Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Künstlerische Praxis und (Arbeits-)Migration

Migration als grenzüberschreitende Ortsverlagerung von Menschen geht häufig mit Sprachwechseln, veränderten gesellschaftlichen Normen und Werten, bisweilen politischen Systemen einher.

Von Burcu Dogramaci

Das Neue kann zunächst Befremden auslösen, ebenso wie die Migrant*innen selbst als Fremde wahrgenommen werden. Kunst kann im Sinne einer „migratory aesthetics“ [1] als von und durch Migration geprägt sein, diese reflektieren und Akteur*innen der Migration zur Sicht- und Hörbarkeit verhelfen. Dabei geht es nicht nur um Werke, die von Migrierten geschaffen werden, sondern um solche, die das Thema Migration verhandeln. Das Migrantische bezeichnet demzufolge die Erfahrung von Ortswechseln der Akteur*innen, den Akt des Migrierens, aber auch eine kulturelle oder künstlerische Praxis – und damit eine Ressource für Gesellschaften. Die Kulturtheoretikerin Mieke Bal schreibt dazu: „Migratory, in this sense, does foreground the fact that migrants (as subjects) and migration (as an act to perform as well as a state to be or live in) are part of any society today, and that their presence is an incontestable source of cultural transformation.”[2] Migration verändert Gesellschaften und findet unmittelbaren Abdruck in städtischen Räumen, etwa wenn sich neue Nachbarschaften ausbilden, die eigene Infrastrukturen und soziale Orte besitzen. Doug Saunders hat diese Stadtbezirke als Stadt in der Stadt bezeichnet, als „Arrival Cities“, eine auf Kumulation und Segregation basierende Ausbildung von Wohnorten oftmals einer spezifischen Migrant*innen-Community: gesucht wird Nähe, Vertrautheit, Austausch. In der öffentlichen Wahrnehmung haben diese Quartiere häufig den Status von Problemvierteln, sind Indizien einer vorgeblich mangelnden Adaptionsfähigkeit an neue Lebenskontexte.[3] Dabei lässt sich in diesen Arrival Cities wie unter einem Brennglas gesellschaftliche und kulturelle Veränderung beobachten: die Einwanderungsgesellschaft findet ihren frühen Abdruck in urbanen Kontexten der Ankunftsstädte.

In kaum einem anderen Ort weltweit ist das Verhältnis von Migrant*innen (c. 87% der Bevölkerung) und Einheimischen derart asymmetrisch wie in den United Arab Emirates.[4] Die UAE sind ein Anziehungsort für eine große Zahl an Arbeitsmigrant*innen etwa von den Philippinen, aus Indien, Pakistan, Tanzania und Kenya, die vor allem im Bauwesen, als Hausangestellte und im Tourismus beschäftigt sind. Bis heute ist der Lebensstandard vieler Arbeitsmigrant*innen äußerst niedrig, und eine zweigeteilte, wenig durchlässige Gesellschaft zwischen wohlhabenden Einheimischen und prekär lebenden Arbeitsmigrant*innen existiert.[5]  Mit letzteren sind andere Sprachen, Religionen, soziale Codes und kulturelle Praktiken in die UAE gekommen. In den Werken der Ausstellung Migration & Culture stehen Aushandlungsprozesse zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Migration nach UAE im Mittelpunkt: Gesang und Malerei, Tanz, Fotografie und Film sind Ausdrucksformen auf der Suche nach Vertrautem in der andauernden Entwicklung des Neuen. 

Dabei geht es um Routen der Migration wie in der Arbeit Jabal Ali to Gwadar von Saba Qizilbash, die sich der Verbindung zwischen Dubai und Pakistan widmet und auf die pakistanische (Re-)Migration verweist. Ihre detaillierte Graphitzeichnung bringt den Hafen Jabal Ali (UAE) und den pakistanischen Hafen Gwadar zusammen, indem sie den Landweg in einer imaginären Landschaft verdichtet. Gwadar gilt als zukünftiges, neues Dubai und ist – durch chinesische Gelder finanziert – ein wichtiger Umschlag- und Verbindungsort nach China. Insofern verhandelt Qizilbash im traditionsreichen Medium der Zeichnung die gegenwärtige und zukünftige Zirkulation von Arbeitskräften und Kapitel in einem breiten geografischen Korridor.[6]

