28. August 2026
Rede anlässlich der Verleihung der Goethe-Medaille 2026


- Es gilt das gesprochene Wort - 

Sehr geehrter Herr Staatsminister Krichbaum,
sehr geehrter Herr Präsident des Thüringer Landtags, Thadäus König,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kleine,
sehr geehrte Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
liebe Christina Beinhoff,
liebe Gitte Zschoch,
liebe Jury der Goethe-Medaille,
liebe Gäste,
- ganz besonders: liebe Anita Raja, lieber Prodromos Tsinikoris, lieber Michael Pärt!

„Einmal im Leben zur rechten Zeit sollte man an etwas Unmögliches geglaubt haben.“

Dieser Satz stammt aus Nachdenken über Christa T. von Christa Wolf, erschienen 1968.

Liebe Anita Raja, Sie haben viele der Werke dieser Autorin ins Italienische übersetzt. An etwas Unmögliches glauben – dieser Satz beschreibt in Christa Wolfs Werk die Hoffnung einer ganzen Generation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es war die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft, um ein gerechteres, freieres und menschlicheres Leben zu verwirklichen. Christa Wolfs Roman entstand in der DDR und sie verbindet mit diesem Satz den Wunsch nach einem humanen, demokratischen Sozialismus. Er ist ambivalent zu lesen: als Glaube an eine bessere Welt, der nicht verschweigt, dass die Hoffnung an der gesellschaftlichen Realität zerbrechen kann.

Mich fasziniert dieser Satz, weil er auch heute so aktuell ist, wie er es damals war. Es geht darin auch um den Mut, sich eine bessere gesellschaftliche und persönliche Wirklichkeit vorzustellen – trotz aller scheinbaren Unmöglichkeiten. Die 68er – in denen Christa T. geschrieben wurde – stand in vielen Teilen der Welt für Aufbruch, Veränderung, radikales Denken und die Projektion einer anderen Zukunft.

So ist auch der Glaube an etwas Unmögliches ein Motiv, das Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hat, in beiden Teilen, unabhängig vom jeweiligen politischen System. Die Visionen gingen in ganz unterschiedliche Richtungen und wir kennen die Entwicklungen, die daraus hervorgingen. Dieser Moment des Mutes zur Veränderung ist jedoch etwas, das besonders war und einen Aufbruch markiert hat. In dieser Zeit des Aufbruchs wurde auch das Goethe-Institut gegründet – 1951, als Nachfolge-Organisation der Deutschen Akademie, die mit Ende des Zweiten Weltkrieges aufgelöst worden war. Gründungsmoment des Goethe-Instituts war der Glaube an das Unmögliche, dass die Welt mit Deutschland nach dem Grauen der Nazi-Zeit wieder in Kontakt treten könne – durch Kunst, Kultur und Sprache. Und das Unmögliche ist wahr geworden – wir haben ein radikales Freundschaftsangebot an die Welt gesendet, sind heute in 100 Ländern und über 150 Instituten aktiv und verbinden Deutschland mit der Welt.

Diesen Mut, an das Unmögliche zu glauben, brauchen wir heute wieder, in einer Zeit der politischen Verunsicherung, der Kriege und Krisen, einer Zeit der Angriffe auf die Demokratie. Diesen Mut brauchen wir als Gesellschaft und als Individuen.

Einmal im Leben zur rechten Zeit sollte man an etwas Unmögliches geglaubt haben.

Haben Sie schon mal an etwas Unmögliches geglaubt?

Kultur und Sprache sind immer wieder Quelle dieses Mutes, der dem Glauben an etwas Unmögliches entspringt. Kunst bricht sich Bahn, um uns in unserem Mensch-Sein zu spiegeln. Freiheit ist ihre Grundlage. Gerade deshalb werden Kunst und Kultur von autoritären Systemen so gefürchtet, gerade deshalb von Rechtspopulisten für ihre Vision einer Gesellschaft instrumentalisiert. Auch Christa Wolf geriet mit dem SED-Regime in Konflikt, auch wenn sie einem utopischen Sozialismus anhing – sie wollte die Gesellschaft gerechter gestalten und trug mit ihrem Werk zu diesem Möglichkeitssinn bei.
Lassen Sie uns deshalb auf die Freiheit von Kunst und Kultur achtgeben, denn sie ist die Quelle unseres Möglichkeitssinns und muss gedeihen können.

Heute feiern wir mit der Goethe-Medaille die Kraft von Kunst, Kultur und Sprache, unsere Gesellschaft zu verändern, Verbindungen von Deutschland zur Welt zu knüpfen – und umgekehrt. Die GoetheMedaille ist der wichtigste Preis der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik der Bundesrepublik Deutschland – seit 1955 – und ehrt diejenigen, die sich in ganz besonderer Weise um den Kulturaustausch und die deutsche Sprache verdient gemacht haben.

Der Glaube an das Unmögliche zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografien unserer Ausgezeichneten, die wir heute ehren wollen – und die wir als Protagonisten des Mutes verehren:

Anita Raja hat nicht nur die Werke von Christa Wolf ins Italienische übersetzt, sondern auch Texte von Büchner, Bachmann, Kafka oder Brecht sowie zahlreiche Gedichte und Essays von in Italien nahezu unbekannten Autorinnen. Damit hat sie maßgeblich zu einem besseren Verständnis der deutschen Kultur und Geschichte in Italien beigetragen und insbesondere die Türen zu Ostdeutschland und Osteuropa geöffnet. Christa Wolf wurde durch diese Übersetzungen in den 1980er-Jahren zu einer Ikone des feministischen und pazifistischen Denkens in Italien.

