichen. Es hat sich gelohnt. Die zweite Begegnung war in Vietnam, in Hanoi. Ich bin im März dort gestrandet, weil mein Flug zurück über Doha wegen des Iran-Krieges gecancelt wurde. Ich erlebte im Institutsalltag, wie groß auch hier der Druck auf die Freiheit ist: Hier werden Kunst- und Kulturprogramme von offizieller Seite zensiert, und wir sind fast der einzige Raum im ganzen Land außerhalb der Zensur, in dem über Migration und Identität gesprochen werden kann, über die vietnamesische Diaspora in Deutschland, die durch Arbeitsmigration und Flucht zu uns gekommen ist – und deren Themen jetzt im Deutschen Pavillon in Venedig durch Sung Tieu zu sehen sind. Ich spreche mit Künstlerinnen und Künstlern, aber auch mit Sprachschülerinnen und Azubis, die nach Deutschland kommen wollen, mit Pflegekräften und angehenden Zerspanungsmechanikern – was sie mit Deutschland verbinden. Ihre Antwort: Es ist die kritische Hoffnung auf die Zukunft.

Hoffnung auf Freiheit von Zensur, auf eine Zukunft in Wohlstand, auf Verlässlichkeit, Sicherheit und Demokratie.
Kritische Hoffnung ist ein Begriff, den Paolo Freire Ende der 1960er Jahre in Brasilien entwickelt hat. Damals hat Freire gegen soziale Ungleichheit, Armut und Gewalt das Konzept der kritischen Hoffnung entwickelt: alternative Zukünfte zu entwickeln, hoffnungsvoll und gemeinsam, auf der Grundlage der kritischen Analyse der Gegenwart.

Radikale Freundlichkeit und Kritische Hoffnung – das sind die zwei Motive, die mich seitdem begleiten, und die unsere Arbeit am Goethe-Institut beschreiben. Das verkörpern wir als Teil Deutschlands überall in der Welt: als radikales Freundschaftsangebot an die Menschen vor Ort, in 100 Ländern, als kritische Hoffnung auf gemeinsame, alternative Zukünfte. Wir sind Kulturdiplomaten – jede einzelne Institutsleiterin in 154 Instituten, von San Francisco bis Wellington über 19 Zeitzonen hinweg, jeder unserer 4400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Instituten, von Ulaanbaatar mit -40 Grad bis Neu-Delhi mit + 40 Grad. Da muss man schon resilient sein.

Unsere Mission

Als Kulturdiplomaten verbindet das Team des Goethe-Instituts Deutschland mit der Welt und macht Deutschland in all seinen Facetten erlebbar. Und die Grundlage dafür ist die Freiheit – die Kunstfreiheit, Meinungsfreiheit, als Basis unserer Demokratie. Was bedeutet das konkret für unsere Arbeit in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik als Teil der Außenpolitik? Wir haben drei Schwerpunkte: Sprache, Kultur, Information.

Wir setzen uns seit 75 Jahren für die deutsche Sprache weltweit ein. Mit über 250.000 Teilnehmenden an unseren Sprachkursen und 1,1 Millionen Deutschprüfungen pro Jahr haben wir alle Rekorde gebrochen. Die deutsche Sprache ist eine Voraussetzung, um zum Studium oder als Fachkraft nach Deutschland zu kommen – und das ist eine wichtige Perspektive für viele junge Menschen weltweit, eine Bereicherung für unsere Gesellschaft, aber auch ein großer Bedarf der deutschen Wirtschaft. Hier arbeiten wir Hand in Hand mit der GIZ, der AHK, dem DAAD und vielen lokalen Partnern, um die besten Köpfe nach Deutschland zu holen – und bereiten sie auf die Zeit hier vor, helfen bei praktischen Fragen, auch mal bezüglich des deutschen Wetters.

