Stückbeschreibung "La condición humana"
Theater im gesellschaftlichen Umbruch in Chile
Im Januar 2019 reiste ich nach Chile. Das Programm des jährlich stattfindenden internationalen Theaterfestivals Santiago a Mil hatte mit seinem breiten Angebot an Produktionen und Workshops meine Neugierde geweckt. Nach mehreren Jahren im Ensemble des Staatstheater Nürnberg war ich als freischaffender Schauspieler auf der Suche nach neuen Impulsen. Da ich bereits praktische Erfahrungen mit dem lateinamerikanischen Theater hatte, wollte ich die Gelegenheit nutzen, um mir einen Überblick über die aktuelle Theaterszene vor Ort zu verschaffen und einen tieferen Einblick in die Produktions- und Aufführungspraxis in Chile zu gewinnen. Insbesondere interessierte ich mich für die aktuelle gesellschaftliche Situation in Chile und wie Theaterschaffende sich mit ihr auseinandersetzen.
Nach Jahren der Militärdiktatur und der damit verbundenen Durchsetzung neoliberaler Wirtschaftspolitik kehrte das Land 1990 zur Demokratie zurück. Die Militärdiktatur wirft jedoch ihre langen Schatten auf die heutige chilenische Gesellschaft. Die Aufarbeitung der Diktatur und die Bestrafung der Verantwortlichen werden nur zaghaft angegangen, während das neoliberale System unangetastet bleibt und in die chilenische Verfassung festgeschrieben ist, eine Verfassung, die 1980 unter Augusto Pinochet eingeführt wurde und bis heute in Kraft ist. Chile hat zwar die höchsten Wirtschaftswachstumszahlen in der Region, aber auch die größte soziale Ungleichheit. Es ist fast alles privatisiert. Bodenschätze, Wasser, Gesundheit, Schulen, Universitäten und Medienunternehmen befinden sich in privater Hand. Es gibt natürlich auch keine Stadt- und Staatstheaterstruktur mit festangestellten Schauspieler*innen wie wir es in Deutschland kennen, sondern eine Vielzahl an freien Gruppen, die projektbezogen arbeiten.
Ausgehend von Übungen, die Simone Weil in den 1930er Jahren entwickelte, um Arbeiter*innen zum Schreiben über ihre Lebenssituation zu ermutigen, sammelten wir Erfahrungsberichte chilenischer Arbeiter*innen. Welche Ängste und Hoffnungen, welche Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit erfahren sie in ihrem Arbeitsalltag? Im Rahmen einiger theaterpraktischer Übungen schrieben wir über unsere eigenen Ziele und Zweifel, unsere Fragen an das Schauspielen und unser Theaterverständnis und lasen uns unsere Texte gegenseitig vor. Wir machten Fotos, die unsere momentane Lebenssituation darstellen sollten und wählten Lieder aus, die uns bewegten. Am Ende der Probenwoche gab jede*r ihr gesammeltes Material einer anderen Kursteilnehmer*in, die daraus eine Performance gestaltete.
Als am 18. Oktober 2019 in Chile soziale Unruhen ausbrachen, war ich bereits zurück in Berlin. Auslöser der Unruhen war eine Fahrpreiserhöhung der öffentlichen Verkehrsmittel. Die Proteste weiteten sich schnell auf das ganze Land aus. Der Staat reagierte mit äußerster Härte. Präsident Sebastián Piñera erklärte in einer Fernsehansprache, Chile befinde sich im Krieg gegen einen äußerst mächtigen und gnadenlosen Feind, der nichts und niemanden respektiere. Er rief den Ausnahmezustand aus und ordnete eine Ausgangssperre an. Die durch die Straßen patrouillierenden Militärs riefen in vielen Chilen*innen die schlimmsten Erinnerungen an die Verbrechen der Militärdiktatur zwischen 1973 und 1990 wach. Allerdings hat sich die gesellschaftliche Lage in Chile heute verändert: Eine junge und furchtlosere Generation, die die Schrecken der Militärdiktatur nicht miterlebt hat ist durch die politischen Kämpfe der Schüler*innen und Student*innen für ein öffentliches Bildungssystem und die feministische Bewegung der letzten Jahre mit einem gestärkten Selbstbewusstsein ausgestattet. Vor allem junge Chilen*innen ließen sich von Polizei- und Militärpräsenz nicht einschüchtern und gingen trotz Ausgangssperre auf die Straßen. Bis heute kommt es täglich zu Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Es gab 32 Todesopfer und über 400 Menschen, denen ein Auge ausgeschossen wurde. Es gibt Berichte über Scheinerschießungen, sexuellen Missbrauch, Vergewaltigungen und Misshandlungen unterschiedlichster Art durch die „Sicherheitskräfte“.
Das Goethe-Institut ermöglichte mir durch eine finanzielle Unterstützung, die Endprobenphase und die Vorstellungen von „La condición humana“ in Santiago begleiten zu können. Die Fragen, die wir uns ein Jahr zuvor in kleinem Rahmen gestellt hatten, wurden mittlerweile auch in Massenprotesten auf der Straße verhandelt. Das Prozesshafte der Arbeitsweise setzte sich in der letzten Probenwoche und bis in die Vorstellungen hinein fort. Die Collagentechnik ermöglicht es, fast tagesaktuell neue Entwicklungen mit aufzunehmen. Das Stück ist gespickt mit Anspielungen auf die prekäre aktuelle gesellschaftspolitische Lage Chiles. Es geht um Gewalt, soziale Ungleichheit, die Folgen der Militärdiktatur, Genderfragen, die kulturellen Identitäten Chiles, den Mapuchekonflikt und die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge im Theater und in der gegenwärtigen chilenischen Realität.
Nachtrag: Die Corona Pandemie hat auch in Chile das öffentliche Leben zum Stillstand gebracht. Nicht nur die Theater, auch die Proteste sind aufgrund des Infektionsrisikos temporär verstummt. Die Corona Krise verschärft weltweit die sozialen Spannungen und das privatisierte Gesundheitssystem sowie die enorme soziale Ungleichheit stellen die chilenische Gesellschaft weiter vor große Herausforderungen.
Die Fotos stammen von Anahí Ortuzar, die während der Vorstellungen die Zuschauer*innen portraitierte. Gegen Ende der Vorstellung wurden die Bilder an die Wand projiziert. https://www.instagram.com/anahiortuzarperez/