CTM-Festival Künstliche Paradiese zwischen Elektronik und Akustik

Abenteuer Musik – die Groupe de Recherches Musicales ist eine der Wurzeln des CTM Festivals.
Abenteuer Musik – die Groupe de Recherches Musicales ist eine der Wurzeln des CTM Festivals. | Foto: CTM Festival / Laszlo Ruszka

Elektronische Musik lebt vom Versprechen einer Utopie: Klänge aus Strom verweisen in der Regel auf eine Welt fernab der vertrauten tönenden Realität – es sind künstliche Paradiese für die Ohren. Das gilt insbesondere für die Hervorbringungen experimenteller Undergroundmusiker und Klangkünstler. Als ein Sammelbecken für ihre „abenteuerliche“ Musik dient alljährlich das Festival CTM (Club Transmediale) in Berlin.

Berlin kann seit einigen Jahren für sich beanspruchen, die Welthauptstadt der elektronischen Musik zu sein, in der sich neben Techno und verwandten Formen von Clubmusik diverse freiere Spielarten etabliert haben, die nicht zum Tanzen gedacht sind. In der Grauzone zwischen Club und Experiment bewegt sich auch das Programm des CTM-Festivals, das 1999 zum ersten Mal als musikalisches Begleitprogramm zum Medienkunstfestival Transmediale veranstaltet wurde. Mittlerweile hat sich das CTM künstlerisch verselbständigt und sich als eines der wichtigsten internationalen Festivals für freie experimentelle Musik etabliert. Mit großer Konsequenz pflegt man Grenzgänge zwischen avancierter Tanzmusik, trommelfellstrapazierendem Drone-Lärm und stilleren Klang-Experimenten: Die junge Hamburger Technoproduzentin Helena Hauff konnte man in diesem Jahr dort ebenso erleben wie das für seine dröhnenden Bass-Frequenzen gefürchtete, angloamerikanische Duo KTL oder fein gewirkte Musique concrète aus dem akademischen Pariser Elektroakustik-Institut Groupe de recherches musicales (GRM).

Wurzeln in den Neunzigern

„Dis Continuity“ lautete das Thema zur 15. CTM-Ausgabe, um auf das verschlungene Verhältnis zu verweisen, in dem vergangene und heutige Experimentalansätze zueinander stehen. Verwickelte Kontinuitäten und Diskontinuitäten gibt es zuweilen sogar innerhalb einzelner Musikerbiografien. So können auch die Übergänge von Techno zu freieren Richtungen fließend verlaufen. Prominentestes Beispiel ist das ehemalige Duo Mark Ernestus und Moritz von Oswald. In den Neunzigerjahren wurden sie mit ihrem einflussreichen Label Basic Channel bekannt, ihre Musik war gekennzeichnet durch die Reduktion von Techno auf rauschende Rudimente und präzise Hall-Effekte. Ein wichtiger Einfluss war der jamaikanische Dub-Reggae, in dem die einzelnen Tonspuren von Reggae-Songs isoliert und verfremdet wurden.

Seit einigen Jahren gehen beide Musiker getrennte Wege. Ihre gegenwärtigen Projekte, die man beim CTM im Vergleich hören konnte, setzen sich deutlich von ihrer Club-Vergangenheit ab: Das Moritz von Oswald Trio, das im Club Berghain spielte, lässt sich als weniger formstrenge Fortführung des Dub-Ansatzes von Oswalds verstehen. Die Klänge der beteiligten Musiker nimmt von Oswald als Material, das er am Mischpult in Echtzeit bearbeitet und zu einem hallenden Geflecht verdichtet. Für das Konzert beim CTM saß neben von Oswalds Partner Max Loderbauer der nigerianische Schlagzeuger Tony Allen auf der Bühne, einer der bedeutendsten Instrumentalisten des Afrobeat.