Dabei ist Sprache nicht nur eine Voraussetzung für den Weg nach Deutschland, sondern ein Mittel des Verstehens, ein Einblick in unsere Sicht auf die Welt, wie Deutschland tickt. Dabei nützen KI-Übersetzungen nur bedingt – so sagte Hölderlin so schön: Dichterisch wohnet der Mensch. Heidegger griff dieses Motiv auf – unser Mensch-Sein ist mit der Sprache aufs engste verbunden. Ein schöner Gedanke, oder? 

In unserer Kulturarbeit mit über 22.000 Veranstaltungen pro Jahr erreichen wir weltweit 6,7 Millionen Menschen – und verbinden zum Beispiel auf unserem Filmfestival in Mexiko deutsche Spielfilme mit mexikanischen Kurzfilmen, auch in kleinen Kinos auf dem Land. Wir betonen das Gemeinsame unserer Kulturen, entwickeln gemeinsame Zukünfte durch das Erleben von Kunst und Kultur – und das ist sinnlich, körperlich, lässt uns anders auf unsere Gegenwart schauen, sie begreifen, aber auch kritisch diskutieren.
In unserer Informations- und Bildungsarbeit können wir auf die größte Bibliothek in deutscher Sprache stolz sein – also die größte dezentrale, da müssen wir ehrlich sein – mit 87 Bibliotheken weltweit, die einladen, Hölderlin und Heidegger im Original zu lesen. Aber gerne auch Der Räuber Hotzenplotz.

75 Jahre, wo kommen wir her?

Und diese Mission begann 1951 – lassen Sie uns kurz zurückblicken in diese Zeit, in der das Grundgesetz gerade zwei Jahre alt war. Unsere Mission entstand aus einer klaren Notwendigkeit heraus: nach dem moralischen Bankrott Deutschlands der Nazizeit, nach der Barbarei, die wir im Krieg in der ganzen Welt verantwortet haben, war es eine grundsätzliche Frage: Wie wieder mit der Welt in Kontakt treten? Wie eine gemeinsame Zukunft entwerfen? 
Und der Gedanke war: Das durch Kultur, Sprache und Bildung zu tun! Das war eine sehr gute Idee! Und das war von Anfang an als Dialog konzipiert – nicht als deutsche Leitkultur, das lag zum Glück hinter uns – sondern als Gegenseitigkeit, Zuhören, Gemeinsames entwickeln, auf den Grundlagen einer neuen Demokratie. Und: wir haben uns als unabhängiger Verein gegründet – nicht als Teil der Regierung, sondern als sogenannter Mittler, der im Auftrag der Regierung die programmatische Kulturpolitik aufbaut. Und diese Gründungsprinzipien prägen uns noch heute!
Wenn wir auf unsere Geschichte zurückblicken, die damals begann, so waren es nie ruhige Zeiten – in den 1970er Jahren herrschte der linksextremistische Terror und bedrohte unsere Institute in Madrid und Paris, 1987 mussten wir unser Institut in Teheran schließen, nachdem Rudi Carell in seiner Satire-Sendung einen Sketch über den iranischen Führer Ajatollah Chomeini gemacht hatte.

Ab Ende der 1980er nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs erlebten wir den Aufbau unserer Institute in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, nach dem 11. September 2001 die Zeiten des islamistischen Terrors, in den 2010er Jahren begann die stärkere Kooperation auf dem afrikanischen Kontinent, und nun, heute, den Bruch gewohnter Ordnungen. Die Erschütterung des Konzepts des Westens, das für Deutschland und Europa so konstituierend war. Dazu kommen zunehmende Verunsicherung durch die entsetzlichen Kriege und Konflikte, die immensen geopolitischen Spannungen und gezielte Fake News und Propaganda zur Destabilisierung von Gesellschaften und Demokratien.

Lieber Herr Steinmeier, Sie sagten in Ihrer Rede im Auswärtigen Amt zu dessen 75-jährigem Jubiläum, man müsse die Welt in unseren Köpfen neu vermessen und einen neuen Kompass anlegen. Ja, und für diesen Kompass brauchen wir die Goethe-Institute weltweit, als Resonanzräume im Sinne Hartmut Rosas, für gemeinsame Perspektiven für die Zukunft, kritisch-hoffnungsvoll.