Eine andere große Community in UAE bilden philippinische Arbeitsmigrant*innen, deren Bedürfnissen in der Freizeitgestaltung die Choreographin Eisa Jocson mit ihren Referenzen auf die beliebten Karaoke und Videoke Sichtbarkeit gibt. Karaoke und Videoke sind textlicher, akustischer und bildlicher Ausdruck für sprachliche und musikalische Verbundenheit mit dem Herkunftsland. Zugleich stehen sie ein für Formen der Imagination und der Vergemeinschaftung in den gegenwärtigen und zukünftigen Lebenskontexten. In ihren Arbeiten setzt sich Eisa Jocson immer wieder mit geschlechtsbedingten Codes des Tanzes in der Unterhaltungsindustrie und Freizeit mit Schwerpunkt auf den Philippinen auseinander. Dabei reflektiert Jocon die Kontexte und sozialen Bedingungen für die Entstehung und Verfestigung körperlicher Ausdrucksformen auch in der Migration.[7] Dem Freizeitverhalten von südostasiatischen Migrant*innen in Dubai widmet sich Mohamed Somji in seinem Beitrag für Migration & Culture. Somji, der in Tanzania geboren wurde und in Dubai aufwuchs und lebt, arbeitet mit Fotografie und damit mit einer nahe am Körper getragenen Technik in Bewegung. Fotografie ist die Verlängerung des Blickes des Fotografen und ein Übersetzungsmedium zwischen den Fotografierten und dem Fotografen, zwischen Foto und Publikum. Dabei ist Fotografie auch ein verbreitetes Alltagsmedium der Community selbst, die der Fotograf zum Thema macht. Fotografien auf dem Smartphone speichern das Erlebte, sie sind also ein Erinnerungsalbum in digitaler Form. Zugleich bedeutet die fotografische Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Umgebung die Verortung des Selbst in den gegenwärtigen lebensweltlichen Kontexten. Migration als ästhetische Praxis ist also nicht nur auf künstlerische Außenblicke auf migrantische Kontexte oder künstlerische Akteur*innen mit eigener Migrationserfahrung beschränkt, sondern formuliert sich beständig auch in der digitalen fotografischen Praxis der Migrant*innen selbst.[8] 


[1] Cf. Sam Durrant and Catherine M. Lord: "The formulation migratory aesthetics draws attention to the ways in which aesthetic practice might be constituted by and through acts of migration." Sam Durrant and Catherine M. Lord: Introduction: Essays in Migratory Aesthetics, in: (Ed.): Essays in Migratory Aesthetics. Cultural Practices between Migration and Art-making (Thamyris/Intersecting Place, Sex and Race, 17), Amsterdam/New York: Rodopi 2007, p. 11-19, here p. 12.
[2] Mieke Bal: Lost in Space, Lost in Library, in: Durrant/Lord 2007 (as Note 1), p. 23-35, here p. 23.
[3] Cf. Doug Saunders: An der Schwelle: Migrantenquartiere und die Architektur der Inklusion, in: Peter Cachola Schmal, Oliver Elser and Anna Scheuermann (Ed.): Making Heimat. Germany, Arrival Country. German pavilion at the 15th International Architecture Exhibition 2016 – La Biennale di Venezia, Ostfildern: Hatja Cantz 2016, p. 23-39.
[4] Cf. https://www.migrationpolicy.org/country-resource/united-arab-emirates. Accessed: 25.2.2021.
[5] Vittorio Longhi: The Immigrant War. A global movement against discrimination and exploitation, Bristol: The Policy Press, 2013, p. 8; see also Viola Lucas and Thomas Richter: Arbeitsmarktpolitik am Golf: Herrschaftssicherung nach dem "Arabischen Frühling", in: GIGA Focus, Issue 12, 2012, p. 3.
[6] For Saba Qizilbash’s drawings, see Shah Numair Ahmed Abbasi: Phantom Libs, [2020], https://www.sabaqizilbash.com. Accessed: 26.2.2021.
[7] For Eisa Jocson see Stephen Wilson: The body politics of Eisa Jocson, 7 November 2019, ArtReview, https://artreview.com/ara-winter-2019-feature-eisa-jocson/. Accessed: 26.2.2021.
[8] Zum Verhältnis von Migration und Fotografie siehe Burcu Dogramaci und Helene Roth: Nomadic Camera. Fotografie, Exil und Migration. Editorial, in: dies. (Hg.): Fotogeschichte, H. 151, 2019, Themenheft: Nomadic Camera. Fotografie, Exil und Migration, S. 3–8.


 

 
Burcu Dogramaci

 
Burcu Dogramaci ist Professorin für Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Sie erhielt Stipendien des Aby-M.-Warburg-Preises und erhielt den Kurt-Hartwig-Siemers-Forschungspreis der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung (HWS) und den Lehrpreis 2014 des Bayerischen Staatsministeriums. 
 
2016 erhielt sie einen ERC Consolidator Grant des European Research Council für ihr fünfjähriges ERC-Projekt Relocating Modernism: Global Metropolises, Modern Art and Exile (METROMOD). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen: moderne und zeitgenössische Kunst; Exil, Migration und Flucht; Urbanität und Architektur; Geschichte und Theorie der Fotografie; Modegeschichte und -theorie; Skulptur.
 
Zu ihren wichtigsten Monographien und Sammelbänden gehören: Fotografie der Performance. Live Art im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit (Paderborn: Wilhelm Fink, 2018); Passagen des Exils/Passages of Exile (München: Edition text + kritik, 2017, Hrsg. mit E. Otto); Heimat. Eine künstlerische Spurensuche (Köln: Böhlau, 2016); Fotografieren und Forschen. Wissenschaftliche Expeditionen mit der Kamera im türkischen Exil nach 1933 (Marburg: Jonas, 2013); Migration und künstlerische Produktion. Aktuelle Perspektiven(Bielefeld: Transkript, 2013); Netzwerke des Exils. Künstlerische Verflechtungen, Austausch und Patronage nach 1933 (Berlin: Gebr. Mann, 2011, Hrsg. mit K. Wimmer); Kulturtransfer und nationale Identität.Deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei nach 1927 (Berlin: Gebr. Mann, 2008).
 


 
 

Top