Links zu Weltmusik und Jazz

Mark Ernestus hingegen konzentriert sich seit einigen Jahren auf die Produktion afrikanischer Musik, sein aktuelles Projekt Jeri-Jeri besteht aus senegalesischen Mbalax-Musikern, die zum Großteil Perkussionisten sind. Ihre rhythmisch hochkomplexe Musik mag auf den ersten Eindruck wenig Verbindung zu Ernestus’ Anfängen haben, doch konnte man bei ihrem Auftritt im Stattbad Wedding, einer umfunktionierten Badeanstalt, mühelos erkennen, dass die Polyrhythmen von Jeri-Jeri auf Patterns beruhen, die variiert und neu verknüpft werden – wie im Techno, wenn auch in anderem Taktmaß. Als Vertreter der alten Pionier-Generation war der Free-Jazz-Musiker Charles Cohen aus Philadelphia zu Gast. Die Aufbruchstimmung, die in den Anfangstagen der Klangsynthese herrschte, hat Cohen gewissermaßen materiell konserviert: Seit Jahrzehnten arbeitet er mit dem Buchla Music Easel, einem raren Synthesizer aus den Sechzigerjahren, entwickelt vom Synthesizerpionier Don Buchla. Cohens spartanischer Ansatz ist ein ergreifender Beleg für den Reichtum, der aus kreativer Selbstbeschränkung erwachsen kann: Mit einem einzigem Gerät erzeugte er eine spontane Energie und Farbigkeit, die dem utopischen Versprechen der elektronischen Musik so nah kam wie kein anderes Konzert des Festivals.

Arbeitshypothese: Fortschritt durch Technik

Ein weiterer Traditionsstrang der experimentellen Musik, der eine Konstante des CTM bildet, ist die Elektroakustik. Elektronische und akustische Klänge werden dabei entweder direkt kombiniert oder akustische Instrumente elektronisch bearbeitet. Dieser Verblendung heterogener Klangquellen hat sich auch die britische Band Cyclobe verschrieben, die ihre Computer- und Synthesizerklänge mit Drehleier und Dudelsack im Theater Hebbel am Ufer zu einer halluzinogenen Ritualmusik von magischer Wirkung bündelte. In den Worten Stephen Throwers, der Cyclobe in den Neunzigerjahren mit Ossian Brown gründete: „Unser Ideal ist eine Mischung aus rein elektronischen und Instrumentalklängen, sodass man in der Mitte eines Stücks irgendwann nicht mehr weiß, ob man echte Instrumente oder reine Elektronik hört.“

„Reine“ Elektronik, wie sie etwa der Typus des Laptopmusikers verkörpert, ist ebenso fester Bestandteil des CTM-Kanons, oft in Verbindung mit visuellen Medien. Robert Henke, der zum Abschluss des Festivals im Haus der Kulturen der Welt auftrat, repräsentiert in mehrfacher Hinsicht den Laptopmusiker schlechthin. „Robert Henke hat schon 1999 bei unserem ersten Festival gespielt“, so Jan Rohlf, künstlerischer Leiter des CTM. Der unter dem Namen Monolake mit minimalistischem Techno bekannt gewordene Klangkünstler hat auch als Programmierer Musikgeschichte geschrieben: Henke ist einer der Entwickler von Ableton Live, einem der am häufigsten benutzten Musikprogramme überhaupt. Zudem lehrt er als Professor für Sounddesign an der Berliner Universität der Künste. In seiner Performance „Lumière“ verwendete er gleißend helle Laser, die synchron zur Musik geschaltet waren. Henkes Verschmelzung von abstraktem Techno und geometrischen Formen wie Quadraten und Kreisen zielte auf audiovisuelle Synergieeffekte. Man muss allerdings fragen, ob die zur Schau gestellte Fortschritt-durch-Technik-Haltung nicht selbst schon etwas Altmodisches hat – und wie viel von ihrem einst utopischen Versprechen geblieben ist.