Mittelosteuropa „Global Control and Censorship“

Lichtinstallation „Stelae“ (2015) von Hasan Elahi | Foto: ZKM Center for Art and Media Karlsruhe
Lichtinstallation „Stelae“ (2015) von Hasan Elahi | Foto: ZKM Center for Art and Media Karlsruhe

Big Data = Big Problem? Am 29. April eröffnet in Tallinn die Ausstellung „Global Control and Censorship“. Internationale Künstlerinnen, Wissenschaftler und Aktivistinnen thematisieren Zensur im digitalen Zeitalter. Das Spektrum reicht von Lichtinstallationen, Fotografien, Videos bis hin zu Kunstaktionen wie „Letters to Edward Snowden“, bei dem Besucher Botschaften hinterlassen können, die dem Whistleblower nach der Ausstellung zugestellt werden.
 
Tallinn, Žilina, Riga, Vilnius, Warschau, Prag, Budapest und Ljubljana
ab dem 29. April 2017 

„Wissen ist Macht. Noch mehr Macht hat jedoch, wer den Fluss der Informationen beherrscht. Dies gilt vor allem in der digitalen Kultur, in der alle Informationen im weltweiten Netz unkontrollierbar überwacht und manipuliert werden können.“ So beschreibt der Kurator Bernhard Serexhe das Problemfeld der schwindenden Privatsphäre. Während digitale Kommunikationsformen bislang als Hoffnungsträger einer neuen demokratischen Teilhabe gegolten hätten, seien sie zuletzt als Türöffner einer perfekten Überwachung missbraucht worden.

Netzwerk mit Aktivisten

Die Ausstellung „Global Control and Censorship“ untersucht das unaufhaltsame Eindringen von Überwachung und Zensur in unserem Lebensalltag. Sie beleuchtet Chancen und Schattenseiten, die mit dem Begriff Big Data verbunden sind. Bernhard Serexhe und Lívia Nolasco-Rózsás vom ZKM | Zentrum für Kunst und Medien haben sie gemeinsam kuratiert und ursprünglich im Rahmen des Kunstereignisses „GLOBALE“ in Karlsruhe 2015/2016 präsentiert. In Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten in Mittelosteuropa geht „Global Control and Censorship“ nun mit ausgewählten Kunstwerken durch acht osteuropäische Städte auf Tour: Am 29. April eröffnet die Ausstellung in Tallinn und reist im Herbst 2017 weiter nach Žilina (Slowakei) sowie 2018 nach Riga, Vilnius, Warschau, Prag, Budapest und Ljubljana.
 
Das Konzept zur Ausstellung ist in enger Zusammenarbeit mit einem Netzwerk aus Wissenschaftlern, Journalistinnen und Aktivisten entstanden, darunter das PEN-Zentrum Deutschland, der Chaos Computer Club, Reporter ohne Grenzen sowie Plattformen wie WikiLeaks, netzpolitik.org und digitalcourage.de.

Chancen und Risiken der Digitalisierung

An der Ausstellung beteiligt sind Künstlerinnen und Künstler aus rund 20 Ländern, die über 30 Werke zeigen. Neben interaktiven Exponaten stehen Videoarbeiten, Malereien, Zeichnungen, Fotografien, Installationen und skulpturale Objekte sowie Filme, Sound Art, Performances und Workshops auf dem Programm.
 
Mit „Letters to Edward Snowden“ (2015/2017) hat die französische Künstlerin Alice Cavoukdjian dite Galli während der Ausstellung in Karlsruhe dem Whistleblower Edward Snowden einen geschützten Arbeits- und Aufenthaltsraum zur Verfügung gestellt. Snowden war seitens des ZKM | Karlsruhe offiziell eingeladen worden, diesen Raum zu nutzen. In der Ausstellung in Tallinn können die Besucherinnen und Besucher ihre Botschaften an Edward Snowden in seinem Briefkasten hinterlassen.
 
Der ungarische Künstler Erik Mátrai bringt in seiner Lichtinstallation „Turul“ (2012) ungarische Mythologie und heutige Überwachung zusammen: Die Schatten einer Überwachungskamera stellen den sagenhaften Vogel Turul dar, der in der Mythologie ein Symbol für Macht ist. Durch ihn wird ein omnipräsenter Beobachter dargestellt, dessen allsehendes Auge die Manifestation einer prototypischen Überwachung ist.
 
Der in den USA lebende Künstler Hasan Elahi zeigt in seiner Installation „Stelae“ (2015) eine Collage aus tausenden von Fotografien über regenbogenfarbene und von Monoskopen inspirierte Leuchtkästen verstreut, die für Elahis vollständige Sammlung an Fotografien und Daten steht. Die Installation basiert auf einem fortlaufenden Selbstüberwachungsexperiment des Künstlers, der sein Leben seit 2002 genauestens dokumentiert.

Tournee durch Mittelosteuropa

In Estland wie auch in den anderen beteiligten Ländern ist die Erfahrung mit Überwachung während der Zeit der Sowjetunion noch präsent. Gleichzeitig sehen die Regierung sowie Bürgerinnen und Bürger großes Potenzial in einer intelligenten und intensiven Nutzung der Digitalisierung. Der Einsatz digitaler Medien in allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens ist weithin akzeptiert und wird kaum hinterfragt. Im Rahmen von „Global Control and Censorship“ sollen positive und negative Aspekte aufgezeigt werden sowie Möglichkeiten, digitaler Kontrolle innovativ zu begegnen.
 
Dazu bietet auch das Begleitprogramm zur Ausstellung in Tallinn reichlich Gelegenheit. In einer Filmreihe wird David Bernets Dokumentation „Democracy – Im Rausch der Daten“ gezeigt. Sie schildert den Kampf eines jungen Abgeordneten für ein europäisches Datenschutzgesetz. In der anschließenden Diskussion spricht der Regisseur mit estnischen Expertinnen und Experten für Cyber Security. Die Workshops „Clever im Netz“ sensibilisieren Schülerinnen und Schüler wie Erwachsene für den Umgang mit privaten Daten und eine Podiumsdiskussion nimmt die Überwachungs­kameras im öffentlichen Raum in den Blick. In der Theater-Koproduktion „Distinguishing Marks“ („Erkennungsmerkmale“) untersucht das amerikanisch-deutsche Performance-Duo „Chris Kondek & Christiane Kühl“ gemeinsam mit estnischen Künstlerinnen und Künstlern am 22. Mai die unsichtbaren und dunkleren Seiten der virtuellen Umgebung in „E-Estonia“ – einer Bezeichnung Estlands für seine digitale Fortschrittlichkeit im Bereich E-Governance.
 
„Global Control and Censorship“ ist ein Projekt des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit ZKM | Zentrum für Kunst und Medien und lokalen Ausstellungspartnern wie die Tallinner Kunsthalle oder die Nová synagóga Žilina sowie lokalen und deutschen Bildungs- und Kulturpartnern. Die Ausstellung wurde ursprünglich von 2015 bis 2016 im ZKM im Rahmen der „GLOBALE“ gezeigt. Für die Tournee durch acht osteuropäische Städte wurde sie neu kuratiert.

Kontakt:

Viola Noll
Pressereferentin
Goethe-Institut Hauptstadtbüro
Tel.: +49 30 25906 471
noll@goethe.de
 
Dr. Eva Marquardt
Leiterin
Goethe-Institut Tallinn
Tel.: +372 6276 966
eva.marquardt@goethe.de