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Was die Welt uns zu sagen hat

Johannes Ebert, Generalsekretär und Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts
Johannes Ebert, Generalsekretär und Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts | Illustration/Foto: Luci Götz / Agentur Jutta Fricke

70 Jahre Goethe-Institut: ein Gespräch mit der Präsidentin des Goethe‑Instituts Carola Lentz und dem Generalsekretär Johannes Ebert über die großen Themen der Zukunft und die Frage, welchen Beitrag die größte deutsche Mittlerorganisation zu Debatten in Deutschland leisten kann.

Die großen Themen, die derzeit die Politik beschäftigen, eigentlich aber die ganze Welt, sind Ökologie und Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Migration, die Folgen der Pandemie.

Johannes Ebert: Das sind in der Tat die Themen, die auch das Goethe-Institut global beschäftigen. Ich würde den von Ihnen genannten Themen allerdings auch die Frage der Arbeit in illiberalen Kontexten hinzufügen.

Welche Rolle kann auswärtige Kulturpolitik, wie das Goethe‑Institut sie betreibt, spielen? Welche Rolle sollte sie spielen?

Carola Lentz: Eine der Lehren der 70-jährigen Geschichte des Goethe‑Instituts ist, dass unsere weltweiten Netzwerke uns sehr viele Impulse aus den jeweils lokalen und regionalen kulturellen Szenen vermitteln, die wir in die Diskussionen in Deutschland zurückspielen können. Diese Impulse erweitern den Horizont für Debatten, die oft sehr auf Europa und auf die Bundesrepublik verengt geführt werden. Unsere Arbeit bedeutet, ständig mit der Welt im Gespräch zu sein. Wir sind überzeugt, dass Sprache, Kultur und Bildung Veränderungspotenziale freisetzen.

Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Johannes Ebert: Wir organisieren weltweit Konferenzen zum Thema Nachhaltigkeit für Schülerinnen und Schüler. Daran nehmen mexikanische, amerikanische, chinesische Jugendliche teil, mit zum Teil ganz kleinen Projekten aus ihren Heimatländern. Dort entsteht dann aber ein Geist, der verdeutlicht: Das ist unser gemeinsames Problem, das sind unsere gemeinsamen Herausforderungen. Eben diesen Geist zu kreieren, ist eine unserer schönsten und wichtigsten Aufgaben.

Digitalisierung und Ökologie hängen ja bei einer so international aufgestellten Institution wie dem Goethe‑Institut eng zusammen und sind natürlich auch befeuert worden durch die Pandemie.

Johannes Ebert: Das Goethe‑Institut hat sich sehr früh mit der Digitalisierung beschäftigt. Wir sind 1995 ins Netz gegangen, haben 2013 die letzte große „Digitalstrategie“ verabschiedet, dann 2018 ein digitales Audit, mit dem wir uns stark weiterentwickelt haben. Und wir waren – glücklicherweise – fähig, von einem Tag auf den anderen ins Homeoffice zu gehen, als die Coronakrise begann. Zahlreiche digitale Sprachlernangebote, die wir zuvor entwickelt hatten, konnten wir dann sofort nach oben skalieren und damit weltweit arbeiten. Und in der weltweiten Kulturarbeit sind ganz neue Formate entstanden.

War die Digitalisierung eine Art Innovationsschub für Ihre Projekte?

Johannes Ebert: Ja. Wobei ich betonen möchte, dass die Digitalisierung zwar vieles ermöglicht, was vorher kaum denkbar war. Trotzdem sind die Räume der Goethe‑Institute als Begegnungsorte, als Lernorte wichtiger denn je. Vor allem weil der Druck auf Zivilgesellschaft und Kultur in vielen Ländern immer höher wird. Aber insbesondere auch, weil wir gerade in der Coronapandemie gelernt haben, dass die echte menschliche Begegnung durch nichts zu ersetzen ist.

Muss die auswärtige Kulturarbeit in einem globalisierten Umfeld neu gedacht werden?

Johannes Ebert: Die Zeiten, in denen „der Westen“, also die europäische und die angelsächsische Welt, die Richtung bestimmte, sind vorbei. Wir leben in einer multipolaren Welt, geprägt auch von China, Russland oder der Türkei. Ländern also, die sich bisweilen anderen Werten verpflichtet fühlen als wir. Deswegen muss sich unserer Ansicht nach eine zukünftige auswärtige Kultur- und Bildungspolitik noch stärker in einen Modus des Zuhörens begeben, um dann zu erkennen, mit welchen Angeboten aus Deutschland, aus Europa wir zu einer positiven zivilgesellschaftlichen Entwicklung beitragen können. Nur wenn wir zuhören und wirklich auf die Bedürfnisse der kulturellen Szenen und der Bildungsszenen im Ausland eingehen, wenn wir gemeinsam etwas entwickeln, schaffen wir Vertrauen. Uns geht es darum, für ein friedliches Miteinander in einer vielfältigen Welt einzutreten. Die Voraussetzung dafür ist Verständigung. Und die erreicht man nur durch einen offenen Meinungsaustausch. Um so ein tragfähiges Netzwerk für die Zukunft aufrechtzuerhalten, benötigen wir natürlich eine zuverlässige Finanzierung.

