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Wer wir sind

Blume
Jagoda Marinić gratuliert | Foto: OllgaP/iStock

Die kroatisch-deutsche Schriftstellerin, Kolumnistin und Dramatikerin Jagoda Marinić erzählt davon, wie das Goethe‑Institut ihrem Leben gleich zweimal eine entscheidende Wendung gab.
 

Von Jagoda Marinić

Die Einladungen an Künstler*innen kommen harmlos daher: ein schöner Brief im Briefkasten, eine kurze Mail. Doch wenn man diese Einladungen annimmt, setzt sich etwas in Bewegung. Es entstehen Momente und Begegnungen, die einen verändern, den eigenen Blick auf die Welt und somit auch die Kunst, die man macht.

Ich möchte davon erzählen, was das Goethe‑Institut für mich als Schriftstellerin bedeutet. Natürlich kann dieser Text nur eine Liebeserklärung werden, weil meine Verbindungen mit dem Goethe immer auch eine Verbindung in die Welt waren, ein Sich‑Öffnen, ein Lernen und Werden. Seltsamerweise kamen Einladungen von Goethe‑Instituten gern in Momenten in meinem Leben, in denen ich gerade nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Die ersten Begegnungen waren natürlich Lesungen. Ich war 23 Jahre alt, als mein erstes Buch Eigentlich ein Heiratsantrag erschien. Natürlich machte ich Lesungen in ganz Deutschland, an zahllosen kleinen Orten, von denen ich noch nie gehört hatte. Wenn aber das Goethe für Lesungen anfragte, ging es plötzlich nach Prag, Genua oder Paris. Manchmal wurden Teile meiner Texte übersetzt. Mein Schreiben war plötzlich kein Abkapseln mehr, sondern wurde zum Anfang eines Dialogs mit der Welt, mit anderen Ländern und Kulturen. Die Lesereisen selbst wurden zu neuem Stoff. Ich weiß nicht, ob ich ohne diese Reisen ins Ausland so früh verstanden hätte, dass Denken und Dichten nicht in engen Grenzen stattfinden muss.

Zweimal hat das Goethe‑Institut meinem Leben eine entscheidende Wendung gegeben. Zum ersten Mal, als ich für das Theater in Heidelberg als Scout für den Stückemarkt nach Zagreb fuhr, um die kroatische Theaterszene kennenzulernen. Ich sollte die besten Stücke für den Theaterwettbewerb einladen, ich sprach fließend Kroatisch, ich hatte an deutschen Theatern assistiert, aber wie zur Hölle sollte ich mir in nur einer Woche – für mehr reichte das Reisebudget nicht – einen Überblick über die Szene vor Ort verschaffen? In Zagreb angekommen begegnete ich zwei großartigen Frauen: der Leiterin des International Theatre Institute der Unesco und der Leiterin des hiesigen Goethe‑Instituts. Erstere war aus Kroatien, letztere Deutsche. Beide zeigten mir ihre Theaterwelt in Zagreb, gingen mit zu Aufführungen, diskutierten mit mir darüber, was ein deutsches Publikum interessieren könnte. Es war das erste Mal, dass ich das Land meiner Eltern über die Kulturszene kennenlernte, auf die progressiven Stimmen dort traf und merkte, wie sehr das Kroatien meiner Eltern ein vergangenes Land war, das Land ihrer Erinnerungen. Kroatien hatte sich weiterentwickelt, die freien Gruppen riskierten viel in der Kunst, kritisierten die Politik, ergründeten unerfüllte Sehnsüchte. Es war das Jahr, in dem ich aus der Heimat meiner Eltern, aus einer Kindheitsheimat, ein eigenes Kroatien schuf. In diesen Gesprächen und in dieser Woche begann der Prozess, in dieser alten Heimat Gegenwart entstehen zu lassen.