Anita Raja, Sie selbst glaubten immer an die utopische Kraft der Sprache –auch als Gründungsdirektorin der Biblioteca Europea in Rom 2005, die sie über 10 Jahre leiteten. Sie sind eine Verfechterin des „Rechts auf Lesen“ und Dank Ihres mutigen Einsatzes haben zahlreiche Menschen – für die der Zugang dazu nicht selbstverständlich war – den Weg zur Literatur gefunden.

Arvo Pärts Glaube an das Unmögliche zeigt sich in der Kraft seiner Musik. Beim Schreiben dieser Rede habe ich Spiegel im Spiegel sicher ein Dutzend mal gehört – so wunderbar! Mit seiner Kompositionstechnik des „Tintinnabuli“ (lateinisch für Glöckchen) hat Arvo Pärt es geschafft, Menschen auf der ganzen Welt zu berühren, sie eins werden zu lassen mit seiner Musik, die im Kern so einfach scheint und gleichzeitig von so großer Tiefe ist. Sein künstlerisches Schaffen erforderte großen Mut.

In der Sowjetunion stießen seine frühen Stücke auf Ablehnung; 1980 musste er mit seiner Familie emigrieren – über Wien führte ihn sein Weg als DAAD-Stipendiat nach Berlin, wo er eine neue künstlerische Heimat fand und über Jahrzehnte das kulturelle Leben mitprägte. Pärt hat den Glauben an das Unmögliche nie aufgegeben: dass Musik mehr sein kann – dass sie Raum schafft für Menschlichkeit. Mit Arvo Pärt erhält in diesem Jahr erstmals ein Este die Goethe-Medaille – ein wichtiges Zeichen für die deutsch-estnischen Beziehungen – und in Zeiten des Krieges in der Ukraine ein starkes Symbol für den Zusammenhalt zwischen West- und Osteuropa.

Danke, lieber Michael Pärt, dass Sie heute den Preis für Ihren Vater in Empfang nehmen werden – auch Sie sprechen Deutsch, und seine Musik hat Ihr Leben sicherlich tief geprägt.

Das Werk von Prodromos Tsinikoris ist von dem tiefen Glauben geprägt, dass Kunst bewirken kann, was Politik oft nicht vermag: Vorurteile zu überwinden und Formen des gesellschaftlichen Miteinanders zu schaffen. Das ist sein Unmöglichkeitssinn. Mit seinem dokumentarischen Theater gibt Prodromos Menschen einen Raum, die allzu häufig überhört und übersehen werden – Migranten, Geflüchtete, Obdachlose oder Opfer von Antisemitismus und gesellschaftlichem Schweigen.

Als Kind griechischer Arbeitsmigranten in Deutschland, in Wuppertal geboren und aufgewachsen, verkörpert Prodromos Tsinikoris selbst die Brücke zwischen Identitäten, Sprache und Kulturen – und damit auch die kritische Vergangenheit, die seine beiden Heimatländer schmerzhaft miteinander verbindet. Sein Theaterstück 96% wird hier in Weimar aufgeführt und handelt von der fast vollständigen Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Thessaloniki während der deutschen Besatzung. Prodromos leistet mit seinem Werk einen wichtigen Beitrag zur europäischen Erinnerungskultur. Er steht für ein offenes und selbstkritisches europäisches Kulturverständnis und ist einer der wichtigsten kulturellen Mittler zwischen Deutschland und Griechenland.

So vereint alle drei Preisträgerinnen nicht nur der Glaube an das Unmögliche, sondern sie setzen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Erinnerung, Ausgrenzung, und dem Sichtbarmachen verdrängter Geschichte auseinander. Sie werfen neue Blicke auf Deutschland – als schützenden Ort des künstlerischen Exils, der Kultur großer Autor*innen, der Arbeitsmigration, aber auch der Geschichte der Naziverbrechen.

Gleichzeit verkörpern alle drei Preisträger auf ganz besondere Weise die europäische Idee. Ihre Biografien sind von den Bruchlinien der europäischen Geschichte geprägt – von Diktatur und Exil, Migration und der Frage nach Zugehörigkeit sowie den Nachwirkungen von Verfolgung und Holocaust. Gerade in einer Zeit, in der Europas Zusammenhalt, seine demokratischen Werte und seine kulturelle Souveränität von innen wie von außen angegriffen werden, stehen sie für ein Europa, das seine Vielfalt als Stärke begreift, historische Verantwortung annimmt und an Offenheit, Freiheit und solidarischem Miteinander festhält. Das inspiriert uns alle! Danke dafür!

Zum Schluss bleibt es mir nur noch, zu danken: Ich möchte mich ganz herzlich bedanken bei der Stadt Weimar und der Klassik Stiftung Weimar für die Unterstützung hier vor Ort, dem Kunstfest Weimar für die Mitwirkung am Kulturprogramm, den Musikerinnen des calens vocalensemble, der Deutschen Welle und Willie Schumann für die schönen Portraits und besonders der Verlagsgruppe Holtzbrinck für die Unterstützung des Kulturprogramms zur Goethe-Medaille in Weimar und Berlin.

ein herzlicher Dank gilt der Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille – einige Mitglieder der Jury sind heute hier, was mich sehr freut – und insbesondere dem Vorsitzenden Thomas Oberender – lieber Thomas, danke für eure engagierte und verantwortungsvolle Arbeit. Die Sorgfalt und Aufmerksamkeit, mit der ihr unsere Preisträger auswählt, verleiht diesem Preis großes Gewicht – vielen Dank dafür.

Ich danke außerdem dem Auswärtigen Amt für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und den Kolleginnen und Kollegen des Besucherprogramms, der Kommunikation und ganz besonders des Veranstaltungsmanagements für die wunderbare Vorbereitung und Organisation der Netzwerkreisen, der Festtage und der Verleihung.

 

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