Carola Lentz: Was zu dieser Vertrauensbildung dazu gehört, ist, dass wir an vielen Standorten seit über 60 Jahren präsent sind, oft auch in Krisenzeiten. Wir sind nicht ständig rein- und rausgegangen. Das sorgt für ein konstantes, stabiles Beziehungsgeflecht. Zudem ist es erst dadurch möglich, sensibel auf die lokalen Szenen und Bedürfnisse zu reagieren. Manchmal ist es wünschenswert und wird auch eingefordert, dass wir mit der Präsentation von bestimmten kulturellen Produktionen aus Deutschland Diskussionen ermöglichen, die anders nicht möglich gewesen wären. Weil man manchmal anhand eines fremden kulturellen Projekts über Dinge sprechen kann, die man zum Beispiel in einem illiberalen Kontext nicht direkt am eigenen Fall erörtern könnte. In anderen Szenen wie etwa im Museumsbereich in Afrika setzen wir dagegen in erster Linie auf Vernetzung. Da unterstützen wir den Kontakt verschiedener afrikanischer Museen untereinander, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten – weil die Probleme, die ein kamerunischer oder senegalesischer Museumskurator hat, um sein lokales Publikum zu erreichen, vergleichbar mit denen sind, die eine kenianische Kollegin hat. Eine deutsche Perspektive seitens Expertinnen und Experten ist in einem solchen Zusammenhang eher zweitrangig.

Diese Präsenz und diese Netzwerkorientierung des Goethe‑Instituts haben nicht zuletzt dazu beigetragen, dass Sie auch Ansprechpartner sind beim schwierigen Thema Rückgabe von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten. Wie muss es diesbezüglich in Ihren Augen weitergehen?

Carola Lentz: Wichtig ist, sich noch mal in Erinnerung zu rufen: Wir selbst haben ja keine Kulturobjekte, die wir zurückgeben könnten. Das heißt, wir sind Gesprächspartner und -ermöglicher für Museen und Kulturinstitutionen. Wir bieten eine Plattform für den multilateralen Austausch über mögliche Wege, zum Beispiel mit Restitutionsforderungen umzugehen. Und Restitution ist ja nicht die einzige Option. Manchmal wollen die Herkunftsgesellschaften Objekte „nur“ nutzen. In jedem Fall geht es darum, neue Verbindungen in alle Richtungen zu stiften und Gespräche zu ermöglichen.

Müssen Sie sich selbst auch noch dekolonisieren?

Carola Lentz: Ich glaube, da sind wir ein großes Stück des Weges gegangen. Die Diversität unter unseren eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben wir stärker als früher im Blick. Hilfreich für diese Reflexion sind auch unsere Kontakte zu postkolonialen Aktivistinnen und Aktivisten in Deutschland, von denen wir immer wieder Rückmeldung bekommen zu unseren Veranstaltungen. Was das Goethe‑Institut in diesem Kontext leisten kann, ist wiederum die gegenseitige Wahrnehmung, der Austausch zwischen verschiedenen künstlerischen Szenen in unterschiedlichen Regionen. Das kann vielleicht auch den Aktivistinnen und Aktivisten hier vor Ort oder in Europa zeigen, dass manche Debatten an anderen Orten der Welt anders geführt werden. Das ist eine wichtige Aufgabe, die wir wahrnehmen können.

Es gibt einige Themen, die nach der Bundestagswahl innenpolitisch anstehen und Berührungspunkte zur Arbeit des Goethe‑Instituts haben. Der Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus etwa, das Thema Erinnerungskultur, die womöglich neue Definition einer vernünftigen Einwanderungspolitik. Sie haben sich dazu schon 2015 eindeutig positioniert und viel an Willkommenskultur mitgetragen im Inland wie im Ausland. Wie wollen Sie sich künftig diesbezüglich weiter einbringen?

Johannes Ebert: Wir haben ja die Situation, dass im Moment aus ganz unterschiedlichen Perspektiven die Politik innen und außen gar nicht mehr zu trennen ist. In unserer eigenen Gesellschaft nehmen wir eine steigende Diversität wahr durch unterschiedliche Wanderungs- und Fluchtbewegungen in den vergangenen Jahrzehnten, aber auch so etwas Wichtiges wie 60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei. Gleichzeitig nehmen Rechtsradikalismus, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland zu. Das lehnen wir als Goethe‑Institut in aller Entschiedenheit ab. Und wir versuchen, etwas dagegen zu tun.