Als der Stückemarkt in Heidelberg schließlich durchgeführt wurde, war das Publikum begeistert von den kroatischen Beiträgen. Sämtliche Preise gingen an die kroatischen Stücke, bis auf jenen einen Preis, der ausdrücklich für deutsche Stücke reserviert war. Während der Preisverleihung stand ich neben den beiden eigens angereisten Kulturmanagerinnen, die mich beraten und begleitet hatten, und spürte zum ersten Mal, dass ich neben dem Schreiben noch etwas anderes kann: Kultur vermitteln. Menschen mit künstlerischen Inhalten konfrontieren, die sie berühren und bewegen. Als ich Jahre später das Interkulturelle Zentrum Heidelberg aufbauen wollte, war es genau diese Erfahrung, die mich daran glauben ließ: Ja, der Dialog, national und international, lässt sich durch interkulturelle Begegnung bereichern. Nur so stellen wir uns infrage, nur durch dieses Infragestellen verstehen wir, wer wir sind. Wäre dieses Scouting nicht von Erfolg gekrönt gewesen, wäre das Kulturmanagement mir fern geblieben.

Viel wichtiger als das war jedoch die Erkenntnis, dass man für die zweite und dritte Generation der Kinder von Eingewanderten Räume schaffen muss, um die Heimat ihrer Eltern neu und anders zu entdecken. Wie kommt es etwa, dass viele in Deutschland lebende türkischstämmige Jugendliche eher zu Erdogan halten als zu Künstler*innen, die seiner repressiven Politik wegen im Exil leben? Ich verstand, dass es auch die Aufgabe von kultureller Arbeit ist, den in Deutschland geborenen Kindern von Eingewanderten die kreativen, kulturellen und progressiven Protagonist*innen ihrer ersten Länder näherzubringen. Nichts erstickt die Jugend in ihrer Entfaltung so sehr wie die Nostalgie. Das Goethe‑Institut kann für junge Menschen mit Migrationsgeschichte Wege eröffnen, die Demokratie über die Freiheit der Kunst zu verstehen und schätzen zu lernen. Für mich konnte es das, warum nicht auch für andere?

Die zweite zentrale Begegnung mit dem Goethe‑Institut war eine Einladung nach Kanada. Das Goethe‑Institut hatte mit dem renommierten Munk Centre für Politikwissenschaft eine Residenz ins Leben gerufen. Die Einladung erreichte mich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich mich fragte, ob man wirklich als Autorin leben kann, nicht finanziell, sondern emotional. Schreiben ist immer auch Isolation. Ich ging mit dem Einladungsbrief in den Händen zu meinen Freunden damals und sagte: „Ich geh nach Kanada! Ich kann da sogar etwas tun.“ In diesen Monaten wohnte ich bei einer Mitarbeiterin der Universität, bekam mein eigenes Büro im Munk Centre, und es öffnete sich mir eine Campuswelt wie aus einem Roman von Zadie Smith.

Die Mitarbeiter*innen des Goethe‑Instituts hatten ein Programm zusammengestellt für mich, mein Roman Die Namenlose war teilübersetzt worden, sodass ich Lesungen abhalten konnte. Es war die Art, wie die Menschen dort auf meine Literatur reagierten, auf meine Berichte über Theaterarbeiten in der Europäischen Kulturhauptstadt Hermannstadt in Rumänien, die mich daran glauben ließ, dass es sinnhaft ist zu schreiben, Kultur „zu machen“, all das. Deutschland hatte damals noch keine Sprache für seine eigene Diversität. Einwanderung war geprägt von einer Rhetorik der Abschottung.

Gleich am ersten Abend durfte ich auf einer Veranstaltung den Regisseur Atom Egoyan kennenlernen, der filmisch den Völkermord an den Armenier*innen aufarbeitet; die Herkunft spielte eine große Rolle, und doch wirkte er frei für die Gegenwart. Er war Filmemacher, Kanadier mit armenischen Wurzeln. Ich Autorin, Deutsche mit kroatischen Wurzeln. Da stand ich also mit diesem Mann in einem Saal, und allein das sagte mir, dass ich in diesen Wochen vieles begreifen würde. Ich verstand, dass auch Deutschland in Teilen weiter war als der politische Diskurs. Ich, eine Marinić, stand in Toronto plötzlich auch für das Leben in Deutschland.