Was bedeutet das für das Goethe-Institut?

Was liegt vor uns?
Das Goethe-Institut baut seine kulturpolitische Rolle aus, als Teil der Außenpolitik, und tut das als unabhängige Organisation eines Vereins. Denn genau das schafft uns die notwendigen Freiräume und stärkt unsere Glaubwürdigkeit. Das tun wir als Team gemeinsam mit den anderen Mittlern: DAAD, ifa, AvH, DAI, Auslandsschulen – starkes Team, tolles Netzwerk, das wir heute in der Welt dringend brauchen. Wir treten auch stärker im europäischen Verbund auf – etwa in unseren gemeinsamen Kultur Ensembles mit dem Institut français und der Alliance française. Gemeinsam werden wir so resilienter in einer Welt, in der Krisen zur Regel geworden sind.
Ein Schwerpunkt ist für mich dabei, die Digitale Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik auszubauen. Ziel ist es, noch wirksamer zu werden und unsere Kommunikation strategisch so auszubauen, dass wir den neuen Realitäten einer digital vernetzten Welt gerecht werden.

Das bedeutet auch, ernst zu nehmen, wie KI unsere Arbeit beeinflusst. Diese Technologie verändert das Sprachen-Lernen fundamental, aber auch unsere Arbeitsabläufe. Wir wollen KI fair und ethisch nutzen und damit noch mehr Menschen auf der Welt für die deutsche Sprache und unsere Kultur – einschließlich unserer Werte – begeistern.

Für diese Mission brauchen wir ein flexibles Netzwerk: unsere Aufgabe ist es, an Orten präsent zu sein, an denen wir eine starke deutsche und europäische Stimme brauchen: in denen die Demokratie unter Druck gerät, oder in autokratischen Machstrukturen, in denen Bürgerrechte unterdrückt werden. Dieses Netzwerk wollen wir weiterentwickeln – auch wenn es aufgrund der sinkenden Mittel und des angespannten Haushaltes nicht leicht ist.

Radikale Freundlichkeit und kritische Hoffnung – das sind dabei unsere Leitgedanken, das ist unsere Haltung, mit der wir als Kulturdiplomaten Deutschland mit der Welt verbinden.

Sie sehen, wir haben einiges vor.

Nächste Woche begrüßen wir unsere neue Generalsekretärin, Gitte Zschoch, von der ich weiß, dass sie – gemeinsam mit unserer Kaufmännischen Direktorin Doreen Kirmse – diese großen Aufgabenmit Mut und Engagement angehen wird – und aufbaut auf dem großartigen Goethe-Institut, wie wir es heute kennen, das Johannes Ebert in 14 Jahren als Generalsekretär geprägt hat.

Mir bleibt noch zu danken.

Ganz herzlich bedanken möchte ich mich bei unseren Sponsoren und Spendern Bertelsmann, der BMW Group, Evonik Industries AG, Holtzbrinck, der Volkswagen Group, sowie der Adolf Würth GmbH & Co. KG. - für die Unterstützung unseres Jubiläumsjahrs.Außerdem gilt ein großes Dankeschön den Berliner Festspielen und insbesondere dem Hausherrn des Abends, Matthias Pees, - danke, dass ihr uns euer Haus und euer Team für den heutigen Abend zur Verfügung stellt, lieber Matthias. Am Freitagabend sind wir noch einmal hier zu Gast, wenn die großartige Sasha Waltz einen ganz besonderen Abend anlässlich unseres Jubiläums gestaltet – ein Jubiläumshighlight. 

Ich danke besonders auch dem Auswärtigen Amt für die gute Zusammenarbeit, liebe Christina, und all unseren Partnern, die dieses Programm mit uns möglich machen – und natürlich dem gesamten Team des Goethe-Instituts, für die wunderbare Organisation des Abends und des gesamten Jubiläumsprogramms. Das ist einfach toll, was ihr hier geleistet habt.

Auf die nächsten 75 Jahre!

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