Was genau?

Johannes Ebert: 2015 haben wir zunächst einmal Programme aufgelegt, um Geflüchtete zu unterstützen: Sprachprogramme, Informationsprogramme. Im Moment sind wir dabei, an fünf Goethe‑Instituten in Deutschland Zentren für internationale kulturelle Bildung einzurichten. Die sollen dann mit Partnern der kulturellen Bildung vor Ort an Schulen, an öffentlichen Einrichtungen, in Kulturinstitutionen Themen wie Toleranz, Respekt, Diversität behandeln. Im Ausland machen wir dazu sehr viele Projekte, in Russland etwa zum Thema Respekt. Damit gehen wir an Schulen oder bisweilen sogar in Haftanstalten. Die Erfahrungen, die wir dabei im Ausland sammeln, wollen wir in Deutschland zugänglich machen. Denn wir bringen dadurch automatisch die Perspektive unserer Partner aus dem Ausland mit nach Deutschland ein, und wir glauben, das kann ein guter Beitrag zum Gelingen der Diversität sein.

Wie steht das Goethe‑Institut zur aktuellen Einwanderungspolitik?

Johannes Ebert: Mich ärgert es immer, wenn manche Leute die Zuwanderung kritisieren, da wir ein großes Interesse daran haben sollten, dass Menschen zu uns kommen. Die Fachkräftezuwanderung ermöglicht es erst, dass wir unseren Wohlstand und unsere sozialen Sicherungssysteme finanzieren können. Laut Studien müssten 260.000 Zuwanderer, davon mehr als die Hälfte aus dem außereuropäischen Ausland, jährlich bis 2060 nach Deutschland kommen, damit wir das halten können. Und da leistet das Goethe‑Institut natürlich einen wichtigen Beitrag. Wir sind bereits in den Herkunftsländern mit der Aufgabe betraut, durch Deutschkurse und durch kulturelle Sensibilisierung auf den Aufenthalt in Deutschland vorzubereiten. Dabei muss man selbstverständlich aufpassen, dass alle Beteiligten von dieser Situation profitieren.

Sehen Sie denn da ein zentrales Arbeitsfeld für das Goethe‑Institut auch in Deutschland?

Johannes Ebert: Bei Fragen der Fachkräfteeinwanderung oder dem Gelingen von Diversität wäre es meiner Meinung nach zuträglich, wenn wir uns noch stärker in Deutschland engagieren würden. Wir würden das nur gemeinsam mit hervorragenden Organisationen in Deutschland tun, die auf diesen Feldern tätig sind. Das gehört einfach zu unserer Arbeitsweise, etwas immer in Partnerschaft mit anderen zu tun.

Carola Lentz: Zusammen mit diesen Zentren internationaler kultureller Bildung gehört zur Zukunftsvision zum einen, in die Fläche zu gehen – zumindest exemplarisch. Also an Standorte jenseits der Metropolen. Und zum anderen, dass wir über punktuelle Höhepunkte wie die jährliche Verleihung der Goethe‑Medaille oder das Kultursymposium Weimar hinaus unterjährig immer wieder Impulse setzen. Unsere bundesdeutschen Debatten in allen gesellschaftlichen Feldern könnten meiner Ansicht nach durchaus noch offener werden für Stimmen aus aller Welt.

Johannes Ebert: Für mich ist darüber hinaus der Jugendaustausch ein wichtiges Thema. Das machen wir gemeinsam mit der Stiftung Mercator mit China, das machen wir mit dem Pädagogischen Austauschdienst mit den USA, das machen andere Organisationen mit Frankreich oder Polen. Aber das ist ein riesiges Thema für die Zukunft, auch für die europäische Zukunft.

Frau Lentz, Sie sind Ethnologin. Jetzt haben Sie das Goethe‑Institut für ein Buch zum Jubiläum quasi als Feldforscherin betrachtet. Wenn Sie die Lehren aus der Geschichte nehmen und in die Zukunft blicken: Was bringt das Goethe-Institut in Ihren Augen mit?

Carola Lentz: Ich glaube, es bringt ungeheuer viel mit. Das Goethe‑Institut ist eine hochgradig flexible und zur Reflexion fähige Institution. Mit einem hohen Maß an Bereitschaft, sich immer wieder kritisch selbst zu hinterfragen und neue Projekte zu entwickeln. Hinzu kommt die Kreativität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das enorm hohe Engagement – damit sind wir sehr, sehr gut gerüstet für die Zukunft.


Das Gespräch führte KARIN FISCHER, Abteilungsleiterin „Aktuelle Kultur“ beim Deutschlandfunk.

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