Im Munk Centre lernte ich eine Professorin kennen, die bei Habermas promoviert hatte und mir für immer die Frage in den Kopf setzte: Wem gehört das Land? Warum meinen Menschen, die zuerst da sind, dass sie mehr Rechte hätten als Menschen, die später kommen? Ich könnte hier von vielen Menschen erzählen und wie sie mich in vier Wochen berührt haben, und man könnte mir entgegnen: Ist das nicht einfach ein glücklicher Reisebericht? Ja und nein. Das Besondere an diesen Reisen ist, dass man versteht, dass es auch Gleise für die Kultur gibt, dass es Strukturen gibt, auf denen wir unsere Arbeit aufbauen können, dass sehr viele Menschen die Züge brauchen, die auf diesen Gleisen fahren, dass viele gern einsteigen und sich im Abteil über Bücher, Theater, das Leben unterhalten.

Kanada ist bekanntlich ein Vorzeigeland in Sachen Einwanderung und für den Umgang mit Diversität. Dort habe ich erlebt, dass sich der erfolgreichste Regisseur des Landes auch mit der Herkunft der Eltern befassen kann und dennoch alle stolz sind auf ihn. Ich habe gelernt, dass polnische Bäckereien alles anbieten, was die Nostalgiker*innen vermissen, und trotzdem ein lebendiger Teil der Gegenwart sind. Ein völlig anderer Umgang mit Diversität, mit kulturellen Unterschieden, den auch die dortigen Mitarbeiter*innen des Goethe‑Instituts verinnerlicht hatten, die mir in kürzester Zeit den Zugang zu diesem Lebensgefühl verschafften. Eine Theaterfrau sagte nach einem Gespräch: „You feel like you were part of my tribe, like lost and found.“ Lost and found – so fühlt sich das oft an, wenn man sich auf diese Gleise begibt.

Diese Intensität in den Begegnungen, dieses Erfassen eines Landes und einer Stadt in so kurzer Zeit verdankt sich der Vorarbeit der Menschen, die einen einladen. Wichtiger ist aber vielleicht auch die Frage, was andere von meinen Begegnungen haben. Was kann man zurückgeben?

Nach dieser Zeit in Kanada hatte ich den Mut, auch in Deutschland von dem Versprechen zu reden, das Einwanderung sein kann. Nein, dachte ich, wir sind keine Gefahr für das Deutsche, wie es jahrzehntelang von manchen behauptet wurde. Wir Eingewanderte und Kinder von Eingewanderten können in Deutschland eine Offenheit schaffen, wie ich sie in Kanada gesehen habe. Inzwischen habe ich in der Stadt, in der ich lebe, ein Haus gründen dürfen, in dem all das, was ich in Kanada gesehen habe, Normalität ist. Zufälligerweise hat Heidelberg eine Migrant*innenstruktur wie Toronto, und meine Erfahrungen dort hatten mir gezeigt, wie man einer offenen Gesellschaft ein Programm bietet, das Menschen zusammenbringt. Inzwischen bereise ich andere Städte, um zu erzählen, wie man Räume schafft, in denen Offenheit für den kulturellen Austausch herrscht. Meine nächste Beratungsreise geht nach Hanau, die Stadt, in der Menschen durch rechten Terror starben.

Sicher, auch das Goethe‑Institut muss sich weiterentwickeln und weiter wachsen, um die Bedeutung zu bewahren, die es in der Vergangenheit hatte. Ich bin jedoch überzeugt, dass man nur dann wirklich wächst, wenn man weiß, was einen unverwechselbar macht. Das Goethe‑Institut ist wie ein eigenes globales Schienennetz, das es Künstler*innen ermöglicht, aus der Enge des Um‑sich‑selbst‑Kreisens herauszutreten, das gerade deutschen Künstler*innen gerne vorgeworfen wird. Nicht zu unrecht.

Die Protagonistin des Romans, den ich nach Toronto schrieb, lebte und liebte in Kanada. Die Konfrontation mit einer neuen Realität ist immer auch ein Motor für die Fantasie. Ich weiß nicht, ob ich ohne diese Zeit in Toronto, in der alles, was ich bis dahin dachte, einmal hinterfragt wurde, auf diese Art über meine Herkunft hätte schreiben können, wie ich es daraufhin tat.

Ich wünsche dem Goethe‑Institut alles Gute zum 70. Geburtstag. Auf dass sein globales Netzwerk immer auf den Dialog setzt, auf die Begegnung, weil nur so das Unerwartete ins Leben treten kann – und somit in die Kultur.

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